Das große Drama rund ums Urheberrecht – Tag 4: Überraschende Wende

Juli 28th, 2010 Kommentare deaktiviert für Das große Drama rund ums Urheberrecht – Tag 4: Überraschende Wende Autor: Ulf Schmidt

Ers­ter Akt: Die Wer­be­in­dus­trie tritt auf. Denn Nach­rich­ten über ihre Pro­duk­te wer­den bis­her nur dann über­haupt wahr­ge­nom­men, wenn sie im Umfeld eines Inhal­tes plat­ziert sind, der die Men­schen inter­es­siert. Wer­bung ist dabei ledig­lich die Bei­la­ge, die Unter­bre­chung, das „Sup­ple­ment“. Wenn die alten Wer­be­trä­ger weg­ster­ben – kommt man zu einem neu­en Modell: Einer­seits suchen Inhal­te­ma­cher nach Geld – ande­rer­seits Geld­in­ha­ber nach Inhal­ten, neben denen die Wer­be­bot­schaft sich plat­zie­ren lässt. Eine Traum­lö­sung?

Zwei­ter Akt: Die bei­den Traum­part­ner des ers­ten Aktes pas­sen nicht beson­ders gut zusam­men. Inhalt­lich nicht wirk­lich. Und es lohnt sich für bei­de auch nicht so recht. Gro­ße Unsi­cher­heit. — Zugleich an einem ande­ren Ort: Die Ver­la­ge bre­chen end­gül­tig zusam­men. Rudi­men­te blei­ben im Netz erhal­ten: Als Ser­vice­dienst­lei­ter für Lek­to­rat und Lite­ra­tur-Agen­ten­tä­tig­keit gegen Bezah­lung von Auf­trag­ge­bern (ins­bes. Urhe­bern). Zugleich an einem and­ren Ort:  Die meis­ten Urhe­ber sehen kaum einen  Cent für ihre Arbeit – sie haben aber Publi­ka­ti­ons­mög­lich­kei­ten, die es nie zuvor gab. Sie kön­nen als Fei­er­abend-Dich­ter, Musi­ker, Foto­gra­fen usw. ihre Wer­ke anbie­ten gegen klei­nes Geld auf Platt­for­men, die nichts ande­res regeln, als die Bezah­lung (PayPal, iTu­nes, Face­book, Apps). Die Krea­ti­vi­tät erhält einen unge­ahn­ten Schub.

Drit­ter Akt: Über­ra­schen­de Wen­dung. Die ers­ten Urhe­ber kön­nen von ihrer Arbeit leben. Eine Mischung aus spär­li­chen Wer­be­ein­nah­men, spär­li­chem Mikro­payment, Wei­ter­ver­wer­tungs­tan­tie­men (Buch­aus­ga­ben, Plat­ten, usw.) – und vor allem: Live-Ver­an­stal­tun­gen (Kon­zer­ten, Lesun­gen, Auf­füh­run­gen) bringt ihnen ein Salär ein. Sie tref­fen auf die Urhe­ber der älte­ren Gene­ra­ti­on und stel­len fest: Die meis­ten von denen muss­ten Taxi fah­ren. Denn von den Prei­sen ihrer Wer­ke haben sie zumeist nicht viel Geld gese­hen. Wenn sies nicht sowie­so selbst bezah­le muss­ten. Es kön­nen nicht viel weni­ger von der Urhe­ber­schaft leben als frü­her.  Viel­leicht ande­re, viel­leicht anders arbei­ten­de.

Vier­ter Akt: Die Urhe­ber sit­zen zusam­men und reden dar­über, woher das Geld kommt. Eine gro­ße Grup­pe ist bei öffent­lich-recht­li­chen Nach­rich­ten­an­stal­ten beschäf­tigt. Eine wei­te­re Grup­pe bei Hoch­schu­len, Aka­de­mi­en und Uni­ver­si­tä­ten. Eine wei­te­re Grup­pe an Kunst­in­sti­tu­tio­nen. Und sehr vie­le fah­ren Taxi, Kell­nern oder machen sonst was ande­res. Die älte­re Gene­ra­ti­on sagt: War bei uns auch nicht anders.

Fünf­ter Akt: Die Ver­la­ge sind ver­schwun­den, Dru­cke­rei­en, Vinyl­fa­bri­ken, CD-Fabri­ken, und so wei­ter eben­falls. Zehn­tau­sen­de Men­schen sind durch die Digi­ta­le Dig­res­si­on arbeits­los gewor­den. Das ist ein gigan­ti­sches Pro­blem. Aber kein Urhe­ber­rechts­pro­blem. Vie­len Urhe­bern geht es finan­zi­ell schlecht, eini­ge leben (ins­be­son­de­re in Ber­lin) von Hartz IV. For­de­run­gen nach einem bes­se­ren Sti­pen­di­en­mo­dell  wer­den zu Recht laut. For­de­run­gen nach einer Aus­wei­tung des Hoch­schul­sys­tems für alle mög­li­chen For­men von Urhe­bern. Oder noch bes­ser: nach einem bedin­gungs­lo­sen Grund­ein­kom­men, das den Künst­lern ohne all­zu gro­ße Sor­ge um ihren Lebens­un­ter­halt ermög­licht, ur zu heben. Diver­se Micro­payment-Sys­te­me sor­gen für einen gerin­gen Finanz­mit­tel­fluss. Eini­ge „Groß-Urhe­ber“ tun sich zu kos­ten­pflich­ti­gen Gemein­schafts­por­ta­len und -platt­for­men zusam­men und leben davon.

Die Rezi­pi­en­ten rezi­pie­ren ohn Unter­lass. Für das meis­te zah­len sie nichts, geben aber immer die Quel­le an. Wol­len die Urhe­ber ger­ne „live“ erle­ben und zah­len dafür. Und sie machen auch ger­ne mit beim Urhe­ben. Kom­men­tie­ren, inspi­rie­ren, dis­ku­tie­ren, machen Ver­bes­se­rungs­vor­schlä­ge. Eine krea­ti­ve Gesell­schaft ent­steht. Eine Gesell­schaft der Krea­ti­ven.

Ende des vier­ten Tages. Alle sind erschöpft – aber auch über­rascht über den Aus­gang.

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