Theoros und Beobachter: Die gemeinsame Geschichte von Theater und Bewusstsein

Oktober 29th, 2010 Kommentare deaktiviert für Theoros und Beobachter: Die gemeinsame Geschichte von Theater und Bewusstsein Autor: Ulf Schmidt

Die Fra­ge ist so alt wie die Phi­lo­so­phie selbst: Wie kommt der Mensch aus sei­ner Hin­ge­ge­ben­heit an das sinn­lich Vor­lie­gen­de, das hier und jetzt Wahr­nehm­ba­re, her­aus und hin zu etwas, das jen­seits des Sin­nen­flus­ses liegt. Wie reißt er sich aus der blo­ßen Imma­nenz her­aus, die ein blo­ßes Wech­sel­spiel von Ein­drü­cken bie­tet, die Gegen­stän­de (von denen zu reden schon einen Schritt aus der Imma­nenz hin­aus bedeu­tet) mal in die­ser, mal in jener Form, mal fer­ner und klei­ner, mal näher und grö­ßer erschei­nen lässt? Die meta­phy­si­sche Tra­di­ti­on bie­tet den Aus­bruch in die Tran­szen­denz an. Etwa durch die Wie­derer­in­ne­rung an die ewi­gen Ide­en, die im Toten­reich geschaut wur­den. Oder aber durch die Begrif­fe, die vor allem sprach­lich vor­lie­gen, und den See, der mor­gens in tie­fem Blau, abends im tie­fen rot, nachts in tie­fem Schwarz liegt, als den­sel­ben See mit unter­schied­li­chen akzi­den­zi­el­len Zustän­den beschrei­ben las­sen. Sei die wech­sel­haf­te und täu­schungs­ver­wo­be­ne wahr­nehm­ba­re Welt nur eine Teil­ha­be an den jen­sei­ti­gen Ide­en, sei­en die­se Ide­en Begrif­fe und bloß nomi­nal  exis­tent und ver­bür­gen durch die Sel­big­keit des Begrif­fes die Iden­ti­tät.

Allen gemein­sam ist, dass der­je­ni­ge, der sich aus der Imma­nenz lösen will, sich abwen­den muss vom sinn­lich Vor­lie­gen­den. In Pla­tons Höh­len­gleich­nis schön beschrie­ben durch die Hin­wen­dung zur Son­ne oder gar durch den Schritt ins Toten­reich im Mythos von ER. Im nomi­na­len Zusam­men­hang durch die Abwen­dung vom Sinn­li­chen hin zum Den­ken, zum Spre­chen oder noch bes­ser: gleich zum Buch. Der aris­to­te­li­sche Den­ker ist der Schrei­ber und Leser, der über Tie­re und Pflan­zen spricht, die gera­de nicht da sind. Es ist die Abwen­dung vom Vor­lie­gen­den, der Über­gang in die Ver­nunft, die dann in der Rück­wen­dung zum Vor­lie­gen­den zum ver­ste­hen­den Betrach­ter wird.

Raus aus dem Hier und Jetzt – durch die Schrift

Der Los­riss vom Vor­lie­gen­den rich­tet sich daher immer auf ein Abwe­sen­des, das inten­diert wer­den kann. Das also abwe­send ist – zugleich aber anwe­send in gewis­ser Hin­sicht. Etwa in der Vor­stel­lung, der Erin­ne­rung, im Refe­ren­ten der Schrift. Es ist kein Zufall, dass Hegel bereits ganz zu Anfang der Phä­no­me­no­lo­gie ein Blatt Papier auf­tre­ten lässt, wenn es gilt, aus der sinn­li­chen Gewiss­heit aus­zu­bre­chen.

