Zu Lobos Spon-Artkel: Wem nützt die VW-Blackberryabschaltung?

Dezember 27th, 2011 § 2 comments Autor: Ulf Schmidt

Mit einem ori­gi­nel­len Vor­schlag mischt sich der Publi­zist Sascha Lobo in die Debat­te rund um Berg­leu­te, die zuneh­mend über Licht­man­gel und Staub­lun­gen bekla­gen und wirft ihnen fröh­lich das Mot­to zu: Geht doch mal raus aus den Flö­zen und an die fri­sche Luft.

Ein Scherz. Es geht hier zum zig­tau­sends­ten Mal um den Zusam­men­hang von elek­tro­ni­schen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mit­teln ins­be­son­de­re Smart­pho­nes mit Über­las­tungs- und Erschöp­fungs­phä­no­me­nen, die unter dem völ­lig aus­ge­frans­ten, über­stra­pa­zier­ten und dann wie­der völ­lig bestrit­te­nen Kon­zept des „Burn Out“ durch die Medi­en gehetzt wer­den. Anlass für Lobos dün­nes Text­chen ist die­se Mel­dung, dass der VW-Betriebs­rat eine Betriebs­ver­ein­ba­rung erwirkt hat, dass die Black­ber­ry-Ser­ver der Unter­neh­men eine hal­be Stun­de nach Ende der Gleit­zeit abge­stellt und erst eine Hal­be Stun­de vor ihrem Beginn wie­der ange­schal­tet wer­den. Das Pro­blem an Lobos Text ist, dass er zwar über digi­ta­le Tech­no­lo­gie und ihre Nut­zung weiß, was es zu wis­sen gibt – zugleich aber kein Ver­ständ­nis orga­ni­sa­ti­ons­in­ter­nen Zusam­men­hän­ge hat. Des­we­gen lohnt sich eine kur­ze Erör­te­rung, wie die VW-Ver­ein­ba­rung für betrieb­li­che Effi­zi­enz und zugleich zur Redu­zie­rung des Stress­le­vels in viel höhe­rem Maße sorgt als etwa Lobos „Ein­fach mal abschal­ten“ Emp­feh­lung — und wes­we­gen sie folg­lich viel näher an den von Lobo gefor­der­ten “rich­ti­gen Gebrauch” her­an­rei­chen, als sein eige­ner Vor­schlag.

Pau­se – wer wann?

Dass Arbeits­pau­sen und Fei­er­abend nicht groß­zü­gi­ge Ges­ten gegen­über den Arbeit­neh­mern sind, son­dern betriebs­wirt­schaft­lich der Auf­recht­erhal­tung oder Wie­der­her­stel­lung der opti­ma­len Arbeits­fä­hig­keit die­nen, darf wohl vor­aus­ge­setzt wer­den. Dass Pau­sen und Fei­er­abend nötig sind, haben betrieb­li­che Orga­ni­sa­tio­nen aner­kannt. Die Fra­ge ist dann aller­dings: Wann sol­len sie statt­fin­den und wer ent­schei­det dar­über, wann Pau­sen oder Fei­er­aben­de statt­fin­den. Je mehr die ein­zel­nen Funk­tio­nen mit­ein­an­der ver­ket­tet sind, des­to abhän­gi­ger wür­de die Gesamt­ket­te von den Ein­zel­ent­schei­dun­gen: Macht jeder Arbei­ter am Fließ­band Pau­se oder Fei­er­abend, wann er selbst glaubt, es sei jetzt dafür Zeit, wür­de die Pro­duk­ti­on zusam­men­bre­chen. „Ein­fach mal Pau­se machen“ wäre also viel­leicht für den Arbeit­neh­mer ein idea­les Ver­spre­chen – die betrieb­li­che Orga­ni­sa­ti­on wäre am Ende.

