Die Trierer proben den Aufstand – eine Laien(theater)kritik

Juni 22nd, 2013 Kommentare deaktiviert für Die Trierer proben den Aufstand – eine Laien(theater)kritik Autor: Ulf Schmidt

Dass es einen FC Bay­ern Mün­chen gibt, ist kein Ein­wand gegen Fei­er­abend- und Ama­teur­fuß­ball in zahl­lo­sen ört­li­chen Ver­ei­nen. Und dass letz­te­re nicht auf dem Niveau des Ers­te­ren spie­len, eine Selbst­ver­ständ­lich­keit. Denn die zahl­lo­sen loka­len Ver­ei­ne haben eine ande­re lokal-gesell­schaft­li­che Funk­ti­on, als die Cham­pi­ons League Sport­ler.

Mit Lai­en­thea­ter ist es eine ähn­li­che Sache. Gewöhnt an die Hoch­äm­ter der Büh­nen­kunst in pro­fes­sio­nel­len Häu­sern, kann man recht schnell zu einer ent­täusch­ten Ein­schät­zung sol­cher Thea­ter­ak­ti­vi­tä­ten kom­men und sich gelang­weilt oder frus­triert abwen­den. Man kann sich aber auch den Eigen­ge­set­zen die­ser viel­leicht nicht ein­mal im empha­ti­schen Sin­ne „künst­le­ri­schen“, son­dern lokal gemein­schaft­li­chen Form wid­men.

Die Trie­rer Pro­duk­ti­on „Stadt in Auf­ruhr“, pro­du­ziert für und gezeigt im Rah­men des Fes­ti­vals „Maxi­mie­rung Mensch 4:Mensch Marx“ der Uni­ver­si­tät und des Thea­ters Trier, ist ein sol­cher Anlass, die Bewer­tungs­kri­te­ri­en pro­fes­sio­nel­len Büh­nen­thea­ters zurück­zu­stel­len, um sich dem wid­men zu kön­nen, was da tat­säch­lich an Span­nen­dem geschah. Das soll hier ver­sucht wer­den, wes­halb es sich hier eigent­lich nicht um eine Kri­tik han­delt, son­dern um eine Lai­en­kri­tik.

Es fan­den sich mehr als 60 Trie­rer (mei­ne Zäh­lung – Ver­an­stal­ter­an­ga­ben über 100) unter Anlei­tung der GRUPPE INTERNATIONAL zusam­men, um „Stadt in Auf­ruhr“ zu geben. Nicht auf einer Büh­ne, son­dern indem die Stadt selbst zur Büh­ne ver­wan­delt, das Publi­kum zum Spa­zier­gän­ger in einer Stadt­füh­rung wur­de. Erschien der Beginn noch auf übli­chem Lai­en-Niveau, wan­del­te sich die Akti­on spä­ter plötz­lich in Ande­res.

Die ers­ten Akte: Von damals

Ers­te Spiel­stät­te war die Kunst­bau­stel­le „Tuf­ta­po­lis“, ein etwas her­un­ter­ge­kom­me­ner Aben­teu­er­spiel­platz, auf dem Kin­der in Kos­tü­men des Micha­el aus Lön­ne­ber­ga, Bat­man, Robin und Pip­pi Lang­strumpf Klein­grup­pen eine Füh­rung gaben und den Besu­chern gesprä­chig erzähl­ten, was das damals alles war. „Damals“ (so ver­stand ich) ist das Trier der Gegen­wart, denn die Insze­nie­rung sie­del­te sich in der Zukunft des Jah­res 2025 (in Anknüp­fung an ein gera­de ver­öf­fent­lich­tes Stra­te­gie­pa­pier „Trier Zukunft 2025“ der Stadt) an  – einer durch­aus dys­to­pi­schen, durch­öko­no­mi­sier­ten und in einer ver­elen­de­ten und zutiefst in Reich und Arm gespal­te­nen Stadt.

Durch Sei­ten­gas­sen, an denen sich Bau­an­kün­di­gun­gen für Enter­tain­ment Cen­ter fan­den, ging es zum zwei­ten Akt, einen Gara­gen­hof. Dort wur­de das Publi­kum (geschätzt über 100 Zuschau­er) auf­ge­teilt auf ver­schie­de­ne Gara­gen, in denen ver­klei­de­te Ein­zel­dar­stel­ler ver­arm­te Trie­rer gaben, die von einer gemein­schaft­li­chen Aldi-Plün­de­rung erzähl­ten. Wei­ter dann auf einen Park­platz, auf dem vier Dar­stel­ler sich als Opfer staat­li­cher Gewalt der jün­ge­ren Gegen­wart (Athen, Tune­si­en) und der ent­fern­te­ren Trie­rer Ver­gan­gen­heit (ein 1848 von der Poli­zei in Trier getö­te­te Revo­lu­tio­när) gaben und ihre Geschich­te erzähl­ten.