Auf die Fra­ge: Was ist das Itzt? ant­wor­ten wir also zum Bei­spiel: Das Itzt ist die Nacht. Um die Wahr­heit die­ser sinn­li­chen Gewiß­heit zu prü­fen, ist ein ein­fa­cher Ver­such hin­rei­chend. Wir schrei­ben die­se Wahr­heit auf; eine Wahr­heit kann durch Auf­schrei­ben nicht ver­lie­ren; eben­so­we­nig dadurch, daß wir sie auf­be­wah­ren. Sehen wir itzt, die­sen Mit­tag, die auf­ge­schrie­be­ne Wahr­heit wie­der an, so wer­den wir sagen müs­sen, daß sie schal gewor­den ist. {…} Es wird der­sel­be Fall sein mit der andern Form des Die­ses, mit dem Hier. Das Hier ist zum Bei­spiel der Baum. Ich wen­de mich um, so ist die­se Wahr­heit ver­schwun­den, und hat sich in die ent­ge­gen­ge­setz­te ver­kehrt: Das Hier ist nicht ein Baum, son­dern viel­mehr ein Haus. Das Hier selbst ver­schwin­det nicht; son­dern es ist blei­bend im Ver­schwin­den des Hau­ses, Bau­mes und so fort, und gleich­gül­tig, Haus, Baum zu sein. (Quel­le)

Aus der sinn­li­chen Gewiss­heit, die sich auf das Hier und das Die­ses aus­zu­bre­chen, heißt, die Spra­che, die „hier“ und „die­ses“ sagen kann, nicht nur zu ver­ste­hen als kon­stan­te Aus­sa­ge über das „hier“ und das „die­ses“, son­dern durch das Auf­schrei­ben noch die Iden­ti­tät genau die­ses „Hier“ und die­ses „die­ses“ sicher zu stel­len.

Das zunächst an Nacht und Baum ver­fal­le­ne vor­be­wuss­te Ich, das noch nicht ein­mal Ich sagen könn­te, weil es im Fluss der Wahr­neh­mun­gen selbst zu einem Flie­ßen­den und kei­nem kon­stan­ten Ich-Flucht­punkt wer­den kann, muss eine Iden­ti­tät des Die­ses und Hier ler­nen. Und es lernt sie, indem es sich aus der Zeit und dem Ort los­reißt und an ein Abwe­sen­des erin­nert. Es lernt, dass es vie­le Jetzt und vie­le Die­ses gibt – indem es sich selbst Brie­fe schreibt. Den Brief von Jetzt zu Jetzt, den Brief von Baum-Hier zu Haus-Hier. Es tritt einen Schritt her­aus aus dem Fluß, kon­sta­tiert zwei dif­fe­ren­te Hiers und Jetzts und macht damit den Schritt hin zu etwas nicht dem Fluß Unter­wor­fe­nen. Dem Zet­tel. Der bringt es – als exter­na­li­sier­te Erin­ne­rung – dazu, Zeit und Raum zu erle­ben. Der Begriff, der Zet­tel, die jen­sei­ti­ge Idee – sie alle ver­hel­fen dem flie­ßen­den, imma­nen­ten Noch-Nicht-Bewußt­sein auf den Weg hin zum Bewusst­sein. Der Beob­ach­ter ent­steht, der den Wech­sel des Hier und des Die­ses ver­fol­gen kann. Er wird viel­leicht, einem klei­nen Kind gleich, Freu­de dar­an fin­den, durch die Welt zu lau­fen, und zu jedem Gegen­stand „die­ses“ und zu jeder Sekun­de „jetzt“ zu rufen. Es hat die Dif­fe­renz zwi­schen Imma­nenz und Blei­ben­dem erlebt.

Von der flie­ßen­den Mei­nung zur fes­ten Wahr­heit

Der­sel­be Pro­zess fin­det statt, wenn es um das Ver­fal­lensein an die Mei­nung (doxa) geht. Mal ist die Tap­fer­keit die­ses, mal jenes, mal etwas ande­res. Aber as ist – fragt Sokra­tes – denn die Tap­fer­keit selbst? Genau­so gut könn­te man, wenn man Sokra­tes als Säug­ling, als Kind, als jun­gen Mann, als Poli­ti­ker, als Ver­ur­teil­ten erlebt hät­te, die Fra­ge stel­len: Was ist Sokra­tes selbst? Und es ist – dar­auf wird zurück zu kom­men sein – kein Zufall, dass Pla­ton den toten Sokra­tes in sei­nen dia­lo­gi­schen Schau­spie­len auf­tre­ten lässt.

