Drama und Ideologie 6: Die Verschachtelung der Gefügemacher

August 30th, 2014 Kommentare deaktiviert für Drama und Ideologie 6: Die Verschachtelung der Gefügemacher Autor: Ulf Schmidt

Inter­es­sant an der Gefü­ge­ma­che­rei, der μυθοποίησις des Dra­mas, ist die Ver­schach­te­lung unter­schied­li­cher Gefü­ge in Gefü­gen. Ins­be­son­de­re das Fern­se­hen hat hier gewal­ti­ge Neue­run­gen her­bei­ge­führt, indem nicht nur ein unsicht­ba­rer Gefü­ge­ma­cher im Hin­ter­grund das Gefü­ge gefügt haben kann, wie etwa im tra­di­tio­nel­len Begriff des Dra­mas der vier­ten Wand, das als ein Gefü­ge abläuft, son­dern indem etwa ein Gefü­ge­ma­cher als Voice-Over-Erzäh­ler sich unsicht­bar, aber hör­bar über das Gefü­ge legt, die­se Voice-Over-Stim­me aber selbst wie­der ein in das Gesamt­ge­fü­ge (die fil­mi­sche Mon­ta­ge) Gefüg­tes, Hin­zu­ge­füg­tes viel­leicht, das nun­mehr aus schein­bar zwei Gefü­gen besteht, die sich zu einem Gefü­ge zusam­men­fü­gen, etwa einer Repor­ta­ge, einem Doku­men­tar­film. Zudem wird durch die Ein­fü­gung von Gefü­ge­ma­chern – etwa in Inter­views – eine par­ti­el­le Ein­fü­gung von Gefü­gen geschaf­fen, die sowohl zu dem mon­tier­ten Gesamt­ge­fü­ge in Bezie­hung ste­hen, wie etwa zu dem Dazu­ge­füg­ten des Voice-Over. Eine schein­ba­re Rah­men-Schach­te­lung von Gefü­gen, die sich noch fort­set­zen lässt, greift man über die ange­ge­be­nen Gren­zen eines Gefü­ges, etwa eine Bei­tra­ges in einem Fern­seh­ma­ga­zin hin­aus auf das Gesamt­ge­fü­ge der Maga­zin­sen­dung, noch wei­ter auf das wei­te­re Gefü­ge, das etwa ein Abend- oder Ganz­ta­ges­pro­gramm dar­stellt, das ein Fern­seh­sen­der dar­stellt, oder noch wei­ter auf das Gesamt­ge­fü­ge all des­sen, was auf allen Pro­gram­men zu jeder Zeit im Fern­se­hen zu sehen ist. Es fin­den sich auf all die­sen abs­tra­hier­ten Ebe­nen Gefü­ge, die das Gesamt­ge­fü­ge „Fern­se­hen“ eben­so zu einem aris­to­te­li­schen μῦθοςmachen, wie das kur­ze ein­ge­füg­te Inter­view-Gefü­ge, die alle­samt aber, trotz der abs­tra­hie­ren­den Tren­nung, in einer Bezie­hung zuein­an­der ste­hen, sofern etwa das ein­ge­füg­te Inter­view eben­so ver­su­chen kann eine „Welt“ zusam­men­zu­fü­gen, wie das Gesamt­ge­fü­ge des­sen, das als Fern­se­hen bezeich­net wird. Auf jeder Stu­fe der Ebe­nen­abs­trak­ti­on ist eine Gefü­ge­ma­che­rei am Wer­ke, eine Dra­ma­to­po­ie­sis, die (schein­bar) Hete­ro­ge­nes und/oder (schein­bar) Homo­ge­nes zuein­an­der fügt.

Dabei ist der Gefü­ge­ma­cher einer Ebe­ne nicht unbe­dingt ein­fach in der Posi­ti­on der Kon­troll­in­stanz, wie etwa in soge­nann­ten Gesprächs­sen­dun­gen oder Talk­shows spür­bar wird, in der oft­mals angeb­lich unter­schied­li­che „Posi­tio­nen“ durch ein­ge­la­de­ne Figu­ren dar­ge­stellt wer­den, die sich dem Leit­fa­den von Mode­ra­to­ren­fra­gen zu fügen haben, wobei aber nicht gänz­lich kon­trol­lier­bar bleibt, was die ein­zel­nen Figu­ren (extem­po­rie­rend) bei­tra­gen und ob sich die­se Bei­trä­ge, die zumeist eige­ne Ver­su­che, Gefü­ge vor­zu­stel­len oder eige­ne Gefü­ge anzu­spie­len dar­stel­len sol­len, sich zu einem Gefü­ge fügen las­sen wol­len. Auf inter­es­san­te Wei­se sicht­bar wer­den die­se Schwie­rig­kei­ten in soge­nann­ten Miss­ge­schi­cken oder Un-Fäl­len, in denen ein­zel­ne Figu­ren etwa über­ra­schend aus dem Fügungs­ver­such aus­bre­chen und den Ver­such der Fügung inso­fern sicht­bar wer­den las­sen, als sie den mit der Fügung beauf­trag­ten Mode­ra­tor her­aus­for­dern oder des­sen Unfä­hig­keit, ein Gefü­ge aus Extem­po­res zusam­men­zu­fü­gen, schlag­ar­tig sicht­bar wer­den las­sen. Sei es, indem ein­zel­ne Figu­ren spon­tan die Teil­nah­me auf­ge­ben, indem sie wäh­rend der Sen­dung die­se ver­las­sen. Oder indem sie Bei­trä­ge lie­fern, die nicht ein­fach in das Gefü­ge füg­bar sind.

Inter­es­sant sind sol­che Vor­fäl­le aber vor allem des­we­gen, weil sie das Rät­sel spür­bar machen, dass bestimm­te Fügun­gen als Gefü­ge akzep­ta­bel sind, ande­re nicht. Das und nur das ist wohl das eigent­lich inter­es­san­te Phä­no­men: wie es sein kann, das die­se oder jene Zusam­men­stel­lung ein Gefü­ge sein soll und kann, eine ande­re nicht.

To be con­ti­nued. May­be.

P.S. Inter­es­sant ist etwa die fol­gen­de Sicht­bar­ma­chung des tele­vi­sio­nier­ten Gefü­ges durch kurz­fris­ti­ge Stö­rung einer Talk­show bei San­dra Maisch­ber­ger, die sich inter­es­san­ter­wei­se gera­de um Gott dre­hen soll­te:

P.S. 2: In wel­che Schwie­rig­kei­ten man in dem Augen­blick gelangt, wo ver­sucht wird, die Gefü­ge-Ebe­nen zu tren­nen, um sie dann wie­der mit­ein­an­der in Bezie­hung zu set­zen, zeigt der inter­es­san­te Auf­satz von Micha­el Nie­haus: Voice over. Eine film­nar­ra­to­lo­gi­sche Bestands­auf­nah­me

 

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