Digitalökonomie: Die gemeinsame Quelle der Krisen von Finanzindustrie und Urheberrecht (Teil 1)

Februar 10th, 2012 Kommentare deaktiviert für Digitalökonomie: Die gemeinsame Quelle der Krisen von Finanzindustrie und Urheberrecht (Teil 1) Autor: Ulf Schmidt

In Sich Gesell­schaft leis­ten hat­te ich ein Gedan­ken­ex­pe­ri­ment zum Aus­gangs­punkt genom­men, um eine rela­tiv kom­ple­xe Ver­suchs­an­ord­nung durch­zu­spie­len: Eine waren­lo­se Dienst­leis­tungs­ge­sell­schaft ver­han­delt dar­über, wie alle mög­li­chen und weni­ger mög­li­chen Dienst­leis­tun­gen mit­ein­an­der ver­re­chen­bar gemacht wer­den: Vom Essen­ko­chen über die Kon­ver­sa­ti­on bis hin zum Sex. Das führ­te letzt­lich rela­tiv schnell dazu, dass ein kom­ple­xes Gewe­be aus Schuld­ver­schrei­bun­gen ent­stand, in dem jeder ein­zel­ne Akteur bei jedem ande­ren ver­schul­det ist, die­se kom­pli­zier­ten Ver­schul­dungs­me­cha­nis­men den letzt­li­chen Zusam­men­halt stif­ten. Da bei einem völ­li­gen Ver­zicht auf Waren­öko­no­mie auch die Ernäh­rung kei­ne trei­ben­de Grund­kraft für das Wirt­schaf­ten und den han­deln­den Aus­tausch sein kann, blieb letzt­lich nichts ande­res als das kör­per­li­che Begeh­ren und die phy­si­sche Repro­duk­ti­on als unhin­ter­geh­ba­res Movens für den hoch­gra­dig irra­tio­na­len und unwahr­schein­li­chen Beginn des Han­delns und Han­dels selbst übrig.

Inter­es­san­ter­wei­se lässt sich die­se Ver­suchs­an­ord­nung anschlie­ßen an die Debat­te, die seit eini­ger Zeit mit Begrif­fen wie Debi­tis­mus, Frac­tio­nal-reser­ve Ban­king, Schuld­geld, Fiat­mo­ney geführt und zum Teil von etwas zwie­lich­tig erschei­nen­den Figu­ren wir Gun­nar Hein­sohn und dem gera­de wegen sei­ner – gelin­de gesagt – unein­deu­ti­gen Äuße­run­gen zum Holo­caust von sei­ner Wirt­schafts­pro­fes­sur sus­pen­dier­ten Franz Hör­mann pro­mi­nent vor­an getrie­ben wird. Dabei wür­de es m.E. die­ser Ansatz, der im gel­ben Forum aus­gie­big und inten­siv dis­ku­tiert und von dem schmerz­lich ver­miss­ten weiss­gar­nix-Blog­ger Tho­mas Stro­bl in Ohne Schul­den läuft nichts les­bar dar­ge­stellt ist, ver­die­nen, brei­ter dis­ku­tiert und ver­stan­den zu wer­den. Denn die­ser Ansatz birgt nicht nur die Mög­lich­keit, vie­le Phä­no­me­ne der gegen­wär­ti­gen „Kri­sen“ in eine ori­en­tie­ren­de Erzäh­lung ein­zu­ord­nen, son­dern er hat zudem den Vor­teil einer so ein­fa­chen Ele­ganz (im mathe­ma­ti­schen Sin­ne), die auch bei einer nicht all­zu­gro­ßen Ein­dring­tie­fe in wirt­schafts­wis­sen­schaft­li­che Zusam­men­hän­ge damit umge­hen lässt.

