Sich Gesellschaft leisten — funktioniert.

Juni 14th, 2011 § Kommentare deaktiviert für Sich Gesellschaft leisten — funktioniert. § permalink; Autor: Ulf Schmidt

In der taz vom Wochen­en­de fin­det sich hier die­ser kur­ze Info­text:

Wirt­schaf­ten ohne Wachs­tum II: Die Sawa­y­a­ka Wel­fa­re Foun­da­ti­on in Japan, in den Neun­zi­gern gegrün­det von Ex-Jus­tiz­mi­nis­ter Tsu­to­mu Hot­ta, eta­blier­te ein geld­lo­ses Pfle­ge­sys­tem mit mitt­ler­wei­le über drei Mil­lio­nen Mit­glie­dern. “Fureai Kip­pu” heißt “Pfle­ge-Bezie­hungs-Gut­schrift” und ist das welt­größ­te Zeit­tausch­sys­tem. Wer Pfle­ge­be­dürf­ti­gen hilft, kriegt die Stun­den auf sei­nem Zeit­kon­to gut­ge­schrie­ben. Die Gut­schrift kann er oder sie spä­ter gegen Pfle­ge­diens­te ein­tau­schen oder an Ver­wand­te über­tra­gen. Eine Stun­de bleibt eine Stun­de — ohne Zins und Infla­ti­on.

Klas­se Sache — die Stun­den, die ein­ge­setzt wer­den, um die eige­ne Groß­mut­ter zu pfle­gen, kön­nen kon­ver­tiert wer­den in die eige­ne Pfle­ge durch irgend­wen. Ori­gi­nä­re Wert­schöp­fung aus Schuld­ver­schrei­bun­gen der Groß­mut­ter gegen­über dem Dienst­leis­ter, der die­se Schuld­ver­schrei­bun­gen und damit die Schuld der Groß­mut­ter, die sich aus der kör­per­li­chen Hin­fäl­lig­keit ablei­tet, an die Kin­der oder » Wei­ter­le­sen «

Die Utopie: Netztheater für eine globale Öffentlichkeit

Juni 13th, 2011 § 3 comments § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Es ist Pfings­ten – Zeit für Geist, der ins Thea­ter fährt. Nicht Hei­li­gen. Eher Spi­rit. A new spi­rit.

Schlecht­ge­laun­tes wie zuletzt hier über das gegen­wär­ti­ge Stadt­thea­ter abzu­son­dern ist eine Leich­tig­keit. Den Beob­ach­ter in der Loge zu geben, der sou­ve­rän sein Urteil über die Gla­dia­to­ren fällt, die sich täg­lich mit dem Thea­ter her­um­schla­gen, reicht nicht. Wie also wäre ein neu­es Thea­ter anzu­ge­hen? Dirk Baecker hat mit der sieb­ten sei­ner 15 The­sen gera­de eine ganz lau­ni­ge Dis­kus­si­on unter Sys­tem­theo­re­ti­kern (auto­po­iet und Dif­fe­ren­tia) ange­sto­ßen, die sich dar­über unter­hal­ten, wie denn wohl eine sol­che Kunst beschaf­fen sein müss­te. Abge­se­hen davon, dass „Kunst“ ein ziem­lich hoh­ler und damit unhand­li­cher Begriff ist, den es über­haupt erst ein­mal über Bord zu wer­fen gilt, sind die Gedan­ken inspi­rie­rend. Aller­dings geht es hier um eine ande­re Dimen­si­on der Fra­ge nach einer neu­en Kunst (kann über­haupt von „Kunst“ die Rede sein – wenn, dann als For­mu­lie­rung eines Gedan­kens, nicht aber als Zuschrei­bung zu irgend­ei­nem real exis­tie­ren­den Ding. Das vor­ab). Es geht um Thea­ter. Und es geht mir dar­um, wie ein Thea­ter aus­se­hen könn­te, das sich dem schein­bar unaus­weich­li­chen Kre­pie­ren der gegen­wär­ti­gen Thea­ter ent­zie­hen, ent­ge­gen­stel­len könn­te. Eine Uto­pie von Thea­ter, die mit dem bestehen­den pyra­mi­da­len Grab­mä­lern der Ver­gan­gen­heit bricht. Das will ich hier und heu­te zei­gen. Und das geht so: » Wei­ter­le­sen «

Appell und Verantwortung. Oder: Sind Surfer Subjekte?

