Statt HartzIV, Basisgeld, Grundeinkommen: Ein neues wirtschaftspolitisches ABC

September 16th, 2010 § 4 comments Autor: Ulf Schmidt

Sozio­lo­gen haben die Gesell­schaft nur beob­ach­tet,
es kommt aber dar­auf an, sie zu gestal­ten.

Neben­der Umwelt­zer­stö­rung steht als zweit­größ­tes Pro­blem zumin­dest in den soge­nann­ten Indus­trie­län­dern die Arbeits­lo­sig­keit auf der Agen­da. Abge­se­hen davon, dass Umwelt­zer­stö­rung auch nur dann ernst­haft ver­hin­dert wer­den kann, wenn nicht dau­ern das „Arbeitsplatzvernichtung“-Argument kommt, ist das Grund­pro­blem der Arbeits­lo­sig­keit ein Luxus­pro­blem, das zum Elend führt. Eigent­lich soll­te es als Fort­schritt gel­ten, wenn immer weni­ger Arbeit not­we­nig ist, um Wohl­stand zu erlan­gen. Eigent­lich ist das „nicht genug zu tun haben“ ein klas­si­scher Luxus. Wird aber das Aus- und Ein­kom­men der Men­schen danach bemes­sen, was und wie viel sie arbei­ten – dreht sich der Luxus zum Fluch. Plötz­lich jagt ein jeder der Arbeit hin­ter­her, als han­de­le es sich um ein knap­pes, begeh­rens­wer­tes Gut. Was sie ja in der Regel nicht ist.
Seit eini­ger Zeit geis­tert des­we­gen das Kon­zept des „Bür­ger­gel­des“, der „nega­ti­ven Ein­kom­men­steu­er“ oder eines „bedin­gungs­lo­sen Grund­ein­kom­mens“ durch die Blät­ter und Köp­fe. Ein Gedan­ke, der jeweils im Grun­de dar­auf basiert, dass in einem rei­chen Land kein Mensch unter eine bestimm­te Exis­tenz­schwel­le rut­schen soll­te. Hun­ger und Obdach­lo­sig­keit haben in (post)industriellen Staa­ten etwas zutiefst Ana­chro­nis­ti­sches.
Das Pro­blem ist dabei, dass all die­se Kon­zep­te eine gewis­se Grund­an­nah­me vor­aus­set­zen: Dass Men­schen auch dann arbei­ten, wenn ihre Exis­tenz gesi­chert ist. Dass sie also – sei es um sich selbst zu ver­wirk­li­chen oder um sich Kon­sum­träu­me zu erfül­len – auch dann arbei­te­ten, wenn die Exis­tenz­si­che­rung von der Arbeits­leis­tung ent­kop­pelt wäre. Das ist – so sehr ich ansons­ten mit die­sen Ansät­zen sym­pa­thi­sie­ren könn­te – ein unge­deck­ter Scheck, der ein Expe­ri­ment erfor­der­te, das tat­säch­lich gan­ze Staa­ten final zer­stö­ren könn­te. Das wird nie­mand ver­su­chen.
Zugleich gibt es ein gan­ze Rei­he – teil­wei­se bereits bewähr­ter, teil­wei­se logisch zwin­gen­der – Ansät­ze, die grö­ße­re Beach­tung ver­dien­ten, ten­dier­ten sie nicht zu gewis­sen Ideo­lo­gie. So die Fra­ge der Arbeits­zeit: Galt es lan­ge als eini­ger­ma­ßen aus­ge­macht, dass Arbeits­lo­sig­keit bekämpft wer­den könn­te, indem die ver­blie­be­ne Arbeit auf mehr Schul­tern ver­teilt wird (durch Arbeits­zeit­ver­kür­zung), haben in den letz­ten Jah­ren wie­der­um die Stim­men Ober­hand gewon­nen, die eine Arbeits­zeit­ver­län­ge­rung ohne Lohn­aus­gleich for­dern. Und bekom­men.
In der soge­nann­ten Finanz­kri­se erwies sich die Ver­län­ge­rung des Kurz­ar­bei­ter­gel­des in Deutsch­land als gera­de­zu genia­le Lösung, um Mas­sen­ar­beits­lo­sig­keit und dro­hen­de Ver­elen­dung zu ver­hin­dern. Die­ser genia­le Gedan­ke – der doch so unglaub­lich ein­fach war – kann kaum genug gefei­ert wer­den.

