Thesen zum Theater: Theater ist das soziale System (Reformuliert)

Juli 28th, 2010 § 1 comment Autor: Ulf Schmidt

{Vor­be­mer­kung: In der Kate­go­rie “The­sen zum Thea­ter” sol­len in die­sem Blog Gedan­ken auf Trag­fä­hig­keit getes­tet und zur Kri­tik und Über­ar­bei­tung gestellt wer­den. Jede The­se bleibt vor­läu­fig. Wie auch die­se Bemer­kung.}

Da der let­ze Ver­such zur Defi­ni­ti­on des Thea­ters als “das Sozia­le” noch nicht befrie­di­gend war, ein neu­er Ver­such. Dies­mal her­kom­mend aus einer zu lan­ge zurück­lie­gen­den Luh­mann-Lek­tü­re. Aus­ge­hend wie­der­um von der Unter­schei­dung zwi­schen “pri­vat” und “öffent­lich” kann der gesuch­te Zwi­schen­be­reich zutref­fen­der als Bereich des Sys­tems oder der Sys­te­me umschrie­ben wer­den im Sin­ne Luh­manns. Viel­leicht im Kurz­schluss als der Bereich der Gesell­schaft, die weder öffent­lich noch pri­vat im zuletzt ver­such­ten Sin­ne zu nen­nen ist. Sei also das Pri­va­te etwa der Bereich der Fami­lie, sprich der Bereich, in dem sich Men­schen, die mit­ein­an­der durch mensch­lich-bio­lo­gi­sche Ban­de mit­ein­an­der ver­knüpft ist, ande­rer­seits der Bereich des Öffent­li­chen eine amor­phe und anony­me Mas­se aus nicht mit­ein­an­der ver­bun­de­nen Men­schen, dann tritt zwi­schen die­se bei­den der Bereich des Sys­tems, in dem Men­schen eben nicht als Men­schen auf­tre­ten, son­dern als gesell­schaft­lich oder sys­te­ma­tisch aus­dif­fe­ren­zier­te Akteu­re der Kom­mu­ni­ka­ti­on. Oder eben als Punk­te, die durch kom­mu­ni­ka­ti­ve Lini­en mit­ein­an­der ver­netzt sind und denen gegen­über Fami­lie und Öffent­lich­keit kei­ne hori­zon­ta­len son­dern geschich­te­ten Umwel­ten sind. Fami­lie ist die Schicht unter­halb des Sys­tems, Öffent­lich­keit die Mas­se “ober­halb” des Sys­tems. Öffent­lich­keit wei­ter­hin begrif­fen als die Beob­ach­ter (und ihre Beob­ach­ter). Das Sys­tem wäre also etwa die Wand zwi­schen bei­den. Aller­dings eine per­me­ab­le, da die Fami­li­en­mit­glie­der zu Akteu­ren des Sys­tems wer­den, zu dif­fe­ren­zier­ten Rol­len­trä­gern, die aber durch sys­tem­zu­ge­hö­ri­ge Rol­len bestimmt wer­den (und dann nicht Fami­li­en­mit­glie­der sind).

Vor­teil eines sol­chen Ansat­zes wäre, dass sich eine Ver­bin­dung zum aris­to­te­li­schen Begriff des mythos, der wohl her­aus­for­derns­ten Begrif­fes der Poie­tik, schla­gen lie­ße. Denn die­se defi­niert Aris­to­te­les als “systa­sis prag­ma­tôn” — Zusam­men­fü­gung der Din­ge oder Gescheh­nis­se. Tra­di­tio­nell ver­stan­den als eine Fabel oder ein Plot — dabei aber mit einer Zeit­lich­keit unter­legt, die nicht unbe­dingt dar­in ange­legt ist: die Auf­ein­an­der­fol­ge oder Abfol­ge ist nicht die ein­zi­ge Ver­steh­bar­keit des mythos. Viel­mehr kann es auch ein Begriff sein, der die Zustands­struk­tur bezeich­net, die sich in der Zeit durch kom­mu­ni­ka­ti­ve Ope­ra­tio­nen ver­än­dert. Eine Dra­ma­tur­gie viel­leicht, die nicht den Ablauf in den Mit­tel­punkt stellt, son­dern das Gesamt­ge­fü­ge der Akteu­re, das sich im Ver­lauf der Tra­gö­die ver­än­dert, wie sich die Kon­stel­la­tio­nen der Figu­ren eines Schach­spie­les durch Züge ver­än­dern. (Anm.: Die in der poie­tik spä­ter fol­gen­de Bestim­mung der auch zeit­li­chen Aus­deh­nung der prag­ma­ta folgt als Zusatz­be­stim­mung nach­dem Aris­to­te­les den Sys­tem­be­griff des mythos umris­sen hat­te. Er gehört aber nicht zur Haupt­de­fi­ni­ti­on von mythos - das ist nicht zu über­se­hen; auch das Schach­sys­tem hat einen ers­ten und einen letz­ten Zug).