Eine debi­tis­ti­sche Grund­an­nah­me

Anders als tra­di­tio­nel­le Geld­theo­ri­en geht der Debi­tis­mus nicht davon aus, dass Geld Güter und Waren reprä­sen­tiert, son­dern ver­la­gert das Geld in einen kom­mu­ni­ka­ti­ven Zusam­men­hang, der es als Schuld­über­tra­gungs­me­di­um ver­steht. Die Volks­wirt­schaft wird dadurch nicht zur Sum­me aller Tausch­ver­hält­nis­se, son­dern zur Sum­me aller Schuld­ver­hält­nis­se. Heißt: Es gibt kein Gut­ha­ben ohne Schuld.

Das ist unmit­tel­bar ein­sich­tig bei Kre­dit­ge­schäf­ten: Der Geld­be­sitz des Schuld­ners ist sei­ne Schuld bei der Bank. Es funk­tio­niert auch anders her­um: Die Spar­ein­lag bei der Bank ist eine Schuld der Bank gegen­über dem Spa­rer. In grö­ße­ren Zusam­men­hän­gen: Der Export­über­schuss eines Lan­des ist eine durch Import­über­schuss auf­ge­lau­fe­ne Schuld des ande­ren Lan­des. Deutsch­land kann nur Export­welt­meis­ter sein, wenn sich im Gegen­zug Län­der wie Grie­chen­land ver­schul­den. Der Wohl­stand in Deutsch­land ist der direk­te Zusam­men­hang mit der Staats­schuld in Grie­chen­land. Bau­te Grie­chen­land sei­ne Schuld ab – wäre der Wohl­stand dahin. Wür­de Deutsch­land sei­ne Staats­schul­den abbau­en, wären Anla­ge­for­men für die Bür­ger wie Obli­ga­tio­nen und Staats­an­lei­hen dahin. Der Bür­ger könn­te sei­nen Reich­tum nir­gend­wo anle­gen, son­dern nur unter dem Kopf­kis­sen auf­be­wah­ren – was eben­falls nicht geht, weil er die­sen Reich­tum in Geld­schei­nen etwa hor­ten müss­te, die eben­falls Schuld­ver­schrei­bun­gen der aus­ge­ben­den Bank sind.

Eine kur­ze Geschich­te des Gel­des

Um nun – im Anschluss an die wüten­den und dadurch halb­sei­den wir­ken­den Aus­füh­run­gen von Hörmann/Pregetter in Das Ende des Gel­des anzu­schlie­ßen, könn­te man fol­gen­de kur­ze Geschich­te des „Schuld­gel­des“ erzäh­len:

Schritt 1: Tausch­geld

Um Waren ein­fa­cher mit­ein­an­der aus­zu­tau­schen, also ggf. Äpfel nicht direkt mit Bir­nen ver­glei­chen zu müs­sen und zeit­lich ver­setzt mit­ein­an­der han­del­bar zu machen, wird ein Gut von mini­ma­lem Gebrauchs­wert aus­ge­wählt, das sich als Geld frei in alle ande­ren Waren kon­ver­tie­ren lässt, indem es die­se zugleich „misst“. Ob es sich dabei um Muscheln, Per­len, Gold han­delt, ist egal. Es muss ledig­lich sicher gestellt sein, dass es sowohl knapp oder auf eine Wei­se ver­knapp­bar ist, die es nicht jeder­mann ein­fach macht, sich irgend­wo „Geld“ zu schöp­fen. Zugleich soll­te es schwer ver­gäng­lich und nicht für den prak­ti­schen Gebrauch unab­ding­bar sein.

