Das Politische als Groschenroman — Frank Schirrmacher in der FAZ

Juni 22nd, 2010 Kommentare deaktiviert für Das Politische als Groschenroman — Frank Schirrmacher in der FAZ Autor: Ulf Schmidt

Lie­ber Frank Schirr­ma­cher,

Sie wer­den sich natür­lich nie­mals auf die­ses klei­ne Dorf­blog ver­ir­ren. Den­noch eini­ge Bemer­kun­gen zu Ihrem fast licht­vol­len Arti­kel “Wie man ein ver­dammt guter Poli­ti­ker wird” in der FAZ (hier). Dar­in attes­tie­ren Sie, aus­ge­hend von der Fra­ge, ob Gauck oder Wulff das Prä­si­di­al­ren­nen gewin­nen wer­den, Wulff die Untaug­lich­keit zum Roman­hel­den und for­dern eine Poli­tik die sich den Roman­sche­ma­ten ent­zieht. Soweit so hell. Sie las­sen aber fata­ler­wei­se eines außer Acht — den Schrei­ber des Romans. Sie beschäf­ti­gen sich mit der Figur Wulff — aber die Fra­ge nach dem Roman­cier unter­bleibt (Wulff ist dar­an betei­ligt, zwei­fel­los. Davon gleich mehr).

Eher im Vor­bei­ge­hen strei­fen Sie die Fra­ge “Han­delt die Poli­tik nicht viel­mehr nach dem Dreh­buch, das wir ihr schrei­ben?” — ohne aber anzu­ge­ben, wer das “wir” ist. Bezie­hen Sie es bit­te nicht auf das Wahl­volk, bezie­hen Sie es auf die Media­to­ren, die Geschich­ten­ma­cher, die Fern­seh- und Pres­se­leu­te, die tat­säch­lich die Geschich­ten und “Sto­ries” erzäh­len, die das Agen­da Set­ting betrei­ben. Und bezie­hen Sie die fol­gen­den Aus­füh­run­gen zu den Geset­zen der Polit­sto­ry auf die­se Media­to­ren (ich umge­he absicht­lich den Begriff “Medi­en”):

Die Geset­ze sind streng, aber ein­fach. Das Wich­tigs­te: Kei­ne Geschich­te ohne Cha­rak­te­re. Man muss Figu­ren schaf­fen, die die Leser inter­es­sant und glaub­wür­dig fin­den. „Wenn sie das nicht sind, klappt der Leser das Buch zu, und das wär’s dann gewe­sen.“ Es ist nicht zynisch, Tech­ni­ken des Unter­hal­tungs­ro­mans auf die Poli­tik anzu­wen­den. Es ist genau das, was die Öffent­lich­keit tut. Eine Öffent­lich­keit, die kurio­ser­wei­se dabei selbst immer am bes­ten weg­kommt, denn sie will nichts ande­res als die Wahr­heit und eine Poli­tik, die an die Kin­der und Enkel denkt.

So ist es. Die Media­to­ren hän­gen noch in den alten Kate­go­ri­en des Schund­ro­mans. Oder der shakespear’schen Per­so­nen­bil­dung. Und lesen wir wei­ter, um auf die Betei­li­gung der Gaucks und Wulffs zu kom­men:

Ehe man die Poli­ti­ker in Bausch und Bogen ver­ach­tet – und die Argu­men­te gegen Wulff sind nichts ande­res als ein Demen­ti gegen prak­tisch jeden ein­zel­nen Poli­ti­ker des Wes­tens ab dem Jahr­gang 1949 –, soll­te man sehen, wie sehr sie den Erwar­tun­gen eines Publi­kums fol­gen, das von der Poli­tik an eine See­le gemahnt wer­den will, die es nur im Roman fin­det. Wir wol­len Wahr­heit über Legis­la­tur­pe­ri­oden hin­aus? Dann rede man mit Peer Stein­brück und über die Fra­ge der Ren­te mit 67. Es geht um unse­re Kin­der und Enkel? Dann rede man mit Bie­den­kopf oder Mie­gel. Der Selbst­be­trug der Gesell­schaft ist aben­teu­er­lich.

Es sind die Media­to­ren, die die­se Geschich­ten erzäh­len wol­len — und die poil­ti­schen Akteu­re sind viel zu sehr dar­auf ange­wie­sen, dass die rich­ti­gen, pas­sen­den und span­nen­den Geschich­ten über sie erzählt wer­den, um ein­fach Figu­ren zu sein. Wir sind bei Dide­rots Jac­ques le fata­lis­te: “Jac­ques disait que son maît­re disait que tou que se pas­se ici-bas eatît écrit la-haut” (aus dem Kopf zitiert, wird ggf kor­ri­giert). Poli­ti­ker han­deln in einem Schund­ro­man, den sie nicht sel­ber schrei­ben, ver­su­chen aber sowohl durch direk­ten Ein­fluss auf die Auto­ren wie auch durch die Anlie­fe­rung dra­ma­tur­gie­ge­eig­ne­ter “Pres­se­mel­dun­gen” und Hin­ter­grund­ge­sprä­che Ein­fluss auf die Geschich­ten zu neh­men. Die­se poli­ti­sche Gesich­te, die uns jeden Abend aus den Nach­rich­ten ent­ge­gen­flim­mert oder von den Zei­tungs-Sei­ten und -Sites begeg­net ist ein Bild­schirm, auf den von zwei Sei­ten gemalt wird: Media­to­ren und poli­ti­sche Han­deln­de, Erzäh­ler und Erzähl­te. So schrei­ben Sies ja selbst:

Und die Poli­ti­ker ler­nen schnell: Wenn man vom Held erwar­tet, dass er Dra­chen tötet, dann bläst sich der Poli­ti­ker halt für ein paar Tage einen Gum­mi­d­ra­chen auf, ehe er wie­der die Luft raus­lässt.

