Theatersterben: Zur Kritik des reinen Vergnügens

April 11th, 2011 § Kommentare deaktiviert für Theatersterben: Zur Kritik des reinen Vergnügens § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Ein kur­zer Mail­wech­sel mit Oli­vi­er Garo­fa­lo bringt mich dazu, nicht nur zum Haupt­the­ma die­ses Blogs – dem Thea­ter – zurück zu keh­ren. Son­dern direkt zu fun­da­men­ta­len Fra­gen des Gegen­warts­thea­ters zu kom­men. In der Mail von Garo­fa­lo fin­det sich die­se pro­vo­kan­te Fra­ge:

die wich­tigs­te Fra­ge ist wohl, ob der Inhalt
ver­schwin­det, weil das Publi­kum in den heu­ti­gen Zei­ten in ihrer Frei­zeit
nicht mit Fremd­ge­dan­ken belas­tet wer­den wol­len, oder ob beson­ders die
Schau­spiel- und Regie­schu­len nur Ästhe­tik leh­ren (weil das freie Den­ken eh
nicht bei­bring­bar ist). Wahr­schein­lich bei­des und mit­ten­drin die Kri­tik,
die ihre Mass­stä­be an der Kunst mes­sen und eben nicht am Inhalt.

Garo­fa­lo nimmt damit drei Betei­lig­te als poten­zi­el­le Akteu­re auf: Publi­kum, Thea­ter­schu­len und Kri­tik. Das ist inso­fern span­nend, als die Dis­kus­si­on nicht sofort Inten­dan­ten, Dra­ma­tur­gen und Regis­seu­re in den Blick und Angriff zu neh­men ver­sucht. Son­dern die Ent­ste­hungs­be­din­gun­gen einer bestimm­ten Gesamt­si­tua­ti­on auf schein­ba­re Rand­be­din­gun­gen zurück­führt – was Sinn macht.

Das Publi­kum

Ist das Publi­kum bzw. sind die Zuschau­er Akteu­re in einem Sinn, der sie mit­ver­ant­wort­lich für das Elend gegen­wär­ti­gen Thea­ters macht? Was will „das Publi­kum“? Ein gro­ßer, ein­fluss­rei­cher Teil des aktu­el­len Publi­kums for­dert offen­bar „werk­treue“ Insze­nie­run­gen von Klas­si­kern. Sie wol­len Muse­um. Iden­ti­sche Repro­duk­ti­on der eige­nen Vor­stel­lun­gen des­sen, was „die alten Meis­ter“ schrie­ben, woll­ten, vor­stell­ten. Die­se Debat­te ist nicht tot zu bekom­men. Und Thea­ter tun die­sem Publi­kum ja den Gefal­len. Man spielt die Klas­si­ker. Und wenns kei­ne » Wei­ter­le­sen «

Wenn Mammons Hammer kreist I: Gute Nacht, Nachtkritik?

Januar 23rd, 2011 § Kommentare deaktiviert für Wenn Mammons Hammer kreist I: Gute Nacht, Nachtkritik? § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Wäh­rend das Netz aller­or­ten dar­über pala­vert, ob Zei­tungs- und Medi­en­häu­ser durch ein Leis­tungs­schutz­recht geschützt wer­den sol­len vor dem Nie­der­gang (aktu­el­le Zah­len kom­men­tiert Knüwer), ob nicht Zei­tun­gen dann den Leis­tern, über die sie berich­ten, viel­leicht eben­falls für deren Leis­tung ein Ent­geld zah­len müss­ten (also etwa den Thea­tern, wie Nig­ge­mei­er meint), scheint Gott Mam­mon Fak­ten zu schaf­fen. Gera­de kreist sein töd­li­cher Ham­mer über den Köp­fen der geschätz­ten und von etwa hier mir beju­bel­ten Nacht­kri­ti­kre­dak­ti­on. Hier gibt es ein Video mit Esther Sle­vogt, die (nach ermü­den­den Aus­füh­run­gen über die Spiralblock-„Affäre“) ein wenig über die Unter­neh­mung erzählt.

Die Reak­ti­on von Nacht­kri­tik auf die schlech­te wirt­schaft­li­che Situa­ti­on der Redak­ti­on: seit eini­gen Wochen wird ein Spen­den­auf­rauf mal mehr mal weni­ger pro­mi­nent auf der Start­sei­te vor­ge­hal­ten, um User zu Unter­stüt­zern zu machen. Das ist sym­pa­thisch aber geschei­tert.

Quo Vadis, Jour­na­lis­mus?