Der drit­te Akt: Der Auf­stand beginnt

Span­nend wur­de es direkt im Anschluss. Die Dar­stel­ler misch­ten sich unter die Zuschau­er-Spa­zier­gän­ger, drück­ten Dut­zen­den von ihnen Demo-Pla­ka­te mit der Auf­schrift „Wir zah­len nicht“ in ver­schie­de­nen Spra­chen und Dia­lek­ten in die Hand und began­nen die­sel­be Paro­le skan­die­rend mit dem Publi­kum wei­ter zu mar­schie­ren. Die über­rum­pel­ten Zuschau­er hiel­ten brav die Trans­pa­ren­te hoch, began­nen das „Spiel“ mit­zu­spie­len und eben­falls „Wir zah­len nicht“ zu rufen. Nach kur­zem Weg gelang­te die­ser Zug auf die beleb­ten Plät­ze der Trie­rer Innen­stand, auf denen in Stra­ßen­ca­fés und Restau­rants zahl­rei­che Gäs­te saßen und sich ver­wun­dert die Augen rie­ben ob der recht aggres­siv skan­die­ren­den Trup­pe, die ihnen da plötz­lich begeg­ne­te.

Inter­es­sant ins­be­son­de­re auf­grund der unter­schied­li­chen Kon­stel­la­tio­nen und Irri­ta­tio­nen: Wäh­rend die Dar­stel­ler die Demons­tra­ti­on geprobt spiel­ten, lie­ßen sich Zuschau­er plötz­lich spie­le­risch dar­auf ein, zu demons­trie­ren und Paro­len zu skan­die­ren – vie­le der Zuschau­er dürf­ten zuvor gar nicht auf die Idee gekom­men sein, ernst­haft an einer sol­chen Demo teil­zu­neh­men. Zudem das „unbe­tei­lig­te“ Publi­kum am Ran­de, das eine Demo wahr­nahm, in der sich aber auch Per­so­nen mit his­to­ri­schen Kos­tü­men befan­den, was zwar Hin­weis dar­auf sein mag, dass es sich nicht um kei­ne „erns­te“ Demo han­delt, den­noch aber auf­grund der durch­aus für die Stadt rele­van­ten Paro­len eben auch nicht rei­nes Spiel war.

Demons­tra­ti­on oder Demo-Ver­si­on zum Aus­pro­bie­ren?

Der Demo-Zug kam in der Fuß­gän­ger­zo­ne immer wie­der an Flug­blatt­ver­tei­lern (gegen ein ECE in Trier) vor­bei, an Trans­pa­ren­ten, die aus Fens­tern hin­gen und an Wut­re­den, die von Bal­ko­nen und aus Fens­tern von Anwoh­nern skan­diert wur­den. Die Stadt ver­wan­del­te sich in eine Büh­ne des Pro­tests. Und am Ende lan­de­te der Pro­test­zug vor einer Nie­der­las­sung der Hypo-Ver­eins­bank, schmet­tert dort sein „Wir zah­len nicht“ – und es war nun­mehr kaum mehr zu tren­nen, was hier Thea­ter ist, wer das Satt­fin­den­de als Thea­ter wahr­nimmt, wer pro­tes­tiert, wer den Pros­test nur spielt. Ein sehr schö­nes Vexier­spiel, das zudem bei den Zuschau­ern not­wen­di­ger­wei­se die Fra­ge nach der Betei­li­gung stell­te: Kann ich hier mit­ma­chen? Soll ich mein Trans­pa­rent hoch­hal­ten, weil es zum Spiel gehört, oder mich der Pro­test-Ver­ein­nah­mung (iro­nisch-zuschau­end) ver­wei­gern? Ist das thea­tral gespiel­ter Pro­test – oder ist es eine thea­tra­le Pro­test­ak­ti­on gegen die Öko­no­mi­sie­rung der Stadt Trier? Wird der Auf­stand hier nur gespielt? Oder beginnt – frei nach Hei­ner Mül­ler – der Auf­stand mit einem Spa­zier­gang?