Die Lösung: Ein­heit­li­che Fest­le­gung von Arbeits­zeit- und Pau­sen­re­ge­lun­gen. Nur eine ziem­lich ver­bret­ter­te Stirn wird glau­ben, dass eine betriebs­ver­ein­bar­te Pau­sen­re­ge­lung ein Sieg der geknech­te­ten Arbeit­neh­mer über die bösen Kapi­ta­lis­ten sei. Viel­mehr legt sie fest, wie das aner­kann­te Bedürf­nis nach kurz­zei­ti­gen Arbeits­un­ter­bre­chun­gen mit der betrieb­li­chen Pro­zess­or­ga­ni­sa­ti­on ver­ein­bar ist, wie also die Pro­zes­se von mög­lichst fri­schen Arbei­tern pro­fi­tie­ren, ohne unter den Unter­bre­chun­gen zu lei­den. Recht ein­leuch­tend, den­ke ich. Die Zusam­men­hän­ge um die Fest­le­gung von Arbeits­zei­ten und Fei­er­aben­den las­sen sich ana­log her­lei­ten. Ich ver­zich­te dar­auf.

Abschal­ten – aber wann

Wenn nun aus der Bur­nout-Dis­kus­si­on zumin­dest abzu­lei­ten ist, dass Arbeit­neh­mer Tages­zei­ten brau­chen, an denen sie nicht elek­tro­nisch erreich­bar sind (und sei es im Schlaf) , dann stellt sich unmit­tel­bar die­sel­be Fra­ge: Wer ent­schei­det, wann abge­schal­tet wer­den darf? Gegen­wär­tig herrscht ent­we­der Anar­chie („Ich gehe manch­mal nicht dran“) oder im über­eif­ri­gen Gehor­sam über­zo­ge­ne Dau­er­erreich­bar­keit. Letz­te­res ist nicht nur des­we­gen nicht erwünscht, weil es gege­be­nen­falls Kon­zen­tra­ti­on und Kon­sti­tu­ti­on von Mit­ar­bei­tern über­for­dert. Son­dern noch viel mehr, weil nicht klar ist, wann der Mit­ar­bei­ter durch Auf­nah­me des Nacht­schla­fes nicht mehr erreich­bar ist. Es ent­steht betrieb­li­che Unsi­cher­heit: Der Mit­ar­bei­ter regiert bis zu einem bestimm­ten Zeit­punkt in Minu­ten­schnel­le – und plötz­lich ent­steht ein reak­ti­ons­loch von meh­re­ren Stun­den, weil der Mit­ar­bei­ter schläft. Heu­te aber ging er schon um 9 ins Bett, nor­ma­ler­wei­se doch erst gegen 11. Ande­re Mit­ar­bei­ter ent­schei­den viel­leicht, dass sie wäh­rend Abend­essen und Beschäf­ti­gung mit Kin­dern nicht ant­wor­ten. Ande­re ent­schei­den, dass sie auch wäh­rend der Tages­ar­beits­zeit gele­gent­lich ein Päu­schen machen, um nicht über­for­dert zu wer­den. Ich habe in mei­ner letz­ten Stel­le ange­kün­digt, Mails zukünf­tig nur noch mor­gens zwi­schen 9 und 10 zu lesen, um hin­ter­her kon­zen­triert arbei­ten zu kön­nen – dem Gegen­wind konn­te ich lei­der nicht Stand hal­ten.

Das heißt: Lobos sich an gewerk­schaft­li­cher Rege­lungs­wut abar­bei­ten­de, schein­bar die Mit­ar­bei­ter ermäch­ti­gen­de Sot­ti­se „Ein­fach mal abschal­ten“ führt dazu, dass der Betrieb selbst weni­ger Ver­lass hät­te, dass Mit­ar­bei­ter in gege­be­nen Situa­tio­nen inner­halb bestimm­ter Zeit­fens­ter erreich­bar und akti­vier­bar sind. Das ist der Sinn der Black­ber­rys. Ent­schei­den die Mit­ar­bei­ter, wann sie Pau­se machen, wenn sie Fei­er­abend machen, begibt die Orga­ni­sa­ti­on sich in eine Unsi­cher­heit, die sich – inter­es­san­ter Wei­se – in zusätz­li­chen Stress für die Kol­le­gen ver­wan­delt. Denn die fla­che Hier­ar­chie der Teams setzt dar­auf, dass Kol­le­gen glei­cher Hier­ar­chie sich selbst orga­ni­sie­ren und in Ver­net­zung Auf­ga­ben erle­di­gen und Pro­ble­me lösen. Dafür muss – dem Fließ­band nicht unähn­lich – jeder Pro­zess­schritt dar­auf ver­trau­en, dass der nächs­te irgend­wann über­nimmt und wei­ter arbei­tet. Bis das geschieht, liegt das Pro­blem bei der abga­be­be­rei­ten Funk­ti­on, die bereits weiß, dass es das Pro­blem gibt und es mög­lichst schnell bear­bei­ten bzw. zur Bear­bei­tung wei­ter­ge­ben muss an eine Posi­ti­on, die erst von dem Pro­blem weiß, wenn sie kom­mu­ni­ka­tiv erreicht wur­de. Was dann zum Glück­spiel wird, wenn der Kol­le­ge sei­ne Kom­mu­ni­ka­ti­ons­pau­sen in Lobo-Manier nimmt, anstatt die Über­nah­me der Auf­ga­be zu quit­tie­ren, zurück­zu­wei­sen oder wei­ter zu dele­gie­ren.