Schritt 2: Schuld­ver­schrei­bung

Um sol­che Geld­wa­ren, die durch­aus von gewis­sem unhand­li­chem Gewicht sein kön­nen und sich zudem nur schwer­lich unter­tei­len las­sen, nicht mit sich her­um­tra­gen zu müs­sen und sie zudem in Tei­le des Gesamt­werts auf­spal­ten zu kön­nen, wird Papier­geld geschaf­fen. Wohl – so Hör­mann – ist eine Quel­le dafür im neu­zeit­li­chen Ita­li­en zu sehen, wo Gold­schie­de anbo­ten, das Gold­geld sicher zu ver­wah­ren und dafür Schuld­schei­ne her­aus­zu­ge­ben, die im nächs­ten Schritt als Geld­schei­ne zir­ku­lie­ren konn­ten. Ein wei­te­rer Vor­teil wird von Hör­mann inso­fern berich­tet, als die cle­ve­ren Gold­schmie­de fest­stell­ten, dass das ein­ge­la­ger­te Gold nur sel­ten wie­der abge­holt wird – was sie dazu ver­an­lass­te, die ein­ge­la­ger­ten Metal­le mehr­mals als „Deckung“ sol­cher Schuld­schei­ne aus­zu­ge­ben. Eine Gold­mün­ze führ­te also zu meh­re­ren Geld­schei­nen, die mit dem Wert nur die­ser ein­zel­nen Mün­ze „gedeckt“ waren.

Schritt 3: Schein­geld

Da nicht nur das Schein­geld ein­fa­cher zu hand­ha­ben war, son­dern auch Regie­run­gen fest­stell­ten, dass die­ser Ver­viel­fa­chungs­me­cha­nis­mus durch­aus prak­tisch ist, stell­ten sie (zuneh­mend) kom­plett auf Papier­geld um (eine hübsch kur­ze Erzäh­lung dazu hier in Wiki­pe­dia, in der zu lesen ist, dass die „Noten­ban­ken“ nament­lich nichts ande­res sind als „Zet­tel­ban­ken“). Es muss­te ledig­lich zwei­er­lei sicher­ge­stellt wer­den: Die Geld­schei­ne muss­ten „gedeckt“ sein – das heißt, Ban­ken muss­ten garan­tie­ren, dass sich das Schein­geld jeder­zeit wie­der in Gold umwan­deln ließ. Was zwei­tens dazu führ­te, dass das Schein­geld in sei­ner Men­ge begrenzt blei­ben muss­te. Papier gehört eigent­lich nicht zu den knap­pen Gütern – grund­sätz­lich hät­te es also so viel Papier­geld geben kön­nen, wie es Papier gab. Da sich die­se Papier­men­gen nicht in Gold zurück tau­schen las­sen wür­den, wäre das Papier­geld aber in dem Moment wert­los, wie her­aus­kommt, dass es kei­ne Deckung hat. Also muss­te dafür gesorgt wer­den, dass die Pro­duk­ti­on die­ses Gel­des mono­po­lis­tisch orga­ni­siert war. Nur die „Zen­tral­bank“ konn­te ent­schei­den, wie viel Geld her­ge­stellt wird. Dabei ist das Papier­geld ein Schuld­schein auf die Her­aus­ga­be von Gold. Er einen Schein hat­te, konn­te ver­lan­gen, von der (Zentral-)Bank die ent­spre­chen­de Men­ge Gol­des zurück zu erhal­ten.

Schritt 4: Man hebt die Gold­de­ckung auf

Geld­schei­ne sind jetzt kei­ne Anrechts­schei­ne auf die Her­aus­ga­be von Gold mehr, son­dern sie bewe­gen sich in einem Wech­sel­kurs­me­cha­nis­mus, der mit der Leit­wäh­rung US-Dol­lar bestimm­te Umtausch­sät­ze fest­legt, wie Wäh­run­gen inein­an­der zu kon­ver­tie­ren sind. Die Deckung in Gold wird auf­ge­ge­ben zuguns­ten eines Ver­hält­nis­ses zum Dol­lar (der sel­ber wie­der­um durch ein über­gangs­wei­ses Fest­ver­hält­nis zu Gold defi­niert war). (vgl. Bret­ton Woods in Wiki­pe­dia)

