Spielzeitstart – Ein paar nicht einmal mehr wütende Gedanken dazu

Oktober 5th, 2011 Kommentare deaktiviert für Spielzeitstart – Ein paar nicht einmal mehr wütende Gedanken dazu Autor: Ulf Schmidt

Es ist ruhig gewor­den hier auf dem Blog. Das hat vor­der­grün­dig damit zu tun, dass ich ziem­lich beschäf­tigt bin mit Din­gen, die wenig mit Thea­ter, dafür mehr mit der Finan­zie­rung des all­ge­mei­nen Lebens­be­darfs zu tun haben. Eigent­lich aber kom­me ich beim Nach­den­ken dar­über, war­um mir auch die Moti­va­ti­on fehlt, das eine oder ande­re, was halb geschrie­ben oder noch ganz im Kopf ist, zu ver­fer­ti­gen und zu pos­ten zu einer (mich selbst)) ziem­lich depri­mie­ren­den Fol­ge­rung.

Was es so um und über Thea­ter zu lesen und zu hören gibt, inter­es­siert mich nicht. Gar nicht. Es reicht nicht ein­mal hin, mich dar­über auf­zu­re­gen, mich damit aus­ein­an­der zu set­zen, oder Ande­res vor­zu­stel­len oder zu for­dern.

Die Spiel­zeit­er­öff­nun­gen und Vor­bli­cke sind von einer sol­chen Belang­lo­sig­keit und ermü­den­den Arro­ganz, die Berich­te dar­über von sol­cher pflicht­er­fül­len­den Abar­bei­tung geprägt, dass ich nicht weiß, was über­haupt am Thea­ter mir eine Visi­on geben könn­te, die mich nicht nur in Aktu­el­les zöge, son­dern mir eine Vor­stel­lung davon gibt, war­um ich mich län­ger­fris­tig damit beschäf­ti­gen soll­te. Wor­an liegt das?

Spiel­zeit­vor­schau­en

In dem wider bes­se­res Wis­sen und zur Unfreu­de zukünf­ti­ger Umzugs­hel­fer erwor­be­nen Jahr­buch Thea­ter Heu­te fin­det sich zwei­er­lei Ernüch­tern­des wenn nicht Absto­ßen­des:

  1. Ein paar Leu­te wur­den dazu auf­ge­for­dert, sich rund um den Begriff der Wut auf­zu­pum­pen. Hübsch aus­ge­dacht. Ohne Erfolg. Es will nicht so recht Wut wer­den. Man merkt den Bei­trä­gen die an den Haa­ren her­bei­ge­zo­ge­ne Auf­re­gung an, schlech­te Schauschrei­be­rei. Wut? Wor­über? Dies oder jenes. Aber für mehr als ein paar Zei­len reicht die Wut nicht. „Sag mal was Wüten­des – und dann leg dich wie­der hin“.
  2. Tra­di­tio­nell schal­ten die Häu­ser hier ihre 1/1 Anzei­gen. Tra­di­tio­nell ste­hen da die Pro­duk­tio­nen, die übers Jahr geplant sind. War ja schon immer so. Kann also wei­ter so gehen. Oder nicht? Reicht es in einer Zeit galop­pie­ren­den Rele­vanz­ver­lusts der Thea­ter noch aus, ein­fach run­ter­zu­schrei­ben, was gespielt wird und einen Jung­gra­fi­ker an eine mög­lichst schrä­ge Gestal­tung zu hocken? Die die Unles­bar­keit mög­lichst auf ganz neue Ebe­nen hebt? Wofür ste­hen die­se Thea­ter? War­um soll das, was da auf­ge­lis­tet wird, ange­se­hen oder besucht wer­den? Sich am Klemp­ner­sor­ti­ments­ka­ta­log für Badar­ma­tu­ren zu ori­en­tie­ren, die sich erschöpft in der Auf­lis­tung der ver­füg­ba­ren Pro­duk­te, setzt vor­aus, dass es Sani­tär­fach­per­so­nal gibt, das Inter­es­se an und Bedürf­nis für die Pro­duk­te hat. Wer hat denn ein Bedürf­nis für die­se Thea­ter­sa­chen da? Wer sol­che Lis­ten abdru­cken lässt, wird nichts ande­res anbie­ten kön­nen, als das, was bekannt ist. Kein Thea­ter scheint sich auch nur ansatz­wei­se dem Gedan­ken hin­ge­ge­ben zu haben, das es sinn­vol­ler sein könn­te, die 1/1 Sei­te für eine „Pro­duk­ti­on“ oder ein State­ment zu nut­zen und damit klar zu machen, wofür die­ses Thea­ter steht. Den Spiel­plan kann ich mir auch auf eurer Web­sei­te anschau­en. Aber was ist das Ver­spre­chen, das mir die­ses Thea­ter für die­se Spiel­zeit gibt? Ein Kata­log? Fuck you.
    Zu glau­ben, das sei ein Pro­blem der Öffent­lich­keits­ar­beit und man müs­se halt viel­leicht dem­nächst bes­se­re Anzei­gen machen, geht an der Sache vor­bei. Die Anzei­gen sind kon­se­quent: Wir haben nichts zu sagen – also tun wir das. Und da sich eh kei­ner für uns inter­es­siert, kön­nen wir auch gleich unin­ter­es­sant auf­tre­ten und das hübsch anpin­seln.

