“Die Spekulanten sind unsere Gegner”

Mai 7th, 2010 Kommentare deaktiviert für “Die Spekulanten sind unsere Gegner” Autor: Ulf Schmidt

Ich habs ges­tern im Fern­se­hen gese­hen und gehört. Es war kei­ne Sati­re­sen­dung, kein Mer­kel-Dou­ble, kei­ne Mon­ta­ge. Es war die blei­er­ne Kanz­le­rin, die so sprach (hier zu lesen). Und sie sprach wei­ter von einem “Kampf der Poli­tik gegen die Märk­te”. GEGEN die Märk­te. Das sind im Übri­gen doch die­sel­ben Märk­te, die alles regeln sol­len. Sel­ber. Ohne staat­li­chen Ein­griff. Ja — die uns gar unse­re Ren­ten spä­ter in hohen Sum­men aus­zah­len wer­den. Und die­se Märk­te sind jetzt also die Geg­ner der Poli­tik? Auch mei­ne Geg­ner also? Finan­zie­re ich mit der Ries­ter­ren­te, den Kon­to­füh­rungs­ge­büh­ren und Über­zie­hungs­zin­sen — mei­ne Geg­ner? Und die Poli­tik hat die Macht ver­lo­ren: “Wir müs­sen das Pri­mat über die Märk­te zurück gewin­nen.” Na denn man zu, Pan­do­ra. Schau zu, wie der Salat wie­der zurück in die Büch­se kommt.

Momen­tan siehts doch so aus, als wür­den die pri­wat­wirt­schaft­li­chen Teil­neh­mer an den Märk­ten mit blü­ten­wei­ßer Wes­te und Gewin­nen aus der Num­mer her­aus kom­men — wäh­rend die Staa­ten sich erst in unvor­stell­ba­re Garan­tie­sum­men ver­stri­cken, um die­se Insti­tu­te selbst zu ret­ten und dann im nächs­ten Schritt wie­der­um ande­re Staa­ten zu ret­ten. Das heißt: natür­lich gehts nicht dar­um Grie­chen­land zu ret­ten. Alles was geschieht geschieht — um die Märk­te zu beru­hi­gen. Man ache­tet dar­auf, wie die Märk­te reagie­ren. Ob die Märk­te sich beru­hi­gen. Ob die Märk­te ande­re Län­der ins Visier neh­men. Denn am Ende müs­sen ja vor allem die Ban­ken, die ihr Geld in Grie­chen­land inves­tiert haben — ihr Geld zurück bekom­men.

Ums kurz zu sagen: Die Grie­chen blu­ten um den Inves­to­ren das Geld zurück zu zah­len. Jaja, “über die Ver­hält­nis­se gelebt”. Bla bla. Die Fra­ge, ob die Ban­ken oder die grie­chi­sche Bevöl­ke­rung auf ihr Geld ver­zich­ten sol­len — wur­de zuun­gus­ten der grie­chi­schen Bevöl­ke­rung ent­schie­den. Nicht die Ban­ken ver­uzich­ten auf einen Teil ihrer For­de­run­gen — son­dern die Grie­chen auf einen Teil ihres Lebens­un­ter­hal­tes. Wird Zeit, dass Euro­pa eine kul­tu­rel­le und poli­ti­sche Gemein­schaft auch auf der Ebe­ne der Bür­ger wird. Damit die deut­sche Mit­bür­ger zu begrei­fen begin­nen, dass nicht “die Grie­chen” die Übel­tä­ter sind, wies die Bou­le­vard­pres­se ver­kauft. Son­dern dass sowohl “die Grie­chen” wie “die Deut­schen” und “die Por­tu­gie­sen” dran sind, wenn die Ban­ken ihr Geld wie­der­ha­ben wol­len. Und dass die Gemeinschhaft­lich­keit der Euro­pä­er viel­leicht in der Lage wäre, über­haupt irgend­ein Pri­mat gegen Finanz­in­dus­trie und “die Märk­te” durch­zu­set­zen.

Und wäh­rend wir uns alle so schön über “die Märk­te” erei­fern soll­te viel­leicht etwas ande­res nicht außer Acht blei­ben: die Medi­en — die mit ihren Spe­ku­la­tio­nen über alles, was da pas­sie­ren könn­te, mit Groß­auf­nah­men bren­nen­der Bar­ri­ka­den und Eil­mel­dun­gen die Spe­ku­la­tio­nen der Spe­ku­lan­ten wun­der­bar anhei­zen. Viel­leicht kann sich irgend­wo ein Dok­to­rand oder Habi­li­tand mal an die Auf­ar­bei­tung der Rol­le der Medi­en­in­dus­trie in der gegen­wär­ti­gen Lage machen.

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