Nach Abga­be der Trans­pa­ren­te wur­den hübsch (selbst-)gemachte Nach­rich­ten auf einem Fern­se­her gezeigt, die von Aus­schrei­tun­gen in Trier berich­ten, die den Istan­bu­ler Gescheh­nis­sen durch­aus ähn­lich waren und zumin­dest doch denk­bar mach­ten, dass auch in die­ser so ruhi­gen klei­nen Stadt, die ihren Sohn Karl Marx inzwi­schen vor­wie­gend als Tou­ris­ten­ma­gnet und Pop-Iko­ne insze­niert, musea­li­siert und gewinn­brin­gend ver­mark­tet, doch eine Form des Wider­stands denk­bar sein könn­te.

Der nächs­te Akt: Im Zen­trum der Macht

Nach­dem es (mir jeden­falls) schien, als sei die Sache damit zuen­de, gings in Bus­se, die aller­dings nicht zum Aus­gangs­punkt zurück­fuh­ren. Son­dern stopp­ten und die Fahr­gäs­te zwi­schen eini­ge ver­klei­de­te Guy Faw­kes Figu­ren ent­lie­ßen, die die Grup­pen in ein Gebäu­de brach­ten, das sich als Rat­haus und Rats­saal ent­pupp­te.

Das Thea­ter endet im Zen­trum der ört­li­chen Macht, einem selt­sam alter­tüm­li­chen Raum, der wie eine Mischung aus bri­ti­schem Unter­haus und goti­schem Klos­ter wirkt. Ein selt­sa­mer Ort, auf des­sen Rats­sit­zen sich nun das Publi­kum nie­der ließ – eine durch­aus sym­bol­träch­ti­ge Idee. Und beein­dru­ckend, dass die Thea­ter­trup­pe die­sen Ort in ihr Spiel ein­be­zie­hen konn­te. Was dort statt­fand (den Wahl­kampf drei­er bös­ar­tig kapi­ta­lis­ti­scher Trie­rer um die Ehe­ren­bür­ger­wür­de), ist viel­leicht gar nicht so inter­es­sant und zeig­te hier und da auch dar­stel­le­ri­sche Gren­zen. Man wur­de mul­ti­me­di­al mit pro­fes­sio­nell gemach­ten Wahl­kampf­fil­men kon­fron­tiert. Und zwi­schen­drin gab ein Män­ner­chor Gesang zum Bes­ten – was die pseu­do­sa­kra­le Atmo­sphä­re des Ortes schön beton­te.

Eine Thea­ter­stadt probt den Auf­stand

The­ma­tisch zahl­te alles, was geschah, auf die gro­ßen The­men der Finanz- und Staats­kri­sen ein (gele­gent­lich etwas sehr pla­ka­tiv) und zugleich auf die Situa­ti­on der Stadt Trier, schaff­te damit die Ver­bin­dung der abs­trak­ten Kri­sen­the­ma­tik mit der ganz kon­kre­ten ört­li­chen Situa­ti­on. Die Thea­ter­ma­cher reflek­tier­ten sich selbst und ihre Stadt im Zusam­men­hang der Kri­se und wuss­ten dar­aus eine thea­tra­le Akti­on mit star­ken kon­zep­tio­nel­len Ide­en zu machen. Man spiel­te nicht Thea­ter, wie man es sich vor­stellt, son­dern war sich neue­rer For­men sehr bewusst und ver­stand sie zu nut­zen – eben­so wie die ganz alte Form der Ver­wand­lung der Stadt selbst in eine gro­ße Sta­tio­nen­thea­ter-Büh­ne. Das ist ein­drucks­voll – und recht­fer­tigt eben genau die Betrach­tung die­ses Lai­en­thea­ters unter sei­nen eige­nen Geset­zen. Es ist kein Bay­ern Mün­chen, kei­ne Musen­tem­pel­kunst, die hier statt­fin­det. Es ist die Wand­lung von Bür­gern in Thea­ter­ma­cher. Und damit eine Form der Par­ti­zi­pa­ti­on, des Mit­ma­chen-Kön­nens, die einem Cham­pi­ons League Thea­ter mit sei­nen eige­nen Qua­li­täts­kri­te­ri­en über­wie­gend nicht offen steht. Die­se Lai­en haben tat­säch­lich etwas zustan­de gebracht, was Pro­fis so nicht könn­ten.