April 11th, 2011 § 7 comments § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Im Zeit­al­ter des Net­zes wird die Fra­ge nach dem Sub­jekt neu gestellt. Sie muss neu gestellt wer­den, da die tra­di­tio­nel­len Bestim­mun­gen von Sub­jek­ti­vi­tät nicht mehr hin­rei­chend zu sein schei­nen, um den poly­morph per­ver­sen Sur­fer oder User zu fas­sen. Gemes­sen am Begriff des Sub­jekts ist der Sur­fer eine viel­ge­stal­tig gal­lert­ar­ti­ge Mas­se an Kom­mu­ni­ka­ti­on, die sich bald hier­hin, bald dort­hin ver­brei­tet, kle­ben bleibt und selbst zu einem Netz im Gesamt­netz gerinnt, bestehend aus den hin­ter­las­se­nen Spu­ren. Ob dahin­ter eine Iden­ti­tät, Kon­stanz, Auto­no­mie liegt? Ob über­haupt ein ein­heit­li­cher Flucht­punkt hin­ter die­sen protei­schen Viel­ge­stal­ten liegt? Ob sich von einer Viel­heit im Sin­ne einer mul­ti­pli­zier­ten und mul­ti­plen Ein­heit spre­chen lässt – oder von einer Unbe­stimmt­heit in sich, einem zeit­li­chen, räum­li­chen, kon­tex­tu­el­len Flui­dum, das sich in Sekun­den­schnel­le ver­än­dert. Das alles ist kei­ne post­mo­der­ne Fei­er eines post­sub­jek­ti­ven Zeit­al­ters – denn der his­to­ri­sche Rück­gang (mit durch­aus bewuss­ter Ver­knap­pung) kommt an einem Punkt an, der zeigt, wie wich­tig ein Begriff des Sub­jekts ist (auch wenn es viel­leicht zukünf­tig einen ande­ren Namen füh­ren muss).

Das Sub­jekt – Natu­ral Born Fic­tion

Das Sub­jekt war immer schon eine Fik­ti­on. Was kein Ein­wand ist. Es macht ledig­lich Sinn, das nicht zu ver­ges­sen, wenn dage­gen ange­rannt wird. Es ist schier unmög­lich, gegen Fik­tio­nen zu kämp­fen. Gespens­ter las­sen sich nicht dekon­stru­ie­ren. Zunächst weil sie von Anfang an kon­stru­iert sind und jede Dekon­struk­ti­on nur fest­stel­len kann, dass hier eine Kon­struk­ti­on vor­liegt. Was von wenig Erkennt­nis­ge­winn ist. Zudem weil jeder erneu­te Kampf gegen das Gespenst ihm nur neue Kraft ver­leiht. So ist der Ent­zug der Meta­phy­sik, den die Dekon­struk­ti­on bewerk­stel­li­gen woll­te, gründ­lich dar­an geschei­tert, dass » Wei­ter­le­sen «

Theatersterben: Zur Kritik des reinen Vergnügens

April 11th, 2011 § Kommentare deaktiviert für Theatersterben: Zur Kritik des reinen Vergnügens § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Ein kur­zer Mail­wech­sel mit Oli­vi­er Garo­fa­lo bringt mich dazu, nicht nur zum Haupt­the­ma die­ses Blogs – dem Thea­ter – zurück zu keh­ren. Son­dern direkt zu fun­da­men­ta­len Fra­gen des Gegen­warts­thea­ters zu kom­men. In der Mail von Garo­fa­lo fin­det sich die­se pro­vo­kan­te Fra­ge:

die wich­tigs­te Fra­ge ist wohl, ob der Inhalt
ver­schwin­det, weil das Publi­kum in den heu­ti­gen Zei­ten in ihrer Frei­zeit
nicht mit Fremd­ge­dan­ken belas­tet wer­den wol­len, oder ob beson­ders die
Schau­spiel- und Regie­schu­len nur Ästhe­tik leh­ren (weil das freie Den­ken eh
nicht bei­bring­bar ist). Wahr­schein­lich bei­des und mit­ten­drin die Kri­tik,
die ihre Mass­stä­be an der Kunst mes­sen und eben nicht am Inhalt.

