Die Facebook Frage (Teil 7): Die panoptische Macht

Februar 22nd, 2011 § 12 comments Autor: Ulf Schmidt

Als ille­gi­ti­mer Nach­fah­re des all­wis­sen­den Got­tes, des Big Bro­ther und der Foucault’schen Pan­op­ti­kons ist die­se All­wis­sen- oder All­spei­cher­heit der Platt­form ein Macht­fak­tor. Aus­ge­übt oder nicht. Der all­spei­chern­de Anbie­ter hat die Macht, über die Wis­sens­macht zu ver­fü­gen oder nicht. Es ist Face­book, die ent­schei­den, ob und was mit den Daten gear­bei­tet wird. Das ist die Macht über die Macht.

Nun kann man – mit Micha­el See­mann – auf die Fra­ge des „Was machen die damit? Tun die was Böses?“ kom­men.:

Face­book sam­melt Daten, die man ihm gibt und klar, rei­chert es sie sta­tis­tisch an. Um Wer­bung anzu­zei­gen. Sie geben Part­nern Zugriff auf die Daten, um eben­so Wer­bung anzu­zei­gen oder Fea­tures zu ermög­li­chen. Mehr nicht. In der Rei­he, der Unter­neh­men, die poten­ti­ell oder real an Infor­ma­tio­nen von Nut­zern her­an­kom­men, ist kein ein­zi­ges dabei, das mit einer Keu­le auf irgend­wen ein­schla­gen wird oder eine Skla­ven­ga­le­re betreibt, auf der wir rudern müs­sen, weil wir den fal­schen Film­ge­schmack haben. Dass Regie­run­gen an sol­che Unter­neh­men her­an­tre­ten und die­se Daten tat­säch­lich gegen uns ver­wen­den kön­nen, ist zwar rich­tig, aber Face­book dafür zu kri­ti­sie­ren ist so sinn­voll wie das Beschimp­fen eines Raub­op­fers nach dem Dieb­stahl. Ich fra­ge mich also regel­mä­ßig, was die­se Gekrei­sche eigent­lich soll.

Zwi­schen­be­mer­kung: Ich habe das von See­mann bespro­che­ne Buch „Die face­book-Fal­le: Wie das sozia­le Netz­werk unser Leben ver­kauft“ von Sacha Ada­mek nicht gele­sen. Habe es auch nicht vor. Schon der Unter­ti­tel ist mir zu blöd, und wenn ich die Pro­dukt­be­schrei­bung auf Ama­zon dazu neh­me, fällt mir dazu eh nichts mehr ein:

Sascha Ada­mek deckt auf
– mit wel­chen Metho­den ein als „sozia­les Netz­werk“ getarn­ter US-Kon­zern die Welt erobert
– wie Nut­zer online ins Visier von Ermitt­lun­gen und Geheim­diens­ten gera­ten
– wie Face­book und Twit­ter die Demo­kra­tie bana­li­sie­ren und von Dik­ta­tu­ren aus­ge­nutzt wer­den
– wie Betrü­ger und Sexu­al­straf­tä­ter über Platt­for­men wie Face­book ihre Opfer aus­ma­chen
– war­um die Frei­heit des Inter­nets oft eine ver­meint­li­che ist.

Man muss schon sehr retar­diert sein, um zu über­se­hen, dass Face­book – wie in den letz­ten Pos­tings dar­ge­stellt – kei­ne Web­sei­te, Ser­ver und Daten­ban­ken ist. Son­dern 500 Mil­lio­nen Men­schen, die Face­book sind. Und die Ada­mek offen­bar kol­lek­tiv zu Idio­ten erklärt. Nun – tat­säch­lich sind ver­mut­lich die meis­ten Men­schen Idio­ten. Was aber noch wich­ti­ger ist: Sowohl See­mann als auch Ada­mek lie­gen dane­ben.  Was für Ada­mek offen­bar Face­book ist, ist für See­mann der Staat. Ada­mek wünscht wohl Ver­tei­di­gung durch den Staat gegen Face­book – See­mann wür­de ver­mut­lich eher sagen, dass die Ver­net­zung auf Face­book eine Mög­lich­keit ist, die staat­li­che Daten­kra­ke in die Schran­ken zu wei­sen. Bzw. dass zumin­dest der Staat sei­nen Ein­fluss hier raus­zu­hal­ten habe. See­mann sieht die Macht von Face­book durch­aus:

