Das Dokument, die Werktreue, die klassische Dramaturgie

August 27th, 2010 § 3 comments Autor: Ulf Schmidt

In dem Pos­ting “Gog­le Stre­et­view — Zur Unter­schei­dung von Doku­men­ta­ti­on und Simu­la­ti­on des Rau­mes 8” (hier) lis­tet Klaus Kusanow­sy vier Kri­te­ri­en der Doku­ment­form auf. Die­se sind:

  • Linea­ri­tät
  • Kau­sa­li­tät
  • Sequen­zia­li­tät
  • Iden­ti­tät

Spnan­nen dar­an ist für mich zwei­er­lei. Zum Einen sind die­se Kri­te­ri­en — ver­mut­lich in ande­rem Ver­ständ­nis als bei Kusanow­sky — sehr pas­send auf die klas­si­sche Dra­ma­tur­gie anwend­bar, die sich durch Linea­ri­tät, Kau­sa­li­tät und Sequen­zia­li­tät sehr gut cha­rak­te­ri­sie­ren lässt. Die “Iden­ti­tät” ist ein eher schil­lern­des Ele­ment. Denn die klas­si­sche Dra­ma­tur­gie legt die figu­ra­le oder per­so­na­le Iden­ti­tät zugrun­de. Schon durch die Auf­lis­tung eines dra­ma­tis per­so­na, das durch Namens­zu­schrei­bung per­so­na­le Arte­fak­te erschafft, die durch die Namen wie­der­erkenn­bar sind und sich durch die Hand­lun­gen und Äuße­run­gen cha­rak­te­ri­sie­ren — wobei die Auf­füh­rung den Lese­pro­zess umkehrt, die zuneh­men­de Cha­rak­te­ri­sie­rung durch das Lesen (das den Cha­rak­ter erst am Ende ken­nen kann) durch den Dar­stel­ler schon von der ers­ten Minu­te vor­weg­neh­men lässt und durch Aus­stat­tung, Mas­ke, Kos­tüm bereits von Anfang an cha­rak­te­ri­siert.

Schil­lern­der aber ist die “Iden­ti­tät” zudem im Zusam­men­hang mit der häu­fig von Beob­ach­tern gefor­der­ten “Werk­treue” der Auf­füh­rung, die das Ansin­nen hat, das doku­men­tier­te Werk bzw. das im Werk Doku­men­tier­te treu auf der Büh­ne wie­der­zu­ge­ben. Eine Iden­ti­tät der Schrift und der Auf­füh­run­gen, wobei unter­stellt wird, dass es ein iden­ti­sches Doku­men­tier­tes im Werk gibt. Zumeist das was “der Autor gewollt” hat oder der “Geist” des Autors oder ein­fach der iden­ti­sche “Sinn”. Man unter­stellt, es sei dem Werk eben­so äußer­lich, dass er vom Buch auf die Büh­ne wech­selt, wie es ihm äußer­lich wäre von der Hand­schrift in die Druck­schrift zu wech­seln, in Anti­qua, Futu­ra, Ari­al gedruckt zu wer­den. Der phy­si­sche Bestand­teil des Doku­men­tes ist dem Doku­ment schein­bar äußerlich.Selbst die Spra­che sei ihm äußer­lich — kommt doch kaum ein Thea­ter auf die Idee (und schon gar kein “Werk­treue” for­dern­der Zuschau­er), Shake­speare eng­lisch, Sopho­kles grie­chisch, Goe­the hes­sisch zu spie­len.

Dabei ist die halb­sei­de­ne Kunst des Thea­ters aller­dings der all­abend­li­che Beweis, das dem nicht so ist. Nicht so sein kann. Da die Vor­stel­lun­gen dif­fe­re­rie­ren. Die Vor­stel­lun­gen, die sich die Beob­ach­ter vom Iden­ti­schen machen. Und die Vor­stel­lun­gen, die unter­schied­li­che Büh­nen, Ensem­bles, Regis­seu­re vor­stel­len. Konf­ton­tiert mit der Vor­stel­lung eines Thea­ters vom Iden­ti­schen eines Doku­ments ent­schei­det der Zuschau­er, dass es sei­ner Vor­stel­lung nicht ent­sprach. Dass also das Thea­ter dane­ben lie­gen und den “Geist” des Autors ver­passt hat — der aber am Ende nie der Geist des Autors, son­dern immer schon der Geist des Lesers war, der sich nur im Satz­spie­gel wie­der­sah  in der Mas­ke des Autors.

Viel­leicht führt das gera­de nir­gend­wo hin. Aber ich denk mal dran wei­ter.

§ 3 Responses to Das Dokument, die Werktreue, die klassische Dramaturgie"

  • […] und Merk­ma­le der Doku­ment­form 27. August 2010 von Kusanow­sky Bei Post­dra­ma­ti­ker fin­det man eine inter­es­san­te Ergän­zung zu mei­nem Arti­kel Gog­le Street View – Zur Unter­schei­dung […]

  • kusanowsky sagt:

    “Die Vor­stel­lun­gen, die sich die Beob­ach­ter vom Iden­ti­schen machen. Und die Vor­stel­lun­gen, die unter­schied­li­che Büh­nen, Ensem­bles, Regis­seu­re vor­stel­len. Konf­ton­tiert mit der Vor­stel­lung eines Thea­ters vom Iden­ti­schen eines Doku­ments ent­schei­det der Zuschau­er, dass es sei­ner Vor­stel­lung nicht ent­sprach. Dass also das Thea­ter dane­ben lie­gen und den “Geist” des Autors ver­passt hat – der aber am Ende nie der Geist des Autors, son­dern immer schon der Geist des Lesers war, der sich nur im Satz­spie­gel wie­der­sah in der Mas­ke des Autors.” — Die­sen Betrach­tun­gen wür­de ich für zutref­fend hal­ten; und es wür­de mich nicht sehr wun­dern, wenn man in der Aus­ge­stalung lit­ur­gi­scher For­men und in soge­nann­ten “Volks­bräu­chen” Ähn­li­ches wie­der­fin­det.

  • […] all­ge­mein gilt: Linea­ri­tät, Kau­sa­li­tät, Sequen­zia­li­tät, Iden­ti­tät. (Sie­he dazu auch: „Das Doku­ment, die Werk­treue, die klas­si­sche Dra­ma­tur­gie.“). Sobald aber die doku­men­tier­te Welt selbst nur als Doku­ment ver­steh­bar wird, muss sich […]

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