Garo­fa­lo nimmt damit drei Betei­lig­te als poten­zi­el­le Akteu­re auf: Publi­kum, Thea­ter­schu­len und Kri­tik. Das ist inso­fern span­nend, als die Dis­kus­si­on nicht sofort Inten­dan­ten, Dra­ma­tur­gen und Regis­seu­re in den Blick und Angriff zu neh­men ver­sucht. Son­dern die Ent­ste­hungs­be­din­gun­gen einer bestimm­ten Gesamt­si­tua­ti­on auf schein­ba­re Rand­be­din­gun­gen zurück­führt – was Sinn macht.

Das Publi­kum

Ist das Publi­kum bzw. sind die Zuschau­er Akteu­re in einem Sinn, der sie mit­ver­ant­wort­lich für das Elend gegen­wär­ti­gen Thea­ters macht? Was will „das Publi­kum“? Ein gro­ßer, ein­fluss­rei­cher Teil des aktu­el­len Publi­kums for­dert offen­bar „werk­treue“ Insze­nie­run­gen von Klas­si­kern. Sie wol­len Muse­um. Iden­ti­sche Repro­duk­ti­on der eige­nen Vor­stel­lun­gen des­sen, was „die alten Meis­ter“ schrie­ben, woll­ten, vor­stell­ten. Die­se Debat­te ist nicht tot zu bekom­men. Und Thea­ter tun die­sem Publi­kum ja den Gefal­len. Man spielt die Klas­si­ker. Und wenns kei­ne » Wei­ter­le­sen «

Das kleine psychische System – ein Märchen. Teil II

Februar 2nd, 2011 § Kommentare deaktiviert für Das kleine psychische System – ein Märchen. Teil II § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Nach eini­gem Umse­hen stell­te jedes klei­ne psy­chi­sche Sys­tem fest, dass sein leben­di­ges Sys­tem aus­weg­los gefan­gen sei. Und so leb­te man also etwa 10 Jah­re ver­schüt­tet vor sich hin. Kei­ner ver­miss­te die klei­nen ere­mi­ti­schen psy­chi­schen Sys­te­me. Die Umwelt hat­te sie längst schon in der Wüs­te ver­lo­ren gege­ben. Und die Ere­mi­ten selbst dach­ten nicht im Träu­me dar­an, sich mit den ande­ren Ere­mi­ten im Raum zusam­men zu tun. Etwa eine ere­mi­ti­sche Gesell­schaft zu grün­den. Oder einen Ver­ein zur För­de­rung des Erem­ti­tis­mus. Oder » Wei­ter­le­sen «

Sehr Lesenswert: O.Garofalos Masterarbeit über „Sich Gesellschaft leisten“ (Download)

Januar 5th, 2011 § Kommentare deaktiviert für Sehr Lesenswert: O.Garofalos Masterarbeit über „Sich Gesellschaft leisten“ (Download) § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Eine sehr span­nen­de Erfah­rung, eine wis­sen­schaft­li­che Arbeit über sich selbst bzw. über einen eige­nen Text zu lesen. Ins­be­son­de­re eine so schlaue und reflek­tier­te wie die Mas­ter­ar­beit von Oli­vi­er Garo­fa­lo „Der regu­lier­te Mensch in Ulf Schmidts Thea­ter­text sich Gesell­schaft leis­ten“. Die Arbeit ist als Mas­ter­ar­beit am ger­ma­nis­ti­schen Lehr­stuhl von Fran­zis­ka Schüß­ler an der Uni Trier ent­stan­den. Dort war ja im Rah­men des Fes­ti­vals Maxi­mie­rung Mensch Sich Gesell­schaft leis­ten (teil)uraufgeführt und zum Gegen­stand der wis­sen­schaft­li­chen Dis­kus­si­on bei der Tagung gewor­den.