Erst indem sich Face­book zur Platt­form der Daten­herr­schaft sei­ner Nut­zer macht, gewinnt es sei­ne Macht. Eine zuneh­mend unheim­li­che Macht.

Aber er fährt fort:

Aber eine Macht, die eben nicht in dem schlich­ten Hos­ting pri­va­ter Infor­ma­ti­on begrün­det liegt, wie es die meis­ten unre­flek­tiert kra­kee­len, son­dern in der Regu­lie­rung des Zugangs zu ihnen durch die Pri­va­cy-Fea­tures.

Und damit liegt er dane­ben. Denn die Ver­wand­lung der gespei­cher­ten Kom­mu­ni­ka­tio­nen durch das Unter­neh­men als Infor­ma­ti­on über die User ist die Quel­le und das Zen­trum der Macht. Die Zusam­men­bal­lung der Spu­ren, der Kom­mu­ni­ka­ti­ons­wel­len des Wel­le-Teil­chen-Dua­lis­mus zu Kugelwolken/Profilen ist die Ope­ra­ti­on der Macht.

Die Pri­va­cy-Fea­tures sind Maku­la­tur, da jeder, der Zugriff auf die „pri­va­ten“ Infor­ma­tio­nen hat die­se frei wei­ter­ver­brei­ten kann. Sich – wie See­mann – dar­auf zurück­zu­zie­hen, dass Face­book schon kei­ne bösen Absich­ten habe, ist irrele­vant. Denn Face­book kann die Wei­ter­ga­be der „pri­va­ten“ Infor­ma­tio­nen eben­so wenig kon­trol­lie­ren, wie ich ver­mei­den kann, heu­te Nach­mit­tag bei zufäl­li­gen Vor­bei­spa­zie­ren an einem Eta­blis­se­ment im Bahn­hofs­vier­tel foto­gra­fiert oder gefilmt und ins Netz gestellt zu wer­den.  Das ist „all­ge­mei­nes Lebens­ri­si­ko“. Es ist mei­nes Erach­tens auch eben nicht die­se Pri­va­cy-Herr­schaft, die die „erdrü­cken­de Macht­ak­ku­mu­la­ti­on“ (See­mann) von Face­book her­bei­führt.  Es ist die Tat­sa­che, dass sich „die Gesell­schaft für die­se Platt­form ent­schie­den hat“ (See­mann) und dass die­se Platt­form eben kein Kom­mu­ni­ka­ti­ons­me­di­um ist wie ein Tele­fon – son­dern ein Infor­ma­ti­ons­spei­cher, der durch die Kom­mu­ni­ka­tio­nen der (inso­fern tat­säch­lich idio­tisch nai­ven) User gefüllt wird. Was Face­book damit tut – ist eben­so uner­heb­lich. Wer­be­ein­blen­dun­gen, die auf mich zuge­schnit­ten sind, kann ich rela­tiv gut igno­rie­ren.

