Und das Fernsehen?

Januar 30th, 2013 Kommentare deaktiviert für Und das Fernsehen? Autor: Ulf Schmidt

Es ist, mei­ne ich, nicht unin­ter­es­sant: Über Schrift und Buch­kul­tur haben Wis­sen­schaft­ler, Phi­lo­so­phen, Intel­lek­tu­el­le nach­ge­dacht und durch­aus ein­drucks­vol­le Theo­rie­ge­bil­de erzeugt, gar gan­ze his­to­ri­sche Abschnit­te als Buch­kul­tur bezeich­net. Um das zu tun, nutz­ten sie die Schrift, ver­öf­fent­lich­ten Bücher. Ähn­lich ver­hält es sich mit dem Inter­net. Als wäre ein Mes­si­as auf Erden her­ab­ge­stie­gen explo­diert seit Mit­te der 90er Jah­re die Lite­ra­tur über das Netz, Cyber­space, Netz­kul­tur usw. Es explo­diert in Auf­satz- und Buch­form, aber auch in der Selbst­re­fle­xi­on von Netz­schrei­bern. Voll der Uto­pie, der Pro­phe­zei­hun­gen, der lust­vol­len Aus­ein­an­der­set­zung mit dem kul­tu­rel­len Umbruch, den der Beginn des Inter­nets mit sich brach­te und des­sen Aus­wir­kun­gen sich nun immer unüber­seh­ba­rer zei­gen. Als hät­te die Intell­ginz der west­li­chen Welt nur dar­auf gewar­tet, end­lich wie­der ein Medi­um zu fin­den, dass satis­fak­ti­ons­fä­hig und nicht ehren­rüh­rig ist.

Ganz anders das Fern­se­hen. Für ein neu­es Stück­pro­jekt mit dem Arbeits­ti­tel „Media Divina – Die gött­li­che Kom­mo­de“ frä­se ich mich seit eini­ger Zeit ein wenig durch die Arte­fak­te von Fern­seh­theo­re­ti­ker und wis­sen­schaft­lern. Und kann dabei dem Befund, den Lorenz Engell in sei­ner Ein­füh­rung zur Fern­seh­theo­rie gibt, nur zustim­men:

Anders als besi­pi­els­wei­se die Schrift oder der Film hat das Fern­se­hen kei­ne Theo­rie, auch kei­ne Mehr­zahl an Theo­ri­en her­vor­ge­bracht, die mehr als einen iso­lier­ten Teil­as­pekt des Medi­ums erfas­sen und das Medi­um auf den Begriff, auf ein Modell oder einen in der Ein­heit der Dif­fe­ren­zen gefass­ten Blick­win­kel fest­le­gen wür­den. Theo­re­tisch scheint Fern­se­hen bis heu­te weit­ge­hend unver­stan­den und sei­ne Theo­rie jeden­falls unfor­mu­liert geblie­ben zu sein. (14)

Eini­ge Sei­ten spä­ter beschreibt er „den bekla­gens­wer­ten Zustand die­ser Theo­rie, ihr Unge­nü­gen, ihr Klein­for­mat, ihre Zer­klüf­tung, ihre Ver­sprengt­heit, ihre ein­ge­schränk­te Gel­tung, ihre Ver­haf­tet­heit in einer schnel­lem Wan­del unter­wor­fe­nen Aktua­li­tät“ (24)

Dafür kann es vie­le Erklä­run­gen geben. Eine könn­te sein, dass Fern­se­hen lan­ge kein Auf­zeich­nungs-, son­dern ein „Live“-Medium war, des­sen Arte­fak­te – dar­in dem Thea­ter ähn­lich – wis­sen­schaft­li­cher Bear­bei­tung nur schwer kon­stant zugäng­lich gemacht wer­den kön­nen. Dazu mag die Mas­se an Inhal­ten in einer Fern­seh­land­schaft mit einer zuneh­men­den Zahl von Kanä­len kom­men. Die schnel­le Ver­än­der­lich­keit des­sen, was Fern­se­hen tut und was mög­lich ist, mögen eben­falls dazu bei­tra­gen, dass man sich davon scheut, eine abge­schlos­se­ne Theo­rie zu einem wand­lungs­fä­hi­gen Gegen­stand zu ent­wer­fen. Erscheint die Theo­rie, könn­te das Fern­se­hen schon wie­der ganz anders sein.