Ein paar mehr oder min­der belie­big aus­ge­wähl­te Bei­spie­le:

Thea­ter Mar­burg – immer­hin der Ver­such eines State­ments: „Frisst Gier Zukunft?“. Tja, tut sie das? Wer weiß es. War­um nicht „Wie spät war es ges­tern?“ Oder „Ich glau­be, ihr Hund kann gar nicht spre­chen“? Und war­um soll­te ich mich dafür inter­es­sie­ren? Kann ja vor der Anzei­ge sit­zen und ein bis­serl medi­tie­ren dar­über. Geschlos­se­nen Auges. Mit tie­fen Atem­zü­gen. Sehr erhol­sam.

 

Thea­ter Bonn: Wir haben eh nichts zu sagen, war­um soll­te mans dann lesen kön­nen? Eine schö­ne kon­se­quen­te Zer­stö­rung der Klemp­ner­ka­ta­logs­lis­te.

 

 

 

 

 

 

Ober­hau­sen: Hej cool, komm, wir las­sen uns­re Anzei­ge aus­se­hen, wie einen rei­ße­ri­schen Spie­gel-Titel. Tja – nur dass die Leu­te, die Spie­gel­ti­tel machen es schaf­fen, Inter­es­se dar­auf zu wecken, was dar­in ist. Wozu das völ­lig öde Stra­ßen­fo­to im Hin­ter­grund? Und wie­so die fuß­no­ten­klei­ne Spiel­zeit­lis­te? Lasst sie doch weg.

 

Thea­ter Frei­burg: So isses rich­tig. Ein­fach mal eine sinn­lo­se Illus­tra­ti­on. Toll. Von der Inten­dan­ten­toch­ter gemalt? Was für eine Schei­ße – wo gera­de Frei­burg doch mit der Koop zum „Heart oft he city“ TdZ-Band inhat­li­che Dis­kus­si­on anreg­te oder anre­gen woll­te.

 

 

 

 

 

 

Und zum guten Schluß das Deut­sche Thea­ter Schee schauts aus Gar sehr schee. Und ein schee Sprüch­lein steht drü­ber. Hor­vath! Haha. Klas­sik­erzi­tat geht immer. Wo aber liegt denn das geahn­te Glück? Ver­mut­lich in der Thea­ter­kan­ti­ne, in die sich der Gra­fi­ker nach voll­brach­ter Krea­tiv­ar­beit zurück­zieht und sich voll­lau­fen lässt, um zu fei­ern, was er da für einen Müll an das Thea­ter ver­kauft hat. Aber: Tol­le lis­te. Ganz ganz fein drei­spal­tig aus­ge­rich­tet, mit­ti­ge Spal­ten. Sau­be­re Arbeit.

Was denn also?

Lei­den­schaft, Begeis­te­rung, mei­net­we­gen Wut, irgend­ein Affekt, der in der Lage wäre, für Attrak­ti­on zu sor­gen. Inter­es­se an der Aus­ein­an­der­set­zung, mit­rei­ßen­de Visio­nen, hin­rei­ßen­de Dumm­hei­ten – Fehl­an­zei­ge. Bureau­cra­cy as usu­al. Die städ­ti­schen Ange­stell­ten geben sich der auf­trags­ge­mä­ßen Abar­bei­tung hin, wie es nicht ein­mal mehr Stra­ßen­ver­kehrs­zu­las­sungs­stel­len ange­mes­sen ist. Das Thea­ter ihre Posi­ti­on in der Gegen­wart nicht gefun­den oder defi­niert haben, ist ihnen viel­leicht nicht ein­mal vor­zu­wer­fen – wohl aber, dass sie es nicht ein­mal unter­neh­men, sich dar­über Gedan­ken zu machen. Das Spiel­zeit­som­mer­loch wur­de ein wenig über­brückt mit klei­nen Debat­ten über die Zukunft des Stadt­thea­ters bei nk oder TdZ – jetzt ist das Den­ken vor­bei. Muss ja wie­der der Lap­pen hoch­ge­hen, nicht?

