Ein Wütchen geht durch Theaterdeutschalnd, das Wut werden … will? kann? soll? wird?

Mai 26th, 2010 Kommentare deaktiviert für Ein Wütchen geht durch Theaterdeutschalnd, das Wut werden … will? kann? soll? wird? Autor: Ulf Schmidt

Etwas tut sich im Thea­ter­staa­te Deutsch­land. Ein Wind­chen rauscht und bläht sich, will wer­den — aber was? Hier jeden­falls wars zu ver­neh­men:

  • Spa­ren­de Poli­ti­ker: fin­den Thea­ter – ins­be­son­de­re in Wup­per­tal – über­flüs­sig (hier)
  • Wup­per­tal: Die Thea­ter fin­den spa­ren­de Poli­ti­ker doof. (hier)
  • Kehl­mann (Welt­ver­mes­se­rer): fin­det Regie­thea­ter doof. hier
  • Hei­del­berg: Stü­cke­markt­ju­ry fin­det die ein­ge­reich­ten Stü­cke zu doof um aus­zei­chen­bar zu sein. (hier) N.B.: Auf ähn­li­che­Wei­se ist übri­gens auch ein Nach­wuchs­ta­lent Papst Bene­dikt XVI gewor­den …  Erst rum­dis­ku­tie­ren und dann: rat­zef­atz.
  • Stock­mann (Nils-Mom­me, Stü­cke­markt­ju­ror): fin­det Kri­ti­ker doof (hier oder hier)
  • Dös­sel (Kri­ti­ke­rin und Stock­mann-Mit­ju­ro­rin): fin­det des­we­gen Stock­mann ziem­lich doof (hier).
  • Stree­ru­witz: fin­det ange­pass­te Schrei­ber und die neo­li­be­ra­le Arbeits­ord­nung der Thea­ter und ihrer Jung­dra­ma­ti­ker doof (hier)
  • Batt­le Auto­ren: fin­den Thea­ter doof, die kei­ne Kne­te für Arbeits­leis­tung  rüber rei­chen (hier).
  • Spuh­ler (Hei­del­berg­in­ten­dant): Fin­det dass die Juro­ren lie­ber nicht hät­ten Juro­ren wer­den sol­len, wenn sie nicht jurie­ren wol­len (im Mann­hei­mer Mor­gen am 17.5.). Oder so. Und beur­teilt die Urtei­le der Nichtur­tei­len­wol­len­den (wenn ers denn auf nacht­kri­tik hier im Kom­men­tar 85 und 87 war) als …irgend­was.
  • Nicht­aus­ge­zeich­ne­te, aus­er­wäh­le Auto­ren (5): fin­den, dass die Jury den Sinn der Nach­wuchs­för­de­rung nicht ver­steht und dass der Hei­del­ber­ger Wett­be­werb, der Dra­ma­ti­ker för­dern soll (in dem von dem Auto­ren bei der Jury ver­miss­ten Ver­ständ­nis), nicht über Nach­wuchs­för­de­rung debat­tie­ren soll. (hier)
  • Die Jury (Dös­sel, Altor­fer, Stock­mann): fands offen­bar ok, Gast­au­to­ren aus Isra­el ein­zu­la­den, ihnen am Ende der Rei­se mit­zu­tei­len, dass man die Stü­cke eigent­lich schei­ße fin­det, um sie dann wie­der zu ver­ab­schie­den (Übri­gens – falls jemand mich mal nicht­aus­zeich­nen will: teilts mir bit­te brief­lich mit!)
  • Frank Kroll: fin­det spon­tan min­des­tens zwei der Hei­del­berg­nicht­preis­wür­di­gen Stü­cke ganz gut und aus­zei­chen­bar (hier Kom­men­tar 59). Und ist eh ein guter Typ. War­um bloggt er so wenig hier?
  • Chris­ti­ne Dös­sel: fin­det Spuh­ler und den Stü­cke­markt doof. Den Ver­mark­tungs­zu­sam­men­hang unan­ge­nehm. Die jurier­ten Stü­cke schlecht. Und fin­det, dass 2500 Euro für jeden ein­rei­chen­den Auto­ren super sind – und dass das eigent­lich bes­ser ist als einen mit viel zu viel Geld reich und arbeits­scheu zu machen. (noch­mal hier)
  • Botho Strauß: fin­det das Thea­ter all­ge­mein doof. Also das von nach sei­ner Zeit. Damals. (hier)
  • Tho­mas Oster­mei­er: Jahr­gang 1968 (das fin­det nachtkritik.de erwäh­nens­wert ; zudem das Geburts­jahr der Herrn Strauß – der ist 66 und damit am Beginn sei­nes Lebens, wie der Dich­ter Jür­gens wei­land sang). hier
  • Tho­mas Oster­mei­er (selbst): fin­det Strauß doof, weil der Thea­ter schmäht, obwohl er ja gar nicht alles gese­hen hat. (hier)
  • Ulrich Khuon (Inten­dant): fin­det Botho Strauß (Dra­ma­ti­ker?) doof. (hier)

