Das kleine psychische System – ein Märchen. Teil II

Februar 2nd, 2011 Kommentare deaktiviert für Das kleine psychische System – ein Märchen. Teil II Autor: Ulf Schmidt

Nach eini­gem Umse­hen stell­te jedes klei­ne psy­chi­sche Sys­tem fest, dass sein leben­di­ges Sys­tem aus­weg­los gefan­gen sei. Und so leb­te man also etwa 10 Jah­re ver­schüt­tet vor sich hin. Kei­ner ver­miss­te die klei­nen ere­mi­ti­schen psy­chi­schen Sys­te­me. Die Umwelt hat­te sie längst schon in der Wüs­te ver­lo­ren gege­ben. Und die Ere­mi­ten selbst dach­ten nicht im Träu­me dar­an, sich mit den ande­ren Ere­mi­ten im Raum zusam­men zu tun. Etwa eine ere­mi­ti­sche Gesell­schaft zu grün­den. Oder einen Ver­ein zur För­de­rung des Erem­ti­tis­mus. Oder ähn­li­ches. Sie beschlos­sen viel­mehr jeder für sich, sich nicht in kom­mu­ni­ka­ti­ve Akte ver­wi­ckeln zu las­sen. Dafür aller­dings reg­ten sich die Esse in den Träu­men und trie­ben die Ere­mi­ten dazu, dass ihre psy­chi­sche Sys­te­me sich doch damit aus­ein­an­der­setz­ten, dass da ande­re leben­di­ge und psy­chi­sche Sys­te­me sei­ne. Etwa durch ere­mi­ti­sche Mor­gen­lat­ten. Das beob­ach­te­ten die psy­chi­schen Sys­te­me sowohl an den eige­nen leben­den Sys­te­men, als auch an den ande­ren. Aber jen­seits der Beob­ach­tung tat sich nicht viel. Ere­mi­ten und Ere­mi­tin­nen blie­ben brav aus­ein­an­der, ver­mie­den den direk­ten Blick. Es rich­tet sich jeder in einem klei­nen Par­zell­chen ein.

Glück­li­cher­wei­se waren Was­ser­lei­tung und Sani­tär­an­la­gen intakt geblie­ben. Und die Inhal­te vie­ler­lei Auto­ma­ten reich­ten auch, um die Ernäh­rung sicher zu stel­len. Zudem sorg­te ein lau­fen­der Video­re­kor­der mit Fil­men dafür, dass die Ere­mi­ten sich nicht viel mehr lang­weil­ten als in der Wüs­te. Die psy­chi­schen Sys­te­me leb­ten neben­ein­an­der her. Nein, falsch: Die leben­di­gen Sys­te­me leb­ten neben­ein­an­der her, jedes ein­zel­ne psy­chi­sche Sys­tem war nur um das eige­ne leben­di­ge Sys­tem bemüht. Den Rest igno­rier­ten die, die über­haupt noch igno­rie­ren konn­ten und nicht schon von ihrem jewei­li­gen Es völ­lig ein­ge­nom­men waren und vege­tier­ten.

Freu­de an der Beob­ach­tung

Unser klei­nes psy­chi­sches Sys­tem aller­dings fing doch bald an, sich zu lang­wei­len. Und es beschloss zu schau­en, was und wie die andern es so trei­ben. Es woll­te sich anschau­en, wie sich die Bezie­hun­gen ent­wi­ckeln. So stieg er auf eine Empo­re, die die gesam­te War­te­hal­le weit über­rag­te. Und es hat­te all die ande­ren Ere­mi­ten bes­tens im Blick. Es beschloss, sich einen Zet­tel zu neh­men, und jeden Ere­mi­ten durch einen Punkt dar­zu­stel­len. Und jeden Aus­tausch zwi­schen Ere­mi­ten nur als Punkt auf­zu­neh­men.

