Die Arbeitsmoral darf nicht sinken!

März 10th, 2010 Kommentare deaktiviert für Die Arbeitsmoral darf nicht sinken! Autor: Ulf Schmidt

Spie­gel Online erfreut uns mit einem Arti­kel­chen, das die in letz­ter Zeit hier gele­gent­lich geäu­ßer­te Kri­tik an wirt­schafts­wis­sen­schaft­li­chen Erwä­gun­gen wun­der­bar zusam­men­führt —  in einem Nega­tiv­bild. Die Auto­ren And­reia Tol­ciu und Micha­el Bräu­nin­ger, offen­sicht­lich zutiefst geprägt vom wirt­schafts­wis­sen­schaft­li­chen Dres­sur­meer­schwein­chen­den­ken, zei­gen sich ver­wun­dert, dass bei den lächer­li­chen Löh­nen, die etwa in Ost­deutsch­land gezahlt wer­den, über­haupt noch jemand arbei­ten geht:

Die­se nicht­mo­ne­tä­ren Fak­to­ren, die das Ver­hal­ten und die Men­ta­li­tät vie­ler Arbeit­neh­mer prä­gen, könn­ten erklä­ren, war­um es im Osten immer noch Fri­seu­rin­nen gibt — trotz Stun­den­löh­nen von gera­de mal vier Euro. Oder war­um sich Nied­rig­löh­ner mit Kin­dern für Arbeit ent­schei­den — obwohl sie am Monats­en­de kaum mehr in der Tasche haben als eine Hartz-IV-Fami­lie.

“Könn­ten erklä­ren” — “nich­mo­ne­tä­re Fak­ten”. Hm. Aha.Dieses Erklä­rungs­mus­ter gibt sogar Anlass, extra für die­se Berufs­grup­pe der Sich-dumm­ar­bei­ter die öko­no­mi­sche Theo­rie zu über­ar­bei­ten:

Die Ein­stel­lun­gen einer Gesell­schaft zur Arbeit haben gro­ße Bedeu­tung für das Funk­tio­nie­ren einer Volks­wirt­schaft. Die öko­no­mi­sche Theo­rie sozia­ler Inter­ak­tio­nen zeigt, dass die Sozi­al­staats­de­bat­te nicht mehr nur auf eine klas­si­sche mone­tä­re Kos­ten-Nut­zen Ana­ly­se redu­ziert wer­den kann. Denn Men­schen las­sen sich nicht nur vom öko­no­mi­schen Kal­kül lei­ten, son­dern auch vom Gefühl, etwas zu leis­ten und gebraucht zu wer­den.

Aha — Men­schen las­sen sich vom Gefühl lei­ten. Von dem­je­ni­gen, etwas zu leis­ten. Dafür ste­hen mache sogar früh­mor­gens auf (mit die­ser Fest­stel­lung beginnt der Arti­kel) und sind flei­ßig. Hm. Solch ein Gefühl gehört natür­lich in die öko­no­mi­sche Theo­rie. Ande­re Gefüh­le nicht. Zum Bei­spiel das Gefühl, dass es ande­ren Men­schen nicht schlecht gehen soll­te, nur weil sie auf dem “Arbeits­markt” nicht gekauft wer­den. Naja — sind wir beschei­den. Kann ja nicht gleich jedes Gefühl in die Öko­no­mie ein­wan­dern. Nun aber wirds kuri­os — denn jetzt kommt sogar die Moral in der öko­no­mi­schen Theo­rie vor. Die Arbeits­mo­ral näm­lich:

Debat­tiert wird über zusätz­li­che Leis­tun­gen des Staa­tes und — durch­aus berech­tigt — über die Fra­ge der Finan­zier­bar­keit. Viel wich­ti­ger aber wäre es, wenn die poli­ti­schen Ent­schei­dungs­trä­ger die lang­fris­ti­gen sozia­len Ein­fluss­fak­to­ren im Blick hät­ten. Und dazu zählt eben auch die Arbeits­mo­ral, die in Deutsch­land glück­li­cher­wei­se (noch) rela­tiv stark aus­ge­prägt ist.