Schritt 5: Die Digi­ta­li­sie­rung

Mit der zuneh­men­den Elek­tro­ni­sie­rung des Ban­ken­we­sens wird der Geld­schein selbst zu dem, was zuvor Gold war. Der Gut­ha­ben­be­trag, den eine Bank führt, kann jeder­zeit abge­ru­fen, die Kon­ver­tie­rung in Geld­schei­ne gefor­dert wer­den. Das setzt vor­aus, dass es nur so vie­le Gut­ha­ben geben kann, wie es Geld­schei­ne gibt. Zugleich wür­de man ver­mu­ten, dass auch nur so vie­le Kre­di­te ver­ge­ben wer­den kön­nen, wie die Ban­ken an (Spar-)Einlagen haben. Das heißt: Die Geld­schei­ne, die die Spa­rer auf die Bank getra­gen und wofür sie eine elek­tro­ni­sche Gut­schrift erhal­ten haben, wer­den an Kre­dit­neh­mer wei­ter gege­ben. Und zwar nur die­se Geld­schei­ne. So stellt sich klein Fritz­chen und die schwä­bi­sche Haus­frau das Ban­ken­sys­tem vor.

Schritt 6: Fiat Money!

Tat­säch­lich dürf­ten Fritz­chen und die Haus­frau eben­so über­rascht sein wie ich, wenn sie begin­nen, sich damit zu beschäf­ti­gen, wie das Kre­dit­ge­schäft von Ban­ken tat­säch­lich funk­tio­niert.

Ein Kre­dit ist heu­te nicht mehr die Her­aus­ga­be von Geld­schei­nen (oder Geld­ersatz wie Schecks, Akti­en etc.) durch den Gläu­bi­ger an den Schuld­ner mit der For­de­rung, die­se Geld­schei­ne, son­dern – mit einer grif­fi­gen For­mu­lie­rung von Hör­mann – es ist die Erzeu­gung eines Daten­sat­zes. Und zwar eines dop­pel­ten Daten­sat­zes:

Der zukünf­ti­ge Schuld­ner ver­an­lasst die Bank, in ihrem digi­ta­len Sys­tem einen Geld­be­trag als Daten­satz zu pro­du­zie­ren und auf sein Kon­to zu buchen. Dabei kommt es durch die dop­pel­te Buch­füh­rung (jedem Ver­mö­gen steht eine Schuld gegen­über) zu einer inter­es­san­ten Fol­ge: Die Bank schreibt sich den aus­ge­ge­be­nen Kre­dit als aus­ste­hen­de For­de­rung an den Schuld­ner in die Bilanz: es ist für sie ein Ver­mö­gen, das sie durch Rück­zah­lung oder Kün­di­gung des Kre­dits erhält und bereits vor Rück­zah­lung als Ver­mö­gen in ihre Bilanz ein­stellt. Zugleich schreibt sie dem Schuld­ner die­sen Betrag auf sei­nem Kon­to gut – und nimmt die­ses „Gut­ha­ben“ (also eigent­lich: die Ver­pflich­tung der Bank an den Schuld­ner, ihm die­sen Betrag aus­zu­zah­len) eben­falls in die Bilanz auf. Ein als Kre­dit gewähr­ter Euro wird zu zwei Euro in der Bilanz.

Das wäre eine hüb­sche Absur­di­tät, käme nicht das eigent­li­che Fiat Money dazu, die Erzeu­gung von Geld aus dem Nichts. Denn durch die Digi­ta­li­sie­rung der Zah­lun­gen müs­sen Ban­ken nicht mehr dar­auf ach­ten, nur unge­fähr die Sum­me der Spar­ein­la­gen als Kre­dit aus­zu­ge­ben (oder ein über­schau­ba­res Viel­fa­ches wie es die ita­lie­ni­schen Gold­schmie­de taten – in der Furcht, dass doch jemand kommt, der sein Gold bzw. Schein­geld abho­len will). Viel­mehr ist die Erzeu­gung des Daten­sat­zes ein simp­ler e-buch­hal­te­ri­scher Vor­gang, der kei­ner­lei „rea­len“ Gel­des bedarf. Es sind allei­ne gesetz­lich-regu­la­to­ri­sche Vor­ga­ben, die dafür sor­gen, dass nicht ganz ohne jedes ein­ge­la­ger­te Ver­mö­gen Ban­ken unend­lich vie­le Kre­di­te aus­ge­ben. Denk­bar wäre das. Es reicht ein Rech­ner und jemand, der dar­um bit­tet, einen Kre­dit­da­ten­satz zu erzeu­gen.

