Universität als Kampfplatz, Hauptfach: Überleben

Juli 11th, 2010 § 2 comments Autor: Ulf Schmidt

Reden wir nicht über Bil­dungs­idea­le. Reden wir auch nicht über Chan­cen­gleich­heit. Reden wir ein­fach nur davon, was für ein Zei­chen die in der letz­ten Woche beschlos­se­ne Sti­pen­di­en­re­ge­lung (hier ein Arti­kel von Minis­te­rin Scha­van dazu) für die (bis zu) 160.000 bes­ten Stu­den­ten eigent­lich bedeu­tet.

Lässt man die­se “Vor­ur­tei­le” außer acht, könn­te man ja durch­aus ver­sucht sein zu sagen: Eine För­de­rung der Begab­tes­ten und Flei­ßigs­ten — kann man ja mal drü­ber nach­den­ken. Eltern­un­ab­hän­gig — war schon immer eine For­de­rung bein BAföG. Nun sind 300 Euro­nen sicher­lich ein gespiel­ter Witz. Das ist nicht mal Hart­zIV. Nun­ja — aber Bil­dungs­auf­wän­de spie­len bei Hartz IV ja eh kei­ne bedeu­ten­de Rol­le. Immer­hin doch nett. Nett.

Das Signal heißt also: Stu­den­ten, strengt euch an — das zahlt sich für euch aus. Ist jetzt nicht das ganz klas­sisch-heh­re Ide­al. Zeigt aber eine Grund­ein­sicht, die zu ler­nen gar nicht früh genug begon­nen wer­den kann. Leis­te was — dann kanns­te dir was leis­ten. Meer­schwein­chendres­sur à la Impe­ra­tor Wes­ter­wel­le.

Nun — eini­ge kön­nen sich davon sicher­lich einen hüb­schen Urlaub leis­ten. Wenn sie das Sti­pen­di­um nicht nötig haben und sowie­so zu den obe­ren 160.000 gehö­ren. Dumm ist, wenn man zu den ande­ren gehört. Das heißt: zu jenen, die die 300 Euro wirk­lich brau­chen. Zum Bei­spiel weil das BAföG lächer­lich gering ist. Oder weil die Eltern nicht so kön­nen, wie sie nach Mei­nung der BAföG-Ämter eigent­lich müss­ten. Da fängt die Par­ty rich­tig an. Denn das Ziel heißt jetzt: Unter die ers­ten 160.000 kom­men.