Wie also lässt sich her­aus­kom­men aus die­sem Mei­nungs­ge­we­be? Durch bestimm­te Prak­ti­ken und Ver­fah­ren, die aus dem schwan­ken­den Fluss, in dem nichts sicher, nichts iden­tisch, nichts unma­ni­pu­lier­bar ist, in dem sich Simu­la­ti­on eines Gegen­stan­des und der Gegen­stand selbst gele­gent­lich nicht aus­ein­an­der hal­ten las­sen, etwas Blei­ben­des ent­ste­hen las­sen. Der sokra­ti­sche Dia­log etwa, aus dem, in der Apo­rie ange­kom­men, plötz­lich die Wie­derer­in­ne­rung an die Wahr­heit des eidos mög­lich wird. Oder durch die Bewe­gung des Begriffs, der am Ende in fest defi­nier­te Begrif­fe mün­det. Oder – wie Kusanow­ski wohl sagen wür­de – durch Ver­fah­ren, die aus den ursprüng­li­chen Per­for­ma­ten Doku­men­te erzeu­gen. Gül­tig jen­seits von hier und jetzt, die­ses und jenes.

Das aber heißt zugleich, dass der Per­for­ma­tor zum Doku­men­tar wird. Aus dem Ver­fal­lensein an die Wech­sel­haf­tig­keit der sinn­li­chen Welt muss er sich los­rei­ßen und zum Beob­ach­ter wer­den. Ein Beob­ach­ter, der die­ses und jenes Die­ses, das jet­zi­ge und das gest­ri­ge Jetzt im Blick hat. Er ist auf dem Weg zum theo­re­ti­schen, zum beob­ach­ten­den Bewusst­sein. Schon die Voka­bel theo­ria, die einer­seits die betrach­ten­de Zusam­men­schau (mit den Augen), genau­so aber das geord­ne­te Gan­ze eines Fest­um­zu­ges oder einer Gesandt­schaft benennt (also die sub­jek­ti­ve und objek­ti­ve Sei­te eines Ensem­bles oder „Sys­tems“), weist in die­se Rich­tung des Beob­ach­ters. Der theo­ros ist der Imma­nenz ent­rückt, wie ein Feld­herr auf sei­nem Hügel – oder der Zuschau­er im Thea­ter.

