Das Thalia Theater und die Spiel(plan)verderber

November 23rd, 2011 § 1 comment Autor: Ulf Schmidt

Anfang Novem­ber rief das Ham­bur­ger Tha­lia Thea­ter hier die Öffent­lich­keit auf, vier Posi­tio­nen des nächs­ten Spiel­plans zu bestim­men. Ver­mut­lich stand im Hin­ter­grund der Wunsch, der sich in ver­schie­de­nen Regio­nen der Welt, in der Occu­py-Bewe­gung, in der Netz­öf­fent­lich­keit mani­fes­tie­ren­den Betei­li­gungs­lust der Öffent­lich­keit zu öff­nen und selbst durch offe­ne Par­ti­zi­pa­ti­ons­mög­lich­kei­ten ein Stück offe­ner und „demo­kra­ti­scher“ zu wer­den. Unter Miss­ach­tung aller Erfah­run­gen, die mit ähn­li­chen Crowd­sour­cing- und Con­su­mer Empower­ment-Akti­vi­tä­ten vor­lie­gen. Man stol­pert ein­fach­mal rein in Par­ti­zi­pa­ti­ons­dy­na­mi­ken, in Netz­be­tei­li­gung und so eine Art Demo­kra­tie. Das mag man gut­mü­tig als naiv bezeich­nen – oder als … Don’t call me stu­pid.

Kei­ne Teil­neh­mer­be­schrän­kun­gen (zum Bei­spiel Besu­cher, Abon­nen­ten, Nord­deut­sche), kei­ne Qua­li­täts­si­che­rung (zum Bei­spiel: nur vom Ver­lag ange­nom­me­ne Stü­cke), kei­ne the­ma­ti­sche Ein­schrän­kung, kei­ne Peer Review, kei­ne Jury, kein Quo­rum an Min­dest­stim­men. Viel­mehr räumt man den Ent­schei­dern ein bruch­lo­ses „Durch­re­gie­ren“ ein. Nicht ein­mal bemer­kens­wer­te Spiel­re­geln gibt es. Ich erlau­be mir, aus der Aus­schrei­bung zu zitie­ren:

Lie­be Thea­ter­freun­dIn­nen und -fein­dIn­nen,

das Tha­lia Thea­ter ist, wie Sie wis­sen, nicht nur ein Kunst­in­sti­tut son­dern auch ein Dienst­leis­tungs­un­ter­neh­men. {…} Des­halb haben wir bei der jähr­li­chen Spiel­pla­nung schon immer Wert dar­auf gelegt, auch die Erwar­tun­gen des Publi­kums zu berück­sich­ti­gen. Für die nächs­te Spiel­zeit wol­len wir noch einen Schritt wei­ter­ge­hen. Sie bestim­men ein­fach selbst, was gespielt wird: 4 Insze­nie­run­gen im Gro­ßen Haus wer­den für die Spiel­zeit 2012/2013 vom Publi­kum vor­ge­schla­gen. Das ist immer­hin die Hälf­te aller dort statt­fin­den­den Neu­in­sze­nie­run­gen. Sie brau­chen nur eine Wahl­post­kar­te aus­zu­fül­len oder eine E-Mail zu schrei­ben und neh­men mit Ihrem Stück­vor­schlag an der Wahl zum neu­en Spiel­plan teil. Die drei meist­ge­nann­ten Stü­cke (auch Film- oder Roman­vor­la­gen sind wähl­bar) wer­den dann in der nächs­ten Spiel­zeit im Tha­lia Thea­ter auf­ge­führt. Ver­spro­chen!

Die drei meist­ge­nann­ten Stü­cke wer­den gespielt. So ein­fach. Vor­aus­ge­setzt sie waren (ein­zi­ge Ein­schrän­kung) nicht inner­halb der letz­ten 5 Jah­re hier schon zu sehen. Und nun?

Die Vor­schlä­ge

Nach nun­mehr drei Wochen, etwa Halb­zeit des Wahl­pro­zes­ses, stellt sich fol­gen­des Bild: An der Spit­ze lie­gen Stü­cke, deren Nomi­nie­rung ver­mut­lich in die Kate­go­rie „über­ra­schend“ gehö­ren. Dazu gleich mehr. Dahin­ter, jeweils mit eini­gen weni­gen Stim­men, liegt ein Sam­mel­su­ri­um an Tra­di­ti­ons­tex­ten, die in etwa dem Inhalt der Reclam-Män­gel­ex­em­plar­ram­schkis­ten lite­ra­tur­wis­sen­schaft­li­cher Uni­ver­si­täts­buch­hand­lun­gen ent­spre­chen. Hier zu sehen (ich las­se die nur ein­mal genann­ten Tex­te mal raus):

Die Reak­ti­on des Tha­lia: Men­no!