Garo­fa­lo kon­zen­triert sich auf die regu­lie­ren­den Prin­zi­pi­en in Sich Gesell­schaft leis­ten und nutzt Fou­cault als Optik für die Betrach­tung des Tex­tes. Das funk­tio­niert imho ziem­lich gut. Die Arbeit legt die unter­schied­li­chen Dimen­sio­nen der Regu­lie­rung und der Ver­schnü­rung der Per­so­nen in Ver­trags­ge­flech­ten frei und spürt ihnen prä­zi­se nach.

Ich will gar nicht erst ver­su­chen, den Inhalt der Arbeit zusam­men­zu­fas­sen. Oli­vi­er Garo­fa­lo hat mir erlaubt, sei­ne Arbeit hier zu ver­lin­ken und zum Down­load frei anzu­bie­ten. Dafür herz­li­chen Dank. Und ich kann die Lek­tü­re nach­drück­lich emp­feh­len. Es sind vie­le Gedan­ken und Refe­ren­zen dar­in, derer ich mir gar nicht bewusst war bzw. auf die ich erst im Nach­hin­ein reflek­tie­ren kann. Hier kann der Text her­un­ter­ge­la­den wer­den.

Falls ein Thea­ter hier mit­liest, das einen cle­ve­ren und enga­gier­ten Dra­ma­tur­gen sucht: Garo­fa­lo ist jetzt mit dem Stu­di­um fer­tig ….! Ich stel­le ger­ne einen Kon­takt her!

Neues aus dem Maschinenraum: Großformatdrucker für neuen Text da!

Januar 4th, 2011 § Kommentare deaktiviert für Neues aus dem Maschinenraum: Großformatdrucker für neuen Text da! § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Nach­dem das Aus­dru­cken von Sich Gesell­schaft leis­ten schon ein grö­ße­res Pro­blem war und auf A3 auch nur zu mit­tel­mä­ßi­ger Les­bar­keit führ­te — brauchts für den Mari­entha­ler Dachs eine ver­nünf­ti­ge Lösung. Einen A1 Dru­cker aus dem Hau­se Hew­lett-Packard. Desi­gn­jet 488CA. Gebraucht gekauft. Mich traf ein mit­tel­schwe­rer Bllitz, als der Lie­fe­rant mit einer 1.80 lan­gen Kis­te in Form eines Kin­der­s­args dastand, die ich mit ihm zusam­men kaum die Trep­pe rauf­be­kom­men hab:

Jetzt aber ist die Maschi­ne aus­ge­packt, auf­ge­baut, ver­staut. Und wenn ich mor­gen schaf­fe, ein Parallel/USB Kabel zu besor­gen und es schaf­fe, den Trei­ber unter VISTA zu instal­lie­ren — kann end­lich die Über­nah­me der Zet­tel­wän­de in die Datei begin­nen mit nach­fol­gen­dem Wie­der­aus­druck zur Neu­ver­zet­te­lung.

Ver­zet­teln ist eh das bes­te.

Hammer, dieses Wirtschaftswachstum! Oder doch nicht?

November 4th, 2010 § 4 comments § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Ja der Wahn­sinn. Wirt­schafts­kri­se? Was war das gleich noch. Wie “booooooo­men”. Deutsch­land ist die “Wachs­tums­lo­ko­mo­ti­ve”. Ahhh ja. Wie wird Schäub­le heu­te bei SpON zitiert:

Aller­dings kön­ne das Niveau, das die Steu­er­ein­nah­men vor der Kri­se im Jahr 2008 hat­ten, erst 2012 wie­der erreicht wer­den. (Hier)

Das ist frei­lich ein dol­les “Wachs­tum”. Wir fei­ern ein­fach, dass wir weni­ger krank sind als ges­tern. Wenn ich mir zwei Bei­ne bre­che und eins von bei­den heilt schnel­ler — titelt die Wirt­schafts­pres­se “Mann hat über­ra­schend zusätz­li­ches Bein.” Und alle glau­ben, er hät­te drei davon. Was ein Quatsch. Wir freu­en uns, dass wir uns ans Niveau von vor zwei oder drei oder was­wei­ßich Jah­ren wie­der hoch wach­sen. Darf ich viel­leicht auf das in die­sem Blog­post ein­ge­bun­de­ne Chart ver­wei­sen und mei­ne dama­li­ge Vor­her­sa­ge, dass sich die Wel­len­be­we­gung so » Wei­ter­le­sen «

Von Produkt und Eigentum zu Service und Miete in der Postindustrie

Oktober 28th, 2010 § 2 comments § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Der Arti­kel, da sehr lang, hier als PDF.