Es brauch­te eini­ge Zeit, bis über­haupt etwas statt­fand. Ein Ere­mit nahm tat­säch­lich Kon­takt zu einem ande­ren Ere­mi­ten auf. Eigent­lich eine Ere­mi­tin, jeden­falls was das leben­de Sys­tem anging. Aber in die­sem weib­li­chen Sys­tem leb­te ein klei­nes männ­li­ches psy­chi­sches Sys­tem. Wir wol­le das nicht wei­ter aus­füh­ren. Es ist ja schließ­lich Pri­vat­sa­che die­ses lei­nen psy­chi­schen Sys­tems. Jeden­falls wur­de es kon­tak­tiert. Falsch. Das leben­di­ge Sys­tem. Nein, auch falsch. Zwi­schen den bei­den Punk­ten unse­res klei­nen psy­chi­schen Sys­tems konn­te jetzt eine kom­mu­ni­ka­ti­ve Linie gezeich­net wer­den. Das sich die bei­den … halt nein. Es kam kei­ne Kom­mu­ni­ka­ti­on zustan­de. Denn die bei­den Kom­mu­ni­kan­ten hat­ten kei­nen Zugriff auf das­sel­be Signi­fi­kan­ten­re­ser­voir. Sie spra­chen unter­schied­li­che Spra­chen. Und hör­ten jeweils Geräu­sche aus den leben­den Sys­te­men kom­men – ver­moch­ten aber die Infor­ma­ti­on des Sen­ders nicht zu ver­ste­hen. Aller­dings wur­de bei­den auch nicht klar, ob der jeweils ande­re wirk­lich eine sinn­fä­hi­ge Spra­che sprö­che – oder doch nur auf­grund der lan­gen Ein­sam­keit und Son­nen­ein­wir­kung so ver­wirrt und ver­kocht war, dass nur­mehr Geräu­sche sei­nem Mund ent­wö­chen. Sie rede­ten. Anein­an­der vor­bei. Aber sie rede­ten immer­hin. Eine Zeit­lang. Bis es ihnen zu blö­de wur­de, sich gegen­sei­tig anzu­grun­zen. Denn Grunz­lau­te waren auf­grund ihrer grund­le­gen­den Sinn­lo­sig­keit eben­so geeig­net, eine unver­ständ­li­che Kom­mu­ni­ka­ti­on zu ermög­li­chen, wie Signi­fi­kan­ten­ket­ten, die jeder für sich sinn­voll fand (mut­maß­lich – wer weiß schon, ob es sich um Spra­chen han­del­te). Jeden­falls kor­ri­gier­te das beob­ach­ten­de klei­ne psy­chi­sche Sys­tem die Kom­mu­ni­ka­ti­ons­li­nie durch Schraf­fie­rung. Und es beob­ach­te­te und beob­ach­tet und beob­ach­te­te. Und all­mäh­lich bil­de­te sich ein gan­zes Netz­werk aus Stri­chen und Punk­ten auf sei­nem Zet­tel­chen.

Was sich da so tat

Im Lau­fe der zehn Jah­re kam es zu wei­te­ren Kom­mu­ni­ka­ti­ons­at­ta­cken, die den einen oder ande­ren Ere­mi­ten und die eine oder ande­re Ere­mi­tin befie­len. Immer wie­der mal kamen Ere­mi­ten mit­ein­an­der dazu, sich zu unver­stän­di­gen. Es schien tat­säch­lich kei­ner die Spra­che des Ande­ren zu spre­chen. Unver­ständ­nis war das Ein­zi­ge, was sie sich gegen­sei­tig kom­mu­ni­zier­ten. Da im Wesent­li­chen aber sowie­so kei­ner­lei Kom­mu­ni­ka­ti­on nötig war, bestand kein gro­ßes Pro­blem. Man leb­te nicht mit­ein­an­der, son­dern neben­ein­an­der her. Es war Ein­sam­keit in Gesell­schaft – wie es sich für Ere­mi­ten halt so schickt. Nur die Esse trie­ben dann und wann ihren Scha­ber­nack mit ihren psy­chi­schen Sys­te­men und leben­den Sys­te­men. Sie mach­ten Träu­men und Begier­de. Vor allem Begier­de nach Ande­ren. Gele­gent­lich kam es zu nächt­li­chen Über­grif­fen, weil ein Es sein psy­chi­sches Sys­tem dazu brach­te, das eige­ne leben­de Sys­tem zu einem ande­ren leben­den Sys­tem zu ver­frach­ten und es gegen die Zustim­mung sei­nes psy­chi­schen Sys­tems (jeden­falls gegen die kom­mu­ni­zier­te) zur Erfül­lung sei­ner leben­di­gen Begier­den zu miss­brau­chen.

Davon abge­se­hen kam es aber nicht zum all­ge­mei­nen Aus­tausch. Wie Stei­ne in einem Stein­bruch waren die Sys­te­me ange­ord­net. Jedes auf sich bei­zo­gen. Aber Kom­mu­ni­ka­ti­on fand nicht statt. Oder doch? Das klei­ne beob­ach­ten­de psy­chi­sche Sys­tem war sich nicht ganz sicher. War nicht die Anord­nung der Ere­mi­ten im Raum schon Kom­mu­ni­ka­ti­on. War nicht die Hal­le vol­ler Ere­mi­ten eine Gesell­schaft? Muss­te denn unbe­dingt beob­acht­ba­re Kom­mu­ni­ka­ti­on statt­fin­den? Konn­te es sich um eine blo­ße Anhäu­fung (mut­maß­lich) psy­chi­scher Sys­te­me in leben­di­gen Sys­te­men han­deln, die alle­samt ihren Tag damit ver­brauch­ten, auf den Video­bild­schirm zu star­ren – und nichts mit­ein­an­der zu schaf­fen zu haben? Das beob­ach­ten­de klei­ne psy­chi­sche Sys­tem war dar­über sehr ver­wirrt.

Wie mag es wei­ter­ge­hen? War­te auf Teil III. Und bis dahin: Gute Nacht mit­ein­and!

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