Boltanski/Chiapello: Kapitalismus und Kapitalismuskritik als Geschwisterpaar

Juni 23rd, 2010 Kommentare deaktiviert für Boltanski/Chiapello: Kapitalismus und Kapitalismuskritik als Geschwisterpaar Autor: Ulf Schmidt

Bin zuneh­mend beein­druckt von Boltanski/Chiapello: Der neue Geist des Kapi­ta­lis­mus. Ins­be­son­de­re von den gegen­sei­ti­gen Abhän­gig­kei­ten bei­der von­ein­an­der und der The­se, dass der kapi­ta­lis­ti­sche Geist sich letzt­lich der anti­ka­pi­ta­lis­ti­schen Kri­tik und der Ein­wän­de bedient, um sich wei­ter zu ent­wi­ckeln. Für mich etwa ver­ständ­lich bei der Über­win­dung der Ölin­dus­trie durch öko­lo­gi­sche Kri­tik und der Schaf­fung neu­er Geschäfts- und Gewinn­fel­der in der Öko-Ener­gie­in­dus­trie. Oder in der Reak­ti­on auf den Vor­wurf ent­frem­de­ter Arbeit durch stär­ke­re Ein­be­zie­hung des “gan­zen Men­schen” in der lean Indus­try.

Beson­ders span­nend fin­de ich dabei momen­tan ihre Theo­rie der Kapi­ta­lis­mus­kri­tik, die sie zunächst aus einer “im Grun­de sen­ti­men­ta­len Empö­rung (79) sich erhe­ben sehen, die das “Schwung­rad der Kri­tik” in Gang bringt.  Das führt den Kapi­ta­lis­mus in eine Her­aus­for­de­rung an der er (para­do­xer­wei­se) wach­sen kann:

Wenn der Kapi­ta­lis­mus nicht von Anfang an mit kri­ti­schen Gegen­kräf­ten gro­ßen Aus­ma­ßes kon­fron­tiert gewe­sen wäre, wür­de sich die Not­wen­dig­keit, Recht­fer­ti­gun­gen für den Kapi­ta­lis­mus zu lie­fern und ihn attrak­tiv erschei­nen zu las­sen, nicht mit sol­cher Dring­lich­keit stel­len.

Dabei ist die Reak­ti­on auf Recht­fer­ti­gung aller­dings kei­ne bloß dis­kur­si­ve, son­dern kann etwa in der Umge­stal­tung oder Umstel­lung von Pro­duk­ti­ons­wei­sen gesche­hen, die sich an der Kri­tik ori­en­tie­ren und die Empö­rung der Kri­tik als Enthu­si­as­mus der Umge­stal­tung frucht­bar gewinn­brin­gend nut­zen kann. Kapi­ta­lis­mus lebt im Wesent­li­chen von der Ener­gie sei­ner Kri­ti­ker?

Zu gegen­wär­ti­gen Situa­ti­on der “kri­ti­schen Läh­mung” (die ich unter­stel­le) wie­der­um span­nend fol­gen­de Pas­sa­ge:

In Anbe­tracht der Tat­sa­che, dass die Kri­tik dar­in besteht, Gefüh­le der Empö­rung in einen kri­ti­schen Theo­rie­rah­men zu über­set­zen und danach laut­stark das Wort zu ergrei­fen (…), wird ver­ständ­lich, dass die Fähig­keit zur Empö­rung intakt blei­ben kann, selbst wenn die kri­ti­schen Kräf­te schein­bar in völ­li­ger Auf­lö­sung begrif­fen sind. (80)

Ich wür­de hin­zu­fü­gen: Und die ers­te Erschei­nung einer neu­en Kri­tik ist ein noch dif­fu­ses und unkri­ti­sches Empö­rungs­po­ten­zi­al sich mel­det.

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