Es bedürf­te jetzt eines Wirt­schafts­wis­sen­schaft­lers, um die Ter­mi­no­lo­gie glatt zu zie­hen – inhalt­lich lässt sich aber sagen, dass nur regu­la­to­ri­sche Vor­ga­ben dafür sor­gen, dass ein bestimm­tes Eigen- oder Kern­ka­pi­tal oder Eigen­mit­tel vor­han­den sein müs­sen, um Kre­di­te zu erzeu­gen. Und es sind eben­sol­che Regu­la­to­ri­en, die dafür sor­gen, dass die­se Eigen­mit­tel nur begrenzt oft als Kre­dit aus­ge­ge­ben wer­den kön­nen. Ins­be­son­de­re die Basel I, II und III genann­ten inter­na­tio­na­len Regu­la­ri­en sor­gen dafür. So ist etwa fest­ge­schrie­ben, dass grund­sätz­lich die ins­ge­samt her­aus­ge­ge­be­nen Kre­di­te zu 8% mit Eigen­mit­teln unter­legt sein müs­sen (Quel­le). Das heißt: Jede Ein­la­ge darf nur 13mal als Kre­dit ver­ge­ben wer­den.

Da aber extrem schwie­rig zu defi­nie­ren ist, was „Eigen­mit­tel“ sind (näm­lich mit­nich­ten Gold oder Geld­schei­ne, son­dern auch bestimm­te Wert­pa­pie­re mit schwan­ken­den Wer­ten oder zum Bei­spiel grie­chi­sche Staats­an­lei­hen), zudem das Aus­fall­ri­si­ko eine Rol­le spielt, sind die­se Ver­hält­nis­zah­len nah an der Augen­wi­sche­rei. Ver­ste­he ich Basel III zudem rich­tig, wird die maxi­ma­le Hebel­wir­kung des tat­säch­lich vor­han­de­nen Kern­ka­pi­tals auf 33,3 begrenzt. (Quel­le) Das heißt: Das Geld, das das Finanz­in­sti­tut sicher“ selbst besitzt, darf nur 33,3mal als Kre­dit ver­ge­ben wer­den. Da das zu den aus Pres­se, Funkt und Fern­se­hen gegen­wär­tig bes­tens bekann­ten Bank­not­la­gen führt, die mit „zu wenig Kern­ka­pi­tal aus­ge­stat­tet“ sind – wird klar, dass momen­tan noch höhe­re Hebel­sät­ze wirk­sam sind. Für Fritz­chen, Haus­frau und mich gesagt: Der ita­lie­ni­sche Gold­schmied darf ein in sei­nem Eigen­be­sitz befind­li­ches Gold­stück nur 33mal gleich­zei­tig ver­lei­hen, darf auf elek­tro­ni­schem Wege 33mal Daten­sät­ze in Höhe sei­nes eige­nen Kern­ka­pi­tals her­stel­len. Er hat — anders gesagt — das urhe­ber­recht­li­che Ver­wer­tungs­recht für 33,3 Exem­pla­re sei­nes “Ur-”-Geldes.

Die­se 33 ist dabei eine Phan­ta­sie­zahl. Es könn­ten auch fünf­mal oder 50.000mal sein. Die „Geld­erzeu­gung“ per Kre­dit hat kei­ne intrin­si­sche Begren­zung. Irrer­wei­se hat übri­gens der Kre­dit­aus­fall kei­ne Fol­gen für die Bank – sie ver­liert nichts außer einem Daten­satz. Gehen von den 33,3 Ver­lei­hun­gen 30 in die Bin­sen – bekommt sie ihr Kern­ka­pi­tal (das sie sowie­so nicht ver­lei­hen kann) drei­mal zurück. Plus Zin­sen. Plus Til­gun­gen, die die aus­ge­fal­le­nen Kre­di­te vor ihrem Aus­fall erbracht haben. Hat jemand Ein­wän­de dage­gen?

