Zeit für Europa

Mai 7th, 2010 Kommentare deaktiviert für Zeit für Europa Autor: Ulf Schmidt

Das gegen­wär­ti­ge Kon­strukt namens Euro­päi­sche Uni­on ent­stand als eine wirt­schaft­li­che Gebil­de: EG — EWS — Ecu — EWU — EU (alles hier). Es ver­än­der­te und erwei­ter­te sich zu einem poli­tisch-büro­kra­ti­schen  Bund. Und lässt die Fra­ge offen, wie sich die Gesell­schaf­ten (jen­seits aller Natio­nen-Fra­gen) zuein­an­der und mit­ein­an­der ver­hal­ten. Dabei ist es höchs­te Zeit, sich die­ser Fra­ge zu nähern. Soll die­ses Euro­pa aus neben­ein­an­der her exis­tie­ren­den, sich gele­gent­lich besu­chen­den Sub­ge­sell­schaf­ten gleich Städ­ten oder Inseln bestehen? Oder soll sich eine gemein­sa­me Gesell­schaft mit Viel­heit ent­wi­ckeln? Kann die euro­päi­sche Ver­bin­dung der Gesell­schaf­ten ein uto­pi­sches Poten­zi­al ent­wi­ckeln — oder bleibt es der weit­ge­hend skep­tisch betrach­te­te, halb­de­mo­kra­tisch legi­ti­mier­te büro­kra­ti­sche Moloch, dem man zwar — einer Ver­si­che­rung gleich — ange­hört, mit dem man aber mög­lichst wenig zu tun haben möch­te. Der zwar eine gemein­sa­me Wäh­rung, einen gemein­sa­men Wirt­schafts- und sich anglei­chen­den Rechts­raum her­vor­bringt, gemein­sa­me Armee­tei­le auf­stellt — aber nicht wirk­lich bei den Men­schen ankommt.

Um damit zum Kern­the­ma des Blogs zu kom­men: Thea­ter­leu­te wie Les­sing waren es, die bei der Ent­ste­hung der Nati­on, die die Sprach­ge­mein­schaft über die Stan­des­dif­fe­ren­zen set­zen und Ein­heit her­stel­len soll­te, das Wort führ­ten. Dass die Nati­ons­idee alles ande­re als unhei­kel war, stell­te sich in der Fol­ge her­aus. All­zu macht­voll zog sie Chau­vi­nis­mus, Natio­na­lis­mus und was der­glei­chen mehr ist, hin­ter sich her. Es wird Zeit, die Fra­ge nach dem trans­na­tio­na­len Euro­pa zu stel­len — gera­de auch ange­sichts der gegen­wär­ti­gen Tur­bu­len­zen. Die Zuge­hö­rig­keit oder den Aus­schluss eines Lan­des — wie gegen­wär­tig im Fal­le Grie­chen­lands (aus­ge­rech­net das Mut­ter­land des Mythos von zeus und Euro­pa!) — als rein wirt­schaft­li­che Fra­ge zu stel­len und beant­wor­ten zu wol­len, kann nur in die Irre füh­ren. Dann soll­ten wir schlicht und ein­afch die ärme­ren Län­der ins­ge­samt raus­wer­fen und viel­leicht lie­ber die Kay­man-Inseln und Tuva­lu auf­neh­men. Oder Chi­na. Oder Fidschi. Oder ist Euro­pa ein regio­na­les Kon­strukt, dem die gemein­schaft­li­chen Außen­gren­zen zuvor­derst wich­tig sind? Sprach­ge­mein­schaft kann es nicht sein. Die­ses his­to­ri­sche Gebil­de soll­te über­wun­den wer­den durch eine Euro­pa­idee.

Was wäre also ein Euro­pa­thea­ter? Eines, das im Spie­plan — den Opern gleich — die unter­schied­lichs­ten Stü­cke in ihren Natio­nal­spra­chen mit Unter­ti­teln zeigt? Nicht ernst­haft. Eines das Stü­cke aus allen Län­dern in die Regio­nal­spra­che über­setzt und damit natio­nal assi­mi­liert? Nicht ernst­haft. Ist Sprech­thea­ter kei­ne euro­päi­sche son­dern eine regio­na­le Kunst (also eine Form natio­na­les Mund­art­thea­ter) — und Oper oder noch mehr Tanz sind die thea­tra­len Küns­te Euro­pas? Ist euro­päi­sches Thea­ter ein Tanz­thea­ter? Oder ist der Tanz wie­der­um zu uni­ver­sal um euro­pä­isch zu sein? Wie kann — in der­sel­ben Bewe­gung wie die Natio­nal­thea­ter­be­we­gung Stan­des­un­ter­schie­de durch Sprach­ge­mein­schaft über­wand — Thea­ter sei­nen Bei­trag zur Uto­pie einer Euro­päi­schen Trans­ge­sell­schaft (Post­ge­sell­schaft?)  leis­ten? Was ist die thea­tra­le Idee von Euro­pa — ohne Chau­vi­nis­mus, Über­le­gen­heits­dis­kur­se, Hege­mo­nie­träu­me, Gewalt­be­grün­dung? In der Ores­tie hat Ais­chy­los den Über­gang Athens aus einer archai­schem in eine Rechts­ge­sell­schaft dar­ge­stellt. Es wäre an der Zeit, die­sen Ver­such auch für eine euro­päi­sche Idee zu unter­neh­men. Viel­leicht Zeit für ein Euro­päi­sches (De-)Zentraltheater neben der Euro­päi­schen Zen­tral­bank …?

Es lohnt sich, dar­über wei­ter zu den­ken.

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