Von der Meta­phy­sik zurück in den Fluss der dif­fé­ran­ces

Der Hegel’sche Zet­tel, die pla­to­ni­sche Idee, der aris­to­te­li­sche Begriff und die sinn­li­che mor­phé sind ent­we­der Tran­szen­den­ta­li­en oder Abs­trak­tio­nen vom sinn­lich Vor­lie­gen­den. Sie füh­ren ins­be­son­de­re Iden­ti­tät und Dif­fe­renz al grund­le­gen­de Prin­zi­pi­en in die Phi­lo­so­phie ein und füh­ren zu jahr­hun­der­te­lan­ger Kurz­weil zwi­schen den Schu­len, zwi­schen Rea­lis­ten und Nomi­na­lis­ten, Ratio­na­lis­ten und Empi­ris­ten usw.. Bis hin zum nach­me­ta­phy­si­schen Den­ken der Phä­no­me­no­lo­gen und Hei­deg­gers, wei­ter bis zu Der­ri­das dif­fé­ran­ce, war es schwer, aus die­ser Mecha­nik her­aus zu kom­men. Wenn man aber ein­mal raus zu sein glaubt, wird’s auch nicht ein­fa­cher, weil sich plötz­lich das phi­lo­so­phi­sche Den­ken in Spie­len von Dif­fe­ren­zen (Kri­ti­ker wür­den es als Belie­big­keit bezeich­nen), in nicht Fest­stell­ba­rem, in vor­phi­lo­so­phi­scher Fluss­säu­re auf­lö­sen. Die­se Schwie­rig­keit kommt daher, dass der Zet­tel als Tran­szen­den­ta­lie betrach­tet wird. Will hei­ßen: Der Zet­tel­le­ser ist der Leser schlecht­hin. Er schwimmt im Fluss der Sinn­lich­keit dahin, schwingt sich ans Ufer in die Biblio­thek – und beginnt zu lesen. Er ver­steht, dass die Biblio­thek, die „über“ die Welt schreibt, nicht die Welt „ist“, durch die er gera­de schwamm. Die Welt ist ihm zugleich ent­stan­den und abwe­send. Er lernt Voka­beln, Namen, Begrif­fe, mit denen er zurück in die Welt geht. Und weiß nun, dass das, was im Fluss schwimmt, ein schein­bar iden­ti­sches „Ich“ (die­ses ändert kein Zeit­punkt oder Ort, an dem er einen Zet­tel mit der Auf­schrift „Ich bin ich“ lesen wür­de“) ist, dass das, wor­in er schwimmt, der Fluss der Wahr­neh­mung ist, in dem er aber nun­mehr mit­hil­fe der mit­ge­brach­ten Begrif­fe Gegen­stän­de iden­ti­fi­zie­ren kann. Er schafft Sel­big­kei­ten mit­hil­fe der (nun­mehr abwe­sen­den) Inhal­te der Biblio­thek. Er kann nicht zugleich in der Welt und in der Biblio­thek sein. Selbst wenn er sei­nen „Nacht“-Zettel dabei hat, ist das eine die Nacht und das ande­re das Wort auf dem Zet­tel. Er kann aber im Thea­ter sein. Und damit sich vom Schrift­be­wusst­sein der Phi­lo­so­phen ent­fer­nen hin zum imma­nent-tran­szen­den­ten Beob­ach­ter-Bewusst­sein.

Das Thea­ter-Bewusst­sein

In Abwand­lung des Buch­ti­tels von Arthur Zajonc, der eine gemein­sa­me Geschich­te von Licht und Bewusst­sein vor­stell­te, ist von einer gemein­sa­men Geschich­te von Thea­ter und Bewusst­sein, von Thea­ter und Theo­rie zu spre­chen. Als Pla­ton die Tran­szen­denz zum eidos ein­führt, im Dia­log Menon, greift er zu einer Thea­ter­sze­ne. Ein namen­lo­ses Knäb­lein als Dar­stel­ler, Sokra­tes als Regis­seur, Mit­spie­ler und Büh­nen­bild­ner, Menon als Zuschau­er, der Leser als Beob­ach­ter zwei­ter Ord­nung. Sokra­tes baut auf der ima­gi­nä­ren Büh­ne, die von Pla­ton auf­ge­schla­gen wur­de (dem Schau­platz des Dia­logs) sei­ne eige­ne klei­ne Büh­ne auf und insze­niert den Zugang zur Idee, den der Kna­be angeb­lich voll­zieht, als Schau-Spiel für Menon. So wie Pla­ton für die Ima­gi­na­ti­on des Lesers.