Die Fra­ge, die sich dar­aus ablei­tet, lau­tet: Wenn denn die tra­di­tio­nel­len (Print-)Zeitungsverlage dar­nie­der gehen – wie kann sich qua­li­ta­tiv wer­ti­ger bis hoch­wer­ti­ger Jour­na­lis­mus noch finan­zie­ren. Und mit finan­zie­ren ist an die­ser Stel­le gemeint: Das all­täg­li­che Über­le­ben derer sicher­stel­len, die einen so gro­ßen Teil ihres Tages in die Erstel­lung der Inhal­te inves­tie­ren, dass sie kei­ner tra­di­tio­nel­len Geld­ar­beit nach­ge­hen kön­nen. Und nacht­kritk ist schon rela­tiv weit gegan­genl in Sachen Kos­ten­sen­kun­gen: rela­tiv lächer­li­che Hono­ra­re für die Auto­ren, kei­ne Rei­o­se­kos­ten, wenig Gehalt für die Fest­an­ge­stell­ten. Man spart wo es geht. (Selbst)Ausbeutung? Na sicher!

Nun ist im Web inzwi­schen aller­or­ten die Mei­nung durch­ge­setzt: Was im Netz ist, kost nichts. Wer ins Netz arbei­tet, kriegt nichts. Des­we­gen erwar­te ich für die­ses post­dra­ma­ti­sche Blog hier kei­ner­lei Ent­gelt. Auch wenn ich hof­fe, irgend­wann eine Lebens­fi­nan­zie­rung u fin­den, die aus die­ser Tätig­keit (und dem Schrei­ben) mehr macht, als eine Urlaubs-, Wochen­end- und Nacht­be­schäf­ti­gung. Die Pro­ble­ma­tik von Nacht­kri­tik ist also gar so weit nicht von der ande­rer Auto­ren ent­fernt. User lie­ben hoch­wer­ti­ge Inhal­te – bezah­len wol­len sie aber nicht dafür. Das ist so. Bezahl­pflicht für Nacht­kri­tik wäre das Todes­stünd­lein der Sei­te.

Es scheint, dass Nacht­kri­tik mit der für Idea­lis­mus typi­schen Nai­vi­tät an den Start gegan­gen ist. Wir machen mal – um Geld küm­mern wir uns spä­ter. Das Beschis­se­ne dar­an ist: Der Bäcker, der Ver­mie­ter, der Schus­ter, der Hos­ter der Nacht­kri­ti­ker will jetzt schon Geld. Und jetzt. Und jetzt. Und jetzt wie­der.

Mam­mons Ham­mer

Nach dem Nie­der­gang der tra­di­tio­nel­len, print­ba­sier­ten Mas­sen­me­di­en (Zei­tun­gen, Zeit­schrif­ten …), die selbst­ver­ständ­lich wirt­schaft­lich ori­en­tier­te Unter­neh­men sind und schon immer waren, scheint die Visi­on von funk­tio­nie­ren­den Online­me­di­en eine Illu­si­on. Das Geld, das Ver­la­ge in Zei­tun­gen ver­lie­ren, wer­den sie zukünf­tig in digi­ta­len Medi­en nicht ein­neh­men kön­nen – da mag Döpf­ner das iPad anbe­ten, solan­ge er will (“Jeder Ver­le­ger soll­te sich ein­mal am Tag hin­set­zen, beten und Ste­ve Jobs dafür dan­ken, dass er mit die­sem Gerät die Ver­lags­in­dus­trie ret­tet.” Welt). Durch (Banner-)Werbung wer­den die Rück­gän­ge an Print­wer­bung nicht kom­pen­siert. Punk­tum.

Ich habe kei­ne gro­ße Lust, mich in die Leis­tungs­schutz­de­bat­te ein­zu­mi­schen – weil sie eine Phan­tom­de­bat­te ist. Wenn ein Kind im Brun­nen liegt, muss man nicht über Brun­nen­ab­de­ckun­gen reden. Son­dern den Bestat­ter rufen – denn die­ses Kind ist längst ertrun­ken. Nur post­mor­ta­le Refle­xe sind noch zu sehen. Das alte Geschäfts­mo­dell ist per­du. Und wo ist das neue Geschäfts­mo­dell? Heißt: Wie las­sen sich fähi­ge, erfah­re­ne und unbe­stech­li­che Jour­na­lis­ten finan­zie­ren? Wer­den die GEZ-finan­zier­ten Öffent­lich-Recht­li­chen die Medi­en der Zukunft sein? Einem Modell der Kir­chen­steu­er gleich also durch „Haus­halts­ab­ga­ben“ finan­ziert und pseu­do-kirch­li­che Auto­no­mie genie­ßen? Oder gibt es einen gesell­schaft­li­chen Kon­sens, der die­se gesell­schaft­li­che Funk­ti­on als so wich­tig ein­schätzt, dass aus gesell­schaft­li­cher Kraft her­aus die Finan­zie­rung gesi­chert wird (kei­ne Ahnung, wie das gehen soll – durch Nacht­kri­tik-Spen­den oder flattr oder ähn­li­ches geht’s nicht).

