Das Post-Drama der Arbeitslosigkeit

Januar 21st, 2010 Kommentare deaktiviert für Das Post-Drama der Arbeitslosigkeit Autor: Ulf Schmidt

Als Nach­trag oder Bei­trag zum The­ma “nie­der­wer­ti­ge Arbeit” und Ver­schie­bung der Debat­te hin auf die fun­da­men­ta­le poli­ti­sche Dimen­si­on im Fol­gen­den ein Aus­zug aus “Das Poli­ti­sche zurück ins Thea­ter” (Vor­trag im Frank­fur­ter Auto­ren­thea­ter 03.Mai 2009). Zur Fra­ge inwie­fern Arbeits­lo­sig­keit den poli­ti­schen Herr­schern und (sich-sebst-ver-)Göttern die Stel­lung in einer Wei­se rau­ben könn­te, wie es für den christ­li­chen Gott durch das Erd­be­ben von Lis­sa­bon 1755 geschah:

[…] Die poli­ti­schen Nicht-Göt­ter, die kei­ne Köni­ge sind, ste­hen kurz und haar­scharf vor der Däm­me­rung. Der Ring der Macht droht ihnen voll­ends abhan­den zu kom­men, weil die Geschich­te und Erzäh­lung, die sie trägt, schwin­det und zwar rapi­de. Es ist die Erzäh­lung der Arbeit. Ein Glau­be, der Anstren­gung for­dert und dafür gerech­te Ent­loh­nung ver­spricht. Eine dies­sei­ti­ge Reli­gi­on mit dies­sei­ti­gem, mate­ri­el­lem Lohn. Oder eben sein Ent­zug bei Ver­sün­di­gung gegen die For­de­run­gen die­ses Glau­bens.

Die tra­di­tio­nel­le Erzäh­lung von der Arbeit lau­tet: Iss als Kind brav dein Tel­ler­chen leer, sitz gera­de, kip­pel nicht, pass in der Schu­le fein auf, sei nicht auf­säs­sig oder frech, ler­ne und sei streb­sam, wider­sprich den Leh­rern nicht, dann wirst du einen guten Abschluss machen kön­nen und eine Lehr­stel­le bekom­men. Ver­giss aber nicht, dass Lehr­jah­re kei­ne Her­ren­jah­re sind. Dann fin­dest du gute Arbeit, sei zuver­läs­sig und pünkt­lich, sei nicht wider­bors­tig, dann wirst du auf­stei­gen, dein Gehalt wird wach­sen. Du wirst eine Frau oder einen Mann fin­den, eine Fami­lie grün­den und Kin­der haben, kannst dir ein Haus kau­fen, in den Urlaub flie­gen und einen gol­de­nen Lebens­abend in dei­nem wohl­ver­ren­te­ten Ruhe­stand genie­ßen bis du dann der­einst in die Gru­be fährst. So klingt der Glau­be der Gegen­wart. Dafür haben die poli­ti­schen Nicht-Göt­ter sel­ber zu arbei­ten und alles zu tun, dass sich die­se Ver­hei­ßung erfüllt. Sie müs­sen für die Fol­ge­rich­tig­keit die­ser Bio­gra­phie garan­tie­ren. Poli­tik hat­te oder hat eine Garan­ten­stel­lung nicht nur für das Über­le­ben der Bür­ger son­dern auch für ihre Lebens­läu­fe.

Die Geschich­te des Arbeits­lo­sen ist eine ganz ande­re – nicht min­der kon­se­quen­te. Da geht es um Faul­heit, Unwil­lig­keit, Dumm­heit, Auf­säs­sig­keit, Unan­ge­passt­heit, lan­ge Haa­re, unge­schnit­te­ne Bär­te, unge­putz­te Fin­ger­nä­gel, schu­li­sches Ver­sa­gen, schlech­te Beherr­schung der deut­schen Spra­che. So kommt es zu Arbeits­lo­sig­keit. Wel­che Geschich­te aber erleb­ten die Bochu­mer Noki­a­ner? Oder die Ope­la­ner? Waren sie nicht immer brav und flei­ßig? Und lan­den den­noch in der Arbeits­lo­sig­keit? Die Geschich­te droht aus­zu­set­zen, abzu­bre­chen. Die Geschich­te vom Glau­ben an die Arbeit. Ein Ret­ter muss her. Oder wenigs­tens ein ver­ruch­ter, gie­ri­ger Übel­tä­ter in Detroit, eine fata­le Ursa­che. Denn was wäre wenn Arbeits­lo­sig­keit, die­ses höl­len­haf­te Ver­häng­nis im Dies­seits, dass die Men­schen mehr fürch­ten als alle Krank­hei­ten und Bedro­hun­gen zusam­men, kei­ne Fol­ge einer bestimm­ten Geschich­te wäre, son­dern – ein Ereig­nis, das jeden tref­fen kann? Unab­hän­gig von sei­ner Bio­gra­phie.

War­um starrt die gan­ze Nati­on auf Opel wie das Kanin­chen auf die War­te­schlan­ge? Was fehlt der Welt, wenn es kei­ne Opel mehr gäbe? Nichts. Außer etwa 70.000 Arbeits­plät­zen. Und was unter­schei­det die­se 70.000 bedroh­ten Arbeits­plät­ze von den etwa 1.000.000 wei­te­rer Arbeits­plät­ze, die in die­sem Jahr ver­lo­ren gehen? Die Öffent­lich­keit des Gesche­hens. Der Kampf der Regie­rung um die Arbeits­plät­ze bei Opel ist ein rein sym­bo­li­scher. Weil mit jeder Nie­der­la­ge der Kate­go­ri­en Max­hüt­te, AEG, Holz­mann, Nokia die tra­gen­de Geschich­te unse­rer Gegen­wart, näm­lich die Arbeits­ge­schich­te, ein Stück an Kraft, Glaub­wür­dig­keit und All­ge­mein­ver­bind­lich­keit ver­liert. Glaubt doch nie­mand, dass die­se Bun­des­re­gie­rung, die die Hartz IV Sät­ze gar nicht tief genug schrau­ben kann, den Ope­la­nern, die nach die­sen Sät­zen in eini­gen Mona­ten zu leben haben, auch nur eine Trä­ne nach­wein­te. Wenn es bra­ve Men­schen sind, die jetzt dem Hartz IV anheim­fie­len – war­um dann nicht die Regel­sät­ze so anhe­ben, wie es bra­ven Men­schen ange­mes­sen ist? Sehr wohl aber wein­te die Regie­rung dem Ver­lust der Geschich­te vom flei­ßi­gen Men­schen, die mit Arbeit, Wohl­stand und Glück zu tun hat, nach. Ein arbeits­lo­ses Bochum. Ein arbeits­lo­ses Rüs­sels­heim – das wäre die Kata­stro­phe, die da hie­ße: Fleiß, Wohl­ver­hal­ten, Beschei­den­heit füh­ren am Ende zu gar nichts. Berech­ti­gen zu gar nichts. Arbeit zu haben ist nicht Ver­dienst des Arbei­ten­den. Arbeits­lo­sig­keit nicht Schuld des­sen, der kei­ne Arbeit hat. Ende der Geschich­te von der Arbeit – Ende der Nicht-Göt­ter?

[…]

NACHTRAG: Ich weiß nicht mehr, wie die Zah­len rund um Opel zustan­de kamen — soll­ten sie inkor­rekt sein, bit­te ich um Nach­sicht. Die Ände­rung der Zah­len ändert aber nichts an der Sache, um die es hier geht. Den gan­zen Vor­trag gibt es hier als Down­load oder hier zu kau­fen.

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