Digitale Disruption 3 — Schwinden der Arbeit

November 23rd, 2009 Kommentare deaktiviert für Digitale Disruption 3 — Schwinden der Arbeit Autor: Ulf Schmidt

„Lothar Späth und der frü­he­re McK­in­sey-Mana­ger Her­bert A. Hen­z­ler haben im Jahr 1993 eine Berech­nung ange­stellt: Was wür­de pas­sie­ren, schöpf­te man das tech­nisch mach­ba­re Auto­ma­ti­ons­po­ten­zi­al in der Bun­des­re­pu­blik voll aus? Die Ant­wort: Eine Arbeits­lo­sig­keit von 38 Pro­zent wäre nor­mal. Ein­drucks­voll bestä­tig­te eine wei­te­re Stu­die der Uni­ver­sti­tät Würz­burg im Jahr 1998 die Annah­me der Auto­ren: Allein im Ban­ken­sek­tor liegt das Auto­ma­ti­ons­po­ten­zi­al bei mehr als 60 Pro­zent, im Han­del immer noch bei mehr als der Hälf­te des gegen­wär­ti­gen Beschäf­ti­gungs­stands. In die­sen und vie­len ande­ren Sek­to­ren ist es nur eine Fra­ge der Zeit, bis die Poten­zia­le aus­ge­nutzt wer­den.“ ) Brand­Eins 07/2005: Der Lohn der Angst)

Gesetzt den Fall es sei so. Gesetzt den Fall Späth, Rif­kin und der Bericht der Baye­risch-Säch­si­schen Zukunfts­kom­mis­si­on hät­ten recht. Gesetzt den Fall, die Arbeit im klas­si­schen Sin­ne käme an ein Ende. Wie soll die Finan­zie­rung der Gemein­schaft und jedes Ein­zel­nen gesi­chert wer­den, die als nahe­zu gott­ge­be­ne Selbst­ver­ständ­lich­keit von der Arbeit abhän­gig betrach­tet wird? Dabei ist nicht vom Ende des Reich­tums die Rede — nur vom Ende der Arbeit. Wo sind die poli­ti­schen Rezep­te, die glaub­haf­te Lösun­gen erar­bei­ten? Das Her­un­ter­schrau­ben der Nied­rig­löh­ne bis eine Voll­zeit­tä­tig­keit staat­li­cher Zuschüs­sen bedarf, um als Lebens­un­ter­halt zu genü­gen, ist die­se Lösung nicht. Sie färbt ledig­lich Arbeits­lo­sen­sta­tis­ti­ken schön. Das bestehen­de Wirt­schafts­sys­tem kommt mit weni­ger mensch­li­cher Arbeits­kraft aus, als zur Ver­fü­gung steht. Wohin also mit die­sen “Über­flüs­si­gen”. Aus Wirt­schafts­sicht han­delt es sich um Über­flüs­si­ge, die (und das ist die Iro­nie der Geschich­te) durch den Umweg der Sozi­al­bei­trä­ge und Steu­ern “der Wirt­schaft” dann doch wie­der zur Kos­ten­last fal­len. Und nun? Ein­tre­ten für ein “Recht auf Arbeit” für Jeder­mann? Kurz­ar­beit und Arbeits­zeit­ver­kür­zung für alle? Grund­ein­kom­men für alle? Oder Umwer­tung des Wer­tes von Arbeit und Nicht­ar­beit? Die indus­tri­el­le Revo­lu­ti­on des 19. Jahrund­erts mit allen Fol­gen der Ent­wur­ze­lung der Ein­zel­nen wie der Geselll­schaft, der Umwand­lung der Welt — sie ist im Ver­gleich zu den anste­hen­den Ver­än­de­run­gen ein Witz. Damals wur­den nur Eisen­bahn, Maschi­nen­kraft und Elek­tri­zi­ät erfun­den. Stel­len wir uns vor, es wären gliech­zei­tig noch Buch­druck, Tele­fon, Auto­m­bil, Flug­zeug erfun­den wor­den — dann hät­ten wir eine Vor­stel­lung von den anste­hen­den Umwäl­zun­gen. Unge­fähr.

Ist das ein The­ma für Thea­ter? Oder eher nicht?

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