Warum es für die Theater um Leben und Tod geht — Teil 3

Mai 19th, 2011 Kommentare deaktiviert für Warum es für die Theater um Leben und Tod geht — Teil 3 Autor: Ulf Schmidt

In den letz­ten bei­den Pos­tings ver­such­te ich zu zei­gen, wie Stadt­thea­ter einer­seits sei­ne Funk­ti­on in der Abend­un­ter­hal­tung ein­ge­büßt hat, ande­rer­seits sei­ne Funk­ti­on für die Kon­sti­tu­ti­on einer städ­ti­schen Bür­ger­lich­keit ver­lor. Im drit­ten Teil möch­te ich nun dar­auf ein­ge­hen, inwie­fern Thea­ter auch das Thea­ter­haf­te, das Spek­ta­ku­lä­re ein­ge­büßt hat.

Der Ver­lust des Spek­ta­ku­lä­ren

Dem Thea­ter eig­ne­te in sei­nen Hoch­zei­ten das Spek­ta­ku­lä­re, das sich noch in Spu­ren in der Oper der Gegen­wart wie­der­fin­det. Zu sei­nen Hoch­zei­ten war Thea­ter eine mul­ti­me­dia­le tech­ni­sche Meis­ter­leis­tung. Nicht nur der Dar­bie­ten­den, son­dern auch der Büh­nen- und Beleuch­tungs­tech­nik. Rasche Ver­wand­lun­gen, Dreh­büh­nen, Schie­be­büh­nen, beweg­li­che Pla­fonds und Heer­scha­ren von Büh­nen­ar­bei­tern schu­fen in Minu­ten­schnel­le sze­ni­sche Zau­ber­kunst­stü­cke. Ein glei­ßend erhell­ter Zuschau­er­raum konn­te mit Gas- oder Elek­tro­be­leuch­tung ins Dun­kel gehüllt, die Büh­ne mit Licht-, Feu­er- und Was­ser­ef­fek­ten ver­wan­delt wer­den. Schon im Früh­ba­rock sorg­ten ker­zen­ba­sier­te Beleuch­tungs­ma­schi­ne­ri­en für Effek­te, die außer­halb der Thea­ter (abge­se­hen von eini­gen sakra­len Meis­ter­wer­ken) nicht zu den­ken und schon gar nicht zu fin­den waren. Orches­ter­mu­sik, Gesangs­kunst, Bal­lett schu­fen wovon die Gesamt­kunst­werk­be­we­gung des 19. Jahr­hun­derts wie­der träum­te. Wag­ners Bay­reuth ist in gewis­ser Hin­sicht der Kul­mi­na­ti­ons­punkt und Par­o­xys­mus des Spek­ta­ku­lä­ren, dem zunächst aus nach­voll­zieh­ba­ren inhalt­li­chen Grün­den Rea­lis­mus und Natu­ra­lis­mus, dann aber schlich­te Gedan­ken- und Inter­es­se­lo­sig­keit der Macher die Exis­tenz nah­men (selbst wen man die Ver­su­che des Futu­ris­mus, des Kon­struk­ti­vis­mus noch beach­te­te). Selbst die geschmack­lo­sen Musi­cal-Maschi­ne­ri­en unse­rer Tage ver­mö­gen nicht die vor­han­de­ne Tech­nik so für sich zu nut­zen, dass es gelän­ge, den Zuschau­ern die Unter­kie­fer aufs Gewo­ge zu trei­ben.

Dar­in schloss sich Thea­ter in sei­ner Früh­zeit der Kir­che an, die mit allen ver­füg­ba­ren mul­ti­me­dia­len Mit­teln wie gigan­ti­schen Bau­wer­ken, Wand­ma­le­rei­en, Glas­fens­tern, dröh­nen­den Glo­cken, bene­beln­dem Weih­rauch, Chö­ren, gigan­ti­schen Orgeln, prot­zen­dem Gold­schmuck, monu­men­ta­len Plas­ti­ken und Altä­ren und gemein­sa­men Gesän­gen für Sin­nes­räu­sche sorg­te. Wo in den Kir­chen Gott (oder zumin­dest sei­ne welt­li­chen Statt­hal­ter) ver­klärt und sin­nen­haft geadelt wur­den, adel­te sich der Adel und der welt­li­che Regent in den Hof- und Schloss­thea­tern selbst durch die Sin­ne­spracht des Dar­ge­bo­te­nen. Und die Mech­ni­sie­rung der Thea­ter in der Indus­trie­welt des 19. Jahr­hun­derts schlos­sen nicht nur an die mecha­né der atti­schen Büh­nen an, son­dern sorg­ten mit ihren Zügen und Ober-, Unter- und Sei­ten­büh­nen­ver­wand­lun­gen für Ver­blüf­fung.

Zudem sind die Spek­ta­ku­la­ri­tät des Neu­en und des Skan­da­lö­sen abhan­den gekom­men, die das tech­ni­sche Spek­ta­kel ergän­zen, flan­kier­ten oder zu erset­zen ver­moch­ten. Thea­ter ist gegen­wär­tig das gänz­lich Unspek­ta­ku­lä­re. Ein wei­test gehend belie­bi­ges, eini­ger­ma­ßen unauf­fäl­li­ges, wenn auch für den Betrach­ter ange­neh­mes Schau­fens­ter­de­sign. Und das Ange­neh­me ist sicher­lich der Tod des Thea­ters.

