Medialität, Möglichkeit, Wirklichkeit

März 16th, 2010 Kommentare deaktiviert für Medialität, Möglichkeit, Wirklichkeit Autor: Ulf Schmidt

Der Bör­se zuzu­se­hen und Bör­sen­be­rich­ten zuzu­hö­ren kann gele­gent­lich der Wahr­heits­fin­dung die­nen. Dann etwa, wenn Quar­tals­zah­len und die Reak­ti­on der Kur­se (heißt: Der aktu­el­len oder zukünf­ti­gen Besit­zer die­ser Akti­en) dar­auf berich­tet wer­den. Für Lai­en (wie mich) zunächst völ­lig unver­ständ­lich. dass posi­ti­ve Berichts­zah­len sin­ken­de Kur­se her­bei­füh­ren kön­nen. Bericht­erstat­ter ken­nen die Erklä­rung: Die­se Zah­len sind erwar­tet wor­den und des­we­gen schon in den aktu­el­len (vor­be­richt­li­chen) Akti­en­kurs “ein­ge­preist”. Heißt: Die Akti­en hat­te vor dem Ergeb­nis­be­richt bereits den Wert, den sie eigent­lich nach dem oder durch den Ergeb­nis­be­richt bekom­men hät­ten. Stimmt der Bericht mit den Erwar­tun­gen über­ein, so wird der Kurs sta­gnie­ren oder sin­ken. Die Ergeb­nis­se mögen so posi­tiv sein, wie sie wol­len.

Cut.

Die Gemein­sam­keit zwi­schen Bör­sen­ge­sche­hen und Media­li­tät ist die Rea­li­tät des Mög­li­chen oder das Immer-schon-ein­ge­tre­ten-Sein des Erwar­te­ten. Media­le Spe­ku­la­ti­on und Bör­sen­spe­ku­la­ti­on rich­ten sich auf das erwart­ba­re Mög­li­che — und machen es damit bereits vor­ab zu einer ein­ge­tre­te­nen Rea­li­tät deren tat­säch­li­ches Ein­tref­fen dann nicht mehr über­rascht son­dern eher ent­täuscht. Und die Reak­tio­nen erfol­gen bereits auf das noch nicht ein­ge­tre­te­ne — teil­wei­se um es abzu­ween­den. Was an den Pro­phe­ten erin­nert der das Ein­tre­ten der von ihm pro­phe­zei­ten Ereig­nis­se zu ver­mei­den sucht. Poli­ti­sches Han­deln in die­ser Medi­en­rea­li­tät ist weit­ge­hend Han­deln in die­sem Mög­lich­keits­raum des Noch-Nicht.

Inso­fern ähnelt der Poli­ti­ker der Gegen­wart weni­ger (wie in ver­gan­ge­nen Zei­ten) dem Mili­tär­füh­rer, der kom­ple­xe Situa­tio­nen zu über­schau­en, zu durch­drin­gen und kon­zep­tio­nell zu ana­ly­sie­ren in der Lage war, um dar­auf schnell zu reagie­ren oder durch eige­nes Agie­ren über­haupt der Gesamt­schlacht (oder dem Lan­de) eine stra­te­gi­sche Rich­tung vor­zu­ge­ben (wem das Krie­ge­ri­sche zuwi­der ist: die Met­pa­her vom Gubernator/Schiffskapitän hat sich bis in den Begriff der Gouverneurs/Governors erhal­ten und erzählt die­sel­be Grund­struk­tur). Viel­mehr ist der Poli­ti­ker dem Bör­sen­spe­ku­la­ten ver­gleich­bar, der im Reich der noch nicht ein­ge­tre­te­nen Mög­lich­kei­ten aktiv ist und Mög­li­ches mit Mög­li­chem erwi­dert, bekämpft, fördert.Mögliche Ter­ror­ak­te etwa. Heißt: Für den Sicher­heits­po­li­ti­ker ist die­ser Akt bereits ein­ge­preist unbd er han­delt in einem Raum des bereits Ein­ge­tre­te­nen Aktes — wie­wohl sei­ne Umwelt davon über­rascht sein dürf­te.

Oder ist das nur theo­re­ti­sche Spe­ku­la­ti­on? Hm. Han­deln mit Mög­lich­kei­ten. Mal schau­en, wie und ob das Wei­ter­führt.

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