  1. “Sie haben einen Pro­fes­sor belei­digt — zie­hen Sie kei­ne 4.000 Markt ein” (Rai­nald Goe­tz). Die Macht der Pro­fes­so­ren reicht nun bis in die Ernäh­rungs- und Wohn­be­din­gun­gen der Stu­den­ten hin­ein. Denn die objek­ti­vier­ba­ren Beur­tei­lungs­grund­la­gen wer­den von den pro­fes­so­ra­len Noten geschaf­fen. Heißt: Das fei­ne Leis­tungs­prin­zip, das sich an “objek­ti­ven” Noten ori­en­tiert, wird  aus­ge­he­belt. Denn die durch­aus ver­brei­te­te Anstän­dig­keit von Pro­fes­so­ren wird gele­gent­lich dazu füh­ren, dass Stu­den­ten, die das Geld brau­chen, die nöti­gen Noten erhal­ten. Schließ­lich müss­te der Pro­fes­sor sich andern­falls vor sei­nen Stu­den­ten recht­fer­ti­gen, war­um er ihnen die Lebens­grund­la­ge ent­zieht. Gleich­zei­tig aber sinkt natür­lich das stu­den­ti­sche Bestre­ben, die Lehr­hand zu bei­ßen, die den Kühl­schrank füllt. Brav an Noten ori­en­tiert ler­nen und leis­ten — dann gibts Hap­pih­ap­pi. Und Pro­fes­so­ren­sei­tig steigt wie­der­um der Ein­fluß auf die unter­schied­lichs­ten For­men von Gefü­gig­ma­chung. Müs­sen wir bis an Schwa­nit­zens “Cam­pus” den­ken? Natür­lich. Kör­per­li­che oder ande­re pro­sti­tu­ti­ve Ver­hält­nis­se wer­den begüns­tigt. Nicht denk­bar? Klei­ne unbe­zahl­te Hilfs­diens­te erhö­hen die Freund­schaft. Das ist noch nicht ein­mal ein Vor­wurf — schließ­lich wird den Insti­tu­ten nicht unbe­dingt zusätz­li­ches Per­so­nal­bud­get bewil­ligt. Da nimmt man, was man bekommt.
  2. Aus Kom­mi­li­to­nen wer­den feind­li­che Kom­bat­tan­ten. Es geht ums Geld. War­um soll­te man dem Sitz­nach­barn hel­fen, das Sti­pen­di­um zu bekom­men, das man doch sel­ber will? War­um das Lehr­buch wie­der an die rich­te Stel­le in der Biblio­thek stel­len? War­um Scrip­te wei­ter­ge­ben? War­um in Grup­pen mit “Schwä­che­ren” zusam­men ler­nen — oder über­haupt nur mit­tei­len, wor­an man selbst lernt und arbei­tet?
  3. 160.000 Gewin­ner schaf­fen Mil­lio­nen Ver­lie­rer. Das ist das Tur­nier­prin­zip. Nur eine Mann­schaft wird Welt­meis­ter — und 63 Loser fah­ren aus Süd­afri­ka heim. Das ver­saut die Stim­mung. Und es stei­gert das Bestre­ben, auf jeden Fall als Gewin­ner dazu­ste­hen: was aber per Defi­ni­tio­nem nur einem (bzw. 160.000) gelin­gen kann. Denn das Tur­nier­meer­schwein­chen dreht an einem Rad, das sich nicht vor­wärts bewegt. So schnell es auch tritt.  Die Mil­lio­nen, die zum Gel­de als Lebens­un­ter­halt drän­gen, füh­ren zu einem gna­den­lo­sen Ver­drän­gungs­wett­be­werb. Wer wird in den Ret­tungs­boo­ten sit­zen, wenn nur 1% der Gäs­te geret­tet wer­den kön­nen? Die­je­ni­gen, die sich hin­ein­kämp­fen. Und wer es nicht mit sau­be­ren Mit­teln schafft — schaffts mit Unsau­be­ren. Und das ist völ­lig legi­tim, wenns ums Über­le­ben geht. Haupt­sa­che ist — nicht erwischt zu wer­den. Uru­gu­ay war im Halb­fi­na­le — nicht Gha­na. Die Gedop­ten gewin­nen die Tour.
  4. Und so aus­ge­bil­de­te Absol­ven­ten sind im Inter­es­se der Unter­neh­men? Intri­gan­ten, die dar­auf trai­niert wer­den, sich auf das Bene­fit-Prin­zip zu kon­zen­trie­ren?

Ganz am Ende stellt sich her­aus, dass die Bun­des­re­gie­rung an Uni­ver­si­tä­ten ein­führt, was sie Ban­kern gera­de vor­wirft: Das Boni-Prin­zip. Und wor­auf das Schie­len auf über­höh­te Boni (angeb­lich) zur Fol­ge hat, wur­de ja von der Regie­rung breit genug getre­ten. Sind 300 Euro zu hoch? Wenn sie den Lebens­un­ter­halt sichern — natür­lich. Regie­rung, lass die­se Schei­ße blei­ben.