Der Kna­be aber bekommt nichts zu lesen, er geht nicht in die Biblio­thek. Der Kna­be ver­steht nicht ein­mal, was er tut – jeden­falls erfah­ren wir nichts dar­über. Wohl aber der Beob­ach­ter Menon. Die­ser erfährt an der Vor­stel­lung den Zugang zur Idee. Und der Leser der Sze­ne erlebt es ima­gi­na­tiv. Es wird kein logi­scher Beweis geführt. Es ist die blo­ße Vor­stel­lung (in ihrer dop­pel­ten Bedeu­tung), die die Tran­szen­denz in Imma­nenz erle­ben las­sen. Trotz­dem ist Pla­ton kein Thea­ter­ma­cher, son­dern ein Schrei­ber, der ledig­lich an die­ser zen­tra­len Stel­le zum Thea­ter greift. Weil das, was zu bewei­sen ist, in der Schrift nicht beweis­bar ist. Dass es aber sein könn­te, dass es sich nur um Thea­ter han­delt, also um eine Insze­nie­rung, bringt Pla­tons Beweis immer schon in Ver­dacht. Er könn­te den Kna­ben ja instru­iert und bezahlt haben, genau das zu tun, was er hier tut. Man könn­te auch auf die Idee kom­men, dass Sokra­tes viel­leicht etwas über den Kna­ben erzählt – und nicht die Idee beweist.  Dass es also ein Schau­spiel über einen Kna­ben ist. Der viel­leicht gar nicht der Kna­be „ist“, der den Kna­ben spielt. Für den Beob­ach­ter Menon scheint das uner­heb­lich zu sein. Menon lernt in situ, nicht in der Biblio­thek. Er betrach­tet das Schau­spiel und lernt dar­aus etwas, das er nach“spielen“ kann. Es dem Kna­ben nach­zu­ma­chen ist also die Fol­ge­rung, die aus die­sem Schau­spiel zu zie­hen ist. Egal also, ob der Kna­be der aber ist oder nur den Kna­ben spielt – wenn Menon den Kna­ben nach­spielt (in ver­än­der­tem Set­ting und Zusam­men­hang natür­lich), gelangt auch er zum eidos (bzw. zunächst ein­mal zum Nach­schein der Idee, die er durch angeb­li­che Wie­derer­in­ne­rung auf­fin­det). Die Unsag­bar- und Unschreib­bar­keit der Leh­re fin­det sich übri­gens im Dia­log selbst – denn das gesuch­te Qua­drat mit dem Flä­chen­in­halt acht hat kei­ne ganz­zah­li­ge Sei­ten­län­ge. Die Wur­zel aus acht ist für die grie­chi­sche Mathe­ma­tik irra­tio­nal (arr­hêton). Die Sei­ten­län­ge des gesuch­ten Qua­dra­tes kann im Sand als end­lich gese­hen, nicht aber beschrie­ben oder gesagt wer­den. Hegel könn­te die Sei­ten­län­ge eines Qua­dra­tes mit dem Flä­chen­in­halt acht nicht auf sei­nen Zet­tel schrei­ben, aber er könn­te sagen: Die­se da. Wenn man so will, könn­te man Pla­tons Pro­gramm als eine insze­nier­te Anschau­ung beschrei­ben, aus der der Beob­ach­ter lernt – aller­dings eine ima­gi­nä­re Vor­stel­lung. Ganz anders als beim Schrei­ber­schrei­ber Aris­to­te­les. Dass die Ursze­ne der Phi­lo­so­phie also eine Ur-Sze­ne ist, soll­te man nicht über­se­hen.

Bleibt man bei Kusanow­skis Tren­nung zwi­schen Per­for­mat und Doku­ment, sind die pla­to­ni­schen Dia­lo­ge (als schein­ba­re Pro­to­kol­le) Per­for­mat-Doku­men­te. Doku­ma­te? Per­ma­nen­te? Er trennt aber noch immer die Schrift von der Vor­stel­lung. Das eine ist das schrift­lich-kör­per­li­che sôma-sêma, das die lesen­den Augen abtas­ten und im lau­ten (Vor-)Lesen wie­der­ver­stimm­li­chen, das ande­re die Vor­stel­lung der vie­len Stim­men in der lesen­den Stim­me und die Per­so­nae, die zu die­sen Stim­men gehö­ren (dar­über hab ich vor ein paar Jah­ren mal ein Büch­lein geschrie­ben). Gesprächsper­for­mat und Schrift­do­ku­ment blei­ben zwei­er­lei. Anders in der Sze­ne. Anders im Thea­ter.