Übri­gens: Dies­mal liegt Mam­mons Ham­mer nicht in den Hän­den der Ban­ken, son­dern in den Hän­den der Kon­su­men­ten und Leser. Es wer­den nicht die bösen Agen­ten des Finanz­ka­pi­ta­lis­mus sein, die Nacht­kri­tik platt machen (könn­ten) son­dern es sind die Men­schen, die kei­ne Zei­tun­gen mehr kau­fen, die zugleich für zei­tungs­ar­ti­ge Inhal­te im Netz nicht bezah­len wol­len. Die Macht der Kon­su­men­ten rich­tet sich – gegen sie selbst?

Jeden­falls – und damit will ich den all­ge­mei­nen Teil been­den – wird nacht­kri­tik auf dem fal­schen Bein erwischt, eben­so wie die Leser. Denn in den letz­ten Jahr­zehn­ten schon hat ein Öko­no­mis­mus gesell­schaft­lich um sich gegrif­fen und auch die Kul­tur erfasst (ich hab schon in den spä­ten 80ern stu­den­ti­sche Arti­kel ver­fasst die sich gegen die „Sub­ven­ti­ons­kür­zun­gen“ gegen­über Thea­tern rich­te­ten …) – der weder von Kul­tur­schaf­fen­den, noch von insti­tu­tio­nel­len Ver­tre­tern, noch offen­bar von nacht­kri­tik ernst genom­men wur­de. Die Kul­tur hat sich nicht dafür inter­es­siert, wie den Vie­len lang­sam das Was­ser abge­dreht wur­de – jetzt inter­es­sie­ren sich die vie­len einen Scheiß­dreck dafür, dass Thea­tern und Thea­ter­zei­tun­gen das Was­ser bis zum Hal­se steht. Hät­tet ihr euch mal um den Tur­bo-Öko­no­mis­mus geküm­mert! Viel­leicht ist es noch nicht zu spät.

Die haus­ge­mach­ten Pro­ble­me

Nacht­kri­tik hat (wie bereits ange­deu­tet) auf ihrer Sei­te vie­les falsch gemacht, kaum einen Feh­ler aus­ge­las­sen. Die relaunch­te Web­sei­te ist eine Kata­stro­phe. Gegen das » Wei­ter­le­sen «

Journalismus bizarr — heute die Frankfurter Rundschau

August 11th, 2010 § Kommentare deaktiviert für Journalismus bizarr — heute die Frankfurter Rundschau § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Am letz­ten Sam­satg las ich in der FR (hier) in der von mir sehr gelieb­ten und geschätz­ten Kolum­ne von Mely Kiyak einen enorm ein­dring­li­chen Text über die wider­wär­ti­ge Pra­xis der Stei­ni­gung. Ein The­ma, dem sich anzu­neh­men und Pro­test zu üben mei­nes Erach­tens jen­seits aller reli­giö­sen Eigen­hei­ten nicht nur gerecht­fer­tigt son­dern gebo­ten ist. Dass die Todes­stra­fe selbst ein Skan­da­lon ist muss auch nicht dis­ku­tiert wer­den — das ist sie. Aus Grün­den, die ich hier viel­leicht ein­mal pos­ten wer­de.

Heu­te nun lese ich (hier) ein Inter­view mit der Amnes­ty-Akti­vis­tin Marie von Möl­len­dorff, die in vie­ler­lei Hin­sicht Bedenks­wer­tes zur Stei­ni­gung bei­zu­tra­gen hat und deren kon­kre­tes Enga­ge­ment ich zuhöchst respek­tie­re. Das alles vor­weg — nun aber zeigt sich, wie selt­sam Jour­na­lis­mus funk­tio­niert. Und wie wenig der “Qua­li­täts­jour­na­lis­mus” dar­auf ach­tet, was er selbst fabri­ziert. Wenn das Anlie­gen stimmt. Dass das bes­te Anlie­gen durch fal­sche Argu­men­te beschä­digt wer­den könn­te — wohl kei­ner Über­le­gung mehr wert.