Ach­so, dass wäh­rend des Som­mer­schlafs die Grie­chen an die Wand gestellt wur­den, die „kapi­tal­ge­deck­ten Alters­vor­sor­gen“ von Aldi-Kasier­einnen vom Dachs gefres­sen wur­den – ja, kommt vor. Hat ja jetzt nichts mit Thea­ter zu tun. Lass mal wie­dern Goe­the machen. Oder Les­sing.

 Von der Kul­tur zum Tou­ris­mus

Die Posi­ti­ons­fin­dung wird den Thea­tern kon­se­quen­ter­wei­se abge­nom­men. In einem kur­zen Arti­kel von Niko­laus Merck auf nacht­kri­tik fin­det sich fol­gen­de Bemer­kung:

“Ber­lins Kul­tur ist ein Tou­ris­mus­ma­gnet”, sag­te Kul­tur­staats­se­kre­tär André Schmitz bei der Vor­stel­lung des Berichts. Sie sei inzwi­schen der Haupt­grund, war­um Besu­cher nach Ber­lin kom­men. “Die Kul­tur dürf­te der ein­zi­ge Haus­halts­ti­tel sein, der sich über Arbeits­plät­ze und Steu­er­ein­nah­men refi­nan­ziert, wahr­schein­lich sogar zwei­fach,” so Kul­tur­staats­se­kre­tär Schmitz.

Thea­ter wer­den Tou­ris­ten­ma­gne­te – mit abseh­ba­ren Fol­gen. Was wol­len Tou­ris­ten sehen? Faust in Wei­mar. Mut­ter Cou­ra­ge am BE. Gefäl­li­ges, Kon­su­mier­ba­res, Altes. Was man halt so macht als Alter­na­tiv­pro­gramm zur Spree­schip­pe­rei. 35% der Ber­li­ner Büh­nen­be­su­cher (aller­dings nur Gor­ki + Ku’damm aus­ge­wer­tet) sind Tou­ris­ten. Möch­te mal den Stadt­käm­me­rer sehen, dem bei die­sen Zah­len nicht das Was­ser im Porte­mon­naie zusam­men­läuft. Da geht doch noch mehr! Ori­en­tie­ren wir uns doch am Glo­be, am Mou­lin Rouge, an Bay­reuth. Las­sen wir das Frem­den­ver­kehrs­bü­ro doch gleich die Spiel­plä­ne machen. Wobei: Wozu Spiel­plä­ne. Reicht doch, wenn ein Thea­ter en sui­te das­sel­be spielt. So oft kom­men die Tou­ris­ten ja nun auch nicht, dass man nicht das Erfolg­rei­che über eini­ge Jah­re spie­len könn­te.  Eine Neu­pro­duk­ti­on pro Jahr reicht völ­lig aus. Oder: Eine Pro­duk­ti­on, die kon­se­quent ver­mark­tet wird. Watch the Broad­way. Watch The Mou­se­trap. Watch Musi­cals.  Naja, macht ja auch nichts. Sanier­te Haus­hal­te sind heu­te eh wich­ti­ger als Kunst und Kul­tur. Weil: Ohne Geld kei­ne Kunst. Klar. Haupt­sa­che die Platz­aus­nut­zung stimmt, und zwar mög­lichst mit den im Ver­gleich zu ein­hei­mi­schen Besu­chern erheb­lich lukra­ti­ve­ren Tou­ris­ten. Fragt sich: War­um reicht es nicht ein­mal ange­sichts des­sen bei mir für ein wenig Auf­re­gung? Viel­leicht: Weil eh nichts auf dem Spiel steht? Weil nichts zu ver­lie­ren ist? Weil das Bestehen­de so unin­ter­es­sant, lang­wei­lig, über­flüs­sig ist, dass die Umwid­mung zur Tou­ris­ten­at­trak­ti­on eine plau­si­ble Anschluss­ver­wer­tung der ehe­ma­li­gen Thea­ter ist? Von den Karl-Mey-Fest­spie­len ler­nen heißt sie­gen ler­nen.