Aber die blo­ße Tat­sa­che, dass ein Unter­neh­men die Infor­ma­ti­ons­ho­heit über 600 Mil­lio­nen Men­schen bekommt, damit eine pan­op­ti­sche Macht­fül­le, wie es sie nie zuvor gab, gehört in den Fokus der Refle­xi­on. Nicht dass Face­book die Daten, die es besitzt miss­brau­chen könn­te, ist die Her­aus­for­de­rung. Son­dern dass bereits der Besitz die­ser Daten­füll­le Miss­brauch ist – weil Usur­pa­ti­on einer erdrü­cken­den Macht­fül­le. Es ist mir völ­lig unver­ständ­lich, wie Netz­ak­ti­vis­ten einer­seits gegen Vor­rats­da­ten­spei­che­rung sein kön­nen, die doch zumin­dest von einem eini­ger­ma­ßen demo­kra­ti­schen Staat mit eini­ger­ma­ßen trans­pa­ren­ten Ent­schei­dungs­we­gen genutzt wird – und gleich­zei­tig die Vor­rats­da­ten­spei­che­rung von Face­book als Kin­ker­litz­chen abtun kön­nen. Ande­rer­seits hat ver­mut­lich nie­mand ein Pro­blem damit, dass pri­va­te Hos­ting­un­ter­neh­men eben­falls im Besitz einer ten­den­zi­ell unend­li­chen Daten­fül­le sind. Das aber des­we­gen, weil sie mit die­sen Daten nichts tun dür­fen. Sie spei­chern sie, nut­zen sie aber nicht (hof­fe ich jeden­falls gera­de noch). Die Ent­flech­tung von Kom­mu­ni­ka­ti­ons­platt­form und Daten­spei­cher könn­te also durch­aus ein Schritt sein, Face­book die düs­te­re Sei­te der Macht zu neh­men, ohne die hel­le Sei­te abzu­schal­ten (wie Face­book dann trotz­dem über­le­ben könn­te, will ich im letz­ten Teil die­ser klei­nen Pos­ting­se­rie vor­stel­len).

Nur um noch einen viel­leicht etwas klä­ren­den Ver­gleich zu bemü­hen: Goog­le hat mit sei­nen Ser­ver­far­men und sei­nen Such­al­go­rith­men mehr oder min­der eine Daten­bank des ver­füg­ba­ren Wis­sens auf­ge­baut. Dar­in kom­men auch per­sön­li­che Infor­ma­tio­nen vor – aber eher nach­ran­gig. Face­book dreht die­ses Prin­zip um. Face­book erzeugt eine Daten­bank, die Infor­ma­tio­nen über sämt­li­che Mit­glie­der ent­hält. Das ist die Her­aus­for­de­rung. Und genau hier ist auch die Fra­ge, ob nicht die gesell­schaft­li­che Auf­for­de­rung an einen Gesetz­ge­ber erfol­gen muss, die­se Macht­fül­le zu beschnei­den und zu begren­zen. Das hat nichts damit zu tun, dass Face­book dann etwa weni­ger nutz­bar wäre. Die ange­spro­che­ne Tren­nung von Web­sei­ten­be­trieb und Daten­spei­che­rung etwa wäre ein rela­tiv simp­les Mit­tel, um den Usern die Nut­zung nahe­zu ohne Ver­än­de­rung zu gewähr­leis­ten – ohne dass dar­aus ein Daten­le­via­than wür­de. Das aber führt zur nächs­ten Fra­ge: Der­je­ni­gen nach dem Staat, des­sen Daten­kra­kig­keit natür­lich selbst alles ande­re als harm- oder macht­los ist.

Wie Face­book in der Wahr­neh­mung sich als Kipp­fi­gur einer­seits zeigt als eman­zi­pa­to­ri­sche, ver­bin­den­de Platt­form des inter­na­tio­na­len Aus­tauschs, zugleich aber pan­op­ti­sche Daten­macht, so ist auch der Staat einer­seits als düs­te­rer und gehei­mer Über­wa­cher und Kon­trol­leur, ande­rer­seits als Gewähr­leis­ter bestimm­ter Rech­te im Blick. Dazu im über­nächs­ten Pos­ting mehr.

§ 12 Responses to Die Facebook Frage (Teil 7): Die panoptische Macht"

  • mspro sagt:

    Ich kann dei­ner Argu­men­ta­ti­on nicht fol­gen. Wo ist denn jetzt die “Macht” von der du redest? Inwie­weit ergibt das blo­ße Hos­ting pri­va­ter Infor­ma­tio­nen Macht?