Viel­leicht mei­ne ver­kürz­te Wahr­neh­mung der Welt — aber selt­sa­mer­wei­se ging ich immer davon aus, dass die Stei­ni­gung eine beson­de­re Grau­sam­keit ist, die Män­ner gegen Frau­en ver­hän­gen, Das bestä­tigt auch weit­ge­hend der Arti­kel in der FR:

Offen­bar sind Frau­en beson­ders häu­fig von Stei­ni­gun­gen bedroht. War­um ist das so?

Es sind auch Män­ner bedroht, aber häu­fi­ger Frau­en. Die Aus­sa­ge eines Man­nes wiegt die Aus­sa­gen von zwei Frau­en auf. Frau­en sind häu­fi­ger Analpha­be­ten und haben oft Geständ­nis­se, die sie unter­zeich­nen, gar nicht gele­sen. Bei eth­ni­schen Min­der­hei­ten ist es oft auch so, dass sie kein Per­sisch ver­ste­hen. Das heißt, dass sie bei Gerichts­ver­fah­ren, selbst wenn sie von Stei­ni­gung bedroht sind, gar nicht wis­sen, was pas­siert. Und da Frau­en meist kein eige­nes Ein­kom­men haben, kön­nen sie sich kei­nen guten Rechts­bei­stand leis­ten.

Män­ner sind auch bedroht, aber häu­fi­ger Frau­en. Aha.  Män­ner haben mehr Gewicht vor Gericht (ääähm — auch wenn sie zu Ungus­ten von Män­nern aus­sa­gen?), Frau­en ver­ste­hen kein Per­sisch (nein — genau lesen: “eth­ni­sche Min­der­hei­ten”). Und Frau­en kön­nen sich kei­nen guten Rechts­bei­stand leis­ten (heißt: Män­ner kön­nen?). Ich will hier nicht die Frau­en-Män­ner-Debat­te zum Dau­er­the­ma machen, wie­wohl ich (hier) beim The­ma Bur­ka (aber mit gänz­lich ande­rem Fokus) dar­auf Bezug genom­men habe. Wir kom­men zu Zah­len:

2009 wur­den min­des­tens 388 Men­schen hin­ge­rich­tet, dar­un­ter war nur ein Mann, der gestei­nigt wur­de. Am häu­figs­ten ist Tod durch Hän­gen. Ehe­bruch gehört zu den Hodoud-Ver­bre­chen, das sind Ver­bre­chen gegen den gött­li­chen Wil­len, die eine Bestra­fung nach isla­mi­schem Recht nach sich zie­hen. Stei­ni­gung steht nur auf den Ehe­bruch ver­hei­ra­te­ter Per­so­nen.

Aha — nur ein Mann. Und 387 Frau­en? Nein nein, genau lesen: Es wur­den 388 Men­schen ins­ge­samt hin­ge­rich­tet, davon wur­de ein Mann gestei­nigt. Es steht dort nicht, dass 387 nicht­männ­li­che Stei­ni­gungs­op­fer waren oder nur ein Mann hin­ge­rich­tet wur­de (und zwar durch Stei­ni­gung) hin­ge­gen 387 Frau­en (auf wel­che Wei­se auch immer). Und der Haken steckt im nächs­ten Satz:

Wir gehen davon aus, dass min­des­tens fünf Män­ner und eine Frau seit 2002 gestei­nigt wur­den. Im Moment sind min­des­tens sie­ben wei­te­re Frau­en und drei Män­ner von Stei­ni­gun­gen bedroht.

Fünf Män­ner, eine Frau. Wie gesagt: Mir war bis­her unbe­kannt, dass über­haupt Män­ner gestei­nigt wer­den. Und mir ist letzt­lich auch ziem­lich egal, Men­schen wel­chen Geschlecht der­art zu Tode gequält wer­den. War­um aber höre ich nichts von den Män­nern, die die­ses Urteil tötet? War­um hängt auch die FR es als “Frau­en­the­ma” auf — und unter­lässt es dann, die mir die Augen doch ein Stück öff­nen­den Zah­len ein­fach weg­zu­las­sen, um den schö­nen Arti­kel damit nicht zu zer­stö­ren? War­um schreibt man auf engs­tem Raum zusam­men: “Es sind auch Män­ner bedroht, aber häu­fi­ger Frau­en. (…) Wir gehen davon aus, dass min­des­tens fünf Män­ner und eine Frau seit 2002 gestei­nigt wur­den.” Kann mir irgend­je­mand aus die­ser Redak­ti­on erklä­ren — war­um?

Und übri­gens — war­um soll ich dafür Leis­tungs­schutz­rech­te aner­ken­nen? Was leis­tet der “Qua­li­täts­jour­na­lis­mus” denn, der sich sol­che Arti­kel leis­tet?

