Das Urheberrecht in der Werbeindustrie – Einspruch Euer Ehren #adc12

Mai 13th, 2012 § 1 comment § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Jetzt hat auch der Art Directors Club (ADC), der Kreativverband der Werbeindustrie (dessen Mitglied ich bin)  zur Urheberrechtsdebatte Stellung bezogen. Und sich ziemlich blamiert.

Ich hatte den letzten Tagen das Vergnügen, als Juror für den ADC Dialogwerbearbeiten des letzten Jahres unter Kreativgesichtspunkten mit zu jurieren. Nette Sache. Bei der gestrigen Preisverleihung hatte ich dann das noch grössere Vergnügen, wenn nicht die Ehre, die großartige Anzeige des ADC zum Tod Vicco von Bülows zu laudatieren.
Weit weniger vergnüglich, um nicht zu sagen ärgerlich unreflektiert fand ich dagegen die Stellungnahme des ADC Vorstandssprechers Jochen Rädeker zum Urheberrecht. Mit pathetischem Unterton forderte er ein starkes Urheberrecht zum Schutz der Kreativen. Es könne ja wohl nicht sein, dass sich jeder einfach ohne Bezahlung kreative Leistung downloade.
Das ist enorm dumm. Aus zwei Gründen:

  1. Dürfte der Werbeindustrie nicht daran gelegen sein, die Leistungen ihrer Kreativen, von Textern, Designern, Drehbuchautoren, Musikern, Programmieren nach Prinzipien des geistigen Eigentums der Schöpfer behandeln zu lassen. Wäre ja nett, wenn ein Texter gegen ein Unternehmen zu Felde zöge weil seine Headline oder sein Claim nicht in der von ihm/ihr geschaffenen Form erscheint, wenn Drehbücher vom Kunden oder Vorgesetzten umgeschrieben, Musik verhunzt wird. Von finanziellen Ansprüchen an die Verwerter wollen wir mal schweigen.
    Richtig ärgerlich daran ist, dass eigentlich die Werbeindustrie schon lange mit nach-urheberrechtlichen Prinzipien arbeitet. Werbemaßnahmen enstehen seit » Read the rest of this entry «

Theater als moralische Anstalt und unmoralisches Unternehmen – Teil 2

April 29th, 2012 § 1 comment § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Nun also den bereits eigentlich im letzten Posting geplanten Rezensionstext zu „Unternehmensethik für den Kulturbetrieb – Perspektiven am Beispiel öffentlich rechtlicher Theater“ von Daniel Ris, der nicht im engeren Sinne Rezension sein wird. Dazu hat die literarische Form der akademischen Masterarbeit zu viele Eigengesetzlichkeiten, die zwar akademisch begutachtet werden, nicht aber rezensiert werden können. Sie mögen nervig sein, gehören aber zu dieser Form. Dazu gehört die einleitende und für das eigentliche Ziel doch eher einen Umweg darstellende Aufarbeitung unterschiedlicher Ethiken im Allgemeinen und Ansätzen für Unternehmensethik im Besonderen. Muss man so machen, macht er gründlich. So weit so gut.

Spannend wird das Büchlein an anderer Stelle, in seinem empirischen Teil. Ris hat es geschafft, Interviews mit einem Dutzend Intendanten zu führen und diese zu ihren ethischen oder allgemeinen Grundsätzen der Mitarbeiter- und Unternehmensführung zu befragen.  Es sind Klaus Zehelein (Präsident des Bühnenvereins), Ulrich Khuon (DT Berlin), Martin Kusej (Staatsschauspiel » Read the rest of this entry «

Theater als moralische Anstalt und unmoralisches Unternehmen – Teil 1

April 29th, 2012 § 4 comments § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Auf nachtkritik findet gerade eine der intensivsten Kommentardebatten der letzten Zeit statt, anschließend an den Artikel zum Kulturinfarkt (hier) und an einen weiteren Beitrag zur sozialen Lage der Schauspieler (hier). Zusammengerechnet findet sich zu den beiden Artikeln etwa 200 Kommentare, die einerseits die Gehaltssituation von Darstelleren diskutieren, einig sind, dass die unteren Gehaltsgruppen skandalös niedrige Bezüge aufweisen, dabei gelegentliche Schlenker über die Großgagen der Intendanten oder auch die Einkommen der nichtdarstellerischen Beschäftigten (Techniker, Handwerker, Verwaltung) in Beziehung zu den Schauspielern setzen. Andererseits wird im Kulturinfarkt-Thread heftig über die finanzielle Ausstattung der Bühnen durch die öffentliche Hand, zugleich über Theaterformen wie “frei“ oder „Stadttheater“ gestritten. Es geht um die Bemessung öffentlicher Mittel, gelegentlich um die Frage der künstlerischen Institution und ihre Auswirkung auf die künstlerischen Inhalte und zeitweise auch um die „autoritären“ Strukturen an deutschen Stadttheatern. Intensiv und polemisch geführt, bringt die Debatte zwar » Read the rest of this entry «