Thea­ter als Per­for­mat-Doku­ment

Trotz vie­ler Ver­su­che ist es bis­her nicht gelun­gen, Thea­ter von Nicht-Thea­ter ontisch zu unter­schei­den. Was auch immer man ver­sucht: Die Tren­nung ist ent­we­der in der Ver­gan­gen­heit auf­ge­ho­ben wor­den oder könn­te aus purer Lust auf­ge­ho­ben wer­den. Das Wort auf dem Zet­tel ist nicht die Nacht und umge­kehrt. Die Nacht auf der Büh­ne ist von der Nacht nicht zu unter­schei­den, wenn man es nicht will. Es muss nicht ein­mal Nacht sein, um Nacht zu sein.

Nichts unter­schei­det es – außer das Bewusst­sein, im Thea­ter zu sein, das vor­han­den sein muss seit der ers­ten thea­tra­len Akti­on. Egal wo auch immer sie statt­ge­fun­den haben mag. Es muss ein Bewusst­sein vor­lie­gen, dass das, was sich da voll­zieht, etwas anders ist, als das, was sich da voll­zieht. Das der der da steht, nicht der ist, der da steht. Viel­leicht muss­te man es der Men­ge klar machen durch die Mas­ke, die nicht die Auf­ga­be hat, das Ant­litz eines ande­ren vor­zu­spie­geln, son­dern ledig­lich, das Ant­litz des­sen, der da ist, zu ver­ber­gen. Die Aus­schal­tung des direkt-sinn­lich Iden­ti­fi­zier­ba­ren. Als Irri­ta­ti­on dem hegel­schen Zet­tel gleich, der plötz­lich fest­stellt, dass das, was da angeb­lich ist, nicht das ist, was da ist. Was also, wenn Hegels sinn­li­che Gewiss­heit auf der Thea­ter­büh­ne gestan­den hät­te, und am hell­lich­ten Tag dafür gesorgt hät­te, dass eben doch Nacht ist, indem es die Dif­fe­renz IN DIE WAHRNEHMUNG DES IDENTISCHEN brach­te. Indem also Iden­ti­tät und Dif­fe­renz kei­ne Gegen­sät­ze sind, die doku­men­tiert wer­den kön­nen, son­dern inein­an­der trans­for­mier­bar sind. Das Doku­ment ist hier ledig­lich, DASS THEATER STATTFINDET. Dass es nur genau hier statt­fin­det (RAUM) und irgend­wann anfängt und auf­hört (als ZEIT-RAUM). Die Abge­schlos­sen­heit des Per­for­mats macht es zum Doku­ment, das aber kein Doku­ment ist, weil es ver­schwin­det, wenn es vor­bei ist. Wer kein Bewusst­sein gebil­det hat, wird glau­ben, dass Ham­let stirbt und das Kro­ko­dil dem Kas­perl wirk­lich gefähr­lich wer­den könn­te. Ja dass man dem Kas­perl viel­leicht hel­fen könn­te – obwohl man gar nicht da ist. Denn ist man beim Kro­ko­dil ange­langt, ist das Thea­ter zu Ende – und nur ein grü­ner Holz­kopf übrig. Was mit dem dür­ren Begriff des „ein­füh­len­den Spiels“ (Sta­nis­law­ski und co) beschrie­ben wur­de, ist tat­säch­lich eine Ent­frem­dung oder Ver­frem­dung. Der der da ist, ist nicht der der er ist, son­dern ein ande­rer. Wer dafür kein Bewusst­sein hat, wird am Thea­ter irre wer­den. Wer aber das bewußt­sein für den Raum und die Zeit des Thea­ters hat, wird hin­ter­her erst ver­ste­hen, was Raum und Zeit selbst sind. Und was Per­so­nen sind, die nicht auf der Büh­ne ste­hen.

Egal was nun auf der Büh­ne geschieht, ist nicht ein­fach das, was geschieht. Alea­to­rik, Zufall, Extem­po­ré und Impro­thea­ter blei­ben noch immer Thea­ter, zei­gen den Riss in der Gegen­wart, der sowohl senk­recht ist (als Riss zwi­schen Anfang und Vor­an­fang, Ende und Nach­ende), zugleich Riss zwi­schen Dar­stel­ler und Dar­ge­stell­tem. Man könn­te hier erneut die Debat­te von Pri­vat­heit und  Öffent­lich­keit anschlie­ßen. Denn zumin­dest der Riss zwi­schen pri­vat und öffent­lich zieht sich durch die Dar­stel­lung.