Sche***journalismus in der ZEIT — shakespeare’sche Schurkendramaturgie II

Juli 30th, 2010 § 2 comments § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Heu­te mor­gen noch zum The­ma Brun­ner im Jour­na­lis­mus war die Kri­tik rela­tiv zurück­hal­tend. Jetzt schlägts dem Fass den Boden doch gewal­tig ins Gesicht. Wor­um gehts? Die soge­nann­ten Qua­li­täts­me­di­en haben sich seit eini­ger Zeit das The­ma “gewalt­be­rei­te Jugend­li­che” auf die Agen­da gesetzt. Das zieht, das bringt Leser und Ver­käu­fe in einer Zeit, in denen das Zei­tung­ver­kau­fen bru­tal ist. Der Fall Brun­ner schien wie gele­gen zu kom­men: Jugend­li­che wol­len klei­ne­re Jugend­li­che abzie­hen, tap­fe­rer Mann wirft sich in die Bre­sche — wird von Mons­tern bru­tal tot­ge­schla­gen. Jawoll — die Dra­ma­tur­gie ken­nen wir aus Clock­work Oran­ge, die­sem ver­mut­lich lang­wei­ligs­ten Zel­lu­loid­kunst­werk der Film­ge­schich­te. Aber die Geschich­te ist ein­fach zu gut, um sie sang- und zei­len­los auf­zu­ge­ben, wenn die Fak­ten­la­ge sich ins Unüber­sicht­li­che ver­schiebt. Was also tut ein “Qua­li­täts­ti­tel” wie die ZEIT — sie ori­en­tiert sich an den Anmo­de­ra­tio­nen von RTL II und Co. Da begrün­det man das Abfil­men eini­ger­ma­ßen unbe­klei­de­ter, vor­nehm­lich weib­li­cher Men­schen mit Sto­ries wie “Immer mehr Men­schen bevor­zu­gen Sex in unge­blüm­ter Bett­wä­sche”. Nicht dass das in irgend­ei­ner Wei­se von Rele­vanz oder auch nur durch Zah­len belegt wäre (höchs­tens der Ver­weis auf namen­lo­se “Exper­ten” oder “die Wis­sen­schaft” tre­ten auf). Aber vor­bild­li­cher Jour­na­lis­mus braucht sei­ne Nach­fol­ger.

Die ZEIT Online ergießt sich heu­te unter dem Titel “Jugend­ge­walt: Gegen den Kopf” ” hier über die Jugend­ge­walt. Die Anmo­de­ra­ti­on (nach einer gru­se­li­gen Schlä­ge­rei­be­schrei­bung aus der Schweiz (sic!):

Spon­ta­ne Gewalt durch Grup­pen jun­ger Män­ner – das ist ein Phä­no­men, das sich in den Kurz­mel­dun­gen der Zei­tun­gen durchs gan­ze Land ver­fol­gen lässt.

Aha — die Zei­tun­gen im gan­zen Land sind dies­mal die namen­lo­sen “Exper­ten”, die hin­wei­sen und war­nen. Zwei wei­te­re Fäl­le wer­den geschil­dert — und dann erhebt sich die schwarz­glän­zen­de Feder­spit­ze des mahn­warn­rau­nen­den Jour­na­lis­ten Han­nes Gras­seg­ger:

Die ver­hee­ren­de Prü­gel­tour drei­er Küs­nach­ter Schü­ler in Mün­chen; die will­kür­li­chen Kra­wal­le wäh­rend des »Rec­laim the Streets«-Umzuges in Zürich; der Tod eines Poli­tik­stu­den­ten in Fol­ge eines – laut Geständ­nis – »grund­lo­sen« Angriffs von drei 18- bis 22-jäh­ri­gen Tätern in Locar­no 2008: All die Atta­cken aus dem Nichts beschäf­ti­gen die Men­schen lan­des­weit.

Das gan­ze Land. Beschäf­tig sich. Damit. Ich bin wohl der Ein­zi­ge, der nicht. Weil ich die­se drei Fäl­le nicht ein­mal ken­ne. Drei. In Wor­ten: Drei. In Zürich, Mün­chen und Locar­no. Also mal geschätzt um die 100 Mil­lio­nen Men­schen, zwi­schen denen drei Schlä­ge­rei­en statt­fin­den. Ich bebe.

Jeden und jede könn­te es erwi­schen: Die­ses Gefühl ist es, was die Bericht­erstat­tung über die Fäl­le spon­ta­ner Gewalt bei vie­len aus­löst.