Die Blackfacing-Theaterdebatte: Das Politische im Ästhetischen (postdramatiker auf nachtkritik.de)

Februar 22nd, 2012 § 0 comments § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Gestern erschien auf nachtkritik.de (hier) ein Artikel von mir zu der in theateraffinen und antirassistischen Krisen im Netz heftig geführten Debatte zum Thema “Blackfacing”, der Praxis also, weiße Darsteller durch Gesichtsbemalung “Schwarze” darstellen zu lassen. Die Erbittertheit dieser in zahllosen Kommentaren und Beiträgen ausgetragenen Diskussion wartet mit der einigermaßen überraschenden Situation auf, dass beide Seiten sich in der Ablehnung des Rassismus zutiefst einig sind, auf der einen Seite aber rassistische Praktiken von Antirassisten angeprangert und nachvollziehbar begründet werden, andererseits sich Theaterleute mit Verweis auf “harmlose” Theatertraditionen verteidigen, für die ebensogute Argumnte ins Feld zu führen sind. In dem Artikel unternehme ich – mit einer Volte über die Luhmann’sche Figur des “Unterschieds, der einen Unterschied macht” – den Versuch, die gemeinsame Quelle von Rassismus und einer rollenzentrierten Theatertradition freizulegen, mit dem Ziel zu einer gründlicheren Reflexion der Fragestellung und möglichen Konsequenzen für Theaterpraxis zu kommen.

Da der Artikel umfangreich ist und sich vermutlich hier im Blog schlecht lesen lässt, gibt es ihn hier als PDF-Download.

Um die Debatte un das ewige Krisen in sich ähnelnden Kommentaren nicht über zusätzliche Plattformen zu zerstreuen, deaktiviere ich in diesem Posting ausnahmsweise die Kommentarfunktion und lade zu Kommentar und Diskussion auf nachtkritik.de ein.

Nachtrag: Inzwischen ist ein interessanter weiterer Text von Jürgen Bauer zu der Diskussion auf nachtkritik.de (hier) erschienen, der sich mit den Erscheinungsformen von Blackfacing differenziert auseinander setzt.

Wer hier lesen möchte, kann das im Folgenden tun: » Read the rest of this entry «

Datenschutzkonforme(re) Social Plugins im Blog

Dezember 13th, 2011 § 5 comments § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Ich setze jetzt versuchsweise hier im Blog auf die datenschutzkonformeren Social Plugins, die sich durch 2-Klicks aktivieren lassen – und die, soweit zu sehen, das häufig diskutierte Problem umgehen, dass Facebook bereits Daten von Usern bekommt, die sich nur auf einer Seite befinden, die den originären “Like”-Button eingebunden hat, das heißt: ohne aktives Klicken von “Like/Gefällt mir” oder “Share”. Ich benutze dafür das “2-Click Social Media Buttons” Pluging (hier mehr dazu).

Wer möchte, kann bei den Plugins unter dem kleinen Zahnrad aktiv anklicken, dass er die Buttons dauerhaft aktiviert haben möchte. Ich finds komfortabel genug – wenns dem Datenschutz dienlich ist: So möge es sein. Und ein hübsches Grau passt zu disem Blog eh besser, als die bunten Plugins :-)

Ich bin gespannt, ob das das Weiterleitungsverhalten merkbar verändert.

Machen Datenschützer Facebook platt – oder eben doch nicht?

Dezember 9th, 2011 § 0 comments § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Bei Nico Lumma (disclosure: Mit dem zusammen ich zu den Gründunsmitgliedern von D64 – Zentrum für digitalen Fortschritt gehöre) findet sich heute hier ein sehr prononcierter Blogpost zu der gestrigen Erklärung des Düsseldorfer Kreises, des Zusammenschlusses aller Datenschutzbehörden der Länder, die hier nachzulesen ist.

