Umweltwerdung des Psychischen — und ihre Rückkehr in die Wirtschaft

August 9th, 2010 § 1 comment Autor: Ulf Schmidt

Ein berühm­tes und häu­fig inkri­mi­nier­tes Dik­tum von Niklas Luh­mann erklär­te die Psy­che oder das „psy­chi­sche Sys­tem“ zur Umwelt des sozia­len Sys­tems der Gesell­schaft bzw. damit grund­sätz­li­cher aller Sys­te­me, die nicht das psy­chi­sche Sys­tem selbst sind. Das heißt: Im Wirt­schafts­sys­tem, Im Kunst­sys­tem, im Rechts­sys­tem usw. kommt die Psy­che nur als Umwelt vor. Die Kno­ten­punk­te der Kom­mu­ni­ka­ti­on sind auf­ge­spal­ten in (min­des­tens) zwei Sys­te­me: ein psy­chi­sches und ein Gesell­schaft­li­ches (bzw. bereits nahe­zu zwangs­läu­fig meh­re­re sich über­wie­gend zum Gesell­schafts­sys­tem sich als Sub­sys­te­me ver­hal­ten­de. Wenn ichs denn rich­tig ver­stan­den habe.

Es stellt sich die Fra­ge, ob die­se theo­re­ti­sche peti­tio princi­pii nicht tat­säch­lich unbe­merkt eine Dia­gnos­tik der Moder­ne ist, in der seit der Mit­te des 18. Jahr­hun­derts tat­säch­lich der Mensch zumin­dest im Wirt­schafts­sys­tem einer­seits Arbei­ter war, des­sen Eige­nes, Psy­chi­sches, Indi­vi­du­el­les bloß Umwelt war, mit der Pri­vat­klei­dung zuguns­ten eines Arbeits­sys­tems abge­legt wur­de. Ande­rer­seits das Pri­va­te nur mehr – nun abge­spal­ten vom Arbeits­le­ben etwa durch unter­schied­li­che Ver­or­tun­gen von Pri­va­tem und Beruf­li­chem – das Beruf­li­che als Umwelt betrach­tet. Ist also die fun­da­men­ta­le Spal­tung in Sozi­al­sys­tem „Fir­ma“ und psy­chi­sches, emo­tio­na­les Zuhau­se die Rela­ti­on, die Luh­mann tat­säch­lich beschreibt, die auf his­to­risch älte­re Kon­struk­te nicht in dem Maße – viel­leicht nur für Geist­li­che, Sol­da­ten, Huren, — zuträ­fe?

Dazu wür­de wie­der­um pas­sen, das nicht lan­ge nach der Ein­füh­rung des intra­per­so­na­len Schis­ma die Psy­cho­lo­gie und ins­be­son­de­re die Psy­cho­ana­ly­se und Psy­cho­the­ra­pie ent­stand. Ich kom­me dar­auf, weil ich – wie­wohl mit Boltanski/Chiapello noch immer nicht ganz fer­tig – zwi­schen­drin ein wenig bei Eva Ill­ouz „Gefüh­le in Zei­ten des Kapi­ta­lis­mus“ zu schmö­kern begon­nen habe. Sie beschreibt eine Tren­nung von „einer emo­ti­ons­frei­en öffent­li­chen und einer mit Emo­tio­nen gesät­tig­ten pri­va­ten Sphä­re“ (12, die sie in der Fol­ge bis in die Gegen­wart hin­ein zer­fal­len sieht. Über das begin­nen­de 19. Jahr­hun­dert schreibt sie, „daß die Psy­cho­ana­ly­se und die Viel­zahl abtrün­ni­ger Theo­ri­en der Psy­che, die ihr gefolgt sind, im gro­ßen und gan­zen ihre Haupt­auf­ga­be dar­in sahen, das emo­tio­na­le Leben neu aus­zu­rich­ten (auch wenn es natür­lich so aus­sah, als wären sie ledig­lich dar­an inter­es­siert, es zu zer­le­gen).“ (15)

Bezieht man Freuds Ziel, die Pati­en­ten arbeits- und lie­bes­fä­hig zu machen (ich fin­de gera­de die zitier­fä­hi­ge Stel­le nicht – viel­leicht hat jemand einen Tipp) in die Betrach­tung ein, fällt eben in der Zusam­men­stel­lung Arbeit+Liebe auch die Ent­ge­gen­set­zung auf: Die Arbeits­welt und die Lie­bes­welt. Die eine die Umwelt des anderen.Innenleben und Außen­le­ben.  Wäh­rend sich vor­he­ri­ge Jahr­hun­der­te dar­um bemüh­ten „vom Umgang mit Men­schen“ ethisch zu han­deln, tritt nunmehr4 das schi­zo­lo­gi­sche Pro­blem des Umgangs mit sich selbst, dem Selbst, mit sich auf. Und die freud­sche Psy­cho­tech­no­lo­gie schafft ein sich auf die Ver­gan­gen­heit rich­ten­des Ich, das in sich selbst und der eige­nen Ver­gan­gen­heit die Lösung für gegen­wär­ti­ge Pro­ble­me sucht. Und neben­bei arbei­ten geht. Oder sich im Thea­ter anschaut, wie man das Leben in Innen- und Außen­welt ein­zu­tei­len hat.

Und die Auf­ga­be der Gegen­wart stellt sich so dar, dass der Re-Ent­ry des eines Sys­tems ins ande­re statt­fin­det. Dass also öffent­li­che Gefüh­le gefragt und gefor­dert sind (etwa bei Fuß­ball­ver­an­stal­tun­gen), bei der Arbeit (Selbst­mo­ti­va­ti­on und Lei­den­schaft) zugleich ratio­na­les, regel- und gesetz­ge­lei­te­tes Han­deln im Pri­va­ten.

Na, ich wird mal Ill­ouz wei­ter lesen.

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