Inspi­riert von Tho­mas Stro­bls von mir mit Spaß und Inter­es­se gele­se­nen Schul­den-Buch, möch­te ich mei­nen Gedan­ken, dass even­tu­ell die tra­di­tio­nel­le (nicht nur die klas­si­sche) öko­no­mi­sche Leh­re auf den Müll­hau­fen der Geschich­te gehö­ren könn­te, wei­ter den­ken. Im Inners­ten von Stro­bls Aus­füh­run­gen sitzt nicht nur – wie zuletzt bemerkt – der Gedan­ke der Pro­duk­ti­ons­in­dus­trie, son­dern auch der Gedan­ke des Eigen­tums an Sachen. Der Indus­tri­el­le erwirbt Maschi­nen, Anla­gen, Gebäu­de als illi­qui­des Kapi­tal, um damit höhe­re Gewin­ne zu erwirt­schaf­ten. Die­se Gewinn­aus­sicht recht­fer­tig den Ein­satz liqui­der Geld­mit­tel auch unter Eibe­zie­hung von Schul­den. Liegt der erwar­te­te Gewinn bzw. das Umsatz­plus höher als die Zins­sum­me, ist die Ver­schul­dung gerecht­fer­tigt. Es sei, so Stro­bl, eine Anlei­he aus der Zukunft, mit der heu­te schon Umsatz­ge­win­ne erwirt­schaf­tet wer­den kön­nen. Und nur durch sol­che Anlei­hen kann Wachs­tum ent­ste­hen.

Vom Inge­nieur-Entre­pre­neur zum Mana­ger

Bereits im letz­ten Pos­ting hat­te ich dem ent­ge­gen gesetzt, dass die inves­tie­ren­de Pro­duk­ti­ons­wirt­schaft zuneh­mend abge­löst wird durch eine  mie­ten­de oder lea­sen­de Ser­vice­wirt­schaft – ver­kör­pert in den Tätig­kei­ten der Nut­te und des Mana­gers in dem Film Pret­ty Woman. Das Pro­dukt des Mana­gers ist nicht das Pro­dukt, das die Fir­ma ver­treibt, die er lei­tet. Sei Ziel sind nicht bes­se­re Pro­duk­te. Das Pro­dukt des Mana­gers ist die Bilanz. Er wird an die­ser Vor­ga­be, an die­sen Zie­len und ihrer Errei­chung gemes­sen. Es sei die etwas plat­te typo­lo­gi­sche Abs­trak­ti­on erlaubt: Der Unter­neh­mer alter Pro­ve­ni­enz ist eher der Inge­nieur, der Edi­son, Benz, Krupp oder Fer­di­nand Por­sche. Sei­ne Geschäfts­idee ist ein bestimm­tes Pro­dukt, für des­sen Ver­bes­se­rung er sich stark macht. Der Mana­ger hin­ge­gen kon­zen­triert sich dar­auf, was die bes­te Bilanz bringt. Wenn er dafür das Pro­dukt ver­bes­sern muss – tut ers. Wenn er das Pro­dukt ver­schlech­tern muss – tut er auch das. Sein Leit­stern ist ein ande­rer als der des Inge­nieurs. Stro­bl for­mu­liert ähn­lich:

Die Iden­ti­fi­ka­ti­on der Mana­ger mit ihren Unter­neh­men änder­te sich: Sie haf­te­ten jetzt nicht mehr als ‚ehr­ba­re Kauf­leu­te‘ mit eige­nem Namen und Ver­mö­gen, son­dern ver­dien­ten ihr Geld schlicht als ‚lei­ten­de Ange­stellt‘.  […] Das Ren­di­te­den­ken trat in den Vor­der­grund, ein­zel­ne Unter­neh­men und gan­ze Gesell­schaf­ten wur­den ihm unter­wor­fen. Ein­mal mehr erwies sich der Kapi­ta­lis­mus als äußerst inno­va­ti­ons­fä­hig: Schum­pe­ters legen­dä­re Entre­pre­neurs zogen den Blau­mann aus und ver­lie­ßen ihre Fabrik­hal­len, um in Nadel­strei­fen die holz­ge­tä­fel­ten Büros des Geld­adels zu erobern. (63f)

