Die Facebook Frage (Teil 4): Die Facebook-„Revolution“ bei Christoph Kappes

Februar 21st, 2011 Kommentare deaktiviert für Die Facebook Frage (Teil 4): Die Facebook-„Revolution“ bei Christoph Kappes Autor: Ulf Schmidt

Aus der Bestim­mung des Revo­lu­ti­ons­be­grif­fes jen­seits blo­ßer „revo­lu­tio­nä­rer Mas­sen mit poli­ti­schen Umsturz­ab­sich­ten“ lässt sich die Fra­ge der Face­book-Revo­lu­ti­on dif­fe­ren­zier­ter ange­hen.

Kap­pes hebt zunächst dar­auf ab, dass es nicht die Mittel/Medien sind (Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mit­tel oder Waf­fen), die eine Revo­lu­ti­on „machen“, son­dern die Men­schen dahin­ter. Bereits die­ser Punkt ist so zen­tral, dass er auch für Face­book selbst fest­zu­hal­ten ist. Nicht Face­book, die Web­sei­te und tech­ni­sche Platt­form ist die revo­lu­tio­nä­re Kom­mu­ni­ka­ti­ons­neue­rung die­ser Jah­re – son­dern die 600 Mil­lio­nen Men­schen, die Face­book nut­zen sind eigent­lich in einem revo­lu­tio­nä­ren Akt ver­sam­melt (wenn er denn revo­lu­tio­när ist). Ob nun Face­book, Twit­ter oder Mobil­te­le­fo­ne die eigent­li­chen revo­lu­tio­nä­ren Mit­tel waren, sei hier dahin gestellt. Dabei ist aller­dings aus dem bis­her gesag­ten  mit Kusanow­sky – hin­zu­zu­fü­gen, dass es sich letzt­lich nicht um ein ent­we­der-oder han­delt. Denn die Unter­schei­dung hie Mensch – hie Tech­nik wäre sub­kom­plex. Viel­mehr ist es der User, der Netz­mensch, die sur­fen­de Kugel­wol­ke mit ihren kom­mu­ni­ka­ti­ven Eigen­hei­ten im Netz, die zur Betrach­tung steht. Man könn­te auf den von Paul de Man inte­pre­tier­ten Wil­liam But­ler Yeats zurück­kom­men und sei­ne abschlie­ßen­de Fra­ge in „Among School Child­ren“:

O body sway­ed to music, O brigh­ten­ing glance,
How can we know the dan­cer from the dance?

Der Tän­zer ist vom Tanz nicht zu unter­schei­den, sowe­nig wie der User vom Use, der Sur­fer vom Sur­fen oder der Netz­mensch vom Men­schen­netz. Es lässt sich nur durch theo­re­ti­sche Abs­trak­ti­on eine Unter­schei­dung her­bei­füh­ren, die gele­gent­lich von theo­re­ti­schem Wert ist. Dabei aber fällt der User, Sur­fer, Netz­mensch in eine Zwit­ter­po­si­ti­on oder Kipp­fi­gur, wie sie die Quan­ten­phy­sik aus dem Wel­le-Teil­chen-Dua­lis­mus kennt. Wir haben es mit einem Gegen­stand zu tun, der sich auf eine Wei­se ver­hält, dass die­ser Gegen­stand mal als Wel­le, mal als Teil­chen zu beschrei­ben ist. Mal als Tän­zer, mal als Tanz. Die­se Ambi­gui­tät kommt aus der Beschrei­bung – Quan­ten hin­ge­gen sche­ren sich um die­se Beschrei­bung herz­lich wenig.

Kap­pes fährt fort, Mecha­nis­men des Inter­nets auf­zu­zäh­len, die gesell­schaft­li­che Ver­än­de­run­gen bewir­ken. Auch dar­in beißt sich natür­lich die Kat­ze in den Schwanz (was nicht schlimm ist, wenn es sich nur um einen ordo cogne­scen­di han­delt, dem kein ordo essen­di unter­stellt wird). Denn es sind gesell­schaft­li­che Ver­än­de­run­gen und ver­än­der­te Nut­zungs­ver­hal­ten, die sich durch das Netz mani­fes­tie­ren – folgt man sei­ner Aus­füh­rung zu den Mit­teln. Es gibt weit mehr Ange­bo­te im Inter­net, als Face­book, Twit­ter usw. Aber sie wer­den nicht in dem­sel­ben Maße genutzt. Inso­fern lässt sich zwar sagen, dass das Inter­net sich ver­än­dert. Es lässt sich aber genau­so kon­sta­tie­ren, dass die Gesell­schaf­ten sich ver­än­dern – und sich die­se Ver­än­de­rung nur in den mess­ba­ren Nut­zungs­ver­hal­ten im Netz nie­der­schlägt. Weil Auto­bah­nen gebaut wur­den, fah­ren Men­schen Auto. Und  weil sie Auto fah­ren wol­len, wer­den Auto­bah­nen gebaut. „Pave the cow­paths“ heißt ein Schlag­wort der Usa­bi­li­ty­spe­zia­lis­ten im Netz: Pas­se die Infra­struk­tu­ren den Bewe­gun­gen der User an. Du kannst Funk­tio­nen und Fea­tures anbie­ten so vie­le du willst – nicht weil sie ange­bo­ten wer­den, wer­den sie genutzt. Son­dern weil sie ein Bedürf­nis erfül­len – das aller­dings (und des­we­gen darf die Kat­ze sich in den Schwanz bei­ßen) ggf. über­haupt erst erwacht oder bewusst wird nach­dem die Funk­ti­on vor­han­den ist. Der Like“-Button ist ein Bei­spiel. Bevor es ihn gab, hat ihn nie­mand ver­misst. Jetzt aber ist er nicht mehr weg­zu­den­ken.