Jeder und jeden — wie grau­en­voll. Lau­ern sie gera­de hin­ter mei­nem Schreib­tisch­stuhl, wer­den sie gleich klin­geln, kau­ern sie har­rend in der Geschirr­spül­ma­schi­ne? Ich bebe mehr — doch halt: Es ist ja die Bericht­erstat­tung, die das aus­löst. Raf­fi­niert, Herr Gras­seg­ger.  Dann geht es wei­ter mit einem Fall, » Wei­ter­le­sen «

Schlaaand und die Entfremdung: Teil 2 – Warum der Bundespräsident Null ist

Juli 19th, 2010 § Kommentare deaktiviert für Schlaaand und die Entfremdung: Teil 2 – Warum der Bundespräsident Null ist § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Die ges­tern (hier) pro­ble­ma­ti­sier­te Über­le­gung, ob es sich bei der welt­meis­ter­li­chen Fah­nen­schwen­ke­rei und Far­ben­trä­ge­rei um auf­le­ben­den Neo­na­tio­na­lis­mus han­delt oder nicht, hat­te unter ande­rem die Beob­ach­tung vor­ge­tra­gen, dass die­se öffent­li­che Sym­bol­ma­ni­pu­la­ti­on mit kei­nem gemein­sa­men poli­ti­schen Inhalt oder Anlie­gen ver­bun­den war. Man könn­te sich also ver­wun­dert die Augen rei­ben, wie erfah­re­ne und reflek­tier­te Beob­ach­ter des Poli­ti­schen über­haupt auf die Idee kom­men kön­nen, dass es sich hier­bei um etwas Poli­ti­sches oder Poli­tik­na­hes han­deln könn­te.

Das Bedau­er­li­che aber ist, dass selbst die­sen Beob­ach­tern der Blick dafür abhan­den gekom­men ist, wo Poli­ti­sches es mit Inhalt und wo nur mit ober­fläch­li­chem Sym­bo­lis­mus oder Sym­bol­ma­ni­pu­la­ti­on zu tun hat. Wie der Auf­zug der sym­bo­li­schen Ober­flä­che bereits mit voll­um­fäng­li­chem Neo­na­tio­na­lis­mus ver­wech­selt wird, so wird auch die Sym­bol­ma­ni­pu­la­ti­on im All­ge­mein­po­li­ti­schen mit Poli­tik ver­wech­selt.

Richard David Precht hat drei Wochen auf SpON einen Arti­kel zum Bes­ten gege­ben, in dem er „Die ent­frem­de­te Repu­blik“ (hier) beschrieb. Ich erlau­be mir, » Wei­ter­le­sen «

“Sich Gesellschaft leisten” in Trier — Kritiknachtrag

Juli 13th, 2010 § 1 comment § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Gera­de erst gefun­den: ein ziem­lich guter Text auf theaterforschung.de über “Maxi­mie­rung Mensch” in Trier. Mit einer eban­falls sehr posi­ti­ven Bespre­chung von SGL. Ich erlau­be mir ein Zitat:

[…Der] Text ist in der Typoskript­fas­sung eine aus vie­len neben­ein­an­der arran­gier­ten Text­spal­ten bestehen­de Mam­mut-Par­ti­tur, in der die Mitspieler/Marktteilnehmer immer wie­der mehr­stim­mig, gleich­zei­tig oder ver­setzt, cho­risch oder poly­fon ihre Ange­bo­te oder Nach­fra­gen arti­ku­lie­ren und ver­han­deln. Der Autor hat den dra­ma­tur­gi­schen Ablauf sei­ner öko­no­mi­schen Uto­pie an den fünf Levels des Com­pu­ter­spiel ‚Unre­al Tour­na­ment‘ ori­en­tiert. Die ein­leuch­ten­de Zugriffs­wei­se der Urauf­füh­rung hat aus [den] Text­mas­sen eine 90 minü­ti­ge Trie­rer Fas­sung kon­stru­iert, die sie in einer ehe­ma­li­gen Maschi­nen­hal­le im Indus­trie­ge­biet ein­rich­te­te. Als Spiel­ort wäre ange­sichts der Dienst­leis­tungs­ge­sell­schaft in ‚Sich Gesell­schaft leis­ten‘ eher ein Bör­sen­saal, eine Zeit­ar­beits­ver­mitt­lungs­agen­tur, der Han­dels­raum einer Bank oder ein Bor­dell ange­mes­sen gewe­sen – doch sind die­se Dienst­leis­tungs-Räu­me in Trier ver­mut­lich alle noch aus­ge­las­tet in Betrieb und ste­hen im Gegen­satz zu einer Maschi­nen­hal­le dem Thea­ter nicht zur Ver­fü­gung. Das Zusam­men­le­ben in Schmidts Sozi­al­dra­ma (das eher eine post­dra­ma­ti­sche Par­ti­tur über post­so­zia­le Zustän­de zu sein scheint) gleicht gera­de auch im Pri­va­ten einem per­ma­nen­ten Bör­sen­sze­na­rio. Nicht nur zeit­na­he Tausch­an­ge­bo­te wer­den aus­ge­ru­fen und abge­wi­ckelt, es wird auch mit Optio­nen und Pri­vat-Schuld­schei­nen gehan­delt. Der Text ist ein ästhe­tisch anspruchs­vol­ler Kom­men­tar zur zuneh­men­den Durch­öko­no­mi­sie­rung aller Lebens­be­rei­che. Das Stück pass­te wie ein Auf­trags­werk (das es nicht war) ins Kon­zept des Maxi­mie­rung-Mensch-Fes­ti­vals. Sei­ne Trie­rer Urauf­füh­rung war ein gelun­ge­ner Thea­ter­abend; auf wei­te­re Insze­nie­run­gen die­ses aus­la­den­den post­dra­ma­ti­schen Tex­tes darf man gespannt sein.

