Digitaljournalismus statt #lsr – Aufruf zur Rettung von nachtkritik.de

Juni 20th, 2012 Kommentare deaktiviert für Digitaljournalismus statt #lsr – Aufruf zur Rettung von nachtkritik.de Autor: Ulf Schmidt

Zuge­ge­ben, die Head­line die­ses Pos­tings ist so rei­ße­risch, wie eine schlech­te BILD (darf ich den Namen noch erwäh­nen, ohne ver­klagt zu wer­den?) Schlag­zei­le. Aller­dings ist hier wie dort auch das Ziel ähn­lich: es soll nicht nur infor­miert, son­dern agi­tiert wer­den.

Zur Sache: nachtkritik.de ist DAS deutsch­spra­chi­ge Thea­ter- und Thea­ter­kri­tik­por­tal im Netz. Es wur­de vor über fünf Jah­ren von erfah­re­nen und print­re­nom­mier­ten Thea­ter­kri­ti­kern gegrün­det und bringt jeden Mor­gen Kri­ti­ken zu den wich­tigs­ten Thea­ter­pre­mie­ren des ver­gan­ge­nen Abends. Zudem wer­den dort die hei­ßes­ten Kom­men­tar­de­bat­ten über ästhe­ti­sche, thea­ter- und kul­tur­po­li­ti­schen The­men geführt. Zusam­men mit der Redak­ti­on sor­gen meh­re­re Dut­zend freie Kri­ti­ker, ver­teilt über das gan­ze Land, dafür, dass nicht nur die „Zen­tren“ des Thea­ter­ge­sche­hens, son­dern auch die Pro­vinz Beach­tung und Auf­merk­sam­keit fin­det. Nacht­kri­tik lebt im Wesent­li­chen von dem (posi­tiv for­mu­liert) Idea­lis­mus und der (kri­tisch gesagt) Selbst­aus­beu­tung aller Macher, um ein kos­ten­lo­ses, hoch pro­fes­sio­nel­les und jour­na­lis­ti­sches Ange­bot zu schaf­fen.

Um die Mit­tel selbst für die­sen recht spär­li­chen Hono­ra­re zu gene­rie­ren, nutzt nacht­kri­tik Wer­be­ban­ner, bekommt Unter­stüt­zung etwa von der Buce­ri­us-Stif­tung – und ist auf Spen­den ange­wie­sen. Aktu­ell wer­den 25.000 Euro benö­tigt, um den Betrieb von nacht­kri­tik auch in der nächs­ten Spiel­zeit zu ermög­li­chen. Davon sind nach vier Wochen nicht ein­mal 4.000 Euro zusam­men­ge­kom­men.

Für mich ist nacht­kri­tik nicht nur als Kul­tur­platt­form span­nend und fas­zi­nie­rend. Für mich steht viel­mehr gera­de in den aktu­el­len Umstän­den, der Debat­ten um Urhe­ber- und Leis­tungs­schutz­rech­te mehr auf dem Spiel bei der Far­ge, ob nacht­kri­tik das Über­le­ben gelingt.

Nacht­kri­tik ist – neben eini­gen ande­ren Ange­bo­ten wie car­ta oder netz­po­li­tik – ein Visi­on vom unab­hän­gi­gen Digi­tal­jour­na­lis­mus der Zukunft Heißt: Wenn es nicht gelingt, eine sol­che Platt­form jen­seits tra­di­tio­nel­ler Erlös­mo­del­le dau­er­haft am Leben zu erhal­ten, schwin­det mein grund­sätz­li­cher Opti­mis­mus was die Zukunft von Qua­li­täts­jour­na­lis­mus im Netz jen­seits indus­trie­ge­sell­schaft­li­cher Pro­duk­ti­ons- und Dis­tri­bu­ti­ons­me­cha­nis­men angeht. Nicht weil vom Thea­ter­jour­na­lis­mus etwa die Zukunft von irgend­et­was abhin­ge (abge­se­hen von den Stadt­thea­tern, die man fin­den mag, wie man will). Son­dern weil nacht­kri­tik sym­bo­lisch ste­hen kann für die ent­schei­den­de Fra­ge:

Kann Jour­na­lis­mus mit hohem Anspruch, mit inten­si­ver Debat­ten­kul­tur, ohne Ver­la­ge und ihre lob­by­be­ar­bei­te­ten Geset­zes­wer­ke zukünf­tig öko­no­misch leben oder nicht? Kön­nen Jour­na­lis­ten ohne Ver­lags- und Ver­triebs­hin­ter­grün­de zukünf­tig selbst­or­ga­ni­sier­te Ange­bo­te in einer Form betrei­ben, dass auch eine zumin­dest exis­tenz­si­chern­de Finan­zie­rung dabei her­aus­kommt – oder ist die­ses gan­ze Netz letzt­lich nur ein Hob­by­raum?

Um dafür einen zukunfts­wei­sen­den Bei­trag zu leis­ten, braucht es mehr als Lip­pen- oder Twit­ter­be­kennt­nis­se. Es braucht in paar Euro (die sogar steu­er­lich abzugs­fä­hig sind, da nacht­kri­tik gemein­nüt­zig ist). Man muss sich nicht für Thea­ter inter­es­sie­ren, um ein State­ment zur Zukunft des anspruchs­vol­len (Kultur-)Journalismus im Netz per Spen­de abzu­ge­ben. Man muss nacht­kri­tik nicht jeder­zeit zustim­men, muss nicht ein­mal mit der Grund­li­nie oder der Inhalts­aus­wahl ein­ver­stan­den sein, um zu ver­ste­hen und per Spen­de zu gou­tie­ren, dass eine Inhalts­de­bat­te nur dann sinn­voll geführt wer­den kann, wenn die Erstel­lung der Inhal­te gesi­chert ist. Man muss nacht­kri­tik nicht ein­mal lesen, um ein State­ment für einen zukunfts­wei­sen­den Digi­tal­jour­na­lis­mus abzu­ge­ben, indem man ein paar Euro sprin­gern lässt.

Wer als Schau­spie­ler dar­auf ange­wie­sen ist, dass Men­schen ein paar Euro Ein­tritt zah­len, soll­te eine Spen­de in Höhe eines Ein­tritts­gel­des bei­steu­ern, um zukünf­tig netz­öf­fent­li­che Auf­merk­sam­keit für die eige­ne Arbeit zu bekom­men. Wer als Inten­dant vom Fort­be­stehen der Stadt­thea­ter­kul­tur abhän­gig ist, soll­te einen Wochen­lohn (Brut­to – Steu­ern gibt’s ja zurück; bei einem Frank­fur­ter Inten­dan­ten­ge­halt von 240.000+X — wie nacht­kri­tik gera­de berich­tet — wären  also ca. 5.000+X fäl­lig!) dafür sprin­gen las­sen. Wer als Jour­na­list um die Zukunft des Jour­na­lis­mus besorgt ist, soll­te sich eine Packung Ziga­ret­ten ver­knei­fen und dafür einen fün­fer sprin­gen las­sen. Wer die Debat­te um das Leis­tungs­schutz­recht besorgt ver­folgt, soll­te sei­nen Bei­trag für eine Platt­form leis­ten, die sich über Erwäh­nun­gen, Ver­lin­kun­gen, Zitie­run­gen freut, statt sie juris­tisch zu ver­fol­gen.

Und wer gar kein Geld, aber eine Twit­ter-Fol­lo­wer­schaft hat, soll­te wenigs­tens mit einem Ret­weet dafür sor­gen, dass sol­ven­te­re Fol­lo­wer auf­merk­sam wer­den – und Geld raus­las­sen. Es geht um lächer­li­che 25.000 Euro. Das sind 5.000 Spen­den zu 5 Euro.

Pla­se Dona­te here and ret­weet.

Dis­clo­sure: Ich gehö­re der Redak­ti­on nicht an, bin aber mit Redak­teu­ren per­sön­lich bekannt und habe Bei­trä­ge für nacht­kri­tik geschrie­ben. Das dafür bezo­ge­ne Hono­rar geht selbst­ver­ständ­lich als Spen­de zurück an nacht­kri­tik.

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