Aris­to­te­les schreibt, der mythos sein kei­ne mime­sis von Men­schen, son­dern von “pra­xe­ôn kai biou” — von Hand­lun­gen und des Lebens. Fragt man nun, wie eine Hand­lung sich nach­voll­zie­hen (oder gar nach­ah­men) lässt, ohne sie zu voll­zie­hen, so wird man rela­tiv schnell gewahr wer­den müs­sen, dass das nicht geht. Eine pra­xis kann nur aus­ge­führt wer­den — ohne dabei ein Ori­gi­nal nach­zu­ah­men. Es gibt kein ori­gi­na­les Gehen, Ste­hen, Sit­zen, kein ori­gi­na­les Reden, Schwei­gen, Schrei­en — das dann nach­ge­ahmt wür­de. Son­dern es ist das Gehen, Ste­hen, Sit­zen selbst, das vor­ge­führt wird. Das telos ist kei­ne poio­tês, kei­ne “Was­heit” — son­dern eine pra­xis. Heißt: der aris­to­te­li­sche mythos ist kein sub­stan­zi­el­ler son­dern ein bloß prak­ti­scher Begriff. Ein Voll­zug. Und unter­schied­li­che Voll­zü­ge zusam­men­ge­setzt erge­ben den mythos.

Es han­deln, so Aris­to­te­les wei­ter, die Per­so­nen nicht, um einen Cha­rak­ter (êtos) dar­zu­stel­len — son­dern der pra­xis Wil­len bezie­hen sie êtê ein. Eine Tra­gö­die könn­te sogar gänz­lich ohne êthos aus­kom­men — nicht aber ohne pra­xeis. Das scheint mir nah an der Luh­mann­schen Bestim­mung des Sys­tems als aus Kom­mu­ni­ka­tio­nen bestehend (wobei Kom­mu­ni­ka­tio­nen nicht allei­ne Gesprä­che sind — son­dern eigent­lich nah am Begriff der pra­xis lie­gen), zu denen sich die Cha­rak­te­re oder die psy­chi­schen Sys­te­me als Umwelt ver­hal­ten. Der sich so kon­sti­tu­ie­ren­de mythos wird von Aris­to­te­les als die psu­chê der Tra­gö­die ver­stan­den. Das bleibt enorm rät­sel­haft — denn es han­delt sich nicht um eine bereits als êthos bestimm­te psy­chê, son­dern um die for­ma­le psy­chê. Auf die Schnel­le nur die aris­to­te­li­sche Defi­ni­ti­on der psy­che von Wiki­pe­dia über­nom­men:

Was die See­le ist, bestimmt Aris­to­te­les mit­tels sei­ner Unter­schei­dung von Form und Mate­rie. Die See­le ver­hält sich zum Kör­per wie die Form zur Mate­rie, das heißt wie eine Sta­tu­en­form zur Bron­ze. Form und Mate­rie eines Ein­zel­dings sind aber nicht zwei ver­schie­de­ne Objek­te, nicht des­sen Tei­le, son­dern Aspek­te eben die­ses Ein­zel­dings.(Wiki­pe­dia)

Die­ses for­ma­le Prin­zip, der for­ma­le Aspekt ist wich­tig, um die psy­che nicht als Sprach­bild miss­zu­ver­ste­hen, wie in der Beschrei­bung einer Per­son als “die gute See­le des Hau­ses”. Die psy­che ist das for­ma­le Prin­zip des Lebe­we­sens. Es ist das for­ma­le Prin­zip der Tra­gö­die als Zusam­men­set­zung der pra­xeis - das Sys­tem der Tra­gö­die. Oder viel­mehr: Die Tra­gö­die ist das Sys­tem, in dem Cha­rak­te­re vor­kom­men oder ein­ge­baut sein kön­nen — aber nicht müs­sen.

Die­ses Sys­tem unter­schei­det sich von der amor­phen Mas­se der Öffent­lich­keit eben­so wie von den “Nei­gun­gen” der Han­deln­den, die Aris­to­te­les im êthos ver­or­tet und die eigent­lich in den Bereich des Inti­men, Pri­va­ten oder Fami­liä­ren gehö­ren. Wenn nun die­ser mythos das dem Thea­ter der Tra­gö­die eig­nen­de ist und zugleich eben das Über­fa­mi­lia­le Sys­tem beschreibt, ist damit der Bereich genau­er gefasst, der hier als “das Sozia­le” benannt wird. Der Bereich des struk­tu­rel­len mythos oder des Sozi­al­sys­tems. Die Dra­ma­tur­gie, die nicht zuerst Ablauf ist, son­dern Struk­tur oder Sys­tem, die sich durch ein­zel­ne Zustands­ver­än­de­run­gen und Ope­ra­tio­nen zeit­lich ver­än­dert und ver­schiebt.

Fort­set­zung soll­te fol­gen. Rund ist es noch immer nicht.  Plan: Luh­mann wie­der­le­sen. Dem­nächst.

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