Das zei­tigt zwei Fol­gen:

Ers­tens ent­steht eine gigan­ti­sche Geld­men­ge, die nicht mehr zen­tral kon­trol­liert wird. Zen­tral­ban­ken haben sich des­we­gen von der tra­di­tio­nel­len Geld­men­gen­po­li­tik ver­ab­schie­det und auf Zins­po­li­tik umge­sat­telt. Zugleich sucht die­ses zau­ber­haft ver­mehr­te Kapi­tal sich hän­de­rin­gend Anla­ge­for­men, die einen höhe­ren Gewinn ver­spre­chen als die Zin­sen für den Kre­dit aus­ma­chen. Sonst macht der gan­ze Auf­wand wenig Sinn. Man kann sich zum Bei­spiel Häu­ser kau­fen und sie ver­mie­ten oder teu­rer ver­kau­fen (das führt zu einer Immo­bi­li­en­bla­se). Man kann in viel­ver­spre­chen­de Akti­en inves­tie­ren (das führt zu einer Kurs­ral­lye wie der New Eco­no­my Bla­se). Man kann in Roh­stof­fe und Nah­rungs­mit­tel inves­tie­ren (und damit die Prei­se für die­je­ni­gen, die die Roh­stof­fe und Nah­rungs­mit­tel brau­chen etwa, um arbei­ten zu kön­nen oder ein­fach zu über­le­ben). Da die Anla­gen aller­dings irgend­wann knapp wer­den, wenn sich die Liqui­di­tät so weit aus­dehnt, kön­nen die über­rann­ten Ban­ken sich auch neue Anla­ge­for­men aus­den­ken, die ein­zig und allein den Sinn haben, Liqui­di­tät auf­zu­sau­gen (das führt dann zu Deri­va­ten, die nicht nur kein Schwein mehr kapiert, son­dern die zugleich lawi­nen­haft zuneh­men: „Nach Anga­ben der BIZ (Bank für Inter­na­tio­na­len Zah­lungs­aus­gleich) betrug der Nomi­nal­wert aller welt­weit aus­ste­hen­den OTC-Deri­va­te­kon­trak­te im 2. Halb­jahr 2010 601 Bil­lio­nen US-Dol­lar. Im Jahr 2000 waren es 95 Bil­lio­nen US-Dol­lar.“ (Quel­le) Zum Ver­gleich: Das Welt-BIP betrug im Jahr 54.274 Bil­lio­nen US-Dol­lar.

Das Pro­blem sieht sogar der Vor­stands­vor­sit­zen­de der Com­merz­bank Mar­tin Bles­sing: „Es gebe außer­dem im Moment zu viel Liqui­di­tät im Markt, sag­te Bles­sing, “und des­halb sehr vie­le Anla­ge­gel­der. Wir müs­sen zuse­hen, wie wir lang­sam wie­der Liqui­di­tät aus dem Markt neh­men kön­nen”.“ (Spon)

Zwei­tens: Die Bank kommt in arge Bedräng­nis im Fal­le eines Bank­runs, das heißt wenn sowohl „Gläu­bi­ger“ der Bank mas­sen­haft die Rück­um­wand­lung ihres elek­tro­ni­schen Gel­des in Papier­geld for­dern. Und wenn dann noch die Kre­dit­neh­mer eben­falls ver­lan­gen, dass der auf ihrem Kon­to gut­ge­schrie­be­ne Kre­dit­be­trag ihnen eben­falls aus­ge­zahlt wird, wird’s rich­tig eng.