Auch die Spek­ta­ku­la­ri­tät des Neu­en gibt es nicht mehr. Was noch die Zam­pa­nos der 70er und frü­hen 80er, die Zadeks, Flimms, Steins, Kup­fers, Berg­haus, Pey­mann schaff­ten, schaf­fen die Puchers, Thal­hei­mers, Breths lan­ge nicht mehr, tau­gen sie bes­ten­falls zu Bran­chen-Sen­sa­ti­ön­chen. Der „neue Krötz“, „neue Strauß“, „neue Kipp­hardt“, „neue Goe­tz“ starb mit dem „neu­en Bern­hardt“, des­sen Hel­den­platz es immer­hin noch in eine brei­te­re Öffent­lich­keit brach­te. Einen „neu­en Mül­ler“ gab es schon nicht mehr, ganz zu schwei­gen von allen Nach­fol­gen­den.  Die Rück­zugs­po­si­ti­on der Thea­ter schlägt sich heu­te im Stich­wort „Urauf­füh­rung“ nie­der, der gera­de der erfolg­reichs­te leben­de Autor zu sein scheint. Zug­kraft hat auch er nur mäßig.

Auch das Dar­stel­ler-Star­tum ver­brauch­te sich selbst in der Oper nach Dom­in­go, Car­re­ras, Pava­rot­ti, Nor­man. Wie zug­kräf­tig und mäch­tig die­se Spe­ku­la­ri­tät ist, lässt sich am Kino wun­der­bar ver­fol­gen, in dem der neue Wil­lis, Cloo­ney, Pitt, Jolie, Roberts, Gere oder East­wood sei­nen Magne­tis­mus ent­fal­tet, der neue Wachow­ski, Allen, Coen, Spiel­berg, Came­ron oder Nolan. Ähn­lich die neu­es­ten, spek­ta­ku­lärs­ten Ani­ma­ti­ons-, Explo­si­ons-, Stunt- oder 3D-Effek­te. Nichts, aber auch gar nichts davon sorgt im Thea­ter der Gegen­wart für ähn­li­che Anzie­hungs­kraft.

Mit einer fast schon anrüh­ren­den Stur­heit bewei­sen Thea­ter in ihrer insti­tu­tio­nel­len Orga­ni­sa­ti­on ihre Zuge­hö­rig­keit zu den ver­gan­ge­nen Zei­ten des 19. Jahr­hun­derts. Der Blick auf die Gewer­ke in den Häu­sern zeigt: Tisch­ler, Schrei­ner, Maler, Schlos­ser, Kos­tüm­bild­ner, Mas­ken­bild­ner, Büh­nen­ar­bei­ter, Beleuch­ter, Mecha­ni­ker. Wo ist die Video­ab­tei­lung? Die Inter­net­re­dak­ti­on? Wo sind die 3D-Artis­ten, die Aug­men­ted Rea­li­ty Exper­ten, Sound Artists, Netz­werk­tech­ni­ker? Nicht aus Grün­den eines Aktua­lis­mus um sei­ner selbst wil­len – son­dern weil es der Spek­ta­ku­la­ri­tät des Thea­ters eig­net, das Neu­es­te im Neu­en auf­zu­neh­men und künst­le­risch zu nut­zen. Das elek­tri­sche Licht (und Musik vom Band) sind offen­bar die letz­ten Neue­run­gen, die im Thea­ter Ein­zug gehal­ten haben. „Hoho­ho – unser Licht ist com­pu­ter­ge­steu­ert“ – Hoho­ho, ihr seid lang­wei­lig. Das ist das drit­te Pro­blem. Tod­lang­wei­lig.

Was braucht es zum Über­le­ben? Ent­we­der die kla­re Posi­tio­nie­rung als letz­ter Hort der Bür­ger­lich­keit des 19. Jahr­hun­derts Klas­si­ker in Werk­treue. Oder etwas ganz Ande­res. Neu­es. Bei­des zusam­men ist töd­lich. Klas­si­zis­mus wird zum Über­le­ben von – sagen wir mal – 10% der heu­ti­gen Häu­ser füh­ren, die sich wie Musi­cal­stät­ten ihr Publi­kum im Rah­men einer Pau­schal-Städ­te­tour mit Bus und Bahn zufüh­ren las­sen.

Alles ande­re – ganz anders.

 

Fazit

Thea­ter hat sei­ne Mono­pol­stel­lung für die Abend­un­ter­hal­tung ver­lo­ren, muss sich in einem Wett­streit mit ande­ren Abend­un­ter­hal­tun­gen mes­sen, mit denen es nicht mit­hal­ten kann. Es hat sei­ne Funk­ti­on für die Kon­sti­tu­ti­on eines städ­ti­schen Bür­ger­tum spä­tes­tens jetzt ver­lo­ren, da die Netz­welt ganz ande­re Kon­sti­tu­ti­ons­prin­zi­pi­en sieht. Und es hat sei­nen alten Glanz und sei­ne Eigen­spek­ta­ku­la­ri­tät ver­lo­ren. Was bleibt da noch? War­um soll­te Thea­ter nicht lang­sam von Käm­me­rern aus­ge­trock­net wer­den, die sicher schnell eine bes­se­re Ver­wen­dung für das Geld fin­den? Das ist nicht zu beju­beln noch gar hämisch zu begrin­sen. Es ist eine Gefahr, die den Thea­tern das Über­le­ben kos­ten könn­te.

Comments are closed.

What's this?

You are currently reading Warum es für die Theater um Leben und Tod geht — Teil 3 at Postdramatiker.

meta