Theater als moralische Anstalt und unmoralisches Unternehmen – Teil 1

April 29th, 2012 § 4 comments Autor: Ulf Schmidt

Auf nacht­kri­tik fin­det gera­de eine der inten­sivs­ten Kom­men­tar­de­bat­ten der letz­ten Zeit statt, anschlie­ßend an den Arti­kel zum Kul­tur­in­farkt (hier) und an einen wei­te­ren Bei­trag zur sozia­len Lage der Schau­spie­ler (hier). Zusam­men­ge­rech­net fin­det sich zu den bei­den Arti­keln etwa 200 Kom­men­ta­re, die einer­seits die Gehalts­si­tua­ti­on von Dar­stel­le­ren dis­ku­tie­ren, einig sind, dass die unte­ren Gehalts­grup­pen skan­da­lös nied­ri­ge Bezü­ge auf­wei­sen, dabei gele­gent­li­che Schlen­ker über die Groß­ga­gen der Inten­dan­ten oder auch die Ein­kom­men der nicht­dar­stel­le­ri­schen Beschäf­tig­ten (Tech­ni­ker, Hand­wer­ker, Ver­wal­tung) in Bezie­hung zu den Schau­spie­lern set­zen. Ande­rer­seits wird im Kul­tur­in­farkt-Thread hef­tig über die finan­zi­el­le Aus­stat­tung der Büh­nen durch die öffent­li­che Hand, zugleich über Thea­ter­for­men wie “frei“ oder „Stadt­thea­ter“ gestrit­ten. Es geht um die Bemes­sung öffent­li­cher Mit­tel, gele­gent­lich um die Fra­ge der künst­le­ri­schen Insti­tu­ti­on und ihre Aus­wir­kung auf die künst­le­ri­schen Inhal­te und zeit­wei­se auch um die „auto­ri­tä­ren“ Struk­tu­ren an deut­schen Stadt­thea­tern. Inten­siv und pole­misch geführt, bringt die Debat­te zwar den ein oder ande­ren inter­es­san­ten und beden­kens­wer­ten Gesichts­punkt. Lan­det aber – ver­mut­lich auch aus Grün­den all­ge­mei­ner Erschöp­fung – am Ende bei einem Ver­söhn­li­chen:  „Mei­nes Erach­tens ist die ein­zig rich­ti­ge Ant­wort: alle Thea­ter­for­men müs­sen neben­ein­an­der bestehen kön­nen.“ (hier).

Die ein­zig rich­ti­ge Ant­wort lau­tet aller­dings viel­mehr: Wenn die Debat­te über Kunst und Kul­tur, über Thea­ter ins­be­son­de­re, wei­ter­hin als Finanz­de­bat­te geführt wird, ist dem Thea­ter mit­tel­fris­tig nicht mehr zu hel­fen. Und wenn ein Streit um ande­re Thea­ter­mo­del­le bei einem maxi­mal belie­bi­gen „Jeder macht was er will – und dafür wol­len wir mehr Geld“ endet, ist end­gül­tig die Krea­ti­vi­tät der Thea­ter am Ende. Ich sehe jeden­falls in der gesam­ten Debat­te kei­nen greif­ba­ren Grund, war­um über­haupt irgend­ein Thea­ter erhal­ten wer­den soll­te. Nicht einen. Viel­leicht wäre der gang­bars­te Weg, zu einem sol­chen for­mu­lier­ten Grund zu gelan­gen,  eine Gei­sel­nah­me der ste­hen­den Büh­nen: Es wer­den jedes Jahr 5 deut­sche Häu­ser geschlos­sen. Per Los­ver­fah­ren. Und zwar genau so lan­ge, bis die Thea­ter­leu­te eine Idee haben, wozu (ihr) Thea­ter da sein soll­te. Jen­seits der Macht der Gewohn­heit, die dazu zwingt, jeden Abend irgend­ein ande­res Forel­len­quin­tett abzu­nu­deln. Eine Idee, die nicht nur sie selbst und einen freund­li­chen Käm­me­rer über­zeugt, son­dern „die Öffent­lich­keit“. Eine Idee, die zumal greif­bar macht, was Thea­ter in einer Netz­ge­sell­schaft sein kann. Eine Idee, die auch erklärt, wo genau der Grund lie­gen soll­te, abends ins Thea­ter zu gehen, anstatt sich die­sel­ben Geschich­ten wie dort auf 6o TV-Kanä­len anzu­se­hen, sich mit Kon­so­len­spie­len oder Sur­fen zu unter­hal­ten, sich mit Pay-per-View die gesam­te Film­ge­schich­te ins Wohn­zim­mer zu holen. Und dabei wäre auf die jäm­mer­li­che Ant­wort „Die sinn­li­che Erfah­rung“ ein­fach mal Ver­zicht zu leis­ten. Die Kri­se der Thea­ter ist kei­ne finan­zi­el­le, son­dern eine Rele­vanz­kri­se. Es ist kei­ne fis­ka­li­sche, son­dern eine künst­le­ri­sche Fra­ge.