    “Aber die blo­ße Tat­sa­che, dass ein Unter­neh­men die Infor­ma­ti­ons­ho­heit über 600 Mil­lio­nen Men­schen bekommt, damit eine pan­op­ti­sche Macht­fül­le, wie es sie nie zuvor gab, gehört in den Fokus der Refle­xi­on. Nicht dass Face­book die Daten, die es besitzt miss­brau­chen könn­te, ist die Her­aus­for­de­rung. Son­dern dass bereits der Besitz die­ser Daten­füll­le Miss­brauch ist – weil Usur­pa­ti­on einer erdrü­cken­den Macht­fül­le.”

    schreibt du. Aber mal echt: das ist eine schlich­te Rum­be­haupte­rei. Da ist kein Argu­ment. Nur ein “ist halt so”. Du gibst dir nicht mal die Mühe, den Pan­op­tis­mus auf Face­book anzu­wen­den. Wenn du das tätest wür­de dir näm­lich auf­fal­len, dass zum “Über­wa­chen” in der Dif­fe­renz zur “Trans­pa­renz” näm­lich die Exklu­si­vi­tät des Daten­zu­griffs liegt. Eben das, was ich ange­pran­gert habe.

    Und was ist das bit­te für eine wir­re Schluss­fol­ge­rung, Face­book soll­te die Daten eben nicht mehr spei­chern? Spei­chern ist im Digi­ta­len kein geson­der­ter Vor­gang. Löschen ist es. Jede akti­on im Netz hin­ter­lässt — wie du in einem ande­ren Bei­trag rich­tig sagst — Spu­ren. Man muss Auf­wand trei­ben die­se Spu­ren zu löschen. Was du willst ist also das digi­ta­le Radier­gum­mi mit all sei­nen Schwie­rig­kei­ten und infor­ma­ti­ons­kon­trol­lie­ren­den Kon­se­quen­zen, die eine neue Macht­fül­le mit sich brin­gen.

  • Postdramatiker sagt:

    Bist du sicher, dass du mein Pos­ting kom­men­tierst? Das “blo­ße Hos­ting” ist kei­ne Macht. Der Besitz mit ein­be­grif­fe­ner Ver­fü­gungs­ho­heit ist Macht, deren Vor­lie­gen oder Nicht­vor­lie­gen nicht davon abhän­gig ist, ob sie aus­ge­übt wird oder nicht. Das Foucault’sche (bzw. Bentham’sche) Pan­op­ti­kon setzt nicht in jede Gefan­ge­nen­zel­le einen Auf­pas­ser. Es stellt der Auf­pas­ser in einen Raum, der für die Gefan­ge­nen nicht ein­seh­bar ist und wirkt damit dis­zi­pli­nie­rend. Heißt: Das Bewußt­sein der Insas­sen übt die Macht aus, die sei­tens des Bewa­chers (der ja rein phy­sisch schon nicht jeden Insassn per­ma­nent beauf­sich­ti­gen kann) gar nicht durch den kon­kre­ten Blick auf den Insas­sen aus­ge­übt wer­den kann. Dass er dort in der Mit­te sitzt, ist die Quel­le sei­ner Macht.
    Ist den Face­book­nut­zern die­se Form der Vewen­dung ihrer “pri­va­ten” Kom­mu­ni­ka­ti­on bewußt? Wenn ja — wür­de die Macht als nor­ma­li­sie­ren­de Macht Foucault’s zutref­fen. Mei­nes Erach­tens lau­tet aber die Ant­wort: nein. Und damit glaubt der User/Insasse, er wür­de in einen Fri­sier­spie­gel schau­en, der tat­säch­lich doch eine halb­trans­pa­ren­te Wand ist, hin­teer der ein Auf­se­her sit­zen kann oder auch nicht.
    “Halb­trans­pa­renz” ist des­we­gen viel­leicht der bes­se­re Begriff: Weil nur für eine Sei­te trans­pa­ra­ent. Wel­che Infor­ma­tio­nen Face­book über dich besitzt und was Face­book damit macht — bleibt weit­ge­hend “pri­vat” sei­tens Face­book.
    Wer for­dert, Face­book sol­le nicht spei­chern? Wo ist die Rede vom Radier­gum­mi? Noch­mal anders: Die Tele­kom stellt tech­ni­sche Mit­tel für die Kom­mu­ni­ka­ti­on zwi­schen Men­schen bereit. Das tut Face­book mit der eige­nen Platt­form und dem Open­Graph. Aber kein Mensch wür­de es zulas­sen, dass Tele­kom die Gesprä­che auf­zeich­net, inhalt­lich aus­wer­tet und zu kom­mer­zi­el­len Zwe­cken ver­wen­det. Anders als Tele­fon­kom­mu­ni­ka­ti­on braucht digi­ta­le Kom­mu­ni­ka­ti­on selbst­ver­ständ­lich Spei­cher und Hos­ting. Aber war­um durch Face­book? War­um nicht das Hos­ting der Daten von der Kom­mu­ni­ka­ti­ons­tech­no­lo­gie tren­nen? “Hos­ting” dabei ledig­lich ver­stan­den als Spei­che­rung und Ver­füg­bar­ma­chung der Daten für die berech­tig­ten Nut­zer. Nicht aber für Face­book. Platt­form und Inhalt tren­nen.