Schritt 7: Die Abschaf­fung der Geld­schei­ne

Mir in die­ser Kon­se­quenz durch­aus neu war bis vor Kur­zem, dass Regie­run­gen offen­bar tat­säch­lich dar­an arbei­ten, das phy­si­sche Münz- und Schein­geld abzu­schaf­fen und voll­stän­dig auf elek­tro­ni­schen Zah­lungs­ver­kehr umzu­stel­len. So hat die schwe­di­sche Regie­rung eine Kam­pa­gne auf­ge­legt mit dem Titel „Bar­geld ist das Blut in den Adern der Ver­bre­cher“ (Kein Witz – hier lesen). Die grie­chi­sche (!) Regie­rung ver­bie­tet Pri­vat­per­so­nen Bar­geld­trans­ak­tio­nen ober­halb von 1.500 Euro seit Anfang die­sen Jah­res (Han­dels­blatt). Das scheint nur einem gesell­schaft­li­chem Trend zur elek­tro­ni­schen Zah­lung zu fol­gen – erschwert zugleich aber auch den Bank­run. Denn die elek­tro­ni­schen Daten­sät­ze, die „Gut­ha­ben“ oder „Schul­den“ aus­ma­chen kön­nen nun nicht mehr „rea­li­siert“ wer­den. Sie sind nicht mehr aus den elek­tro­ni­schen Büchern her­aus­zu­be­kom­men, es ändert sich höchs­tens der „Spei­cher­ort“ von einer Bank zur ande­ren. Da nun der Inter­ban­ken­han­del genau­so elek­tro­nisch funk­tio­niert, ist es für eine Bank, die Liqui­di­tät braucht, ein Ein­fa­ches, sich von einer ande­ren Bank einen ent­spre­chen­den Daten­satz erzeu­gen zu las­sen (wobei ich nicht wirk­lich ver­ste­he, war­um sie ihn nicht selbst erzeu­gen soll­te … indem sie sich selbst zur Bad Bank macht viel­leicht, eine Good Bank grün­det, die ihr dann …)

Schritt 8: Das voll­stän­dig digi­ta­le Finanz­sys­tem und die Kon­ver­tier­bar­keit

In letz­ter Kon­se­quenz ent­steht ein fast völ­lig in sich selbst zir­ku­lie­ren­des, sich auf­blä­hen­des oder schrump­fen­des Zah­len­sys­tem, das mit irgend­wel­chen Rea­li­en nicht mehr viel zu tun hat. Außer für den ein­zel­nen Schuld­ner,

  • der sei­nen digi­ta­len Buchungs­satz mit einer phy­si­schen Sicher­heit unter­le­gen muss, zum Bei­spiel einem Haus, das der Bank so lan­ge „gehört“, bis er den Daten­satz getilgt hat
  • der bei Zah­lungs­schwie­rig­kei­ten sei­ne phy­si­schen Güter pfän­den las­sen muss
  • der zum Zwe­cke der Til­gung des aus der Luft erzeug­ten Daten­sat­zes arbei­ten muss und zwar letzt­lich für die Bank

Das zeigt eine ver­blüf­fen­de Ver­wandt­schaft zum Phä­no­men des „unvoll­stän­di­gen Tauschs“, den ich hin­sicht­lich der Ver­wer­tungs­in­dus­trie letz­tens beschrie­ben hat­te: Der eine Tausch­part­ner gibt etwas, das er zugleich behält – der ande­re muss dafür im Gegen­zug auf etwas kom­plett ver­zich­ten und das Eigen­tum über­ge­ben. Dar­in zeigt sich m.E. eine Struk­tur­ähn­lich­keit auf, die es im fol­gen­den zwei­ten Teil zu beleuch­ten gibt.