Eigent­lich soll­te die­ses Pos­ting eine Rezen­si­on des Buches „Unter­neh­mens­ethik für den Kul­tur­be­trieb – Per­spek­ti­ven am Bei­spiel öffent­lich recht­li­cher Thea­ter“ wer­den, das der Autor Dani­el Ris mir freund­li­cher­wei­se als Rezen­si­ons­ex­em­plar zuge­sandt hat und das der obi­gen Debat­te viel­leicht eini­ge ganz span­nen­de Gesichts­punk­te hin­zu­fügt. Das soll dann im nächs­ten Pos­ting pas­sie­ren.

§ 4 Responses to Theater als moralische Anstalt und unmoralisches Unternehmen – Teil 1"

  • kusanowsky sagt:

    “Viel­leicht wäre der gang­bars­te Weg, zu einem sol­chen for­mu­lier­ten Grund zu gelan­gen, eine Gei­sel­nah­me der ste­hen­den Büh­nen: Es wer­den jedes Jahr 5 deut­sche Häu­ser geschlos­sen. Per Los­ver­fah­ren. Und zwar genau so lan­ge, bis die Thea­ter­leu­te eine Idee haben, wozu (ihr) Thea­ter da sein soll­te.”

    Sehr bemer­kens­wer­ter Kom­men­tar, weil er dar­auf auf­merk­sam macht, dass man mit Kunst kei­ne Kunst mehr machen kann. Man könn­te ja auf die Idee kom­men, dass die Ide­en­lo­sig­keit durch Krea­ti­vi­tät auf­ge­fan­gen wer­den könn­te und nicht durch Geld, mit dem eigent­lich nur krea­ti­ve Ide­en­lo­sig­keit finan­ziert und erhal­ten wird. Aber so ein­fach ist das alles nicht.

    Denn moder­ne Kunst zeich­net nicht etwa durch Belie­big­keit aus, wie häu­fig zu hören, son­dern dadurch, dass die Kunst die Mög­lich­kei­ten ihrer For­men nahe­zu voll­stän­dig ent­wi­ckelt hat. Man könn­te sagen: Inzwi­schen kann sie alles, was Kunst kann. Aber: sie kann nur dies, sonst nichts. Und nach­dem nun erkenn­bar wird, dass die x-te Neu­kom­bi­na­ti­on von allen schon bekann­ten Vari­an­ten eigent­lich nur noch die Rou­ti­ne auf­recht erhält, geht es dar­um, die Rou­ti­ne zu ret­ten, aber dar­auf ist die Kunst nicht vor­be­rei­tet. Es gibt kei­ne Kunst des Geld­ma­chens, des Wirt­schaf­ten, des Ver­wal­tens, des Ent­schei­dends, kei­ne Kunst der Poli­tik oder all­ge­mein: es gibt kei­ne Kunst, die Pro­ble­me zu lösen, die durch die Pro­blem­ver­wal­tungs­rou­ti­nen des Kunst­be­triebs ent­ste­hen. Die­se Art von Kunst ist ihrer Kunst am Ende.
    Man könn­te dar­über jam­mern, aber ist das nicht eigent­lich ein evo­lu­tio­nä­rer Fort­schritt? Es gibt ein Pro­blem weni­ger in der Welt. Will man Kunst machen, so macht man sie ein­fach selbst. Schwie­ri­ger ist es nicht.

