Schlaaand und die Entfremdung: Teil 1 – Schwarz-rot-goldene Vuvuzelas

Juli 18th, 2010 Kommentare deaktiviert für Schlaaand und die Entfremdung: Teil 1 – Schwarz-rot-goldene Vuvuzelas Autor: Ulf Schmidt

Zwei Sach­ver­hal­te, die zunächst nichts mit­ein­an­der zu tun haben. Welt­meis­ter­schafts­bil­der, in denen Men­schen­mas­sen mit Natio­nal­flag­gen zusam­men vor Groß­bil­lein­wän­den ste­hen oder sich gar in Sta­di­en ver­sam­meln, um gemein­sam „Fern­se­hen“ zu schau­en. Ein auf­kom­men­der, sich hin­ter­rücks ein­schlei­chen­der Neo­na­tio­na­lis­mus, wie Mül­ler )hier und hier) auf den Nach­denk­sei­ten meint – oder doch ganz harm­los wie der Spie­gel­fech­ter und die über­wie­gen­de Schar sei­ner Kom­men­ta­to­ren hier mei­nen?

Eine offen­bar schnell vor­an­schrei­ten­de Ent­frem­dung der Bür­ger des Lan­des gegen­über den Staats­ver­tre­tern, den Reprä­sen­tan­ten der „Nati­on“. Eine man­geln­de Betei­li­gung, man­geln­des poli­ti­sches Inter­es­se, Ver­ach­tung von Poli­ti­kern, von Poli­tik über­haupt.

Was hat bei­des mit­ein­an­der zu tun?

Die Fah­nen­schwen­ke­rei ist weder Iden­ti­täts­stif­tung noch Patrio­tis­mus – im Gan­zen. Es ist sicher­lich eine gan­ze Rei­he von Fah­nen­schwen­kern dabei, die ihren natio­na­len Über­le­gen­heits­phan­ta­si­en, ras­sis­ti­schen Vor­ur­tei­len, chau­vi­nis­ti­schen Ver­bohrt­hei­ten und all­ge­mei­ner Deutsch­tü­me­lei hier laut­stark Aus­druck geben kön­nen. Die­se Form des chau­vi­nis­ti­schen Patrio­tis­mus ent­steht nicht durch die WM, inwie­weit sie bei den betref­fen­den Per­so­nen geför­dert wird, ver­mag ich nicht zu sagen. Es ist jeden­falls kein beson­ders weit­rei­chen­des Stolz­mo­tiv, dass 11 Mann einen Leder­ball bes­ser über eine Rasen­flä­che bug­sie­ren kön­nen, als 11 ande­re Män­ner aus einem ande­ren Land. Immer­hin hat die Nie­der­la­ge statt­ge­fun­den (zwei­mal!) – und sie ist kei­ne n*tion*le Sch*nde. Den Fuß­ball­fans tuts leid, kei­ne wei­te­ren Spie­le mit den 11 sehen zu kön­nen. Es tut ihnen für sie leid. Und ja: „Wir“ wären ger­ne Welt­meis­ter, so wie Papst und Euro­vi­si­ons­sie­ger. Bei all die­sen Zusam­men­hän­gen ist aber das Natio­na­lis­ti­sche von sol­cher Iro­ni­sie­rung durch­zo­gen, dass in Mas­se jeden­falls nicht von Natio­nal­tau­mel oder gar Gleich­schal­tung zu reden ist. Alle Schau­en­den sind sich dar­in gleich, für die­sel­be Mann­schaft zu sein. Sie tei­len aber weder poli­ti­sche noch welt­an­schau­li­che Über­zeu­gun­gen. Sie sind nicht von sel­ber Her­kunft. Und sie wür­den ver­mut­lich kei­ne fünf Minu­ten mit­ein­an­der über Poli­ti­sches reden kön­nen, ohne ent­ge­gen­ge­setz­ter Mei­nung zu sein.

Harm­los oder Ver­harm­lo­sung? Ich bin vor Lachen fast vom Stuh­le gefal­len, als ich zwei jun­ge Män­ner bei einem klei­ne­ren Public Viewing Event beim Abspie­len der Natio­nal­hym­ne sich vor der Lein­wand erhe­ben sah. Mir dünk­te dass dem Gess­ler­schen Hute gleich, vor dem man sich zu ver­nei­gen hat. Der gesam­te Rest blieb sit­zen und schwat­ze ange­le­gent­lich in Erwar­tung des Spiels. So bliebs – wie­wohl in sich nicht ein­mal wirk­lich skan­da­lös – eine eher rüh­rend-lächer­li­che Sze­ne, denn eine natio­na­le. Und die bei­den setz­ten sich still und lei­se wie­der hin.

