Die Facebook Frage (Teil3): Facebook-Revolution?

Februar 21st, 2011 Kommentare deaktiviert für Die Facebook Frage (Teil3): Facebook-Revolution? Autor: Ulf Schmidt

Was ist eine Revo­lu­ti­on? Fra­gen wir den Prot­ago­nis­ten der enzy­klo­pä­di­schen Revo­lu­ti­on, Wiki­pe­dia:

Der Begriff Revo­lu­ti­on wur­de im 15. Jahr­hun­dert aus dem spät­la­tei­ni­schen revo­lu­tio („das Zurück­wäl­zen, die Umdre­hung“) ent­lehnt und zunächst als Fach­wort in der Astro­no­mie für den Umlauf der Him­mels­kör­per ver­wen­det. Spä­ter wur­de das Wort auch all­ge­mein für „Ver­än­de­rung, plötz­li­cher Wan­del, Neue­rung“ gebräuch­lich. Die heu­ti­ge Bedeu­tung als „meist, jedoch nicht immer, gewalt­sa­mer poli­ti­scher Umsturz“ bil­de­te sich erst im 18. Jahr­hun­dert unter dem Ein­fluss der Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on

Es macht Sinn, einen Schritt hin­ter die Begriffs­di­men­si­on des 18. Jahr­hun­derts zurück­zu­ge­hen – hin zur Astro­no­mie. Denn ganz so harm­los, wie es die­se Defi­ni­ti­on andeu­tet, ist die „Revo­lu­ti­on“ der Astro­no­mie nicht. In De revo­lu­tio­ni­bus Orbi­um Coelesti­um hat­te Niko­laus Koper­ni­kus die größ­te Revo­lu­ti­on der Neu­zeit for­mu­liert: Die Ein­sicht, dass sich die Erde um die Son­ne dreht (und nicht umge­kehrt). Die­se Revo­lu­ti­on änder­te nichts an den phy­si­ka­li­schen „Gege­ben­hei­ten“. Sie war „ledig­lich“ eine „Revo­lu­ti­on der Den­kungs­art“, wie Kant so schön for­mu­lier­te. Heißt: Revo­lu­tio­nen haben nicht unbe­dingt damit zu tun, dass Regie­run­gen gestürzt oder ande­re bestehen­de Ver­hält­nis­se radi­kal gewan­delt wür­den.  Schon ein radi­ka­ler Wan­del der Beob­ach­tungs­prin­zi­pi­en und Grund­ein­stel­lun­gen oder ein­fach der Ver­hal­tens­wei­sen (von denen das Beob­ach­ten ein Son­der­fall wäre) genügt für eine Revo­lu­ti­on.

Auf einen Kom­men­tarhin­weis von Kusanow­sky hin habe ich mir Revo­lu­ti­ons­me­di­en – Medi­en­re­vo­lu­ti­on beschafft und mit gro­ßem Inter­es­se gele­sen. Ins­be­son­de­re hin­sicht­lich der Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on ist dar­in fest­ge­stellt, dass eine explo­si­ons­ar­ti­ge  Nut­zungs­ver­meh­rung von Ver­brei­tungs­me­di­en wie Pla­ka­ten, Flug­blät­tern, Bro­schü­ren und Unter­grund­zei­tun­gen wesent­lich an die­ser Revo­lu­ti­on betei­ligt war. Dass also eine bestimm­te, mas­si­ve Medi­en­nut­zung qua­si grund­sätz­lich revo­lu­ti­ons­im­ma­nent ist. Für das 20. Jahr­hun­dert mag der Ver­weis, das es ein – wenn nicht DAS – Haupt­ziel einer jeden put­schis­ti­schen oder revo­lu­tio­nä­ren Bemü­hung ist, zunächst in den Besitz der wich­tigs­ten Mas­sen­kom­mu­ni­ka­ti­ons­ein­rich­tun­gen zu gelan­gen. Die Mel­dung über den Sturz der Regie­rung ist wich­ti­ger, als der „rea­le Sturz“. Macht über die Nach­rich­ten heißt Macht über das Land zu haben. Als ers­tes sind die Rund­funk­sta­tio­nen zu beset­zen. Zugleich ist die aus­län­di­sche Bericht­erstat­tung der drit­te ent­schei­den­de Fak­tor: Wie schätzt das Aus­land die Revo­lu­ti­on ein. Im Fal­le Ägyp­ten zeig­te sich ins­be­son­de­re die Macht von Al Jaze­e­ra, die per Live­stream unab­läs­sig aus Kai­ro berich­te­ten und damit das Auge der Welt auf den Gescheh­nis­sen ruhen lie­ßen. Erst als die Welt sich einig war, dass es sich nicht um eine Revol­te, son­dern um eine Revo­lu­ti­on han­delt, dass also die bis­he­ri­gen Macht­ha­ber nicht zu hal­ten sein wür­den, die mili­tä­ri­sche Ord­nungs­macht sich für Neu­tra­li­tät ent­schied, war der Bewe­gung Erfolg gesi­chert. Pra­ger Früh­ling, Tian-an-men, 1989 – sie alle las­sen sich auch und vor allem mit die­sen erfolgs­kri­ti­schen Ingre­di­en­zi­en beschrei­ben.

Das heißt aber, um zu einer vor­läu­fi­gen Bestim­mung von „Revo­lu­ti­on“ zu kom­men: Revo­lu­tio­nen sind Bewe­gun­gen, die sich „auto­po­ie­tisch“ (an die­ser Stel­le hal­te ich den Begriff für tat­säch­lich ziel­füh­rend) durch bestimm­te Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mit­tel als gemein­sa­me Bewe­gun­gen bil­den. Die zer­streu­te Unzu­frie­den­heit oder die in Resis­tan­ce-Nest­chen orga­ni­sier­te Wider­stands­be­we­gung fin­det durch Ein­satz von Mas­sen­kom­mu­ni­ka­ti­ons­mit­teln schlag­ar­tig zusam­men, bil­det eine gemein­sa­me Struk­tur, den Zel­len im erhitz­ten Sili­kon­öl gleich.

Die­se dis­si­pa­ti­ve Struk­tur muss nun­mehr die Macht über die noch ver­ein­zel­ten Köp­fe bekom­men, indem sie sich die wich­tigs­ten Mas­sen­kom­mu­ni­ka­ti­ons­mit­tel aneig­net. Und sie muss zugleich in den Augen der aus­län­di­schen Beob­ach­ter als legi­ti­me poli­ti­sche Bewe­gung wahr­nehm­bar wer­den.

Sind nun also die ara­bi­schen Revo­lu­tio­nen „Face­book-Revo­lu­tio­nen“? Damit hat sich Chris­toph Kap­pes auf Car­ta beschäf­tigt. Im nächs­ten­Pos­ting dazu mehr.

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