Die Kri­tik

Dem Müden erscheint alles Müde – aber liegt es wirk­lich nur dar­an, dass selbst auf der hoch geschätz­ten und von mir bereits hin­läng­lich gefei­er­ten nacht­kri­tik eine gewis­se Müdig­keit ein­kehrt? Ist es nur Gewöh­nung, die die Vehe­menz der Leser­de­bat­ten nicht mehr wahr­zu­neh­men ver­mag. Scheint es nur mir so, dass das Klein­li­che, Befind­li­che die Lust am Schar­müt­zel und der Debat­te ver­drängt hat? Sind die alten Kom­men­tar­käm­pen (so weni­ge es auch gewe­sen sein mögen) müde und fin­den kei­ne Nach­fol­ger im Geis­te?

Auf der Podi­ums­dis­kus­si­on in der Aka­de­mie der Küns­te anläss­lich der Buch­vor­stel­lung von Ivan Nagel kam es zu einem kur­zen, emo­ti­ons­lo­sen Schlag­ab­tausch zwi­schen Machern (Khuon und Lili­en­thal) und Kri­ti­kern (Nagel und Risch­bie­ter). Die Macher waren sich einig, dass es so wenig lesens­wer­te Kri­ti­ken gebe. Die Kri­ti­ker waren sich einig, dass es so wenig gebe, wor­über zu schrei­ben sich lohnt. Wie­der mal Ivan Nagel war es, der sich mit ein wenig Lei­den­schaft zu dem Vor­wurf auf­raff­te: „Es gibt so viel zu sagen – aber ihr tut es nicht.“ Was von der anwe­sen­den Inten­dan­zi­ja mit dem Stoß­seuf­zer beant­wor­tet wur­de, es sei ja doch alles so unüber­sicht­lich gewor­den. Anders als damals in den 70ern, als man noch klar dafür und dage­gen sein konn­te. Jaja, mei­ne Nagel – das sei wohl recht leicht, sich gegen einen Krieg auf­zu­leh­nen, mit dem man selbst so rein gar nichts zu tun habe. Ima­gi­nä­re Debat­te nann­te ers, glau­be ich. Und jetzt? Jetzt hät­te man mit Vie­lem zu tun. Was fällt Ulrich Khuon dazu ein? „Ori­en­tie­rungs­lo­sig­keit – da kann man auch den Hom­burg spie­len. Der sucht ja auch nach Ori­en­tie­rung. Neue Armut – ja das Nacht­asyl, das könn­te man da ja machen.“ (oder nann­te er Kin­der der Son­ne? Weiß nicht). Das ist dann alles. Ein biss­chen rat­lo­se Müdig­keit. Naja, Haupt­sa­che die Aus­las­tung stimmt. Tou­ris­ten! Tou­ris­ten!

Rat­lo­sig­keit bei den Machern, Rat­lo­sig­keit bei den Kri­ti­kern. Ich erlau­be mir, mich die­ser Rat­lo­sig­keit anzu­schlie­ßen. Machen wir die Läden dicht? Ach nein, um Got­tes Wil­len. Sind ja Cash-Cows. Viel­leicht ein paar Tisch­lein ins Par­kett, damit die Tou­ris­ten zeit­ef­fi­zi­ent zugleich die ver­spro­che­ne tra­di­tio­nel­le Thea­ter­auf­füh­rung genie­ßen und dabei schnab­bu­lie­ren kön­nen. Simul­tan­über­set­zung wäre viel­leicht ange­bracht. Gute Nacht.

Nach­trag:

Gera­de lese ich hier Niko­laus Mercks offe­nen Brief an die Her­aus­ge­ber von Heart oft he city und sei­nen Abschluss­atz: „die Lek­tü­re Ihres Arbeits­bu­ches hat bei mir mehr Fra­gen aus­ge­löst, als Ant­wor­ten gege­ben.“ Ja, so ist das. Bei mir auch. Aber es ist nicht jene inspi­rie­ren­de Form der Rat­lo­sig­keit, die Lust auf Neu­es, Ande­res macht oder den Kopf bewegt. Es ist die­se kal­te, ver­zag­te Rat­lo­sig­keit, die kei­nen Aus­weg weist oder sieht. „Mut zur Wut“ titel­te das Jahr­buch THEATER HEUTE. Tja.

 

 

 

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