Netzdramaturgie, vernetzte Welten, Systeme

Juni 20th, 2010 Kommentare deaktiviert für Netzdramaturgie, vernetzte Welten, Systeme Autor: Ulf Schmidt

Die Lek­tü­re von Boltanski/Chiapello bringt mich zurück zu den län­ger nicht mehr ver­folg­ten Über­le­gun­gen zur Netz­dra­ma­tur­gie (hier). Im neu­en Geist des Kapi­ta­lis­mus füh­ren die Auto­ren eine Epo­chen­fol­ge an, die zugleich eine Epo­chen­fol­ge der “dra­ma­ti­schen” oder nicht-mehr-dra­ma­ti­schen Lite­ra­tur sein könn­te:

Das Sozi­al­le­ben wird von nun an nicht mehr — wie noch in der fami­li­en­ka­pi­ta­lis­ti­schen Welt — als eine Rei­he von Rech­ten und Pflich­ten gegen­über einer erwei­ter­ten Fami­li­en­ge­mein­schaft dar­ge­stellt, und auch nicht — wie es für die Indus­trie­welt galt — als eine abhän­gi­ge Beschäf­ti­gung inner­halb eines Hier­ar­chie­ge­fü­ges, in dem man sich hoch­ar­bei­tet und bei strik­ter Tren­nung zwi­schen Berufs­le­ben und Pri­vat­sphä­re sei­ne gesam­te Kar­rie­re durch­läuft. In einer ver­netz­ten Welt besteht das Sozi­al­le­ben viel­mehr aus unzäh­li­gen Begeg­nun­gen und tem­po­rä­ren, aber reak­ti­vier­ba­ren Kon­tak­ten mit den unter­schied­lichs­ten Grup­pen, wobei die­se Ver­bin­dun­gen gege­be­nen­falls eine sehr beträcht­li­che sozia­le, beruf­li­che, geo­gra­phi­sche Distanz über­brü­cken. Anlass für sol­che Ver­bin­dun­gen bie­tet das Pro­jekt. […] Die Pro­jek­te ermög­li­chen die Pro­duk­ti­on und die Akku­mu­la­ti­on in einer Welt, die, wenn sie ledig­lich aus Kon­ne­xio­nen bestün­de, ohne Halt, ohne Zusam­men­schlüs­se und ohne fes­te For­men stän­dig im Fluss befind­lich wäre. Alle wür­de von dem ste­ten Strom der Bah­n­un­gen dahin geris­sen, die ange­sichts ihrer Fähig­keit, alles mit­ein­an­der in Ver­bin­dung zu brin­gen, unab­läs­sig ver­tei­len und auf­lö­sen, was sich in ihnen­ver­fängt. (149)

Fin­de ich eine ziem­lich gute Beschrei­bung der Netz­dra­ma­tur­gie etwa von Sich Gesell­schaft leis­ten. Und wer­de ein­mal dar­über nach­den­ken, wie sich Netz­wer­ke, die mei­nes Erach­tens aus sich selbst her­aus wuchern und wach­sen, zu sozia­len Sys­te­men, die wesent­lich durch die Dif­fe­renz zur Umwelt beschrie­ben wer­den und sich aus­dif­fe­ren­zie­ren anstatt zu wach­sen, ver­hal­ten.

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