Hier gibts den Gan­zen Arti­kel von Bernd Bla­s­cke

Boltanski/Chiapello: Kapitalismus und Kapitalismuskritik als Geschwisterpaar

Juni 23rd, 2010 § Kommentare deaktiviert für Boltanski/Chiapello: Kapitalismus und Kapitalismuskritik als Geschwisterpaar § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Bin zuneh­mend beein­druckt von Boltanski/Chiapello: Der neue Geist des Kapi­ta­lis­mus. Ins­be­son­de­re von den gegen­sei­ti­gen Abhän­gig­kei­ten bei­der von­ein­an­der und der The­se, dass der kapi­ta­lis­ti­sche Geist sich letzt­lich der anti­ka­pi­ta­lis­ti­schen Kri­tik und der Ein­wän­de bedient, um sich wei­ter zu ent­wi­ckeln. Für mich etwa ver­ständ­lich bei der Über­win­dung der Ölin­dus­trie durch öko­lo­gi­sche Kri­tik und der Schaf­fung neu­er Geschäfts- und Gewinn­fel­der in der Öko-Ener­gie­in­dus­trie. Oder in der Reak­ti­on auf den Vor­wurf ent­frem­de­ter Arbeit durch stär­ke­re Ein­be­zie­hung des “gan­zen Men­schen” in der lean Indus­try.

Beson­ders span­nend fin­de ich dabei momen­tan ihre Theo­rie der Kapi­ta­lis­mus­kri­tik, die sie zunächst aus einer “im Grun­de sen­ti­men­ta­len Empö­rung » Wei­ter­le­sen «

Das Politische in der Dramatik — ein spannender Diskussionsbeginn

Juni 16th, 2010 § Kommentare deaktiviert für Das Politische in der Dramatik — ein spannender Diskussionsbeginn § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Irgend­wo auf den Mühl­heim-Sei­ten von nacht­kri­tik, in die ich mich (lei­der!) nur zufäl­lig ver­irrt bzw. gefun­den habe, fand ich (hier) einen sehr span­nen­den Dis­kus­si­ons­an­satz zum The­ma poli­ti­sche Reflek­tiert­heit von Dra­men, “phä­no­me­no­lo­gi­sche” clo­se descrip­ti­on ver­sus begriff­lich-sys­te­ma­tisch struk­tu­rier­tem Den­ken von Zusam­men­hän­gen. Dis­ku­tan­ten immer­hin Oli­ver Bukow­ski, Nis-Mom­me Stock­mann und der Kri­ti­ker Chris­ti­an Rakow, des­sen (jeden­falls aktu­ell) letz­ten Satz ich in sei­ner Stoß­rich­tung nur voll unter­stüt­zen und bejah­ren kann.

In einem hal­te ich die aktu­el­le Ent­wick­lung wirk­lich für pro­ble­ma­tisch: im (öko­no­misch for­cier­ten) Zwang, klei­ne Zei­chen zu pro­du­zie­ren, die » Wei­ter­le­sen «

Tageskritik

April 29th, 2010 § Kommentare deaktiviert für Tageskritik § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Eigent­lich hat­te ich ja vor mei­ne Mei­nung zum Relaunch der Nach­kri­tik kund­zu­tun. Aber ers­tens ist die­ses unglaub­li­che Wet­ter (zusam­men mit mei­ner Lau­ne) viel zu gut für Mäke­lei­en. Zwei­tens ist mei­ne chro­ni­sche Kri­ti­kor­rhö einer aku­ten Klug­scheiß­ver­stop­fung gewi­chen. Und drit­tens ist der imho schwers­te Feh­ler, der mir vor­ges­tern ins Hirn sprang, heut schon nicht mehr da: anstel­le des etwas zer­fa­ser­ten Auf­ma­chers zum Relaunch ste­hen jetzt die Nacht­kri­ti­ken, die vor­ges­tern doch sträf­lich auf der Sei­te ver­steckt waren. Wo sie jetzt sind, gehö­ren sie hin!