Aber wer sind die Dreh­buch­schrei­ber und Geschich­ten­er­zäh­ler, die Dra­ma­tur­gen — wenn nicht die Media­to­ren in Pres­se und Rund­funk? Wer baut die Dreh­bü­cher, die Sie wie folgt beschrei­ben:

Die Geschich­ten wer­den Dreh­bü­cher, indem die Auto­ren neue Prot­ago­nis­ten auf die Büh­ne rufen, in einer Geschwin­dig­keit wie nie­mals zuvor, und so kommt es, dass aus einem frag­men­ta­ri­schen Dia­log in einem Flug­zeug mit­hil­fe von Trit­tin und ein paar aus der Kulis­se tre­ten­den Hin­ter­bänk­lern die Geschich­te vom Rück­tritt eines Prä­si­den­ten wird.

Sie, Herr Schirr­ma­cher in Ihrer Funk­ti­on als Her­aus­ge­ber der FAZ, sind dabei natür­lich selbst einer der Chef­dreh­buch­schrei­ber und Sto­ry­li­ner. Sie erzäh­len Ihre eige­ne Arbeits­wei­se und die­je­ni­ge Ihrer Bran­che:

Poli­ti­sche Erzäh­lun­gen fol­gen nicht poli­ti­schen, son­dern stren­gen ästhe­ti­schen Geset­zen. Sie haben nichts mit der „Wahr­heit“ zu tun, nicht mit dem, was wirk­lich so gewe­sen ist, oder gar der Abwä­gung von Mei­nun­gen – im Gegen­teil, sie brau­chen Zuspit­zung, Kon­flikt und Span­nungs­bö­gen, sie fol­gen Geset­zen aus­ge­feil­tes­ter Berech­nung. Wir sind im Begriff, nur noch eine Poli­tik zu hono­rie­ren, die die­ser Auf­merk­sam­keits­öko­no­mie folgt.

Und schlie­ßen — und des­we­gen gefällt mir Ihr Arti­kel wirk­lich gut — mit einer kur­zen Vol­te in Rich­tung derer, denen die Dra­ma­tur­gie gera­de abhan­den kommt. Die Geschich­te derer, die mit dem Hap­py End began­nen und nun auf die Kata­stro­phe oder Kri­se zusteu­ern:

Wenn die, die ihm (Wulff) jetzt sein unge­bro­che­nes Leben vor­wer­fen, erken­nen wür­den, dass die Gene­ra­ti­on der Baby­boo­mer, der Geburts­jahr­gän­ge 1955–1970, einer Fabel folgt, die mit allen Geset­zen der Lite­ra­tur bricht: Ihr Leben begann mit einem Hap­py End und kommt jetzt erst an einen har­ten, wirk­lich schwe­ren Anfang, den Anfang, vor dem das gan­ze Land steht.

dar­aus zie­he ich für mcih die Kon­se­quenz, dass der gegen­wart nur nach postro­ma­nesk, post­dra­ma­tur­gisch und post­dra­ma­tisch bei­zu­kom­men ist. Aber wie sol­len Media­to­ren, die ganr nicht anders kön­nen, als Geschich­ten zu erzäh­len (selbst wenn sie gera­de kei­ne erzäh­len woll­ten), in die­se Post­ness gelan­gen? Das wäre eine span­nen­de Fra­ge, deren Beant­wor­tung von Ihnen  lesen zu dür­fen, Herr Schirr­ma­cher, mich ernst­haft sehr freu­en wür­de.

Ihr Post­dra­ma­ti­ker

P.S. Ich brüs­te mich ja ger­ne der Bes­ser­wis­se­rei — des­we­gen möch­te ich natür­lich nicht unter­las­sen, geneig­te ver­irr­te Leser, die die­ses Blog aus wel­chen Grün­den auch immer fan­den, auf die­sen Text von Anfang Mai 2009 zu ver­wei­sen, in dem ich mich über die Dra­ma­tur­gi­sie­rung des Poli­ti­schen, die unter­schied­li­chen Betei­lig­ten, die Immer­gleich­heit der Dra­ma­tur­gi­en und das Ende des Dra­ma­tur­gi­schen in der Lebens­welt der Men­schen ziem­lich breit ver­brei­tet habe: Das Poli­ti­sche zurück ins Thea­ter. Kos­ten­los zum Run­ter­la­den und Lesen hier.

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