Zu Marx‘ Zei­ten war der Kapi­ta­list der­je­nig, der die Pro­duk­ti­ons­mit­tel besaß. Maschi­nen, Anla­gen, Struk­tu­ren, Roh­stof­fe usw. Heu­te ist der Kapi­ta­list der Bank­ma­na­ger. Er besitzt gar nichts. Er ist beauf­tragt, ihm zur Ver­fü­gung gestell­te Kapi­tal­wer­te so ein­zu­set­zen, dass am Ende die Bilanz bes­ser wird als im Vor­jahr.

Das­sel­be gilt natür­lich für Mana­ger­vor­stän­de in pro­du­zie­ren­den oder dienst­leis­ten­den Unter­neh­men. Hier lau­tet der Auf­trag, den „Besit­zern“ (Aktio­nä­ren) per Bilanz höhe­re Akti­en­kur­se und Divi­den­den zu pro­du­zie­ren. Er besitzt die Pro­duk­ti­ons­mit­tel nicht. Er ver­wal­tet d.h. managt das Kapi­tal. Er ist gemie­tet wie das Haus, in dem die Bank sitzt.

Das Sys­tem der Miet­ar­bei­ter

Der Mana­ger war – Boltanski/Chiapello beschrei­ben die­sen Über­gang, der sich bereits seit den Nach­kriegs­jah­ren mit wach­sen­der Geschwin­dig­keit voll­zieht – aller­dings nur der ers­te Schritt. Die Ent­wick­lung vom Mit­ar­bei­ter zum Miet­ar­bei­ter ist die kon­se­quen­te Wei­ter­ent­wick­lung. War dem Inge­nieur die Stamm­be­leg­schaft ein wich­ti­ger Besitz (auch wenn er sie ver­mut­lich immer häu­fi­ger als lohn­gie­ri­gen Moloch erleb­te), betrach­tet der Mana­ger die Beleg­schaft als lau­fen­den Kos­ten­fak­tor. Im Rah­men der Bilanz ist die Lohn­quo­te ein­fach ein Pos­ten unter vie­len ande­ren. Und wie eine Groß­in­ves­ti­ti­on die Bilanz eines Jah­res hübsch ver­ha­geln kann (weil sie ja schul­den­fi­nan­ziert ein Loch in die liqui­den Mit­tel reißt) und ent­spre­chend die Mie­te oder Lea­sing für ihn sinn­vol­ler ist, dass hier lau­fen­de Lea­sing­kos­ten gegen lau­fen­de (Mehr)Einnahmen gerech­net wer­den kön­nen, ist auch die Stamm­be­leg­schaft als zumeist unfle­xi­bler Kos­ten­block eine Belas­tung, die durch soge­nann­te Fle­xi­bi­li­sie­rung, d.h. den Über­gang von der Stamm­be­leg­schaft zur Leih­ar­beit (jen­seits der unab­ding­ba­ren Kern­be­leg­schaft), in eine Kos­ten-Ertrags-Rech­nung über­führt wer­den kann. Die gesam­te Fle­xi­bi­li­sie­rungs- und Leih­ar­beits­de­bat­te, die der tat­säch­li­chen Leih­ar­bei­ter­quo­te vor­aus läuft, deu­tet klar in die­se Rich­tung- Egal ob es sich um den pro­du­zie­ren­den Sek­tor oder die Dienst­leis­tungs­bran­che han­delt: Der Miet­ar­bei­ter liegt im Trend. Und die eben­falls von Boltanski/Chiapello luzi­de beschrie­be Wand­lung hin zur pro­jekt­ba­sier­ten Netz­wer­köko­no­mie wird die­sen Trend in gewal­ti­ger Geschwin­dig­keit rea­li­sie­ren.