Was wär sonst noch:

  • die unglaub­li­che (freund­lich gesagt) Mas­se und Dich­te an farb­lich her­vor­ge­ho­be­nen Links und seman­ti­schen Her­vor­he­bun­gen macht das Din­ge für alle aus­ser den Hard­core-Usern zum kom­plet­ten Cha­os. Emp­feh­lung: Haus­frau­en­test. Schnell 10 Leu­te von der Stra­ße holen, davor set­zen und wäh­rend sie die Sei­te erkun­den die­se Pro­ban­den erzäh­len las­sen, was sie sehen, was sie ver­mu­ten, was sie inter­es­siert. Und wann sie abbre­chen wür­den. Wenn bis­serl Geld zur Hand ist noch bes­ser: Eye-Tracking. Ihr wer­det sehen, ein Erst­be­su­cher der Sei­te wird höchst ver­wirrt wenn nicht gestresst sein und die Inhal­te kaum wahr­neh­men. Lässt sich aber ändern.
  • Es ist natür­lich höchs­te Zeit, dass die Macher und Schrei­ber Geld für ihre Arbeit bekom­men. Ich glau­be aber nicht, dass Ban­ner viel brin­gen wer­den (aus­ser noch mehr Irri­ta­ti­on). Im nächs­ten Schritt über wei­te­re und neue Wege nach­den­ken. Shop wirds auch nicht rei­ßen, glau­be ich.
  • Ich ver­mis­se simp­le Ver­brei­tungs­mög­lich­kei­ten wie Face­book-Anbin­dung und Twit­ter. Bringt viel­leicht nicht immer viel — aber der Nut­zen lohnt sich bei dem tat­säch­lich ja sehr gerin­gen Auf­wand. RSS-Feed funk­tio­niert noch nicht ver­nünf­tig.

Jeder Relaunch ist eh ein work-in-pro­gress. Und da lässt sich noch pro­gre­die­ren, den­ke ich :-) Und jetzt zurück in die Son­ne und die Gene­sung wei­ter för­dern. Seit Ron­nie O’Sullivan bei der Snoo­ker-WM raus ist, gibts kei­nen Grund mehr, sich den Hin­tern vorm Fern­se­her platt zu sit­zen.

P.S. Hab ich jetzt am Ende doch klug­ge­schis­sen? Dann das noch: Ich lie­be Nacht­kri­tik noch immer — auch wenn das neue Kleid nicht so ganz per­fekt sitzt!

Nachtkritik relaunched

April 27th, 2010 § Kommentare deaktiviert für Nachtkritik relaunched § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Nacht­kri­tik hat sich beim relaunch ein über­ar­bei­te­tes Erschei­nungs­bild gege­ben — und wies Lieb­ha­bern so geht, deren Liebs­te sich in neu­em Klei­de und neu­em Schnitt zeigt: man ist ein wenig ver­wirrt, über­rascht, neu­gie­rig. Gefällts mir? Gefällts mir nicht? Ist das noch mei­ne Liebs­te? Mit Hei­ner Mül­ler: Die ers­te Erschei­nung des Neu­en ist der Schre­cken (nun­ja, viel­leicht etwas über­post­dra­ma­ti­siert).

Aus eige­ner Erfah­rung mit Laun­ches und Relaun­ches kann ich der Redak­ti­on und den Betei­lig­ten in Front- und Backend erst mal nur Glück wün­schen und wün­schen, dass es gut ankommt. Und all­seits nach den letz­ten und ver­mut­lich auch noch kom­men­den Tagen mit Bug­fi­xing usw. gute Erho­lung und viel Ver­gnü­gen wün­schen. Die Launch­par­ty will ich nicht mit mei­nen Ein­wän­den und die­ser oder jener Ent­täu­schung stö­ren. Deren hät­te ich ein­ge. Aber dafür ist spä­ter auch noch Zeit — ich hof­fe, dass die Besu­cher die Sei­te erst mal anneh­men. Und dass das Lesen und Lesen­las­sen wei­ter geht!

Auf zur nacht­kri­tik.

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