Die Qua­li­fi­zie­rung des Fah­nen­schwin­gens, Stir­nen, Wan­gen, Schul­tern, Brüs­te mit den Natio­nal­far­ben-Ver­zie­rens als über­zo­ge­nen Chau­vi­nis­mus, fal­schen Patrio­tis­mus, Gleich­schal­tung oder Neo­na­tio­na­lis­mus ein­zu­stu­fen macht blind. Denn natür­lich ist Wach­sam­keit gegen­über dem alten Schä­fer­hund gebo­ten. Ihn aber bereits von der Ket­te gelas­sen zu behaup­ten, wäh­rend er noch rela­tiv fest­an­ge­bun­den ist, wiegt nur in Sicher­heit durch ein „Och wenn das Natio­na­lis­mus ist, kanns nicht so schlimm sein…“. Doch, es wäre schlimm – aber das ist kei­ner!

N.B.: Momen­tan ist die dau­er­haf­te Reduk­ti­on jeder poli­ti­schen Debat­te auf Öko­no­mie m.E. das viel grö­ße­re und beach­tens­wer­te­re Pro­blem und Gefah­ren­po­ten­zi­al. Denn es bie­tet – ähn­lich wie vor 70 Jah­ren der Natio­na­lis­mus – ein Dezi­si­ons­ras­ter an, das Ent­schei­dun­gen beein­flusst. Die Dif­fe­renz zwi­schen „ras­ser­ein – nicht ras­ser­ein“ „im natio­na­len Inter­es­se / nicht im natio­na­len Inter­es­se“ wur­de abge­löst von „effi­zi­ent b/ inef­fi­zi­ent“ und „wirt­schaft­lich sinn­voll / nicht wirt­schaft­lich sinn­voll“. Aber das gehört eigent­lich nicht hier­her, weil Öko­no­mie und Effi­zi­enz mit dem The­ma Fuß­ball nichts zu tun hat … So gar nichts … Ich hal­te die Export­welt­meis­ter­schaft aller­dings gegen­wär­tig für den viel pro­blem­na­ti­sche­ren Wett­be­werb. Aber zurück zum The­ma.

Wer die Fah­nen beschreibt, soll­te die Vuvu­zelas nicht über­hö­ren. Und die damit zum Aus­druck gebrach­te Ver­bun­den­heit mit dem Aus­tra­gungs­land der Welt­meis­ter­schaft. Es waren eben kei­ne deut­schen Instru­men­te, die etwa „gegen“ die afri­ka­ni­schen in Stel­lung gebracht wur­den. Son­dern in ohren­be­täu­ben­dem, gera­de­zu kör­per­ver­let­zen­dem Getö­se ver­ban­den sich Fuß­ball­fans über Bild­schirm­gren­zen hin­weg mit­ein­an­der.

Zual­ler­letzt die klei­ne, aber mei­nes Erach­tens nicht zu ver­nach­läs­si­gen­de Klei­nig­keit, dass nicht Deutsch­land ange­feu­ert wur­de, son­dern Schlaaaand. Wer genau hin­hör­te (oder Twit­ter las) bemerk­te – hin­rei­chend fei­nes Gespür vor­aus­ge­setzt – die Schwie­rig­keit, die die Fei­ern­den mit dem Pseudo­na­tio­na­len hat­ten. Für Vie­le (übri­gens inter­es­san­ter­wei­se ähn­lich eini­gen Kom­men­ta­to­ren beim Spie­gel­fech­ter – ist „Deutsch­land“ das Unaus­sprech­li­che. Weil es aus zahl­lo­sen Sen­dun­gen mit der Stim­me eines bestimm­ten Mann ver­bun­den ist, mit dem zusam­men die­ses Wort aus dem Sprach­schatz ver­brannt wur­de. Und nur noch als eine Art Echo „schland“ zu hören und zu sagen ist. „Schland“ übri­gens gehört Ste­fan Raab (als öko­no­misch geschütz­te Mar­ke).

Fazit: Die Mehr­zahl der Fah­nen­schwen­ker war vor­her nicht natio­na­lis­tisch uni­for­miert und ist es auch hin­ter­her nicht. Ras­sis­ten, Chau­vi­nis­ten, Aus­län­der­has­ser wer­den durch die WM weder eines Bes­se­ren noch eines Schlech­te­ren belehrt. Ver­mut­lich hat die WM nicht die Natio­nal­be­geis­te­rung erhöht – son­dern die Fuß­ball­be­geis­te­rung. Und alle schau­en zu und haben Spaß. Zuschau­en, nicht mit­ma­chen – das wird der zwei­te Teil die­ses Pos­tings sein: zum The­ma Ent­frem­dung.

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