Das Irre

Das Pro­blem der über­mä­ßig vor­han­de­nen Liqui­di­tät im Finanz­sys­tem ver­su­chen die euro­päi­schen Regie­run­gen durch Ret­tungs­fonds zu lösen, die was genau tun? Rich­tig – wei­te­re Mil­li­ar­den an Liqui­di­tät bereit zu stel­len. Und war­um? Weil das gan­ze Sys­tem nicht – wie Hör­mann meint – auf Betrug basiert, son­dern auf Ver­trau­en. Das war übri­gens die „Moral“ der Geschicht’ von Sich Gesell­schaft leis­ten. Es ist das Ver­trau­en, das durch recht­li­che Regu­la­ri­en gestei­gert aber nicht letzt­lich garan­tiert wer­den kann, dass der­je­ni­ge, der einen Geld­zet­tel besitzt, dafür von jemand ande­rem etwas bekommt. Jeder kann sich Geld dru­cken – er wird nur fest­stel­len, dass das Ver­trau­en, das ihm poten­zi­el­le Abneh­mer ent­ge­gen brin­gen, zumeist zu gering ist, um es wir­kungs­voll in Umlauf zu brin­gen. Schecks waren ver­su­che, sol­che Halb­gel­der umlauf­fä­hig zu machen, bedurf­ten aber eben­falls des Ver­trau­ens, das der Scheck nicht „platzt“. Neue Ver­su­che des Regio­gel­des set­zen dar­auf, dass Men­schen sich ver­trau­en, die sich (poten­zi­ell) per­sön­lich ken­nen.

 So what?

Bereits hier – und ergänzt im zwei­ten Teil – ist zu sehen, dass das Grund­pro­blem dar­in liegt, dass es noch kei­ne Ansät­ze zur Aus­ar­bei­tung einer Theo­rie der Digi­tal­öko­no­mie gibt, dass viel­mehr sowohl Wis­sen­schaft wie auch Poli­tik ver­su­chen, neue Phä­no­me­ne mit über­hol­ten Erklä­rungs­mus­tern zu ver­ste­hen und dabei Kau­sa­li­tä­ten unter­stel­len, die so nicht (mehr) funk­tio­nie­ren. Die put­zi­gen Wün­sche, die Finanz­in­dus­trie möge sich doch wie­der an der „Real­wirt­schaft“ ori­en­tie­ren, die­se stüt­zen, finan­zie­ren und för­dern, wer­den in dem Maße zum Kalau­er, wie auch die­se Indus­tri­en sich zuneh­mend digi­ta­li­sie­ren und vir­tua­li­sie­ren. Wie die waren­zen­trier­te Wirt­schafts­theo­rie gut dar­an täte, sich mit der Fra­ge der Ware in einer Zeit zu beschäf­ti­gen, da die Mecha­nis­men der Knapp­heits­pro­duk­ti­on nicht mehr funk­tio­nie­ren wie frü­her, Waren und Han­dels- oder Ver­triebs­we­ge sich digi­ta­li­sie­ren, täte die Finanz­theo­rie gut dar­an, sich mit dem Geld neu zu beschäf­ti­gen, das selbst nur inso­fern „knapp“ ist, wie es nur eini­gen weni­gen (nicht­staat­li­chen Akteu­ren!) erlaubt ist, kre­di­to­ri­sche Daten­sät­ze zu erzeu­gen. Wie wäre ein Raub­ko­pier­we­sen im Finanz­sek­tor zu ver­ste­hen? Denk­bar ist es.

Und wenn „die Netz­ge­mein­de“ frei­en Zugang zu Infor­ma­tio­nen und Inhal­ten im Netz for­dert, die ohne pro­duk­ti­ven oder ver­trieb­li­chen Auf­wand über­all in der Welt kos­ten­los ver­füg­bar sein sol­len – war­um dann nicht den unge­hin­der­ten Zugang zu aus blo­ßen Daten­sät­zen bestehen­dem … Geld?

In der ent­ste­hen­den Digi­tal­öko­no­mie ist gegen­wär­tig nicht das Pro­blem, dass es zu wenig, son­dern zu viel Geld gibt – von dem zu weni­ge Men­schen etwas haben.

Comments are closed.

What's this?

You are currently reading Digitalökonomie: Die gemeinsame Quelle der Krisen von Finanzindustrie und Urheberrecht (Teil 1) at Postdramatiker.

meta