Das große Drama rund ums Urheberrecht – Stück in 5 Tagen und 21 Akten

Juli 25th, 2010 Kommentare deaktiviert für Das große Drama rund ums Urheberrecht – Stück in 5 Tagen und 21 Akten Autor: Ulf Schmidt

Ein hoch­dra­ma­ti­sches Stück — mit etwas lang­wei­li­gem und lang­at­mi­gem ers­ten Tag.

Geplant ist, dass die nächs­ten Tage täg­lich hier erschei­nen. Sie sind noch nicht fer­tig — das ist aber manch­mal so bei Urhe­bun­gen. Und nun: Vor­hang auf.

Ers­ter Akt: Men­schen haben Ide­en und erfin­den oder pro­du­zie­ren Din­ge. Sie schrei­ben Tex­te, malen Bil­der, kom­po­nie­ren Musik, foto­gra­fie­ren, musi­zie­ren und so wei­ter. Der Urhe­ber all die­ser Din­ge hat das Urhe­ber­recht dar­an. Ihm gehört die Idee. Wenn er sie wei­ter­gibt und sie ver­brei­tet gehört jeder­zeit dazu gesagt, wer der Urhe­ber ist. So weit so ein­fach. Ein ide­el­les Anrecht.

Zwei­ter Akt: Men­schen suchen Ide­en und Unter­hal­tung. Sie möch­ten sich lan­ge Aben­de mit Musik oder Büchern ver­trei­ben, die gute Nach­richt der Reli­gi­on lesen, das Neu­es­te aus aller Welt mit­be­kom­men. Sie wün­schen sich Bil­der, Fotos und so wei­ter. So weit so schön.

Drit­ter Akt: Men­schen ent­de­cken, dass sich die Ide­en der einen gut dazu eig­nen, das Bedürf­nis der ande­ren zu erfül­len. Sie haben kei­ne Idee außer einer ein­zi­gen: Wir brin­gen Ide­en und dar­aus ent­ste­hen­de Wer­ke von denen, die sie sich aus­ge­dacht haben zu denen, die sie sich wün­schen. Die Orga­ni­sa­ti­on der Ver­brei­tung las­sen wir uns bezah­len – und ein biss­chen mehr. Wir sor­gen dafür, dass mög­lichst vie­le Men­schen erfah­ren, welch tol­le Wer­ke sie von uns bekom­men kön­nen. Außer­dem sor­gen wir auch für die phy­si­ka­li­sche Ver­viel­fäl­ti­gung des Wer­kes und knüp­fen an die­sen phy­si­ka­li­schen Gegen­stand die Pro­dukt­för­mig­keit: Das phy­si­sche Buch, die phy­si­sche Plat­te wird gegen Geld ange­bo­ten.

Vier­ter Akt: Die Men­schen aus dem ers­ten Akt stel­len fest, dass man zwi­schen zwei Ide­en was essen muss. Irgend­wo woh­nen. Klei­den. Und so wei­ter. Und dass da ja Leu­te im drit­ten Akt auf­ge­tre­ten sind, die sich für die Ver­brei­tung ihrer Ide­en bezah­len las­sen – und davon ganz gut leben. War­um sol­len nur die Ver­brei­ter (die sich inzwi­schen Ver­la­ge, Gale­ris­ten, Musik­pro­du­zen­ten usw. nen­nen) davon leben kön­nen und nicht auch die­je­ni­gen, die ihre Zeit inves­tie­ren, um Ide­en zu haben und aus­zu­ar­bei­ten. Sie las­sen sich also die Nut­zung ihrer Wer­ke ver­gü­ten. Das kom­mer­zi­el­le Ver­wer­tungs­recht kommt zum Urhe­ber­recht hin­zu. Jetzt muss aus dem Geld, das die Men­schen des drit­ten Aktes (im Fol­gen­den: Ver­le­ger) von den  Men­schen des zwei­ten Aktes (im Fol­gen­den: Rezi­pi­en­ten) kas­sie­ren ein Teil an die Men­schen des ers­ten Aktes (im Fol­gen­den: Urhe­ber) abge­tre­ten wer­den. Die Tan­tie­me. Kunst- und Bücher­markt ent­ste­hen, drum­her­um die Kul­tur­in­dus­trie.

Fünf­ter Akt: Es tre­ten wei­te­re Media­to­ren auf – denen des drit­ten Aktes ver­gleich­bar, aber etwas anders. Sie betrei­ben Radio­sta­tio­nen und spie­len dort Musik. Sie ver­lei­hen Bücher in Biblio­the­ken. Sie dru­cken Repro­duk­tio­nen von Bil­dern. Zudem erschei­nen Ver­viel­fäl­ti­gungs­ma­schi­nen: Kas­set­ten­re­cor­der, Foto­ko­pie­rer. Die alle müs­sen nun auch einen Obo­lus an die Urhe­ber zah­len, obwohl sie nicht im engs­ten Sin­ne deren Ide­en kom­mer­zi­ell abre­chen­bar (also: gegen Ein­zel­stück­be­zah­lung) nut­zen. Die Ver­wer­tungs­ge­sell­schaf­ten (VG Wort, GEMA usw) ent­ste­hen nach 1965 auf Grund­la­ge des Urhe­ber­rechts­wahr­neh­mungs­ge­set­zes.

Damit endet der ers­te Abend des Büh­nen­spiels. Alles scheint in wun­der­ba­rer Har­mo­nie und Ord­nung — aber halt. Was ist das? Schreck. Graus. Ohn­macht: das Inter­net erscheint!

Wir set­zen fort mit dem zwei­ten Abend

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