    Wirr? Kann ich mit leben. Ist nicht alles bis ans Ende durch­dacht. Wenn das stört — bit­te ich um Nach­sicht.

  • mspro sagt:

    1.) Was ist denn bit­te “Ver­fü­gungs­ge­walt” in sachen digi­ta­ler Daten? Der Zugriff? Die Spei­che­rung? Hat Twit­ter die “Ver­fü­gungs­ge­walt” über die bei ihnen gespei­cher­ten Daten? Ich kann auch auf die­se Daten zugrei­fen. Goog­le hat sie inde­xiert und selbst gespei­chert. Über­all grei­fen Leu­te die Daten bei Twit­ter ab und spei­chern sie. Was heißt Ver­fü­gungs­ge­walt über Daten? Na? Na? JA! EXKLUSIVZUGRIFF! Exklu­siv­zu­griff ist die ein­zi­ge Form von (zuge­ge­be­ner Maßen brü­chi­ge (sie­he Kon­troll­ver­lust)) “Ver­fü­gungs­ge­walt” von Daten in Digi­ta­li­en. Und damit ist es eben nicht die Spei­che­rung, son­dern die Ver­wal­tung des Zugriffs und der Zugriffs­rech­te, was Macht bedeu­tet.

    2.) Zum Pan­op­tis­mus: Zunächst muss ich das Gefühl haben, dass der­je­ni­ge, der mich beob­ach­tet über­haupt eine nor­ma­ti­ve Agen­da ver­folgt. Das tut Face­book nur in gewis­sen Fäl­len (du sollst nicht spam­men, stal­ken und schmut­zi­ge Fotos von dir ins Netz stel­len).

    3.) aber dar­um geht es ja nicht­mal, sie­he Punkt 1. Denn wenn es die Pri­va­cy­fea­tures nicht gäbe, dann wür­de schließ­lich alles wie bei Twit­ter öffent­lich zugäng­lich sein und der Pan­op­tis­mus wür­de sich poten­ti­ell auf jeden als Über­wa­cher rich­ten.

    4.) Jetzt ver­wirrst du mich noch mehr: Wenn du also nicht willst dass Face­book mei­ne Sta­tu­s­up­dates, Kom­men­ta­re und Bil­der “spei­chert”, wie soll das gehen? ich mein: HÄ???