All the city’s a sta­ge – und Stadt(Theater) steht auf dem Spiel(plan)

Die Pro­fis, die in Trier an der Pro­duk­ti­on betei­ligt waren,  aller­dings tun gut dar­an, sich mit den Lai­en zu beschäf­ti­gen und viel­leicht zu ver­bün­den. Das Thea­ter Trier steht unter mas­si­ver finan­zi­el­ler Exis­tenz­be­dro­hung, könn­te sich also in die­se Insze­nie­rung her­vor­ra­gend inte­grie­ren: als durch Öko­no­men bedroh­ten Ort der Stadt. Es könn­te nicht nur ler­nen, dass nicht nur Thea­ter sich iso­liert gegen die finan­zi­el­le Erdros­se­lung weh­ren (müs­sen), son­dern dass sich Alli­an­zen mit Bür­gern schlie­ßen las­sen, die – wie thea­ter­fern zunächst auch immer – unter ähn­li­chem Finanz­druck ste­hen. Die Thea­ter­pro­fis des Stadt­thea­ters kön­nen auch ler­nen, dass Thea­ter kei­ne den Bewoh­nern der Stadt so fer­ne Kunst ist, wie es gele­gent­lich erschei­nen mag, betrach­tet man die maue Unter­stüt­zung für die Schlie­ßungs­pro­tes­te des Thea­ters. Ein Stadt­thea­ter, das sich die­se ein­drucks­vol­le Arbeit von Thea­ter­be­geis­ter­ten und kri­ti­schen Geis­tern genau anschaut, wür­de viel­leicht neu defi­nie­ren müs­sen, was denn „Stadt­thea­ter“ wirk­lich hei­ßen kann und „Wozu Thea­ter?“ in Trier gut sein könn­te. Näm­lich als Thea­ter-in-der-Stadt, für die Stadt und mit der Stadt, not­falls sogar außer­halb des Thea­ters. Und dass Par­ti­zi­pa­ti­on – anders als beim FC Bay­ern – nicht hei­ßen muss, Lai­en als Sta­tis­ten ein­zu­set­zen, son­dern sich als Bür­ger der Stadt mit den Bür­gern der Stadt zu ver­bin­den. Wo die Pira­ten nur poli­ti­sches Lai­en­thea­ter gemacht haben, machen hier Lai­en poli­ti­sches Pira­ten­thea­ter und entern die Stadt. Ihre Stadt.

Wenn Thea­ter­ma­cher und Bür­ger ver­ste­hen, dass ein bedroh­tes Thea­ter und eine bedroh­te Stadt vie­les (wenn nicht: alles) gemein­sam haben und dass man im sel­ben Boot sitzt; wenn das Mot­to heißt: „Stellt dir vor, es stirbt ein Thea­ter und kei­ner schaut hin – dann kommt das Thea­ter zu dir“, dann kann ein „Thea­ter des Auf­stands“ (H.-T- Leh­mann) sei­ne Kraft ent­fal­ten. In der Stadt. Für die Stadt. Mit der Stadt. Für das Stadt­thea­ter und die Thea­ter­stadt.

Thea­ter des Auf­stands und Sit­zen­blei­bens

Als Thea­ter kann man den Auf­stand (nur) pro­ben und künst­le­risch ein Exem­pel sta­tu­ie­ren – der Auf­stand der Trie­rer gegen die „Spar­zwän­ge“ wäre danach die Pro­be aufs Exem­pel. Immer­hin für eini­ge Minu­ten haben die Bür­ger schon mal im Rats­saal geses­sen. Man möch­te sich nicht aus­ma­len, was pas­sier­te, wenn sie dort sit­zen blie­ben und den Rat okku­pier­ten. „War­um bist du gekom­men, wenn du schon wie­der gehst?“ singt am Ende im Rats­saal der Chor. Viel­stim­mig. Viel­deu­tig. Lis­tig.

 

Wei­te­re Ter­mi­ne 22.6., 25.6., 26.6. jeweils um 20.00h
Treff­punkt vor der TUFA’

Eine Pro­duk­ti­on des TUFA e.V. und der GRUPPE INTERNATIONAL für das Fes­ti­val Maxi­mie­rung Mensch 4 des Thea­ters Trier in Koope­ra­ti­on mit MAS­Ké­NA­DA Luxem­burg. Geför­dert durch den Fonds Sozio­kul­tur und das Minis­te­ri­um für Bil­dung, Wis­sen­schaft, Jugend und Kul­tur, Mainz.

Rea­li­sa­ti­on: Roman Schmitz/Hannah Speicher/Theresa Wil­le­ke

Regie & Kon­zep­ti­on: Roman Schmitz, Han­nah Spei­cher
Pro­duk­ti­ons­lei­tung: The­re­sa Wil­le­ke
Musik: Felix Lan­ge
Video: Roman Kus­kow­ski
Regie­as­sis­tenz: Isa Schulz
Aus­stat­tung und Assis­tenz: Oli­ver Hof­mann, Ella Möl­ler und Chris­ti­an Roth
Ensem­ble: Ein­woh­ne­rin­nen und Ein­woh­ner der Stadt Trier

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