Auf Face­book ist nun seit eini­gen Tagen Akti­vi­tät des Tha­lia zu die­sem The­ma zu sehen – und zwar Über­ra­schen­de. Die sich in der Dif­fa­mie­rung der Füh­ren­den ergeht, sich gegen „feind­li­che Hava­rie“ (???) ver­tei­di­gen will. Man schreibt über den Ver­such „schlech­te Stü­cke in die Top5 zu kata­pul­tie­ren“, dif­fa­miert die Füh­ren­den als „Spam“, unter­stellt „per­sön­li­che Eitel­keit“, belei­digt süd­deut­sche Thea­ter und ver­un­glimpft die füh­ren­den Auto­ren:

Men­no, versprochen.…es war aber vor allem als Publi­kums­be­fra­gung gedacht und nicht als ein: Erfolg­lo­se Autoren/ Regisseure/Schauspieler ver­ei­nigt euch und wir spie­len das, was man in Mem­min­gen nicht sehen mag.…

Was wohl als sym­pa­thi­scher Ver­such der demo­kra­tisch-par­ti­zi­pa­ti­ven Öff­nung gedacht war, schlägt um in hoch­mü­ti­ge Arro­ganz. Oh what a noble sta­ge is here o’erthrown.

So shall you hear
Of car­nal, bloo­dy and unnatu­ral acts;
Of acci­den­tal judgments, casu­al slaugh­ters;
Of deaths put on by cun­ning and forced cau­se;
And, in this upshot, pur­po­ses mis­took
Fall’n on the inven­tors’ heads. All this can I
Tru­ly deli­ver.

Die Fol­ge: Mob-ili­sie­rung

Hin­ter dem Tha­lia sam­meln sich nun – wie in sol­chen Sozi­al­dy­na­mi­ken nicht unbe­kannt – die Freun­de des Tha­lia, star­ten eine eige­ne Face­book-Page, auf der sie das­sel­be tun, was den aktu­ell Füh­ren­den unter­stellt wird: sie grün­den eine Lob­by oder Par­tei mit dem Ziel, eige­ne Prä­fe­ren­zen durch­zu­set­zen, eige­ne Kan­di­da­ten zu nomi­nie­ren und hoch­zu­vo­ten. Man tritt als Spiel­plan­ret­ter und Scha­dens­be­gren­zer auf:

Auch wenn der ein oder ande­re sich das ein oder ande­re wünscht. Irgend­wo müs­sen wir anfan­gen. Daher stimmt ab für:
Fried­rich Dür­ren­matt *Die Ehe des Herrn Mis­sis­sip­pi*
oder
Thorn­ton Wil­der *Wir sind noch ein­mal davon gekom­men*
Hier geht es immer noch dar­um einen Spiel­plan vor der feind­li­chen Über­nah­me zu ret­ten.

Und das Pro­blem?

Die gegen­wär­tig Füh­ren­den haben sich abso­lut regel­kon­form ver­hal­ten. Sie haben getan, was das Thea­ter woll­te. Aber offen­bar hat das Thea­ter ande­res erwar­tet: „Es war als Publi­kums­be­fra­gung gedacht“. Ein Phä­no­men, das ande­re Insti­tu­tio­nen, die Ver­su­che mit demo­kra­ti­scher Par­ti­zi­pa­ti­on machen, auch ken­nen. Putin wäre sicher ein pas­sen­der Schirm­herr für eine sol­che Form der Demo­kra­tie. Jaja freie Wahl ist schön und gut – aber doch nicht DIESE Bewer­ber.  Die Erwar­tungs­hal­tung des Tha­lia wur­de ent­täuscht, man sieht sich der dro­hen­den Gefahr aus­ge­setzt, einen Klump auf die Büh­ne des Gro­ßen Hau­ses brin­gen zu müs­sen – und beschimpft also die Füh­ren­den, statt sich selbst.

Die Regeln hat das Tha­lia gemacht. Nie­mand zwang das Thea­ter, gleich vier Posi­tio­nen frei­zu­ge­ben, gleich das Gro­ße Haus aufs Spiel zu set­zen, der Netz­öf­fent­lich­keit Vor­schlag und Ent­schei­dung ohne Zwi­schen­schritt und Mode­ra­ti­on zu über­las­sen. Ihr habt die­se Regeln gemacht – sich jetzt über die Ergeb­nis­se regel­kon­for­men Ver­hal­tens zu erei­fern ist zumin­dest unsport­lich.