Zwischenbemerkung: Wiewohl beruflich mit Facebook beschäftigt, fehlen mir umfassende technische Hintergründe, die mich zu einem tatsächlich fundierten Standpunkt hinsichtlich der Frage befähigen, was wo wie Facebook mit den durch Integration seiner Social Plugins wie des Like-Buttons tatsächlich für Daten sammelt und wie diese Daten genau verwertet werden. So weit ich sehe, gibt es einige, die dazu durchaus fundierteres Wissen haben, lese ich aber die Erklärung der Datenschützer, scheint auch selbst in diesem Kreis niemand wirklich genau zu wissen, was Facebook damit tut. Es heißt dort, dass „Anbieter deutscher Websites, {…} in der Regel keine Erkenntnisse über die Datenverarbeitungsvorgänge haben können, die beispielsweise durch Social Plugins ausgelöst werden …“. Zu einem großen Teil speist sich also die Vehemenz der Debatte auch aus der Tatsache der mangelnden Transparenz, die auf der einen Seite zu der Unterstellung missbräuchlicher oder böswilliger Verwendung führen, auf der anderen Seite zu einem „die werden schon nicht“ führen muss. Ende der Zwischenbemerkung.

Lumma schüttet in seinem Blogpost das Datenschützerkind mit dem Bade aus – und das reproduziert sich in den Kommentaren zu seinem Posting. Da es meines » Read the rest of this entry «

Das Thalia und die Spiel(plan)verderber 2: Durch Leiden wird man Demokrat

Dezember 5th, 2011 § 1 comment § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Interessantes tut sich rund um die sogenannten Demokratisierungsversuche des Thalia Theaters – und es beginnt ein Theater rund um das Theater, das vermutlich weitaus interessanter ist als die Frage, was denn am Ende wirklich gewinnen wird.  Natürlich ist Klugscheisserei hinterher einfacher als die solide Organisation eines Partizipationsprozesses – diese Einfachheit erlaube ich mir ebenso wie das Recht, meine anfängliche Beeindrucktheit jetzt der nüchternen Betrachtung weichen zu lassen. Denn zu beobachten ist hier zunächst ein zukünftiger Lehrbuchfall missverstandener Demokratisierung, den zu betrachten sich lohnt jenseits der bloßen und letztlich ziemlich irrelevanten Frage, was an einigen Abenden in einem Hamburger Theater demnächst läuft. Zudem ist hier das eigentlich erste Erscheinen eines zukunftsträchtigen Theaters festzustellen, von dem am Ende dieses Postings zu handeln sein wird.

Das Projekt: Mehr Demokratie gewagt – oder nur Lux und Dollerei?

Das Thalia beschreibt die Aktivität als Demokratisierung eines Dienstleistungsunternehmens. Der Intendant äußert hier im Interview sein Interesse daran, was denn das Publikum wirklich sehen will – und sei es Harry Potter. Anders ließe sich beschreiben: Die von einem demokratischen Gemeinwesen – der Stadt Hamburg – als verantwortliche Leiter einer städtischen Einrichtung Eingesetzten entziehen sich ein Stück weit der ihnen vom Gemeinwesen zugewiesenen Aufgabe der inhaltlich-konzeptionellen Ausrichtung dieser Institution und der damit verbundenen Verantwortung der von den Bewohnern des Gemeinwesens aufgebrachten Finanzmittel. Man lässt eine nicht begrenzte und undefinierte Gruppe von Menschen darüber entscheiden, was stattfinden soll. Wir spielen, was irgendwer will.  Was auch immer, wer auch immer. Es muss nur eine ausreichend große Zahl von Stimmen zusammenkommen. Man könnte die Bewohner Hamburgs ebenso gut dazu verpflichten, Regenschirme aufzuspannen, wenn es in Australien regnet. Die Fremdbestimmung durch die – sich selbst als undemokratisch verstehende – Theaterleitung wird potenziell abgegeben in eine andere Fremdbestimmung durch irgendwen.

Was heißt demokratische Entscheidung? Wer entscheidet was für wen in demokratischen » Read the rest of this entry «

Das Thalia Theater und die Spiel(plan)verderber

November 23rd, 2011 § 1 comment § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Anfang November rief das Hamburger Thalia Theater hier die Öffentlichkeit auf, vier Positionen des nächsten Spielplans zu bestimmen. Vermutlich stand im Hintergrund der Wunsch, der sich in verschiedenen Regionen der Welt, in der Occupy-Bewegung, in der Netzöffentlichkeit manifestierenden Beteiligungslust der Öffentlichkeit zu öffnen und selbst durch offene Partizipationsmöglichkeiten ein Stück offener und „demokratischer“ zu werden. Unter Missachtung aller Erfahrungen, die mit ähnlichen Crowdsourcing- und Consumer Empowerment-Aktivitäten vorliegen. Man stolpert einfachmal rein in Partizipationsdynamiken, in Netzbeteiligung und so eine Art Demokratie. Das mag man gutmütig als naiv bezeichnen – oder » Read the rest of this entry «

