Jenseits des dreidimensionalen Dramas

Oktober 29th, 2009 Kommentare deaktiviert für Jenseits des dreidimensionalen Dramas Autor: Ulf Schmidt

Ich betrach­te es schlicht als Hilf­lo­sig­keit, wenn Thea­ter sich Regis­seu­re und Grup­pen ins Haus holen, die mehr zu bie­ten haben, als die Neu­in­ter­pre­ta­ti­on des Alt­be­kann­ten. Tex­te zu zetrüm­mern, zu remi­xen, zu sam­peln, als Pas­tic­cio zu mischen, zu destruk­tu­rie­ren und zu restruk­tu­rie­ren, Roma­ne und Film­dreh­bü­cher zu adap­tie­ren ist nichts ande­res als Hilf­lo­sig­keit. Weil einer­seits den post­dra­ma­ti­schen (oder eher hoch­dra­ma­ti­schen) Lebens­ver­hält­nis­sen kein dra­ma­ti­scher Text ansatz­wei­se gerecht wer­den kann. Ande­rer­seits hab ich gera­de ver­ges­sen. Was ich jeden­falls sagen woll­te: Die Din­ge sind zu kom­plex gewor­den, um sie den Ver­ein­fa­chungs-Anfor­de­run­gen des Dra­mas noch anpas­sen zu kön­nen. Vor 150 Jah­ren leb­ten die Men­schen im drei­di­men­sio­na­len euklid­schen Raum. Es gab ein geschicht­li­ches vor­her-nach­her (was zumeist auch hier hieß: des­we­gen). Es gab ein gesell­schaft­li­ches Neben­ein­an­der. Und ein hier­achi­sches Über­ein­an­der. Das von der Post­mo­der­ne pos­tu­lier­te Ende der Geschich­te ist ein Ende der Geschich­te, wie wir sie ken­nen Es ist eine Kri­se des Erzäh­lens von Geschich­te  in klas­si­scher rhe­to­ri­scher Hin­sicht (vgl. Hay­den Whites Meta­histo­ry), Das Fata­le dar­an: Man­gels ange­mes­se­ner For­men für ein ande­res Geschich­te- oder Geschich­ten­er­zäh­len gehen die zu erzäh­len­den Din­ge unter. Opfer­ge­schich­ten lasen sich heu­te nicht mehr erzäh­len, weil das Geschich­ten­er­zäh­len nicht mehr funk­tio­niert — die Opfer aber gibt es noch immer. Und es gibt sie immer mehr. Weil die Geschich­ten vom hier­ar­chi­schen Über­ein­an­der (wie sie Shake­speare erzählt hat) nicht mehr erzähl­bar sind, wie sie erzählt wur­den, droht die Herr­schaft aus dem Blick zu gera­ten. Und was schlim­mer ist: aus der Kri­tik. Wenn nur noch kaba­ret­tis­ti­sches Läs­tern bleibt, wo grund­sätz­li­che Kri­tik ange­bracht ist, kann (legi­ti­me oder ille­gi­ti­me) Herr­schaft sich in traum­wand­le­ri­scher Sicher­heit wägen. Und wo die Raum­po­si­ti­on des Neben­ein­an­der zu volks­mu­si­ka­li­scher Schun­kelei ver­kommt, ist mit Thea­ter nicht mehr über das Wich­tigs­te über­haupt nach­zu­den­ken. Über Gesell­schaft.

Den­noch: Der Raum der Gegen­wart ist kein drei­di­men­sio­na­ler mehr. Selbst die Phy­sik geht von etwa 26 Raum­di­men­sio­nen aus. Im Thea­ter und im Dra­ma kön­nen wirs uns viel­leicht noch nicht ein­mal so leicht machen und brau­chen noch mehr Dimen­sio­nen. Weil beim Unter­drü­cken de Kom­ple­xi­tät das Wich­tigs­te unter­drückt wür­de. Die Kom­ple­xi­tät selbst. Und die­je­ni­gen, die sie (phy­sisch oder gesell­schaft­lich) tötet.

Dar­auf reagie­ren Thea­ter mit dem, was man post­dra­ma­ti­sches Thea­ter genannt hat. Die Lücken im Text, die Brü­che und zugleich das schein­bar unge­zähm­te Cha­os ver­su­chen, der Kom­ple­xi­tät auf die Spur zu kom­men. Ich glau­be aber, dass das nicht mehr lan­ge gut gehen wird, dass der Text (der dann nicht mehr Dra­ma aus Mono- und Dia­log son­dern Poly­log sein wird) zurück kom­men muss. Denn letzt­lich ist Rat­lo­sig­keit allein auch nicht Spiel­plan­fül­lend.

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