Im Miet­ver­hält­nis tritt eine drit­te Kom­po­nen­te des Besit­zes in den Vor­der­grund: das voll­gül­ti­ge, aber befris­te­te Nut­zungs­recht. In einer ver­netz­ten Welt muss man die­ser und nur die­ser Kom­po­nen­te sei­ne gan­ze Auf­merk­sam­keit wid­men. Anstatt sich als Eigen­tü­mer von sei­nem Eigen­tum » Wei­ter­le­sen «

Nutten und Manager: Dienstleistungsökonomie jenseits von Schuld+Ware

Oktober 23rd, 2010 § 1 comment § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Könn­te es sein, dass der Über­gang von der Indus­trie- zur Dienst­leis­tungs- und wei­ter zur Wis­sens­ge­sell­schaft die gesam­te Tra­di­ti­on der Öko­no­mie auf den Müll­hau­fen der Geis­tes­ge­schich­te kata­pul­tiert? Der Gedan­ke kam mir bei der Lek­tü­re der ers­ten Sei­ten des Buchs (Update 2015: Bog inzwi­schen off­line; Link zur Way­back­Ma­chi­ne))von Tho­mas Stro­bl. Nicht etwa, weil das Buch nicht über­zeu­gend argu­men­tie­ren wür­de, dass Schul­den kein Makel sind. Son­dern weil das Buch über­haupt die Schul­den­the­ma­tik (über­zeu­gend) mit der Wachs­tums­the­ma­tik intim ver­knüpft. Das Argu­ment, dass Schul­den im Sin­ne einer Anlei­he auf die Zukunft nicht nur höhe­ren Wohl­stand in der Gegen­wart son­dern auch Wachs­tum (um die Schul­den plus Pro­fit abzu­tra­gen) erzeugt, ist zutiefst indus­tri­ell gedacht. Es setzt vor­aus, dass die Ver­schul­dung in eine Inves­ti­ti­on mün­det, also gewis­se Anschaf­fun­gen, die nicht erst getä­tigt wer­den, wenn sie erwirt­schaf­tet wur­den, son­dern erwirt­schaf­tet wer­den, nach­dem sie ange­schafft sind. Und dabei einen höhe­ren Ertrag und Pro­fit abwer­fen, als Til­gung und Zins betra­gen. Das macht für eine auf Maschi­nen, Anla­gen, Werks­ge­bäu­de, Pro­duk­ti­ons­nie­der­las­sun­gen usw. hoch­gra­dig Sinn. Für alle Wirt­schafts­zwei­ge, deren Pro­duk­ti­on im Wesent­li­chen mit Inves­ti­ti­ons­gü­tern bewerk­stel­ligt wird. Stro­bl schreibt:

Wer Gewinn machen will, der muss zunächst inves­tie­ren. Ware und Pro­duk­ti­ons­an­la­gen müs­sen ange­schafft, Arbeits­löh­ne müs­sen vor­fi­nan­ziert wer­den. Das Unter­neh­men bedarf außer­dem eines Stand­orts, der gekauft oder gemie­tet wer­den muss – denn geschenkt wird einem in der Wirt­schaft bekannt­lich nichts. Für all das ist Kapi­tal erfor­der­lich. Und das muss von irgend­wo­her kom­men: In Form eige­ner Mit­tel, die man sich als Eigen­ka­pi­tal qua­si sel­ber vor­streckt oder von Gleich­ge­sinn­ten besorgt. Oder durch Auf­nah­me von Schul­den. (129f)

So pro­duk­ti­ons­ori­en­tiert, so waren­ori­en­tiert – so weit so rich­tig. Der lau­fen­de Rekurs in der vor­he­ri­gen Kapi­teln auf den Tausch von Eiern gegen Kar­tof­feln oder unter­schied­li­cher Fuß­ball­bild­chen bleibt in der­sel­ben Bil­der­welt.

Öko­no­mie ohne Schul­den

Aber wie sieht das in einer Dienst­leis­tungs­ge­sell­schaft aus? Wie sieht das also in einer Öko­no­mie aus, die im Wesent­li­chen nur den Mit­ar­bei­ter als Kos­ten­fak­tor zum Ein­satz bringt? Ver­gli­chen zur Indus­trie­ge­sell­schaft sind die „Inves­ti­tio­nen“ in der Dienst­leis­tungs­ge­sell­schaft rela­tiv gering. Sie kön­nen zudem durch Mie­te » Wei­ter­le­sen «

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