Spielzeitstart – Ein paar nicht einmal mehr wütende Gedanken dazu

Oktober 5th, 2011 § 0 comments § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Es ist ruhig geworden hier auf dem Blog. Das hat vordergründig damit zu tun, dass ich ziemlich beschäftigt bin mit Dingen, die wenig mit Theater, dafür mehr mit der Finanzierung des allgemeinen Lebensbedarfs zu tun haben. Eigentlich aber komme ich beim Nachdenken darüber, warum mir auch die Motivation fehlt, das eine oder andere, was halb geschrieben oder noch ganz im Kopf ist, zu verfertigen und zu posten zu einer (mich selbst)) ziemlich deprimierenden Folgerung.

Was es so um und über Theater zu lesen und zu hören gibt, interessiert mich nicht. Gar nicht. Es reicht nicht einmal hin, mich darüber aufzuregen, mich damit auseinander zu setzen, oder Anderes vorzustellen oder zu fordern.

Die Spielzeiteröffnungen und Vorblicke sind von einer solchen Belanglosigkeit und ermüdenden Arroganz, die Berichte darüber von solcher pflichterfüllenden Abarbeitung geprägt, dass ich nicht weiß, was überhaupt am Theater mir eine Vision geben könnte, die mich nicht nur in Aktuelles zöge, sondern mir eine Vorstellung davon gibt, warum ich mich längerfristig damit beschäftigen sollte. Woran liegt das?

Spielzeitvorschauen

In dem wider besseres Wissen und zur Unfreude zukünftiger Umzugshelfer erworbenen Jahrbuch Theater Heute findet sich zweierlei Ernüchterndes wenn nicht Abstoßendes:

  1. Ein paar Leute wurden dazu aufgefordert, sich rund um den Begriff der Wut aufzupumpen. Hübsch ausgedacht. Ohne Erfolg. Es will nicht so recht Wut werden. Man merkt den Beiträgen die an den Haaren herbeigezogene Aufregung an, schlechte Schauschreiberei. Wut? Worüber? Dies oder jenes. Aber für mehr als ein paar Zeilen reicht die Wut nicht. „Sag mal was Wütendes – und dann leg dich wieder hin“.
  2. Traditionell schalten die Häuser hier ihre 1/1 Anzeigen. Traditionell stehen da die Produktionen, die übers Jahr geplant sind. War ja schon immer so. Kann also weiter so gehen. Oder nicht? Reicht es in einer Zeit galoppierenden Relevanzverlusts der Theater noch aus, einfach runterzuschreiben, was gespielt wird und einen Junggrafiker an eine möglichst schräge Gestaltung zu hocken? Die die Unlesbarkeit möglichst auf ganz neue Ebenen hebt? Wofür stehen diese Theater? Warum soll das, was da aufgelistet wird, angesehen oder besucht werden? Sich am Klempnersortimentskatalog für Badarmaturen zu orientieren, die sich erschöpft in der Auflistung der verfügbaren Produkte, setzt voraus, dass » Read the rest of this entry «

Nicht mal einen vernünftigen Spielzeit-Endstreit gibts mehr

Juli 9th, 2011 § 0 comments § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Was die Haushaltsdebatte für den Bundestag, ist das Spielzeitende für das Theater. Anlass und Gelegenheit für die große Generaldebatte. Streit zwischen Kritikern und Theatern, Kritikern und Kritikern, Theatern und Theatern. Ein letztes Aufglimmen kultureller Lebendigkeit, bevor sich dann alle entweder in Urlaube oder auf irgendwelche Freiluftfestivals begeben.

Selbst das aber funktioniert nicht mehr. Stadelmaier, sonst ein Garant für diskussionfördernde Polemiken, hat sich in der FAZ nur ein paar Langweiligkeiten herauspressen können, die nichts bewegen, noch weniger aufregen. Die alten Schreiber sind müde. Immerhin scheint er das Ende des Dramatischen zu akzeptieren – aber reflektieren oder gar beschimpfen will ers nicht. Müde wie das Theater, von dem er schreibt, ist auch er.

Im Hamburger Abendblatt hat sich am 6. Juli nun Armgard Seegers hier darüber beklagt, dass es ihr keinen Spaß mehr macht ins Theater zu gehen. Warum?

