Brunner, Kachelmann und Co.: Mediale Weltkonstruktion als shakespeare’sche Schurkendramaturgien.

Juli 30th, 2010 Kommentare deaktiviert für Brunner, Kachelmann und Co.: Mediale Weltkonstruktion als shakespeare’sche Schurkendramaturgien. Autor: Ulf Schmidt

Win­nen­den, Kachel­mann, Brun­ner — und wenn es nur die­se drei Fäl­le sind (und nicht eini­ge mehr, die mir gera­de nicht ein­fal­len), zeigt sich in den letz­ten Mona­ten immer mehr, wie unglaub­lich unse­ri­ös auch die “seriö­ses­ten” jour­na­lis­ti­schen Medi­en inzwi­schen wur­den. Das hat natür­lich mit vor­schnel­ler Bericht­erstat­tung bei mini­ma­ler Fak­ten­la­ge zu tun — viel­leicht gar um dem Nach­rich­ten-Takt des Online-Jour­na­lis­mus zu fol­gen, der als ers­ter mit “Eil­mel­dun­gen” her­aus kom­men will, noch bevor dazu über­haupt ein Arti­kel geschrie­ben wur­de. Tita­nic hat das mit dem Corin­na Har­fouch Mar­ti­na Gedeck Spoof auf der Bun­des­te­letubbi­wahl (SpON)  wun­der­bar zur Par­odie genutzt (hier eine Bild­stre­cke).

Neben die­sem “hand­werk­li­chen” Pro­blem scheint mir aber ein Fun­da­men­ta­le­res viel wich­ti­ger: Das dra­ma­tur­gi­sche Pro­blem. Im Frei­tag ist heu­te einer der typi­schen “medienkritischen-wir-müssen-uns-auch-selbst-fagen-ob-wir-alles-richtg-gemacht-haben”-Artikel zu lesen (von denen dem­nächst garan­tiert auch eini­ge zur Rol­le der Medi­en bei den Fehl­ent­schei­dun­gen im Vor­feld der Lovepa­ra­de erschei­nen wer­den; die FR beginnt heu­te hier damit). Ich zitie­re aud dem Frei­tag einen Abschnitt:

In der Tat folgt vie­les in der mas­sen­me­dia­len Auf­be­rei­tung des Fal­les Brun­ner der Dra­ma­tur­gie eines fil­mi­schen Hel­den­epos, wie man es stan­dard­mä­ßig im Kino ser­viert bekommt. (hier)

Genau das ist das Pro­blem — die Per­p­etu­ie­rung eines letzt­lich archai­schen (ich wür­de sagen: shakespeare’schen) dra­ma­tur­gi­schen Modells. Defi­nier­te Cha­rak­te­re, dar­aus eine Geschich­te mit Anfang-Mit­te-Ende in genau die­ser Rei­hen­fol­ge, Zusam­men­fü­gung nach Geset­zen der (kino­ge­form­ten, dra­ma­ti­schen) Wahr­schein­lich­keit und Plau­si­bi­li­tät (von der vor 2500 Jah­ren schon Aris­to­te­les sprach: Die Gescheh­nis­se müss­ten nicht wahr­heits­ge­treu son­dern nach Gesetz­mä­ßig­kei­ten der Wahr­schein­lich­keit zusam­men­ge­fügt wer­den).

Das wird zwar an die­sen Fäl­len der öffent­li­chen Zurück­ru­de­rei, in denen die Geschich­te ob ihrer Unhalt­bar­keit beim Autau­chen neu­er Fak­ten als “Geschich­te” erscheint, erkenn­bar — die­sel­be Dra­ma­tur­gie ist aber als Grund­be­stand­teil media­ler Nach­rich­ten­be­rich­te ubi­qui­tät anzu­tref­fen. Bis hin in die Schur­ken­stü­cke, die Tages­schau und heu­te, Bild und Süd­deut­sche rund um die poli­tisch Han­deln­den, Lady Mer­kel und Mal­vo­lio Wes­ter­wel­le, täg­lich auf­füh­ren. Dem sich die poli­tisch Han­deln­den inzwi­schen so sehr gefügt haben, dass kei­ne Tren­nung zwi­schen media­lem und Poli­ti­schem mehr  zu erken­nen ist, weil die Medi­en­pro­fis der Poli­tik ihre Rol­len ein­neh­men bzw. hin­ter den Kulis­sen das Stück zu bestim­men ver­su­chen. Poli­tik ist heu­te rei­ne Medi­en­ar­beit — und gleich­zei­tig ent­steht, weil “die Öffent­lich­keit” glaub, bes­tens infor­miert zu sein, eine Hal- und Schat­ten­welt der Geheim­diens­te und Geheim­nach­rich­ten, wie es sie in der poli­ti­schen Geschich­te in die­ser Form nie gab. Aber an das Trei­ben auf der Hin­ter­büh­ne kommt nie­mand her­an.

Heißt nicht etwa, die “Wirk­lich­keit” durch Wahl eines ande­ren (post)-dramatischen Modells bes­ser beschrei­ben zu kön­nen.  Oder viel­leicht doch? Sie viel­leicht auf unter­schied­li­chen Sen­dern jeden­falls unter­schied­lich kon­stru­ie­ren, die­se “Wirk­lich­keit”.

Wei­te­res dazu in “Das Poli­ti­sche zurück ins Thea­ter” (hier als PDF) .

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