§ 2 Responses to Universität als Kampfplatz, Hauptfach: Überleben"

  • kusanowsky sagt:

    All die hier ange­stell­ten Über­le­gun­gen kann man ers­tens als zutref­fend zu zwei­tens als längst bekannt qua­li­fi­zie­ren. Das heißt, das ist alles nichts Neu­es, bereits in der Her­aus­bil­dung der Ordi­na­ri­en­uni­ver­si­tät im 19. Jahr­hun­dert sind die­se Struk­tu­ren ange­legt und kön­nen nicht über­wun­den wer­den, solan­ge nicht ver­stan­den wird, nach wel­chen Selek­ti­ons­mus­tern “Bil­dung” ent­steht. Vom Staat kann man eine ent­spre­chen­de Auf­klä­rungs­ar­beit nicht erwar­ten, von der Wis­sen­schaft aber auch nicht, da sie prak­tisch durch ein sess­haf­tes Wis­sen­schafts­be­am­ten­tum staat­lich kon­si­tu­ier ist.

    Viel inter­es­san­ter wäre, eine ver­glei­chen­de Betrach­tung von Sys­tema­po­ri­en vor­zu­neh­men, indem man anfängt zu bemer­ken, dass die Rat­lo­sig­keit, die man hier fin­det, eine kor­re­lie­ren­de, funk­ti­ons­ad­äqui­va­len­te Aus­bil­dung in ande­ren Sys­te­men erkenn­bar macht. Gemeint sind die dau­er­schei­tern­den Gesund­heits­re­for­men; jetzt der Ver­such, die Wehr­pflicht abzu­schaf­fen, aber auch bei einer genaue­ren Betrach­tung der Fami­li­en-, Inte­gra­ti­ons- und Aus­län­der­po­li­tik wird man etwa die glei­chen Apo­ri­en fest stel­len kön­nen.
    Ein Dumm­kopf ist, wer meint, es gin­ge bei all­dem nur ums Geld, und zwar des­halb, weil man gera­de ange­sicht der Finanz­kri­se sehen, dass es da, wo es nur ums Geld geht, auch nicht geht.

  • Postdramatiker sagt:

    Wohl gesetz­te Wor­te: es ist alles gesagt, aber noch nicht von allen … Den­noch erlau­be ich mir den Hin­weis, weil ich glau­be, dass Sys­te­me nicht nur auto­po­ie­tisch, son­dern durch­aus durch hin­rei­chen­de Bear­bei­tung aller Bestand­tei­le UND Umwelt­be­din­gun­gen gezielt ver­än­der­bar sind durch ein poli­ti­sches Han­deln, das auf­grund sei­ner vor­der­grün­di­gen Lächer­lich­keit tat­säch­lich nahe­zu Belie­bi­ges durch­set­zen kann, ohne ande­re Reak­tio­nen als “war ja zu erwarten/befürchten” oder Lachen zu ern­ten.
    Die funk­tionäqui­va­len­te Aus­bil­dung in ande­ren Sys­te­men zu unter­su­chen liegt mir nahe — ich bin mir nicht sicher, ob der Ver­weis auf die Apo­rie dabei in die­sem Sin­ne wei­ter hilft — Apo­ri­en sind ledig­lich Ent­schei­dungs­stel­len. Heißt: Eine Weg­ga­be­lung ist gegen­über einem gera­den Weg eine Apo­rie, ver­langt er doch die bewuß­te Ent­schei­dung eines frei­en Wil­lens (unter­stell­te man ihn als Arbeits­hy­po­the­se). Ich hal­te es auch nicht für wirk­li­che Rat­lo­sig­keit — son­dern geplan­te Zurich­tung. Die Uni­ver­si­tä­ten des 19.Jahrhunderts haben besag­te Schwie­rig­kei­ten immer schon gehabt, jetzt aber wer­den sie nicht nur verst­gärkt resti­tu­iert, son­dern gar noch “in klei­ne­rer Mün­ze” direkt ein­setz­bar. Fehl­te eigent­lich nur, dass Uni­ver­si­täts­no­ten durch Nah­rungs­mit­tel­gut­schei­ne in “leis­tungs­ab­hän­gi­ger Höhe” ersetzt wer­den.

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