“Politik” eine Konstruktion des Journalismus?

August 10th, 2010 § 5 comments Autor: Ulf Schmidt

Ich lese gera­de noch ein­mal den Text “Hege­mo­nie und das Para­dox von pri­vat und öffent­lich” (hier online und als pdf) von Alex Demi­ro­vic. Und bin dabei über einen Gedan­ken gestol­pert, den ich zuletzt (hier) beim Nach­den­ken über Öffentlich/Sozial/Privat über­le­sen hat­te:

Jour­na­lis­ten waren die­je­ni­gen Akteu­re, die, solan­ge es kei­ne poli­ti­schen Par­tei­en, kein regel­mä­ßig tagen­des Par­la­ment und kei­ne Berufs­po­li­ti­ker gab, Poli­tik als eigen­stän­di­ge Hand­lungs­sphä­re auf Dau­er stell­ten und damit auch die staat­li­che Ver­wal­tung kon­trol­lier­ten.

Lei­der unter­schätzt Demi­ro­vic die Kraft die­ses Gedan­kens — und kon­sta­tiert die­se Funk­ti­on nur für den Jour­na­lis­mus der vor­de­mo­kra­ti­schen Epo­che. Wie wäre es, wenn die “Auf Dau­er Stel­lung” des Poli­ti­schen als eine eige­ne Spä­re nur durch die soge­nann­te jour­na­lis­ti­sche Lite­ra­tur grund­sätz­lich geschä­he. Wenn unab­hän­gig von der umge­ben­den Herr­schafts­form “das Poli­ti­sche” nur durch die Erzäh­lun­gen von Print, Radio, TV ent­stün­den — wie die Hei­li­gen­le­gen­den durch die Bibel, Mär­chen­ge­stal­ten, Cele­bri­ties. Wie also, wenn nicht nur die “Dra­ma­tur­gie” wie hier im Blog bereits öfter als The­se vor­ge­tra­gen die jour­na­lis­ti­sche (shakespeare’sche) Kon­struk­ti­on wäre, son­dern der Jour­na­lis­mus mit sei­nen Erzäh­lun­gen aus der Geegn­wart jene schi­zo­ide Spal­tung in die Gegen­wart bräch­te, jene Tei­lung in zwei Wel­ten, wie es in der His­to­rie mit der Schei­dung zwi­schen Gegen­wart und Ver­gan­gen­heit ist.

Der Gedan­ke hat des­we­gen Kraft, weil er im Bereich des Poli­ti­schen der Pres­se eine erheb­lich grö­ße­re Macht oder zumin­dest Funk­ti­on zuwie­se, als heu­te gemein­hin ange­nom­men wird. Wenn die zei­tung die Papier­wand der pla­to­ni­schen Höh­le ist, auf der sich das poli­ti­sche Schat­ten­spiel voll­zieht — mit dem Unter­schied, dass es kei­nen Höh­len­aus­gang gibt, in dem die Akteu­re “selbst” zu bewun­dern wären.

Im Rück­griff auf die von Kan­to­ro­wicz’s beschrie­be­ne Leh­re von den “Zwei Kör­pern des Königs” (Ama­zon) — wäre also von den zwei Kör­pern der heu­te Regie­ren­den zu spre­chen: oder von dem Regie­ren­den und sei­nem jour­na­lis­tisch-dra­ma­ti­schen Schat­ten. Die Spal­tung in die phy­sisch wahr­nehm­ba­re Welt­kon­struk­ti­on und in die jour­na­lis­ti­sche Welt­kon­struk­ti­on “der Poli­ti­schen”. Ein Gedan­ken­ex­pe­ri­ment: Mor­gen hör­ten sämt­li­che “Medi­en” (Pres­se, Rund­funk, Fern­se­hen, Netz) auf, über die poli­ti­sche Sphä­re zu schrei­ben. Was blie­be? Was wäre dann das Poli­ti­sche noch? Für die Han­deln­den? Und für die “Betrach­ter”?

Nach­dem die post­mo­der­ne gro­ße Erzäh­lung vom “Ende der gro­ßen Erzäh­lung” (Lyo­tard), die Geschich­te vom “Ende der Geschich­te” (Fuku­y­a­ma) an ihr Ende gelan­gen, stellt sich die Fra­ge: Wel­che Geschich­te wird zukünf­tig zu erzäh­len sein. Nicht Geschich­te im Sin­ne einer His­to­rie. Son­dern als die Geschich­te der Gegen­wart, die Jour­na­lis­ten und viel­leicht auch (Post-)Dramatiker  zu erzäh­len haben.

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