Nie­mand zwang euch, die Vor­schlä­ge ohne ein Quo­rum oder eine XX-Stim­men­hür­de durch­zu­win­ken. Noch grö­ßer als das Pro­blem der ent­schlos­se­nen Min­der­heit, die es schaf­fen könn­te, durch gute Orga­ni­sa­ti­on ihre eige­nen Kan­di­da­ten durch­zu­drü­cken, ist doch, das hin­ter die­ser radi­ka­len Spit­zen­grup­pe lächer­li­che Stim­men­zah­len zu fin­den sind. Ist es wirk­lich ein Aus­weis „demo­kra­ti­scher“ Offen­heit, wenn fünf oder sechs Ein­sen­dun­gen dazu rei­chen, einen Klas­si­ker auf die Büh­ne zu voten? Ver­mut­lich sind an tra­di­tio­nel­len Spiel­plan­ge­stal­tun­gen mehr Ent­schei­der betei­ligt. Selbst 100 Stim­men sind ein unspiel­ba­rer Witz.  Wie vie­le Plät­ze gibt es noch gleich im Tha­lia Thea­ter? Waren das nicht um die 1.000 jeden Abend? Ein Vor­schlag unter 500 Stim­men soll­te nicht ein­mal in Erwä­gung zieh­bar sein – Min­dest­wahl­be­tei­li­gung heißt das in demo­kra­ti­schen Pro­zes­sen. Oder 5%-Hürde. Dafür gibt es Wahl-Regu­la­ri­en. Außer bei euch natür­lich.

Dabei sind ja die wirk­li­chen „Unfäl­le“ noch nicht ein­mal ein­ge­tre­ten. Thea­ter­ver­la­ge haben die Chan­ce nicht wahr­ge­nom­men, durch klu­ge Mobi­li­sie­rung ihrer Res­sour­cen eige­ne Tex­te zu pushen. Und schon gar haben thea­ter­fer­ne Radi­kal­grup­pen bis­her offen­bar kei­nen Ein­fluss aus­zu­üben ver­sucht. Von „feind­li­cher Über­nah­me“ zu faseln ist also zumin­dest ver­früht, wenn nicht gänz­lich unan­ge­mes­sen. Mit ein wenig Phan­ta­sie las­sen sich „feind­li­che Über­nah­men“ den­ken, die das Haus tat­säch­lich in eine bedroh­li­che Situa­ti­on brin­gen könn­ten – und das Tha­lia hätt sich die Schuld auch dar­an selbst zurech­nen müs­sen, da kein „Notaus“-Schalter im Regel­werk vor­ge­se­hen ist, kei­ne Peer-Review, kei­ne Min­dest­an­for­de­rung hin­sicht­lich ras­sis­ti­scher, faschis­toi­der oder werb­li­cher Inhal­te. Ist das schlau … oder ist das nicht viel­mehr unglaub­lich … Don’t call me stu­pid.

Die Lösung?

Ihr habts euch ein­ge­brockt – jetzt löf­felts aus. Und zwar ohne Ver­un­glimp­fung derer, die ihr viel­leicht spie­len müsst. Bud­get, Beset­zung, Lei­tung, Aus­stat­tung wie es sich gehört.

Wenn nicht – müsst ihr wirk­lich Eier haben und ohne Rück­sicht auf das Echo die Akti­on vor ihrem Ende been­den, absa­gen, zurück­ru­fen. Mea Cup­la – wir habens ver­bockt. Für alle Ein­rei­cher zwei Frei­kar­ten mit Pau­sen­kalt­ge­tränk. Vor­schlä­ge heben wir auf fürs nächs­te Jahr, wenn wir die Publi­kums­wahl mit soli­der Vor­be­rei­tung, kla­ren Vor­stel­lun­gen und Zie­len und kla­rem Regel­werk erneut auf­set­zen und star­ten.

Und da das Tha­lia ver­mut­lich bei­des nicht will, wird jetzt gesche­hen: Wahl­ma­ni­pu­la­ti­on. Man akti­viert Mit­ar­bei­ter, Freun­de, Bekann­te, Unter­stüt­zer, um im Rah­men der Scha­dens­be­gren­zung eige­ne Kan­di­da­ten auf­zu­stel­len und durch­zu­drü­cken – unter dem Mot­to des Tha­li­a­ret­ter­vor­schlags „Wir sind noch ein­mal davon gekom­men“. Gut, dass es kei­ne Wahl­be­ob­ach­ter gibt…

Quint­essenz

Was ich bei alle­dem ganz inter­es­sant fin­de, ist die Teil­neh­mer­zahl: Über 700 Ein­rei­chun­gen zusam­men gerech­net. Eine soli­de auf­ge­setz­te Akti­on hät­te viel­leicht doch Poten­zi­al, das Publi­kum zu invol­vie­ren. Beim nächs­ten Mal dann.

 

Nach­trag: Bei Deutsch­land­ra­dio Kul­tur gibts hier ein Inter­view mit dem Inten­dan­ten Joa­chim Lux zu der Publi­kums­wahl. (via Affekt­blog)

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