Digitalökonomie, Arbeitslosigkeit, Freiheit

August 6th, 2010 Kommentare deaktiviert für Digitalökonomie, Arbeitslosigkeit, Freiheit Autor: Ulf Schmidt

Aus den Pos­tings der ver­gan­ge­nen Tage dürf­te her­vor­ge­gan­gen sein, dass die Geschäfts­mo­del­le tra­di­tio­nel­ler Unter­neh­men akut bedroht sind. Sei es die auf­ge­ho­be­ne Knapp­heit digi­ta­ler bzw. digi­ta­li­sier­ba­rer Güter oder die nicht mehr (welt­weit) loka­le, nie­der­las­sungs­ge­bun­de­ne Ver­triebs­or­gansia­ti­on durch eCom­mer­ce und vir­tu­el­le Shops, die Laden­lo­ka­le über­flüs­sig machen — bis hin­ein in die Vor­la­ge­n­er­stel­lung rea­ler Güter durch den Kun­den in Digi­ta­li­en — wei­te Fel­der des her­kömm­li­chen Wirt­schaf­tens wer­den von der Wel­le des hier vor eini­ger Zeit als Digi­ta­len Tsu­na­mi (hier) bezeich­ne­ten Ver­än­de­rungs­pro­zes­ses erfasst wer­den. Dabei wer­den Arbeits­plät­ze in gewal­ti­gem Aus­maß weg­fal­len — Rif­kin spricht daher vom “Ende der Arbeit”.

All das greift zu kurz, beschäf­tigt man sich mit der Digi­tal­öko­no­mie, ohne sie sofort aus natio­nal­öko­no­mi­scher oder glo­bal­öko­no­mi­scher Per­spek­ti­ve zu ver­kür­zen und nur das “nicht mehr” zu betrach­ten. In der Digi­tal­öko­no­mie fällt weit­ge­hend auch die Knapp­heit der Pro­duk­ti­ons- und Dis­tri­bu­ti­ons­mit­tel weg. Ver­las­sen wir für einen Augen­blick den etwa von Marx fokus­sier­ten Bereich der Indus­trie­pro­duk­ti­on, die durch Robo­tik und Auto­ma­ti­sie­rung sowie­so schon wei­test­ge­hend auf mensch­li­che Arbeit ver­zich­ten könn­te. Dann ist die von Marx einst als Uto­pie ent­wor­fe­ne freie Asso­zia­ti­on der arbei­ten­den Indi­vi­du­en so nah, dass Sozia­lis­mus und Kapi­ta­lis­mus kaum mehr trenn­scharf zu sepa­rie­ren wären:

In der wirk­li­chen Gemein­schaft erlan­gen die Indi­vi­du­en in und durch ihre Asso­zia­ti­on zugleich ihre Frei­heit.

Wen die Pro­duk­ti­ons­mit­tel nicht mehr in der Hand weni­ger, kapi­tal­star­ker Eigner(gemeinschaften) liegt, son­dern jeder Ein­zel­ne sich in den Besitz die­ser Pro­duk­ti­ons­mit­tel brin­gen kann — dann ist weder das alte Kapi­ta­lis­ten-Modell, noch das alte Arbeit­ge­ber­mo­dell noch gül­tig. An die Stel­le des Unter­neh­mens tritt das asso­zia­ti­ve Netz­werk. Koope­ra­tio­nen “Frei­er” mit­ein­an­der, pro­jekt­för­mig (Boltanski/Chiapello) und nano­öko­no­misch (um einen Unter­schied zur Mikro-Öko­no­mie der Unter­neh­mens­be­trach­tung zu machen). Viel­leicht ten­diert die­se Betrach­tung dazu, als etwas phan­tas­tisch uto­pisch ange­se­hen zu wer­den — aber das feh­len­de Glied dar­an ist, dass die Ent­loh­nungs­fra­ge nicht geklärt ist. Das ist das ein­zi­ge Pro­blem. Es gibt sicher nicht zu wenig zu tun — es gibt ledig­lich ein Ver­tei­lungs­pro­blem des Gel­des. Dar­an kann das bedin­gungs­lo­se Grund­ein­kom­men etwas ändern. Es wäre in jedem Fal­le ein wich­ti­ges For­schungs­feld der Digi­tal­öko­no­mie, die­se real­welt­li­che Basie­rung zu bet­arch­ten. Denn damit wür­den Pro­duk­tiv­kräf­te frei­ge­setzt, die nicht nur die über­kom­me­ne Unter­neh­mens­struk­tu­ren wei­test­ge­hend weg­fe­gen wür­de — son­dern die freie Asso­zia­tio­ne zulässt. Das wäre sicher kei­ne rei­ne Uto­pie, weil jeder damit zum Unter­neh­mer sein selbst sein müss­te — bis die Netz­wer­ke sich so aus­dif­fe­ren­ziert haben, dass sich “funk­tio­nell aus­dif­fe­ren­zier­te” Netz­wer­ke errich­tet haben, die nicht Glei­che mit Glei­che ver­net­zen, son­dern die­je­ni­gen, die etwas kön­nen mit sol­chen, die ande­ren kön­nen — und sich gegen­sei­tig ergänzten.Was sich als Arbeits­lo­sig­kiet heu­te im Zei­chen des kri­sen­haf­ten Lebens­ge­sche­hens dar­stellt, wäre dann der Schritt in eine Form von Frei­heit gegen­über über­hol­ten kapi­ta­lis­ti­schen Struk­tu­ren.

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