Ziellosigkeit: Wirtschaft und Medizin

März 21st, 2010 Kommentare deaktiviert für Ziellosigkeit: Wirtschaft und Medizin Autor: Ulf Schmidt

Vor einem Monat hat­te ich im Pos­ting über “Das Grund­pro­blem der Wirtschaft(swissenschaft)” (und hier die Fort­set­zung) die Ziel­lo­sig­keit wirt­schafts­wis­sen­schaft­li­cher Theo­rie behaup­tet. Will hei­ßen: Wirt­schafts­wis­sen­schaft lehrt  kei­nen letzt­li­chen Zweck für den öko­no­mi­schen Mit­tel­ein­satz. Die Ver­meh­rung und der effi­zi­en­te Ein­satz der Mit­tel steht im Mit­tel­punkt des Inter­es­ses. Der Zweck jen­seits der blo­ßen Gene­ra­ti­on zusätz­li­cher Mit­tel (kurz: das soge­nann­te Wachs­tum) bleibt letzt­lich außer acht (auch wenn Aus­flü­ge wirt­schafts­wis­sen­schaft­li­cher Leh­rer in den Bereich des “Wozu” ja gele­gent­lich statt­fin­den — aber eben nur als fakul­ta­ti­ve Frei­zeit­be­schäf­ti­gung jen­seits der Hard Sci­ence). Momen­tan kann ich das nicht wei­ter ver­tie­fen, will aber direkt auf ein ande­res Gebiet soli­den Halb­wis­sens aus­wei­chen, das ein ähn­li­ches Pro­blem auf­weist: In der Medi­zin gibt es kei­ne über­zeu­gen­de posi­ti­ve Defi­ni­ti­on von Gesund­heit. Und sie ist medi­zi­nisch nicht dia­gnos­ti­zier­bar.

Gera­de­zu put­zig und trot­zig nimmt sich da der Ver­such der WHO aus, in ihrer eige­nen Ver­fas­sung eine Defi­ni­ti­on zu geben, die dem ein­ge­bür­ger­ten pro­fes­sio­nel­len Gebrauch ent­ge­gen­tritt und sich so liest:

Die an die­ser Ver­fas­sung betei­lig­ten Staa­ten erklä­ren in Über­ein­stim­mung mit der Sat­zung der Ver­ein­ten Natio­nen, dass die fol­gen­den Grund­sät­ze für das Glück aller Völ­ker, für ihre har­mo­ni­schen Bezie­hun­gen und ihre Sicher­heit grund­le­gend sind: Die Gesund­heit ist ein Zustand des voll­stän­di­gen kör­per­li­chen, geis­ti­gen und sozia­len
Wohl­erge­hens und nicht nur das Feh­len von Krank­heit oder Gebre­chen.

Nicht nur das Feh­len von Krank­hei­ten — eine For­mu­lie­rung, die es nur in die Prä­am­bel schaf­fen kann, wenn damit ein ver­brei­te­ter Ein­druck oder eine ver­brei­te­te Grund­an­nah­me getrof­fen wird. Was der Fall ist. Denn rein prag­ma­tisch wird die Dia­gnos­tik so lan­ge lau­fen, bis der Medi­zi­ner zum Pati­en­ten sagt “Ich kann beim bes­ten Wil­len nach all dem Auf­wand kei­ne mir bekann­te Krank­heit bei Ihnen fest­stel­len. Sie müs­sen gesund sein. Oder eine neue, unbe­kann­te Krank­heit haben. Oder ich bin ein­fach unfä­hig.” Jeden­falls ist kein defi­nier­ba­res Telos ärzt­li­chen Han­delns dar­in zu sehen. Medi­zin hat Krank­hei­ten zu bekämp­fen — aber kei­nen Zustand der Gesund­heit her­bei­zu­füh­ren. Nota Bene: Das ist auch nicht unbe­dingt schlecht. Denn in sol­che Defi­ni­tio­nen schlei­chen sich (wie his­to­risch in den Begriff der “Volks­ge­sund­heit”) der­ar­tig schnell nor­ma­ti­ve Grö­ßen ein (wie aktu­ell etwa schon beim Body Mass Index oder ähn­li­chen Gesund­heits­vor­ga­ben), die sowohl Zwangs­maß­nah­men (Rauch­ver­bo­te wären nur ein Bei­spiel) als auch Euge­nik und Ras­sen­leh­ren nach sich zie­hen kön­nen oder gar müs­sen.

