Journalismus bizarr — heute die Frankfurter Rundschau

August 11th, 2010 Kommentare deaktiviert für Journalismus bizarr — heute die Frankfurter Rundschau Autor: Ulf Schmidt

Am letz­ten Sam­satg las ich in der FR (hier) in der von mir sehr gelieb­ten und geschätz­ten Kolum­ne von Mely Kiyak einen enorm ein­dring­li­chen Text über die wider­wär­ti­ge Pra­xis der Stei­ni­gung. Ein The­ma, dem sich anzu­neh­men und Pro­test zu üben mei­nes Erach­tens jen­seits aller reli­giö­sen Eigen­hei­ten nicht nur gerecht­fer­tigt son­dern gebo­ten ist. Dass die Todes­stra­fe selbst ein Skan­da­lon ist muss auch nicht dis­ku­tiert wer­den — das ist sie. Aus Grün­den, die ich hier viel­leicht ein­mal pos­ten wer­de.

Heu­te nun lese ich (hier) ein Inter­view mit der Amnes­ty-Akti­vis­tin Marie von Möl­len­dorff, die in vie­ler­lei Hin­sicht Bedenks­wer­tes zur Stei­ni­gung bei­zu­tra­gen hat und deren kon­kre­tes Enga­ge­ment ich zuhöchst respek­tie­re. Das alles vor­weg — nun aber zeigt sich, wie selt­sam Jour­na­lis­mus funk­tio­niert. Und wie wenig der “Qua­li­täts­jour­na­lis­mus” dar­auf ach­tet, was er selbst fabri­ziert. Wenn das Anlie­gen stimmt. Dass das bes­te Anlie­gen durch fal­sche Argu­men­te beschä­digt wer­den könn­te — wohl kei­ner Über­le­gung mehr wert.

Viel­leicht mei­ne ver­kürz­te Wahr­neh­mung der Welt — aber selt­sa­mer­wei­se ging ich immer davon aus, dass die Stei­ni­gung eine beson­de­re Grau­sam­keit ist, die Män­ner gegen Frau­en ver­hän­gen, Das bestä­tigt auch weit­ge­hend der Arti­kel in der FR:

Offen­bar sind Frau­en beson­ders häu­fig von Stei­ni­gun­gen bedroht. War­um ist das so?

Es sind auch Män­ner bedroht, aber häu­fi­ger Frau­en. Die Aus­sa­ge eines Man­nes wiegt die Aus­sa­gen von zwei Frau­en auf. Frau­en sind häu­fi­ger Analpha­be­ten und haben oft Geständ­nis­se, die sie unter­zeich­nen, gar nicht gele­sen. Bei eth­ni­schen Min­der­hei­ten ist es oft auch so, dass sie kein Per­sisch ver­ste­hen. Das heißt, dass sie bei Gerichts­ver­fah­ren, selbst wenn sie von Stei­ni­gung bedroht sind, gar nicht wis­sen, was pas­siert. Und da Frau­en meist kein eige­nes Ein­kom­men haben, kön­nen sie sich kei­nen guten Rechts­bei­stand leis­ten.

Män­ner sind auch bedroht, aber häu­fi­ger Frau­en. Aha.  Män­ner haben mehr Gewicht vor Gericht (ääähm — auch wenn sie zu Ungus­ten von Män­nern aus­sa­gen?), Frau­en ver­ste­hen kein Per­sisch (nein — genau lesen: “eth­ni­sche Min­der­hei­ten”). Und Frau­en kön­nen sich kei­nen guten Rechts­bei­stand leis­ten (heißt: Män­ner kön­nen?). Ich will hier nicht die Frau­en-Män­ner-Debat­te zum Dau­er­the­ma machen, wie­wohl ich (hier) beim The­ma Bur­ka (aber mit gänz­lich ande­rem Fokus) dar­auf Bezug genom­men habe. Wir kom­men zu Zah­len:

2009 wur­den min­des­tens 388 Men­schen hin­ge­rich­tet, dar­un­ter war nur ein Mann, der gestei­nigt wur­de. Am häu­figs­ten ist Tod durch Hän­gen. Ehe­bruch gehört zu den Hodoud-Ver­bre­chen, das sind Ver­bre­chen gegen den gött­li­chen Wil­len, die eine Bestra­fung nach isla­mi­schem Recht nach sich zie­hen. Stei­ni­gung steht nur auf den Ehe­bruch ver­hei­ra­te­ter Per­so­nen.

Aha — nur ein Mann. Und 387 Frau­en? Nein nein, genau lesen: Es wur­den 388 Men­schen ins­ge­samt hin­ge­rich­tet, davon wur­de ein Mann gestei­nigt. Es steht dort nicht, dass 387 nicht­männ­li­che Stei­ni­gungs­op­fer waren oder nur ein Mann hin­ge­rich­tet wur­de (und zwar durch Stei­ni­gung) hin­ge­gen 387 Frau­en (auf wel­che Wei­se auch immer). Und der Haken steckt im nächs­ten Satz:

Wir gehen davon aus, dass min­des­tens fünf Män­ner und eine Frau seit 2002 gestei­nigt wur­den. Im Moment sind min­des­tens sie­ben wei­te­re Frau­en und drei Män­ner von Stei­ni­gun­gen bedroht.

Fünf Män­ner, eine Frau. Wie gesagt: Mir war bis­her unbe­kannt, dass über­haupt Män­ner gestei­nigt wer­den. Und mir ist letzt­lich auch ziem­lich egal, Men­schen wel­chen Geschlecht der­art zu Tode gequält wer­den. War­um aber höre ich nichts von den Män­nern, die die­ses Urteil tötet? War­um hängt auch die FR es als “Frau­en­the­ma” auf — und unter­lässt es dann, die mir die Augen doch ein Stück öff­nen­den Zah­len ein­fach weg­zu­las­sen, um den schö­nen Arti­kel damit nicht zu zer­stö­ren? War­um schreibt man auf engs­tem Raum zusam­men: “Es sind auch Män­ner bedroht, aber häu­fi­ger Frau­en. (…) Wir gehen davon aus, dass min­des­tens fünf Män­ner und eine Frau seit 2002 gestei­nigt wur­den.” Kann mir irgend­je­mand aus die­ser Redak­ti­on erklä­ren — war­um?

Und übri­gens — war­um soll ich dafür Leis­tungs­schutz­rech­te aner­ken­nen? Was leis­tet der “Qua­li­täts­jour­na­lis­mus” denn, der sich sol­che Arti­kel leis­tet?

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