Das Fernsehen als elektrisches Teleskop und die Weltverdoppelung durch die Mondfahrt #MediaDivina

Februar 22nd, 2013 Kommentare deaktiviert für Das Fernsehen als elektrisches Teleskop und die Weltverdoppelung durch die Mondfahrt #MediaDivina Autor: Ulf Schmidt

Der gele­gent­lich als Erfin­der des Fern­se­hens bezeich­ne­te Paul Nip­kow, Namens­ge­ber des 1935 in Betrieb genom­me­nen ers­ten öffent­li­chen Fern­seh­sen­ders „Fern­seh­sen­der Paul Nip­kow“, lei­te­te 1884 sei­ne Patent­schrift für die Nip­kow-Schei­be, mit einer inter­es­san­ten For­mu­lie­rung ein:

Der hier zu beschrei­ben­de Appa­rat hat den Zweck, ein am Orte A befind­li­ches Object an einem  belie­bi­gen ande­ren Orte B sicht­bar zu machen. (Quel­le)

Er bezeich­ne­te die­sen Appa­rat als „elek­tri­sches Tele­skop“. Das scheint auf den ers­ten Blick eine über­ra­schen­de, aber nicht gänz­lich abwe­gi­ge For­mu­lie­rung für das, was spä­ter als Fern­se­hen bezeich­net wer­den wird. Dass Din­ge an Orte A an ande­ren Orten gese­hen wer­den kön­nen, aus der Fer­ne, ist in den Namen des Fern­se­hens ein­ge­schrie­ben. Inter­es­sant aller­dings wird es, kon­zen­triert man sich auf das Ver­hält­nis von A und B zuein­an­der. Denn die­se Orte ent­ste­hen als A und kate­go­ri­al davon ver­schie­de­nes B erst durch das Tele­skop. Zuvor war die Welt eine Welt von B’s. Ein jeder an einem Ort, an dem zu sehen ist. Defi­niert durch die Reich­wei­te des Blicks. Erst durch das Tele­skop ent­steht die Mög­lich­keit von A, von einer Fer­ne, die von B gese­hen wer­den kann.

Dabei ist der Ort A erst zu einem A gewor­den, nach­dem er für B aus der Fer­ne sicht­bar wur­de. Und das Tele­skop hat die wun­der­sa­me Kraft, einen jeden Ort B in ein A zu ver­wan­deln, indem das Kame­ra­ob­jek­tiv dar­auf gerich­tet wird. Die Auf­tei­lung der Welt in A und B geschieht durch das Tele­skop. Die­ses Tele­skop rich­tet sich auf die Welt, die aller­dings erst durch das Objek­tiv zur Welt wird, zu beob­ach­te­ten Viel­heit der Din­ge, die für die B’s anders­wo sind.

Nun ist es prin­zi­pi­ell mög­lich oder sogar ganz unab­ding­bar, dass das Objek­tiv sich auf ein B rich­tet, das dadurch zum berich­te­ten A wird und zurück gesen­det wird an B, der sich selbst als A sieht. Was nur als Unfall beschreib­bar ist, denn das Tele­skop reißt in das Kon­ti­nu­um ein Loch, erzeugt durch den Kame­ra­aus­schnitt. Poten­zi­ell ver­mö­gend die gan­ze Welt ins Objek­tiv zu bekom­men, muss es doch aus­ge­rich­tet sein auf etwas, auf – wie Nip­kow schreibt – ein „Object“, das erst durch die Aus­rich­tung des Objek­tivs dar­auf zu die­sem Objekt wird. Aus­ge­schnit­ten durch den Frame des Bil­des. Über­tra­gen als Aus­schnitt nach B. Zu allen B’s. Denn anders als beim klas­si­schen Tele­skop blickt nicht ein B durch das Oku­lar, son­dern B ist eine Mas­se von Zuschau­en­den. Publi­kum. „Öffent­lich­keit“.

A ist ein Ein­zel­ort, der durch den Blick der Kame­ra zum A wird, wäh­rend B ein kol­lek­ti­ver Sin­gu­lar ist, die mas­sen­haf­ten Ere­mi­ten bezeich­net, die in ihren Woh­nun­gen sit­zen, um sich das Bild von A anzu­se­hen, das bei B sicht­bar wird. Es ist wich­tig, dass die B’s B’s sind. Sie könn­ten, rich­te­te sich die Kame­ra auf sie, A sein. Sicht­bar dann für alle B. Die­se Unge­wich­tig­keit bringt die Welt­bil­dungs­ma­schi­ne Fern­se­hen mit sich, sie droht stän­dig, ein A-Loch in die B-Welt zu schla­gen.