  • Postdramatiker sagt:

    1) Ver­fü­gungs­ge­walt: Face­book spei­chert die Daten (dazu rech­ne ich sämt­li­che Inhal­te, die du auf Face­book ein­fügst — sei es in dei­nem Pro­fil, in Pos­tings, Kom­men­ta­ren, Fotos). Über die­se Daten darf Face­book ver­fü­gen : “Du gibst uns eine nicht-exklu­si­ve, über­trag­ba­re, unter­li­zen­zier­ba­re, unent­gelt­li­che, welt­wei­te Lizenz für die Nut­zung jeg­li­cher IP-Inhal­te, die du auf oder im Zusam­men­hang mit Face­book pos­test („IP-Lizenz“).” (Nut­zungs­be­din­gun­gen Face­book)
    Zudem kann über den Like-But­ton dein Surf-Ver­hal­ten auf­ge­zeich­net werdn (“Face­book kann mit den Soci­al Plug­ins Daten über die Vor­lie­ben sei­ner Nut­zer nicht nur auf der eige­nen Web­sei­te, son­dern im gan­zen Netz sam­meln. ” (vgl. Tho­mas Hel­bing). Dazu musst du ver­mut­lich (Face­book ist hier nicht trans­pa­rent) nicht ein­mal den But­ton nut­zen, son­dern ledig­lich bei Face­book ein­ge­loggt sein, wäh­rend du surfst.
    Dar­aus erstellt Face­book User­pro­fi­le, die du bei Face­book Ads buchen kannst. Das nen­ne ich Ver­fü­gungs­ge­walt: Daten ein­sam­meln, ver­ar­bei­ten, auf­be­rei­ten, kom­mer­zi­ell nut­zen.

    2.) Pan­op­ti­mus: In einer mora­li­schen Stoß­rich­tung (wie Fou­cault sie vor­trägt) stimmt das, dass Face­book ver­mut­lich kei­ne bemer­kens­wer­ten Dis­zi­pli­nar­vor­ga­ben macht. Nun ist (Pos­ting kommt gleich) Face­book aber kei­ne mora­li­sche, son­dern eine öko­no­mi­sche Insti­tu­ti­on. Und das heißt: Ein Unter­neh­men ver­fügt über recht umfas­sen­de per­sön­li­che Daten über 600 Mil­lio­nen Men­schen, die die­se Men­schen nicht frei­wil­lig an Face­book gege­ben haben, son­dern die Face­book aus einer ande­ren Nut­zung durch Daten­auf­be­rei­tung erzeugt. Stört dich nicht? Stört dich Vor­rats­da­ten­spei­che­rung auch nicht? Stört es dich auch nicht, dass Face­book an einer ganz ordent­li­chen Face­re­co­gni­ti­on (vgl. z.B. Mas­ha­ble) arbei­tet, die dafür sorgt, dass du mit dei­nem Gesicht dem Besit­zer eines geeig­ne­ten Lese­ge­rä­tes eine kom­plet­te Pro­fi­lie­rung anbie­test?

    3.) Noch­mal: Ich rede nicht von “Pri­va­cy”. ich rede davon, dass Unter­neh­men Daten­si­los auf­bau­en und aus dei­nem Ver­hal­ten Infor­ma­tio­nen über dich gewin­nen. Was Twit­ter zukünf­tig mit Tweets tun wird? Kei­ne Ahnung. Ob sie sie auf­be­rei­ten zu User­pro­fi­len? Kei­ne Ahnung. Face­book tuts. Wie­wohl User davon aus­ge­hen, dass sie hier ein­fach auf einer gemüt­li­chen Platt­form mit­ein­an­der kom­mu­ni­zie­ren.

    4.) War­um Face­book? War­um nicht ein sepa­ra­ter Hos­ter? Was tut mein Wor­d­Press Blog? Tech­ni­sche Platt­form und Inhal­te sind getrennt. Wenn ich mich nicht irre eine der gro­ßen Errun­gen­schaf­ten der tech­ni­schen Dimen­si­on des sog. “Web 2.0”. Was spricht dage­gen, dass Face­book wie eine Wor­d­Press Platt­form funk­tio­niert? Die gesam­ten Daten (Kom­men­ta­re, Bil­der etc.) schlicht von einem ande­ren Anbie­ter, der ledig­lich hos­tet, über­nom­men wer­den? Schlich­ter Cut zwi­schen Web­sei­ten­be­trei­ber und Daten. Hal­te ich für recht sim­pel. (Und kei­ne Miss­ver­ständ­nis­se. nein, es soll nicht jeder Nut­zer auf Face­book einen eige­nen Ser­ver mit­brin­gen — kann schon ein gemein­sa­mer sein. Aber einer, der die Daten schlicht Daten sein lässt).