Also: Ob eine posi­ti­ve Defi­ni­ti­on von Gesund­heit wün­schens­wert ist — sei dahin­ge­stellt. Aller­dings ist klar, dass sie nicht vor­liegt. Jeden­falls nicht jen­seits der sub­jek­ti­ven Dimen­si­on des “Wohl­erge­hens”, die nicht nur nicht mess-, mikro­sko­pi­er- oder wäg­bar ist — son­dern sich der objek­ti­ven Dia­gno­se des Arz­tes gar ent­zieht. Das Gesund­heits­ur­teil fällt der Pati­ent, der ein­zig über sein Wohl­sein ent­schei­den kann. Das wie­der­um führt natür­lich zu man­nig­fal­ti­gen Para­do­xi­en und Kon­flik­ten, an denen ein tra­di­tio­nel­ler Dra­ma­ti­ker sein gro­ße Freu­de hät­te.

Jeden­falls wird medi­zi­ni­sches Den­ken und Han­deln — da es nicht an einem Gesund­heits-Telos oder Escha­ton aus­ge­rich­tet wer­den kann — dar­auf ver­wie­sen, sich am Zustand des Ande­ren, des Behan­del­ten und sei­nem aktu­ell geäu­ßer­ten oder mut­maß­li­chen Wil­len zu ori­en­tie­ren. Das wie­der­um ist aber kein Gegen­stand medi­zi­ni­scher Leh­re. Im Gegen­teil: Medi­zi­ni­sche Leh­re rich­tet sich an den objek­ti­vier­ba­ren “Defek­ten” des mensch­li­chen, gedul­di­gen Orga­nis­mus aus. Und sie strebt danach, jede Beob­ach­tung objek­ti­vier­bar und doku­men­tier­bar zu machen, indem selbst see­li­sche Stö­run­gen mikro­bio­lo­gisch, che­misch, gene­tisch, ana­to­misch dia­gnos­ti­zier­bar gemacht wer­den sol­len. Fehlt eigent­lich nur noch die Mög­lich­keit, durch Nach­weis bestimm­ter Hor­mo­ne, EEG-Wel­len, Hirn­are­al­ver­grö­ße­run­gen den objek­ti­ven Nach­weis von sub­jek­ti­vem Wohl­erge­hen (= Gesund­heit) füh­ren zu kön­nen. Spaß bei­sei­te.

Medi­zi­ni­sches Han­deln wird von der WHO auf ein Jen­seits der medi­zi­ni­schen Leh­re fixiert. Das wäre ein Fort­schritt, der dem wirt­schaft­li­chen Den­ken gut zu Gesicht stün­de. Vor­aus­ge­setzt: er wür­de rea­li­siert.

Und als klei­ne Schluss­poin­te noch wie es klingt, wenn ein deut­sches Minis­te­ri­um sich der Fra­ge annimmt, was denn eigent­lich Gesund­heit sei:

Gesund­heit wird als mehr­di­men­sio­na­les Phä­no­men ver­stan­den und reicht über den „Zustand der Abwe­sen­heit von Krank­heit“ hin­aus. (Wiki­pe­dia)

Man liest es — und hört unwill­kür­lich den rat­lo­sen Seuf­zer dahin­ter. Wie wür­de das Arbeits­mi­nis­te­ri­um sagen:

Arbeit wird als mehr­di­men­sio­na­les Phä­no­men ver­stan­den und reicht über den „Zustand der Abwe­sen­heit von Arbeits­lo­sig­keit“ hin­aus.

Das Wirt­schafts­mi­nis­te­ri­um:

Wirt­schaft wird als mehr­di­men­sio­na­les Phä­no­men ver­stan­den und reicht über den „Zustand der Abwe­sen­heit von TJA WAS DENN? “ hin­aus. Wel­che Abwe­sen­heit hat sich Wirt­schaft zum Ziel gesetzt? Wel­che die Wirt­schafts­wis­sen­schaft? Und inwie­fern geht sie dar­über hin­aus?


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