    Aber, und das wäre viel­leicht für die Zukunft inter­es­sant, Kunst — oder wie immer künf­tig erkenn­bar — braucht schwie­ri­ge Auf­ga­ben. Die­se Form der Kunst hat kei­ne mehr. Und nicht zufäl­lig kann man sol­cher Beob­ach­tun­gen auch mit der Wis­sen­schaft ver­glei­chen. Dort sieht es nicht ganz anders aus.

  • Das Pro­blem scheint ja im Kern alle For­men sub- und para­kul­tu­rel­ler Kunst- und Kul­tur­pro­duk­ti­on zu betref­fen (zu denen ich das Thea­ter hier mal unver­schämt rech­ne).

    “Das aktu­el­le Rea­li­täts­prin­zip ist der Kampf um Antei­le an Sicht­bar­keit unter Bedin­gun­gen moni­to­ria­ler Flä­chen­öko­no­mie. Also: Moni­tor­flä­che ist knapp, Auf­merk­sam­keit ist knapp, Kauf­kraft ist knapp, wovon es in ver­zwei­fel­ten Aus­ma­ßen zu viel gibt, sind Zei­chen, Waren und Indi­vi­du­en, die ins Fens­ter wol­len.” (Slo­ter­di­jk)

    Die Kunst besteht heu­te schon dar­in, über­haupt für hin­rei­chend vie­le sicht­bar zu wer­den — und dann auch noch lang­fris­tig zu fas­zi­nie­ren (“Besu­cher zu bin­den”). Dazu muss Kunst nicht unbe­dingt neu sein, zumin­dest aber inter­es­sant (hier­hin könn­te man viel­leicht eine Minimalde­fi­ni­ti­on von Kunst ver­mu­ten). Schafft sie das nicht, kann man sich fra­gen, wofür sie eigent­lich da ist. Und das ist in der Tat eine schwie­ri­ge Auf­ga­be.

  • kusanowsky sagt:

    “Und das ist in der Tat eine schwie­ri­ge Auf­ga­be” Der Schwie­rig­keits­grad einer Auf­ga­be darf aber auch nicht nicht die Maxi­mal­mög­lich­kei­ten eines Sys­tems über­schrei­ten. z.B. indem man sich vor­nimmt, auf dem Mars Gum­mi­bär­chen ein­zu­sam­meln. Das dürf­te im Prin­zip gehen, aber das ist völ­lig aus­sichts­los, so aus­sichts­los, wie noch eine Art von Gerech­tig­keit für Künst­ler durch öffent­li­che För­de­rung her­zu­stel­len. Die Fra­ge wofür Kunst da ist, ist nicht mehr schwer zu beant­wor­ten: für sich selbst. Und wie tief man gra­ben müss­te um jeman­den zu fin­den, den das noch inter­es­siert, ist auch nicht über­mä­ßig rele­vant. Außer­dem, und das wich­tig: wenn es mit der Gerech­tig­keit nicht klappt wird ohne­hin ein bekann­ter und blieb­ter Aus­weg beschrit­ten, indem man näm­lich ein­fach dage­gen pro­tes­tiert.

    Die Aus­sichts­lo­sig­keit ent­steht dadurch, dass man jeder­zeit ganz leicht Wege fin­det, um dem Pro­blem aus dem Wege zu gehen. Der Aus­sichts­lo­sig­keit ent­steht, weil es kei­ne Aus­weg­lo­sig­keit gibt.

  • Postdramatiker sagt:

    @Kusanowski
    “Kunst – oder wie immer künf­tig erkenn­bar – braucht schwie­ri­ge Auf­ga­ben. Die­se Form der Kunst hat kei­ne mehr.” Ich stim­me dei­nem Kom­men­tar weit­ge­hend zu, die­sem Satz wür­de ich wider­spre­chen. Wenn Kunst eine “Auf­ga­be” hät­te, wäre sie ver­mut­lich kei­ne Kunst. Dann wäre sie Tech­no­lo­gie, Päd­ago­gik, was weiß ich. Ver­mut­lich ist die Kunst an der Kunst, sich jeweils die Auf­ga­be, die es ohne die­ses eine Kunst­werk gar nicht gäbe, zu geben und nicht auf­zu­ge­ben, sich Auf­ga­ben zu suchen, die der künst­le­ri­schen Bear­bei­tung “wert” sind. Und wenns das Gum­mi­bär­chen­sam­meln auf dem Mars ist — dann eben das.

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