  • mspro sagt:

    Jetzt ohne dich nie­der­ma­chen zu wol­len, mehr so im guten: du hast nicht den Hauch einer Ahnung von Daten­ver­ar­bei­tung, kann das?

  • Postdramatiker sagt:

    Wenn du kurz aus­füh­ren wür­dest, wor­in du den Ver­dacht begrün­det siehst — könnt ich dir viel­leicht bes­ser ant­wor­ten.

  • mspro sagt:

    Also zunächst dass du in Punkt 1 mit Lizen­zen ant­wor­test, wo es um eigent­lich eine tech­ni­sche Fra­ge geht. Es geht eben nicht dar­um, dass _auch_ Face­boomk die­se Daten benut­zen darf, son­dern wer sie NICHT nut­zen darf.

    Und bei Punkt 4. — naja — natür­lich ist sowas wie dis­tri­bu­t­ed Hos­ting in der Theo­rie mög­lich. Aber dann brauchst du ja kein Face­book mehr. Eine Ser­verin­fra­struk­tur, die nur zum Durch­lei­ten von Daten da ist, naja, das ist ja bereits das Inter­net. Also ist nichtr ganz klar was du willst? Ein Face­book ohne Daten­spei­che­rung ist halt ein­fach … nichts.

  • Postdramatiker sagt:

    Ach — geht es dar­um? Wo? Ich rede die gan­ze Zeit über die Nut­zung der Daten durch Face­book zu ande­ren Zwe­cken als denen, die für die Bereit­stel­lung des Ange­bots nötig sind, für die 600 Mil­lio­nen Men­schen Face­book ver­wen­den. Über Lizen­zen redt Face­book in sei­nen Nut­zungs­be­din­gun­gen. Und dar­in inbe­grif­fen ist die Lizenz, die­se Inhal­te wei­ter­zu­ge­ben. Sprich: kom­mer­zi­ell ande­ren zur Ver­fü­gung zu stel­len. Und das wie­der­um hat nicht damit zu tun, dass ich mit irgend­wel­chen “Fri­ends” auf Face­book kom­mu­ni­zie­re. Das ist die Nut­zung DURCH Face­book: Der Verl­kauf an Drit­te.

    Was Face­book dann wäre? Eine Platt­form mit vie­len, ganz hüb­schen und von sehr vie­len Men­schen sehr geschätz­ten Funk­tio­na­li­tä­ten. Die die Kom­mu­ni­ka­ti­on zwi­schen natür­li­chen und jur­sit­si­chen Per­so­nen ermög­licht. Men­schen und Unter­neh­men etwa. Das ist eine wun­der­fei­ne Sache. Will ich auch wei­ter nut­zen. Fin­de ich prak­tisch. Wie 600 Mil­lio­nen ande­rer. Des­we­gen sag­te ich, dass ich an Face­book das sozio­lo­gi­sche Phä­no­men inter­es­san­ter fin­de als das tech­ni­sche. Weil es offen­sicht­lich ein kom­mu­ni­ka­ti­ves Bedürf­nis ist, das die­se Funk­tio­nen befrie­digt. Wenn das dis­tri­bu­t­ed Hos­ting mög­lich ist — war­um nicht machen? Dann wär Face­book zwar der Quel­le sei­nes aktu­el­len (und kurz­fris­tig poten­zi­el­len) reich­tums ver­lus­tig gegan­gen — wäre aber auch die eine oder ande­re Debat­te los. Die­se hier zum Bei­spiel.