Wäh­rend auf der einen Sei­te noch rela­tiv klein­tei­lig um die­se oder jene kon­zep­tio­nel­le Ver­än­de­rung nach­ge­dacht wird, ist ein tech­ni­scher Fort­schritt im Gan­ge, der in weni­gen Jah­ren da gesam­te Wirt­schafts­sys­tem dahin­raf­fen könn­te. Gemeint ist natür­lich ie Digi­ta­li­sie­rung, elek­tro­ni­sche Ver­ar­bei­tung und inter­na­tio­na­le Ver­net­zung der Infor­ma­ti­ons­sys­te­me und Pro­zes­se. Die Pro­duk­ti­vi­täts­re­ser­ven (heißt: raus­schmeiss­ba­re Mit­ar­bei­ter), die bereits jetzt in den meis­ten Unter­neh­men exis­tie­ren, wer­den in nicht all­zu fer­ner Zeit ent­we­der rasant abge­baut – oder zum Zusam­men­bruch von Unter­neh­men größ­ter Grö­ße füh­ren. Wer das nicht kapiert, soll­te gar nicht wei­ter nach­den­ken. Den Gesell­schaf­ten geht die (indus­tri­el­le) Arbeit aus – und Dienst­leis­tun­gen kön­nen nicht an ihren Platz tre­ten.

Die Her­aus­for­de­rung für die nächs­ten Jah­re (län­ger kann kein Mensch vor­her­se­hen) lau­tet des­we­gen: Wie kann der Pro­duk­ti­vi­täts­fort­schritt zu einem Segen für die Mensch­heit wer­den, anstatt sie in das Elend der Arbeits­lo­sig­keit zu kata­pul­tie­ren. Wie kann die Arbeit, statt auf weni­ger Schul­tern gehäuft zu wer­den, auf alle Schul­tern bes­ser ver­teilt wer­den? Wie kann Fluch und Segen von Arbeit für jeden akzep­ta­bel ver­teilt wer­den? Wie ver­hin­dert der Staat die Plei­te – zugleich die Unter­neh­men das Ersti­cken durch immer wei­ter stei­gen­de „Neben­kos­ten“? Wie kann man vom Kurz­ar­beits­zeit­mo­dell ler­nen, die Ver­ant­wor­tung weit­ge­hend den ein­zel­nen Arbeit­neh­mern und Unter­neh­men las­sen – und den­noch zu einer hoch­fle­xi­blen Rege­lung kom­men, die das Ziel, der Abfe­de­rung des Rück­gangs der Gesamt­ar­beits­mas­se, so erfüllt, dass es all­ge­mein als Glück emp­fun­den wird, mehr vom Leben und weni­ger von unge­lieb­ter Arbeit zu haben?
Ich den­ke, ich habe einen Ansatz dafür gefun­den. An den Anfor­de­run­gen von Ste­phan Schul­meis­ter habe ich ihn abge­prüft und glau­be, dass er die­se Anfor­de­run­gen wirk­lich erfül­len kann.

Wer­de noch den letz­ten Schliff machen – mor­gen soll­te es ihn hier zu lesen geben.

§ 4 Responses to Statt HartzIV, Basisgeld, Grundeinkommen: Ein neues wirtschaftspolitisches ABC"

  • mspro sagt:

    Irgend­wie schwin­gen unse­re Gehir­ne gera­de im Gleich­klang. http://mspr0.de/?p=1623 Jeden­falls was die The­men­aus­wahl angeht.

  • Freiberufler sagt:

    ad Grund­ein­kom­men: Ich habe bis zu mei­nem 30 Lebens­jahr ein bedin­gungs­lo­ses Grund­ein­kom­men bezo­gen — von mei­nen Eltern — danach habe ich dar­auf ver­zich­tet, weil ich sel­ber genug ver­dient habe. In die­ser Zeit habe ich ich eine 12 jäh­ri­ge Schul­aus­bil­dung und ein Hoch­schul­stu­di­um erfolg­reich absol­viert. Dies sehe ich als aus­rei­chen­den Beweis, dass es Men­schen gibt, die auch mit einem. Grund­ein­kom­men arbei­ten gehen wür­den. Natür­lich wird es auch sol­che geben, die sich damit allei­ne zufrie­den geben und nicht mehr arbei­ten woll­len — die muss das Sys­tem mit­tra­gen kön­nen.
    Gru­es­se F.

  • Solan­ge es noch dau­ert, bis unser Autor (auf Umwe­gen) wie­der die Kur­ve zum bedin­gungs­lo­sen Grund­ein­kom­men fin­det, kön­nen wir uns doch gegen­sei­tig Schecks aus­stel­len … :-D

    http://www.scheck-aktion.de/Scheck-Aktion_Der_Scheck.html

  • Postdramatiker sagt:

    Nun­ja — der Autor hat gera­de die Kur­ve weg vom Grund­ein­kom­men bekom­men.

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