Die Facebook Frage: Start einer Reihe

Februar 20th, 2011 Kommentare deaktiviert für Die Facebook Frage: Start einer Reihe Autor: Ulf Schmidt

Immer wie­der mal flam­men hier und da Debat­ten rund um die Pri­vat­sphä­re auf. Sei es bei Goog­le Stre­et­view. Sei es in Sachen Face­book. Im Wesent­li­chen zei­gen sich die­se Debat­ten als erschre­ckend niveau­los. Der (zumeist aus öffent­lich-recht­li­cher Ecke) gespeis­ten Warn-Mahn-Zei­ge­fin­ger­he­be­rei tre­ten auf der ande­ren Sei­te die Neo-Hip­pies und Ver­fech­ter der Frei­en Daten­lie­be unter der Sig­le der Post Pri­va­cy ent­ge­gen. Allen gemein­sam ist dabei, dass jeder ein aus unter­schied­lichs­ten Fak­ten und Fik­tio­nen gemisch­tes eige­nes Süpp­chen kocht und dem andern mög­lichst brüh­warm über den Kopf schüt­tet – das nie­mals auf sei­ne Ingre­di­en­zi­en befragt wird. Die Lage ist – unüber­sicht­lich. Und sie ist zudem: kom­plex. Denn es tre­ten in die­sem Post­dra­ma ver­schie­de­ne „Big Play­er“ auf, die auf wun­der­sa­me Wei­se wie Kipp­fi­gu­ren ihr eige­nes Erschei­nungs­bild ändern ohne sich selbst zu ver­än­dern. Der Betrach­ter oder Beob­ach­ter beob­ach­tet sie nur jeweils ver­schie­den.

Die Play­er sind: Der User (ver­stan­den nicht als Mensch+Internet, son­dern als Netz­mensch). Die User. Der Staat. Das Unter­neh­men – zum Bei­spiel Face­book. So sim­pel hin­ter­ein­an­der auf­ge­schlüs­selt ent­behrt das Post­dra­ma­tis Per­so­nae bereits nicht einer gewis­sen Skur­ri­li­tät. Seis drum. Die Betrach­tungs­wei­se ist nun in vie­len Tex­te eine, die im Wesent­li­chen aus ungu­ten oder sau­gu­ten Gefüh­len gespeist ist, gele­gent­lich mit Mora­lin gewürzt wird. Und am Ende irgend­wann auf die Fra­ge von Recht und Gesetz kommt. Damit sind schon drei nicht unkom­pli­zier­te Betrach­tungs­wei­sen im Spiel: Indi­vi­du­el­le Prä­fe­ren­zen (mit dem Anspruch auf die Tole­ranz der Ande­ren), ver­brei­te­te Moral­vor­stel­lun­gen (mit dem Anspruch auf Beach­tung durch Ande­re behaf­tet), und unbe­dingt gel­ten­de Geset­ze. Alle drei sind grund­sätz­lich nicht har­mo­nisch. Wie indi­vi­du­el­le Ansprü­che nicht mora­lisch und nicht unbe­dingt geset­zes­kon­form sein müs­sen, so sind Moral­vor­stel­lun­gen und Geset­ze kei­nes­falls deckungs­gleich (jeden­falls außer­halb von Staa­ten, die durch reli­giö­se Fun­da­men­ta­lis­ten in Beschlag genom­men wur­den). Indi­vi­du­el­ler Anspruch und Gesetz und Moral tref­fen regel­mä­ßig kon­f­li­gie­rend auf­ein­an­der. Sonst wärs ver­mut­lich recht lang­wei­lig im Leben.

Trotz alle­dem aber sind auch alle Berei­che wie­der­um ursäch­lich mit­ein­an­der ver­wo­ben. Ins posi­ti­ve Recht müs­sen gewis­se Moral­vor­stel­lun­gen ein­ge­hen (und das Recht muss sich ver­än­der­ten Moral­vor­stel­lun­gen anpas­sen, im Gegen­satz zur katho­li­schen Kir­che). Die Moral­vor­stel­lun­gen müs­sen mit indi­vi­du­el­len Ansprü­chen ver­ein­bar sein. Nur dadurch blei­ben sie ver­än­der­lich. Wenn auch der ein­zel­ne indi­vi­du­el­le Anspruch kei­ne rechts­ver­än­dern­de Kraft haben muss (und meist nicht haben wird) wird doch ein Bün­del sol­cher Ansprü­che durch­aus dafür sor­gen kön­nen, dass ein Rechts­sys­tem sich ver­än­dert. Demons­tra­tio­nen, Auf­stän­de, Revol­ten, Umstür­ze . Dabei han­delt es sich übri­gens nicht um eine Anhäu­fung von Sub­jek­ten, schon gar nicht um die Kon­sti­tu­ti­on eines gemein­sa­men „revo­lu­tio­nä­ren Sub­jekts“. Blei­ben wir statt­des­sen vor­läu­fig bei der Bestim­mung, dass es sich um „psy­chi­sche Sys­te­me“ han­delt, die sich zu einer Mas­se psy­chi­scher Sys­te­me häuft – und viel­leicht ein gemein­sa­mes sozia­les, revo­lu­tio­nä­res Sys­tem wird. Ob die­se Bestim­mung lang­fris­tig trag­fä­hig ist – wird sich zei­gen müs­sen.

Ich habe mir vor­ge­nom­men, in einer Rei­he von Pos­tings Fra­gen nach­zu­ge­hen, die sich mir im Zusam­men­hang mit Face­book auf­drän­gen, in der Hoff­nung (zumin­dest für mich) Klar­heit hin­sicht­lich eini­ger sich per­ma­nent um sich selbst dre­hen­der Debat­ten zu fin­den. Dabei liegt ein Fokus auf der Fra­ge, inwie­weit vor Face­book ein „Schutz“ mög­lich und oder nötig ist bzw. ob Face­book ein Instru­ment der Eman­zi­pa­ti­on und – wie man mit Blick auf Ägyp­ten hier und da las – Befrei­ung hin zur Demo­kra­tie ist. Und wel­che Rol­le Gesetz und Staat hier­bei spie­len dür­fen, spie­len soll­ten, nicht spie­len dür­fen.

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