    Ja aber — wirst du ver­mut­lich vol­ler Weis­heit fra­gen — wie kann Face­book dann reich wer­den? ich hab ne Idee. Pos­ting kommt mor­gen.

    Mit scheint, als reich­ten mei­ne Daten­ver­ar­bei­tungs­kennt­nis­se jeden­falls für die aktu­el­le Debat­te eini­ger­ma­ßen aus. Ohne mich erhe­ben zu wol­len.

  • mspro sagt:

    Vor allem aber zu Punkt 4: Was wäre denn gewon­nen, wenn die Daten nicht bei Face­book, son­dern bei­spiels­wei­se auf dei­nem Ser­ver gespei­chert sind? Jeder der dar­auf Zugriff hat, kann die­se bösen bösen algo­rith­mi­schen Zugrif­fe dar­auf machen. Der Ort der Spei­che­rung ist doch voll­kom­men egal. Ich glau­be, es ist vor allem die­ses Miß­ver­ständ­nis das mich etwas an dei­nem tech­ni­schen Sach­ver­stand am meis­ten zwei­feln lässt.

  • Postdramatiker sagt:

    Defi­ni­tiv — aber ist die Tat­sa­che, dass es auch Pocken und Cho­le­ra gibt, ein Grund, nichts gegen die Pest zu tun? Ich bin mit Con­ver­sa­ti­on Moni­to­ring-Tools bes­ser ver­traut, als du ver­mut­lich unter­stellst. Es ist nur eine ganz ande­re Fra­ge. Eine die sich sicher­lich in Kür­ze durch­aus dring­li­cher stellt, als es jetzt noch der Fall ist. Nur war es gera­de nicht mein The­ma.

  • mspro sagt:

    Ach und noch was: was hat der Pan­op­tis­mus bit­te mit dem Geschäfts­mo­dell von Face­book zu tun? Ver­än­de­re ich mein Ver­hal­ten um ande­re Wer­bung ange­zeigt zu bekom­men? Hä? Das passt doch alles hin­ten und vor­ne nicht zusam­men.

  • Postdramatiker sagt:

    Du weichst aus. Die Ein­blen­dung von Wer­bung ist eine Mög­lich­keit, die­sen Daten­reich­tum zu nut­zen. Es las­sen sich wei­te­re Ver­wen­dun­gen dafür fin­den. Dabei geht es aber eben letzt­lich nicht um die Phan­ta­si­en, was denn wohl alles pas­sie­ren könn­te. Son­dern dar­um, dass die­ser all­wis­sen­de Pan­op­tisus hin­sicht­lich gegen­wär­tig eines Drei­zehn­tels der Welt­be­völ­ke­rung in sich bereits ein Pro­blem ist. Anders als dei­ne Kon­se­quenz: Freie Daten für alle — ist mei­ne Kon­se­quenz eine, die ver­sucht Effek­te, die ganz offen­sicht­lich ein kom­mu­ni­ka­ti­ves Bedürf­nis befrie­di­gen und dabei kom­mu­ni­ka­ti­ve Mög­lich­kei­ten erschlie­ßen, von denen die Ver­gan­gen­heit nur geträumt hat, von ande­ren Effek­ten theo­re­tisch zu unter­schei­den, die letzt­lich die begrü­ßens­wer­ten Effek­te kon­ter­ka­rie­ren (Macht­kon­zen­tra­ti­on durch Daten­be­sitz) und für deren Unter­bin­dung zu sor­gen sinn­voll wäre.
    Ver­än­derst du dein Ver­hal­ten, um ande­re Wer­bung zu bekom­men? Hm. Wür­dest du auf Face­book gehen, wenn die Web­sei­te dich begrüß­te mit “Bit­te spre­chen Sie ganz viel mit ihren Freun­den, damit wir ein genau­es Bild von Ihnen machen kön­nen, für das wir dann zah­lungs­kräf­ti­ge Abneh­mer fin­den.”?

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