Das scheint mir aber nicht hin­rei­chend. In einem der weni­gen wirk­lich lesens­wer­ten Schrift­wer­ke zum Fern­se­hen (aktu­el­ler Lek­tü­re­stand selbst­ver­ständ­lich) schreibt Stan­ley Cavell , es gäbe ins­be­son­de­re bei Intel­lek­tu­el­len, eine „Angst vor dem Fern­se­hen“ (Die Tat­sa­che des Fern­se­hens, S. 126 hier). Lau­nig schil­dert er das Ver­mei­dungs­ver­hal­ten, das von Intel­lek­tu­el­len gegen­über dem Fern­se­hen an den Tag gelegt wird. Und schließt an die Angst­hy­po­the­se die Sucht-Hypo­the­se an. Es könn­te also Angst machen, weil es süch­tig macht.

Ohne an die­sem Punkt bereits tie­fer  ein­stei­gen zu wol­len, lässt sich doch zwei­er­lei kon­sta­tie­ren: Die Theo­rie­bil­dung ist küm­mer­lich. Und das bei einem Medi­um, das wie kein ande­res zuvor am offe­nen Gehirn sei­ner Kon­su­men­ten ope­riert. Fern­se­hen hat sich mit bei­spiel­lo­ser Rasanz als Tech­no­lo­gie welt­weit ver­brei­tet. Und der durch­schnitt­li­che täg­li­che Fern­seh­kon­sum beträgt in Deutsch­land im Jahr 2012 geschla­ge­ne 222 Minu­ten. Drei Stun­den und 44 Minu­ten sit­zen Deut­sche ab 3 Jah­ren täg­lich vor dem Fern­se­her.

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Und das schraubt sich bei >50ern hin­auf bis auf fast fünf Stun­den.

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Neben Arbeit und Schlaf ist Fern­se­hen die bedeu­tends­te Beschäf­ti­gung die­ser Gesell­schaft. Und die Theo­rie­bil­dung begnügt sich wei­test­ge­hend damit, Fern­se­hen als Unter­schich­ten­me­di­um, das schon die theo­re­ti­sche Beschäf­ti­gung damit in den Ruch des Unse­riö­sen bringt, abzu­qua­li­fi­zie­ren. Im Zwei­fels­fall kön­nen Ador­nos Aus­füh­run­gen zur Kul­tur­in­dus­trie, zumeist in der kri­ti­schen Öffent­lich­keit unter­füt­tert von einem Wider­stre­ben gegen „ame­ri­ka­ni­sche Kul­tur“, als Tot­schlag­ar­gu­ment her­an­ge­zo­gen wer­den, um sich vor den Aus­ein­an­der­set­zung zu drü­cken. Intel­lek­tu­el­le schau­en nicht fern. Sie wid­men sich der Buch- und Netz­kul­tur. Der Mas­sen­me­di­en­kul­tur nicht.

Im Gegen­zug wäre aller­dings zu fra­gen, ob Fern­se­hen nicht längst das gesell­schaft­lich-kul­tu­rel­le Leit­mo­dell der Gegen­wart ist. In einer ers­ten Heu­ris­tik könn­te man vom Fern­se­hen sagen, was Luh­mann (des­sen bär­bei­ßi­ge Rea­li­tät der Mas­sen­me­di­en eben­so lesens­wert wie ein Beleg für den man­geln­den Ernst der Aus­ein­an­der­set­zung ist) über die Kunst sagt. Sie errei­che, heißt es bei ihm, eine „struk­tu­rel­le Kopp­lung von Bewusst­seins­sys­te­men und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­sys­te­men“ (KdG, 36 ). Sie über­brü­cke, ‚wie eine Art von Schrift die Dif­fe­renz von Wahr­neh­mung und Kom­mu­ni­ka­ti­on (KdG 33).

Ohne damit Abschlie­ßen­des sagen zu wol­len, wäre es sicher­lich der Mühe wert, Luh­manns Kunst­buch als Fern­seh­buch zu lesen, über­all dort, wo er „Kunst“ sagt „Fern­se­hen“ ein­zu­set­zen und zu schau­en, was dabei her­aus­kommt. Ich den­ke, mehr als man erwar­ten wür­de. Dar­aus könn­te man die The­se ablei­ten, dass Fern­se­hen in der Posi­ti­on von Kunst ope­riert. Dabei aber zugleich sowohl wis­sen­schaft­li­che Wahr­heits­dis­kur­se in sich auf­neh­men oder simu­lie­ren kann. Oder reli­giö­se. Viel­leicht auch noch mehr.

Wie dem auch sei. Lohnt sich, wei­ter dar­über nach­zu­den­ken.

 

 

 

 

 

 

 

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