Das Theater lebt heutzutage – jedenfalls da, wo es stilprägend sein will – von Performances und Projekten. Aufführungen also, bei denen ein Text nicht mehr nur sinnlich, treffend und genau ergründet und durch die Kunst und Fähigkeiten eines Schauspielers zum Leben erweckt wird. Sondern es geht um Konzepte. Dramen und Stücke werden nicht mehr gradlinig, mit traditionellen Mitteln nacherzählt, man reichert sie an mit Fremdtexten, sucht Schnittmengen zu Musik, Film, bildender Kunst. Anstelle der Konzentration auf das Drama, der Darstellung von Figuren, Handlungen und menschlichen Beziehungen rückt hier die “Aufführung” in den Mittelpunkt. Häufig können die Zuschauer nicht ähnlich assoziativ nachvollziehen, was die Künstler und zu welchem Zwecke bewegt. Die Folge: Man fühlt sich ausgeschlossen, empfindet die Kunst als elitär, arrogant, autistisch und fragt sich, ob manch ein Konzeptionsregisseur mit seinem Team nicht in einer Parallelwelt lebt, ohne Berührungspunkte zu den Zuschauern. Kümmert sich das Theater vielleicht zu wenig darum, seine Zuschauer zu fesseln, anzusprechen und zu unterhalten? Ist das Theater nicht gerade dazu da, Stücke, die man beim Lesen allein nicht in ihrer ganzen Vielschichtigkeit durchdringen kann, verständlich zu machen?

Nunja, schade für Frau Seegers. Gibt ja noch andere Berufe. Schauen Sie sich da mal um, Frau Seegers. Und denken Sie beim Suchen mal darüber nach, ob es sich lohnt, zu kritisieren, dass “die Aufführung” in den Mittelpunkt des Theaters rückt. Und schreiben Sie demnächst doch mal einen Text, indem Sie sich darüber aufregen, dass Texte immer mehr in den Mittelpunkt des Buches rücken. Oder Geistlosigkeit in den Mittelpunkt der Zeitungen.

Nun sollte man meinen, eine sich derart selbst dekonstruierende, leider nicht einmal wirklich aufgeregte oder flammende Kritik sei am besten durch Ignorieren begegnet. Das scheint der Thalia-Intendant Lux anders zu sehen – und begegnet der Niveaulosigkeit mit (man hält es kaum für möglich) noch mehr Niveau- und insbesondere Standpunktlosigkeit hier im Abendblatt.

Wir sind weder elitär noch autistisch oder arrogant, sondern offen, erlebnishungrig und kommunikativ. Wenn es dennoch gelegentlich Probleme gibt, dann deshalb, weil sich die Sprache der Hochkultur, die unserer Autoren Schiller, Goethe oder Büchner, nicht immer auf den ersten Blick erschließt.

So, Frau Seeger, merken Sie Ihnen das mal gefälligst. Goethe ist schuld. Wir erfahren weiterhin, dass das Theater sich seit Jahhunderten ändert (was Herr Lux “gut” findet), dass Performances manchmal gut, manchmal schlecht sind, dass auch in Berlin, Zürich, Frankfurt, Wien oder München die “Sehnsucht” der Menschen bedient wird, “Geschichten mit Menschen sehen zu wollen” – Lux vergisst dabei allerdings RTL, RTL2, Super RTL, SAT1, Das Vierte, Neun Live, Kino, DVD und so weiter. Und vor allem muss Theater rumeiern:

Einerseits hört Kunst meist auf, wenn sie sich zu marktgängig dem Publikum vor die Füße wirft. Andererseits ist sie schwer gefährdet, wenn sie auf das Publikum überhaupt keine Rücksicht mehr nimmt. Dazwischen liegt irgendwo die Wahrheit.

Immer schön dazwischen bleiben, so ists recht, das schützt vor Anecken. “Mir ist in der gesamten Debatte zu viel Politik und Ideologie im Spiel.” – sag ich ja. Und so weiter.

Ich bin nicht sicher, ob eine solche Sommer(loch)debatte die Leser interessiert.

Nunja, sie interessiert als Symptom dafür, auf welchem jämmerlichen Niveau die Diskussion um und das Interesse an Theater schon angekommen ist.

Entscheidend ist, dass Theater sinnlich ist.

Echt? Das ist entscheidend? Entscheidend ist, dass Wurst aus Wurst besteht? Einerseits lauert die (böse) Verkopftheit, andererseits die (sinnliche) Dummheit. Dazwischen liegt irgendwo … na?

Noch irgendwo Debatten?

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