Moralismus, Systemtheorie, Loriotismus

Juni 5th, 2010 Kommentare deaktiviert für Moralismus, Systemtheorie, Loriotismus Autor: Ulf Schmidt

An Wis­sen­schaft­lern wird oft die genaue Beob­ach­tung gelobt, obwohl man nicht gese­hen hat, was sie beob­ach­tet haben

Ein wun­der­ba­rer Tweet von Klaus Kusanow­sky, des­sen herr­lich sys­them­theo­re­ti­scher Blog “Dif­fe­ren­tia” mit Sprach­per­len wie der fol­gen­den auf­war­tet und der jedem, der sei­ne alten Hirn­win­dun­gen wie­der ein­mal neu ver­wi­ckelt und ent­wi­ckeln möch­te, nur wärms­tens oder kühls­tens emp­foh­len wer­den kann:

Begin­nen wir mit der theo­re­ti­schen Über­le­gung, dass eine Adres­se eine spe­zi­fi­sche kom­mu­ni­ka­ti­ve Struk­tur ist; sie ist eine Bün­de­lung und Füh­rung von Stör­an­fäl­lig­keit und Anfalls­stör­rig­keit. Eine Adres­se fun­giert wie eine elas­ti­sche struk­tu­rier­te Erwar­tungs­wol­ke, die mit einem Namen, gleich­viel ob Per­so­nen­na­men oder Namen von Unter­neh­men oder auch Staa­ten ver­küpft wird. Spe­zi­fi­scher for­mu­liert, könn­te man sagen, dass Adres­sen struk­tu­rel­le Kno­ten­ele­men­te im Ver­wei­sungs­netz­werk der Kom­mu­ni­ka­ti­on sind, die gleich­sam als Schalt­punk­te gebraucht wer­den, um Kom­ple­xi­tät hin und her zu schau­feln. (hier)

Gött­lich. Men­schen, die Wort wie “Erwar­tungs­wol­ke”, For­mu­lie­run­gen wie “Bün­de­lung von Anfalls­stör­rig­keit” oder “Kom­ple­xi­tät hin- und her­schau­feln” benut­zen, sind irgend­wie was Außer­ge­wöhn­li­ches. Zumal ich seit ges­tern auf Twit­ter auch loriot_vicco fol­ge, der in mehr oder min­der regel­mä­ßi­gen Abstän­den mit Lori­ot-Zita­ten mei­nen All­tag erglänzt. Bei­de zusam­men sind wahr­lich ein Haupt­ver­gnü­gen.

Gera­de fin­de ich wei­te­re Kusanowk­sy-Tweets, die ich hier nicht vor­ent­hal­ten und mit Lori­ot mischen will:

Kusanow­ski: Wie vie­le Beob­ach­ter muss ein Beob­ach­ter beob­ach­ten bis er anfängt sich selbst zu beob­ach­ten?

loriot_vicco: Übri­gens: Wuss­ten Sie schon, dass die Alpen einen ganz erbärm­li­chen Anblick bie­ten, wenn man sich die Ber­ge ein­mal weg­denkt?

Kusanow­ski: Nur weni­ge besit­zen die Fähig­keit, sich für die Zwe­cke der Beur­tei­lung von Tat­sa­chen zuvor von Wün­schen und Ängs­ten zu befrei­en.

loriot_vicco: Die Rhein-Ruhr-Stahl-Mar­zi­pan­kar­tof­fel ist natür­lich rost­frei.

Kusanow­ski: Bei einem gewis­sen Stan­de der Selbst­er­kennt­nis wird es regel­mä­ßig gesche­hen müs­sen, dass man sich abscheu­lich fin­det.

loriot_vicco:Der Mensch ist das ein­zi­ge Wesen, das im Flie­gen eine war­me Mahl­zeit zu sich neh­men kann.

Klaut Kusanow­sky eigent­lich bei den fran­zö­si­schen Mora­lis­ten? Oder ist der Sys­tem­theo­re­ti­ker an sich ein apho­ris­ti­scher Mora­list (wenn mich nicht alles täuscht bezog sich Luh­mann doch auch gele­gent­lich auf Vau­ven­ar­gues, oder?). What a bra­ve twit­ter time­li­ne that has such tweets in it!

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