Die dis­si­pa­ti­ve oder User-poie­ti­scheund sys­tem­po­ie­ti­sche  Kraft des Net­zes und von Face­book (die das sozia­le Sys­tem sind, das sie erzeu­gen) zeigt sich ins­be­son­de­re in den von Kap­pes als Punkt 4 sei­ner 37 Inter­net­me­cha­nis­men beschrie­ben „Sha­re“ Funk­ti­on. Auf­ru­fe, Mel­dun­gen, Gedan­ken, Nach­rich­ten las­sen sich in Win­des­ei­le „viral“ durch den Klick auf „Sha­re“ ver­brei­ten. Dadurch bil­den sich nicht nur Infor­ma­ti­ons­ket­ten – son­dern zugleich User­ket­ten. Durch Ver­knüp­fung von Kno­ten­punk­ten kann inner­halb weni­ger Minu­ten eine struk­tu­rier­te Bewe­gung ent­ste­hen. Jeder Face­book-Nut­zer hat durch­schnitt­lich 195 „Freun­de“. Die Rasanz der Ver­brei­tung lässt sich dar­an gut erah­nen. Und jeder Wei­ter­lei­ter wird zum Betei­lig­ten.

Zugleich sorgt die als Punkt 5 beschrie­be­ne grenz­über­schrei­ten­de Funk­ti­on dafür, dass auch die beschrie­be­ne Wahr­neh­mung des Aus­lands (wie bereits im Fall Iran) sicher gestellt und kaum durch Fest­set­zung ein­zel­ner Kame­ra­leu­te zu unter­bin­den ist. Face­book kann also Zie­le poli­ti­scher Revo­lu­tio­nen sehr wir­kungs­voll unter­stüt­zen – selbst wenn es gar nicht das Haupt­me­di­um wäre. Vie­le wei­te­re der 37 Punk­te von Kap­pes vari­ie­ren die­se The­men letzt­lich nur. Wenn man aber zu sei­nem Fazit kommt, ist ein Ein­wand gerecht­fer­tigt. Kap­pes schreibt:

Durch das Inter­net ver­än­dern sich kom­mu­ni­ka­ti­ve Pro­zes­se sehr stark. Betrof­fen sind Inhalts­for­men, Ver­net­zungs­struk­tu­ren, Nach­rich­ten­ket­ten, Ver­dich­tungs­me­cha­nis­men, Beschleu­ni­gungs­ef­fek­te, Mei­nungs­fin­dung, Akti­vis­mus­for­men, Beobachtung/Monitoring und Finan­zie­rung, um nur die wich­tigs­ten Schlag­wör­ter zu nen­nen.

Der Ein­wand lau­tet, dass das Inter­net kom­mu­ni­ka­ti­ve Pro­zes­se nicht unbe­dingt ver­än­dert. Viel­mehr ist das Inter­net für bekann­te kom­mu­ni­ka­ti­ve Pro­zes­se im Rah­men von Revo­lu­tio­nen ein her­vor­ra­gend nutz­ba­res Medi­um. Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on der Bewe­gung, Ver­brei­ten revo­lu­tio­nä­rer Inhal­te, Macht über die inlän­di­sche Mei­nungs­ho­heit, Wir­kung ins Aus­land – all das gehör­te zu jeder Revo­lu­ti­on zuvor. Mit den Mecha­nis­men des Inter­net sind aller­dings die Mög­lich­kei­ten für die­se Kom­mu­ni­ka­tio­nen sozu­sa­gen „auf Speed“. Nicht das Inter­net ist revo­lu­tio­när – noch auch Face­book. Viel­mehr sind es Men­schen, die sich für revo­lu­tio­nä­re Absich­ten des dafür geeig­ne­ten Inter­nets bedie­nen indem sie sich zu Usern trans­for­mie­ren. Und die­se Men­schen haben ihr Medi­en­nut­zungs­ver­hal­ten revo­lu­tio­när geän­dert. Die „Revo­lu­ti­on der Den­kungs­art“ ist eine „Revo­lu­ti­on des Kom­mu­ni­ka­ti­onver­hal­tens“.

Inso­fern gibt es eine Art „Revo­lu­ti­on“, die aber eine Revo­lu­ti­on von Ver­hal­tens­wei­sen ist und sich dar­in aus­drückt, dass in kür­zes­ter Geschwin­dig­keit nahe­zu 2/3 der Welt­be­völ­ke­rung Zugriff aufs Netz haben – weil sie es wol­len. Und dar­in, dass 600 Mil­lio­nen Men­schen Mit­glie­der bei Face­book sind – weil sie es wol­len. Face­book selbst oder das Netz zu einer Revo­lu­ti­on zu machen oder zu einem revo­lu­ti­ons- oder par­ti­zi­pa­ti­ons­ur­gie­ren­den Medi­um ist des­we­gen falsch. Ägyp­ten war kei­ne Face­book-Revo­lu­ti­on. Ägyp­ten war eine Revo­lu­ti­on von Men­schen und Usern, die sich des neu­en Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mit­tels bedient haben, um typi­sche revo­lu­tio­nä­re Pro­zes­se anders, schnel­ler, effi­zi­en­ter vor­an zu trei­ben. Man kann nun treff­lich spe­ku­lie­ren, ob in Ägyp­ten auch ohne die neu­en Platt­for­men und Medi­en die Revo­lu­ti­on so „früh“  statt­ge­fun­den hät­te. Sicher aber hat die Revo­lu­ti­on nicht „wegen“ Face­book statt­ge­fun­den.

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