Ich: fin­de es groß­ar­tig, dass sich in Thea­ter­deutsch­land was regt. Zar­te Wut­pflänz­chen zwar erst, die sich noch etwas unge­lenk an den Kreis­saal­nach­barn aus­pro­bie­ren, bevor sie lau­fen ler­nen. Aber wenn die­se Wut dann grö­ßer wird, die Augen und Ohren öff­net und den Tha­liakreis­saal hin­term Eiser­nen ver­lässt und ans Tages­licht tritt – dann kann Thea­ter viel­leicht wer­den, was es sein muss: (Für alle Lite­ra­tur­lieb­ha­ber: Ich wechs­le jetzt gewalt­sam das sprach­li­che Bild) Die Flak­stel­lung der Demo­kra­tie.

Viel­leicht ein paar Vor­schlä­ge, wor­auf sich die Wut der nichts­nut­zi­gen Auto­ren, selbst­ver­liebt­un­ta­len­tier­ter Regis­seu­re an den mie­sen Häu­sern neo­li­be­ra­ler Inten­dan­ten zum Wohl­ge­fal­len imper­ti­nent-ille­gi­ti­mer Kri­ti­kas­ter wen­den könn­te:

  • Ein Deutsch­land, das sich offen zum Krieg bekennt
  • Ein Deutsch­land, das im Not­ver­ord­nungs­ver­fah­ren Mil­li­ar­den­be­trä­ge aus­gibt
  • Ein Deutsch­land das von het­zen­den Bou­le­vard­me­di­en mei­nungs­ge­prägt wird
  • Ein Deutsch­land, in dem Spar­pa­ke­te geschnürt wer­den, die den Ärms­ten das Vor­le­trz­te neh­men wer­den
  • Ein Deutsch­land, des­sen Sicher­heits­or­ga­ne unver­blümt jeden Bür­ger als Ter­ror­ver­däch­ti­gen regis­trie­ren, spei­chern, über­wa­chen. Bio­me­trisch, Scan­nend, Vor­rats­da­ten­ge­spei­chert.
  • Ein Deutsch­land, in dem die Wirt­schaft und die Finanz­in­sti­tu­te geret­tet wer­den, die Umwelt aber nicht.
  • Ein Deutsch­land, in dem der galop­pie­ren­de Wert­ver­lust digi­ta­ler Güter, die Pro­duk­ti­vi­täts­ex­plo­si­on der ver­netz­ten Wirt­schaft und die  alles selbst am Rech­ner erle­di­gen­den „Kun­den“ zu einer „Digi­ta­len Dis­rup­ti­on“, einem mög­li­chen „Ende der Arbeit“ (Rif­kin)  und einem rasan­ten Durch­sa­cken der Lebens­um­stän­de der meis­ten Men­schen (Grie­chen­land geht nur vor­an) füh­ren wer­den.
  • Ein Deutsch­land, des­sen Bür­ger fre­chen Atta­cken auf ihre Pri­vat­sphä­re durch digi­ta­le Groß­kon­zer­ne nahe­zu schutz­los aus­ge­lie­fert sind

Noch was?  Fin­det sich auch. Es gibt genug, auf das eine zur Wut gewach­se­ne Dooff­in­de­rei sich rich­ten kann. Und es wird Zeit, sich dem zu stel­len. Also Schrei­ber, Regis­seu­re, Thea­ter­leu­te, Kri­ti­ker – fasst euch an die Hän­de, Nasen oder wohin ihr wollt. Und sucht euch eine Wut. Eure beschis­se­ne Zän­ke­rei inter­es­siert außer euch kein Schwein da drau­ßen.  Und ihr machts den poli­ti­schen Spar-tanern zu leicht, euch alle zusam­men in einen Sack zu ste­cken und im Schul­den­loch zu ver­sen­ken.

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