Ohne den Beob­ach­ter (theo­ros) gibt es Thea­ter nicht. Er sieht das Gan­ze. Er sieht den Riss und sieht ihn zugleich nicht. Er sieht, was sich voll­zieht – und weiß, dass es Thea­ter ist. Damit sieht er, was er sieht, wie­der­um anders. Zum Bei­spiel als sinn­hal­ti­ges Gesche­hen, das aber erst durch den sinn­su­chen­den Zuschau­er Sinn bekommt. Die­ser Zuschau­er sieht ein Gan­zes, das es außer­halb des Thea­ters nicht zu sehen gibt. Auf die Ganz­heit hob schon das aris­to­te­li­sche Poie­tik-Frag­ment ab. Das Gan­ze erken­ne man dar­an, dass es nichts vor­her und nichts nach­her gibt. Und außer­dem – so Aris­to­te­les – habe die­ses Thea­ter (will hei­ßen: die Tra­gö­die) etwas Wich­ti­ges, das Wich­tigs­te über­haupt, wie er fand, näm­lich den mythos. Heu­te wird die­ser Begriff ger­ne sub­stan­zia­lis­tisch als die „Sto­ry“ ver­stan­den, also die Geschich­te, die sich abspielt und nach­er­zäh­len lässt. Dass Aris­to­te­les so platt war, soll­te man aller­dings nicht anneh­men. Sein mythos-Begriff ist ein struk­tu­rel­ler, dem „Sys­tem“ ver­gleich­bar. Es ist die Riss­zeich­nung des Gesche­hens, er meint die Struk­tu­riert­heit des Gan­zen. Das Bezie­hungs­ge­flecht. Das Gesche­hen als defi­nier­ba­re gesche­hen. Und die­ses ist nur dem Beob­ach­ter zugäng­lich (und dem Dar­stel­ler nur inso­fern auch er Beob­ach­ter ist). Aber es ist zugäng­lich. Der Bebach­ter im Thea­ter bekommt den gan­zen mythos gebo­ten – wie­wohl er ihn außer­halb des Thea­ters nur in „Tei­len“ fin­det, die aber kei­ne Tei­le sind, weil es das Gan­ze nicht gibt. Es sei denn, das Thea­ter zei­ge einen mythos, der sich auch außer­halb des Thea­ters wie­der­fin­den lässt. Zum Bei­spiel der mythos der psy­cho­lo­gi­schen Moti­viert­heit. Oder den mythos der Herr­schafts­be­zie­hun­gen in König­rei­chen. Oder den mythos der bür­ger­li­chen Fami­lie usw.

Damit schließt sich der Kreis: Der Beob­ach­ter geht nicht in die Biblio­thek, um hin­ter­her die Welt zu ver­ste­hen, son­dern er sitzt im Thea­ter, sieht einen Aus­schnitt der Welt, in dem das Ver­ste­hen im Sin­ne der Wahr­neh­mung des mythos vor­han­den ist. Anders als ein Sozio­lo­ge, der sich in der Welt her­um­treibt, sein Buch aus der Bobach­ter­per­spek­ti­ve schreibt und wie­der zurück in die Welt geht, die er ver­mut­lich noch immer nicht viel bes­ser ver­steht, heißt ins Thea­ter zu gehen: in der Welt blei­ben. Aber in die­ser Welt mit Bewusst­sein sein.

Kei­ne Ahnung, ob die Argu­men­ta­ti­on damit schon am Ende ist. Mir scheint, dass die enge Ver­wandt­schaft eines nicht-meta­phy­si­schen Bewusst­seins mit der Situa­ti­on des Thea­ter­be­ob­ach­ters schla­gend ist.

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