Die vor­nehm­li­che Auf­ga­be der Poli­tik ist es, die Arbeits­mo­ral der Dres­sur­meer­schwein­chen hoch zu hal­ten. Und nun noch eine klei­ne kom­pli­zier­te Wen­dung: Wenn Arbeits­lo­se in einemm Umfeld mit nie­di­ger Arbeits­mo­ral leben ist ihr Anse­hens­ver­lust und die per­sön­li­che Betrof­fen­heit als wenn sie in einem Umfeld mit hoher Arbeits­mo­ral leben. SÜNDER! So klingt das:

Das “Wohl­be­fin­den” der Arbeits­lo­sen vari­iert aber mit der Anzahl der in ihrem Umfeld leben­den ande­ren Arbeits­lo­sen. Offen­sicht­lich wird es als viel schlim­mer emp­fun­den, allein arbeits­los zu sein. Erträg­li­cher wird die Situa­ti­on, wenn auch Freun­de und Bekann­te kei­nen Job haben. In die­sem Fall wird Arbeits­lo­sig­keit als eine kol­lek­ti­ve Erfah­rung betrach­tet.

Heißt — Arbeits­lo­se iso­lie­ren? In Arbei­ter­un­ter­künf­te ein­wei­sen? Oder was? Sagen die Auto­ren nicht. Aber ein kämp­fe­ri­scher Auf­ruf darf nicht feh­len:

Aus die­sen Zusam­men­hän­gen lässt sich eine kla­re Bot­schaft ablei­ten: Das Arbeits­en­ga­ge­ment derer, die sich jeden Mor­gen auf den Weg zur Arbeit machen, darf nicht in Fra­ge gestellt wer­den. Anrei­ze, einen Job anzu­neh­men, dür­fen nicht sin­ken.{..} Höhe­re Regel­sät­ze könn­ten vor allem Gering­ver­die­nern signa­li­sie­ren, dass Nichts­tun min­des­tens genau­so gut ist wie Arbei­ten: Höhe­re staat­li­che Unter­stüt­zung ver­rin­gert den Anreiz zu indi­vi­du­el­len Anstren­gun­gen; dadurch steigt die Arbeits­lo­sig­keit und wird gesell­schaft­lich tole­ra­bler; in der Fol­ge sinkt die sozia­le Norm der Leis­tungs­be­reit­schaft; und dies führt dann zu einem wei­te­ren Anstieg der Arbeits­lo­sig­keit.

Jawoll. So ein­fach ist das. Die Moral geht ver­lo­ren. Und schon wol­len die Herr­schaf­ten nicht mehr arbei­ten — so wie die doo­fen Fri­seu­sen, die sich für 4 Euro noch aus den Federn schä­len. Die haben zwar kein Geld, aber Moral. Juch­he! Denn was droht, wenns anders kommt. Schre­cken, Schau­er, Ver­zwei­fe­lung. In den Wor­ten der Auto­ren:

So wür­de ein Teu­fels­kreis aus Arbeits­lo­sig­keit und Arbeits­mo­ral akti­viert, der nur schwer zu durch­bre­chen ist.

Jawoll. Erst nicht arbei­ten. Dann kei­ne Moral. Dann der Teu­fel. Zur Höl­le mit den amo­ra­li­schen Arbeits­lo­sen.

Kann es sein, dass Spie­gel Online heim­lich zum Sati­re­ma­ga­zin gewor­den ist? Oder wer­den sol­che Arti­kel in ernst­haf­ter Absicht unters Volk gebracht? Seit wann gehen Men­schen aus mora­li­scher Ver­pflich­tung zur Arbeit? Ich dach­te, man täte dies um des Lebens­un­ter­halts wil­len. Also — nach öko­no­mi­scher Theo­rie betrach­tet. (Nach­trag: Ich arbei­te übri­gens lei­den­schaft­lich, mora­lisch, pro­tes­tan­tisch und gern. Gegen Bezah­lung)

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