Eine eigen­ar­ti­ge dop­pel­te Stanz­be­we­gung fin­det statt. Das Objek­tiv erzeugt ein Object und stanzt es aus dem Kon­ti­nu­um der Welt aus, über­trägt es zur Mas­se der B. Die­se B aller­dings wer­den, allei­ne vor dem Fern­se­her sit­zend, selbst wie­der aus­ge­stanzt aus dem Kon­ti­nu­um zu Ere­mi­ten, die jenes neue Kon­ti­nu­um betrach­ten, das der Flow der Fern­seh­bil­der ist. Ein fun­da­men­ta­ler Riss geht durch die Welt zwi­schen A und B. Ein Riss, ein­ge­fügt durch das Tele­skop. Auf jeder Sei­te schein­bar eine Welt. Die eine beob­ach­tet, die ande­re beob­ach­tend, die eine aus der Fer­ne gese­hen, die ande­re fern­se­hend. B wird aus der Welt gerückt, über die b-rich­tet wird. Zugleich wird A aus der Welt berückt, in der der Bericht erfolgt. B sieht Bil­der vom Outer Space, wird durch das Zuse­hen selbst zum outer space. Das Objek­tiv der Kame­ra mar­kiert Stanz­aus­schnit­te der Welt als B-rich­te mit der par­al­lel lau­fen­den Behaup­tung, es kön­ne poten­zi­ell jeder­zeit über­all zuschla­gen. Die Welt steht dem Objek­tiv offen zur aus­stan­zen­den Bericht­erstat­tung – mit mehr oder min­der offen geleg­ten Aus­wahl­kri­te­ri­en des­sen, was „Nach­richt“ für B ist oder sein kann. Wenn A die Welt ist, aus der das Kame­ra­ob­jek­tiv Nach­rich­ten aus­stanzt, dann gehört B nicht zu die­ser Welt. Es sei denn, es geschieht der Unfall, dass die Kame­ra sich auf ein B rich­tet und es zum A ver­wan­delt, das B im Fern­se­hen sieht. Sich selbst – könn­te man unge­lenk sagen. Das ist ein Unfall, denn der betrach­ten­de B, der sich selbst plötz­lich am ande­ren Ende des Tele­skops erlebt, erlebt damit die Spal­tung der Welt am eige­nen Lei­bes­bild. Die Fra­ge der Iden­ti­tät taucht auf, in der nicht A=A, son­dern A=B sein soll.

Es wird jetzt viel­leicht deut­lich, war­um die Rei­se zum Mond einer­seits die mes­sia­ni­sche Stun­de Null des (aller­dings schon vor­han­de­nen) Fern­se­hens wird. War­um der Riss in der Welt erst geflickt wer­den kann durch den Mond­flug, der den Riss zugleich unauf­heb­bar ver­tieft. Und war­um die Rei­se zum Mond über­haupt nur im Fern­seh­zeit­al­ter Sinn macht.

Erst wenn das Objek­tiv sich aus dem Kol­lek­tiv aller B löst, wenn es an einen Ort reist, in dem es kein b-trach­ten­des B gibt, wenn zugleich von die­sem Ort aus alle B ins Objek­tiv gera­ten, ohne doch als Ver­ein­zel­te sicht­bar zu sein, erst dann ent­steht die A-Welt für die B-Welt. Erst der Schritt auf den extra­mun­da­nen Ort, der der Mond ist, bringt die Gesamt­heit der Welt als Bild der Erde zusam­men. Erst dadurch ent­steht, im Blick von Außen, eine A-Welt als geschlos­se­ner Zusam­men­hang, die die Welt selbst aus der Welt aus­stanzt. Die sie wie­der­um in die Gesamt­heit der B-Welt über­trägt. Kein Fern­seh­ereig­nis die­ser Epo­che hat­te mehr B-trach­ter. Die gigan­ti­sche Zahl von etwa 600 Mil­lio­nen Zuschau­er „Welt“-weit bei der Fern­seh­über­tra­gung der Mond­lan­dung rück­ten zusam­men als das Ere­mi­ten­kol­lek­tiv von B, das den unge­stanz­ten Zusam­men­hang von A erleb­te.

Die Über­tra­gung erfolg­te „live“. Es war kein Zeit­ver­satz abge­se­hen von jener Ver­zö­ge­rung, die die tech­ni­sche Bild­über­tra­gung mit sich brach­te.  Die B-Welt kann „sich“ jetzt von dort aus hier betrach­ten. Und sie kann zugleich jenes klei­ne Grüpp­chen betrach­ten, das „dort“ ist. Auf dem Mond. Die B-Welt beschaut zugleich den Ort, der nicht aus dem Kon­ti­nu­um der bewohn­ten Erde aus­ge­stanzt ist, b-trach­tet jenes unzu­gäng­li­che Object am Him­mel, das für die B abso­lu­te „dort“ als hier. Das­je­ni­ge, auf dem – abge­se­hen von der klei­nen Grup­pe – kein B zu fin­den ist, der fern sieht. Und zugleich das abso­lu­te „hier“, das vom Objek­tiv fokus­sier­te Object der Erde als Gesamt aller B, die zugleich A sind. Im Fern­seh­bild sind zugleich „alle“ B als A (wenn auch nicht ein­zeln unter­scheid­bar). Und zugleich der Ort, der das abso­lu­te A mar­kiert, der Mond. Der Mond­flug erschuf damit gleich­zei­tig die geschlos­se­ne A-Welt der B, die ins­ge­samt im Objek­tiv als Erde sicht­bar wur­de und die A-Welt, die eine abso­lu­te A-Welt dar­stellt: den Mond. Für den Mond (und nur ihn) gilt unver­brüch­lich A=A. Und damit kön­nen zuge­lich alle B mit dem Gedan­ken ver­söhnt wer­den A=B.

Nip­kows For­mu­lie­rung vom „Orte A“ und „Orte B“ wird jetzt zur fun­da­men­ta­len Unter­schei­dung. Ohne Fern­se­hen auf den Mond zu flie­gen, wäre eine kom­plett sinn­lo­se Ver­an­stal­tung gewe­sen. Ohne Mond­flug wäre Fern­se­hen ver­mut­lich nur eine hüb­sche Spie­le­rei geblie­ben, in der sich immer wie­der ein­mal B’s als A’s erle­ben und am Bild des Fern­se­hens zu zwei­feln begin­nen, indem sie fest­stel­len, dass eine Inkon­gru­enz des­sen besteht, was am Orte A aus der Welt gestanzt wird, und dem, was das Tele­skop am Ort B sicht­bar macht. Kon­sta­tiert B, dass er, A gewor­den, non-B ist, beginnt der Glau­be an die Objek­ti­vi­tät des Objek­tivs zu brö­ckeln. B, der alle ande­ren im Bil­de als A erleb­te, der von sei­ner eige­nen Iden­ti­tät B=B auging und zugleich von der Iden­ti­tät A=A, erlebt den Bruch A=B und die Nicht-Iden­ti­tät. Nur der Mond­flug, der die gesam­te B-Welt als Erde zum Objekt macht, ist in der Lage, ein geschlos­se­nes Welt­bild zu vali­die­ren, dem die klei­nen Unfäl­le des Kurz­schlus­ses zwi­schen A und B nichts aus­ma­chen.

Wenn man es zulässt zu behaup­ten, dass die Rei­se des Colum­bus nur mög­lich war unter der Prä­mis­se der Kugel­ge­stalt der Erde, die lan­ge zuvor bereits als Hypo­the­se im Raum stand (vgl. Wiki­pe­dia zu Auto­ren, die die­se Hypo­the­se lan­ge vor der soge­nann­ten Neu­zeit ver­tra­ten), dass Colum­bus also die­se Hypo­the­se vor­aus­setz­te und sie zugleich vali­dier­te (mit einem klei­nen, bekann­ten Unfall), dann lässt sich die Rei­se zum Mond als den Beweis ver­ste­hen, dass die Erde eine (Matt-)Scheibe ist. Oder anders: Es ent­steht im, aus dem und durch das Fern­se­hen eine „new world“, die aus der alten Welt der B-trach­ter beob­acht­bar ist. Die die Welt auf­spal­tet in A und B, in sehen­de und gese­he­ne Welt. Für die B-trach­ter ist – mit Nip­kow die Welt der A-Objec­te, die A-Welt ein „ande­rer Ort“. Der B-trach­ter fliegt her­aus aus der Welt, die er ere­mi­tisch beschaut – und wird erst und nur durch die Mond­rei­se in das Kon­ti­nu­um zurück ver­setzt, dass alle B im A-Bild ver­eint, wie­wohl sie sich in einer „belie­bi­gen ande­ren“ Welt ver­sam­melt fin­den.

 

 

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