Gere­gel­te Pau­se – cui bono?

Für Mit­ar­bei­ter wäre Lobos „Mal abschal­ten“ zunächst viel­leicht die attrak­ti­ve­re Vari­an­te: Wenn ich Müde bin oder kei­ne Lust habe – schal­te ich mal ab. Sie wird dann zur Belas­tung, wenn die Kol­le­gen genau so agie­ren und sich Pau­sen­zei­ten nicht etwa decken, son­dern sequen­zie­ren und statt Pro­zess- und Arbeits­ket­ten Pau­sen­ket­ten ent­ste­hen. Betrieb­li­che Effi­zi­enz lei­det, der per­sön­li­che Stress­le­vel steigt.

Die VW-Rege­lung sorgt nun für zwei­er­lei: Zunächst macht sie jedem Mit­ar­bei­ter klar, in wel­chem Zeit­raum fort­an grund­sätz­lich kei­ne Antwort/Reaktion/Arbeitsübernahme mehr erwart­bar ist. Nach 19 Uhr (?) macht es kei­nen Sinn, stres­send zu erwar­ten, dass der Kol­le­ge reagiert oder nicht reagiert. Die Erwar­tung ist: Er wird erst mor­gen reagie­ren. Das stei­gert die pro­zes­sua­le Zuver­läs­sig­keit des Unter­neh­mens, weil es sich nicht in die Unwäg­bar­keit bege­ben muss, von der Müdig­keit oder der Frei­zeit­ge­stal­tung der ein­zel­nen Mit­ar­bei­ter zeit­lich abhän­gig zu sein und dadurch kei­ner­lei Klar­heit mehr über erwart­ba­re Pro­jekt­dau­er (die etwa an Kun­den kom­mu­ni­ziert und ihnen gegen­über ver­tre­ten wer­den muss) zu haben.

Zugleich wird ex nega­tivo durch die Garan­tie von Frei­zei­ten auch regel­bar, dass es wäh­rend der Arbeits­zeit kei­ne elek­tro­ni­schen Aus­zei­ten mehr gibt. Die Orga­ni­sa­ti­on kann nun – unter Ver­weis auf die als Frei­zeit garan­tier­ten Zeit­räu­me – ver­lan­gen, dass die Nicht-Frei­zeit auch kom­plett als Arbeits­zeit genutzt, dass arbeits­zeit­li­che Voll­ver­füg­bar­keit sicher gestellt ist. Wäh­rend also etwa nach 19 Uhr Stress durch unge­klär­te Erreich­bar­keit sich nicht lohnt, weil Uner­reich­bar­keit erwart­bar ist, lohnt sich wäh­rend der Arbeits­zeit der Stress nicht, weil Erreich­bar­keit garan­tiert wird, die nicht durch „Ein­fach mal abschal­ten“ unter­bro­chen wird.

Die Fra­ge: Wem nützt es – fin­det beim genau­en Hin­schau­en nicht die gewerk­schaft­lich unter­stüt­zen lar­mo­yan­ten Jam­me­rer, die aus irgend­wel­chen Grün­den nicht abschal­ten kön­nen. Es fin­det die Groß­or­ga­ni­sa­ti­on, die es noch immer Arbeit nen­nen, kom­ple­xe Arbeits­pro­zes­se mit­ein­an­der so zu ver­zah­nen und zu orga­ni­sie­ren, dass nicht nur maxi­ma­le Effi­zi­enz herrscht, son­dern (wie­wohl letzt­lich Teil die­ser Effi­zi­ent) die irre­du­zi­ble Pau­sen­be­dürf­tig­keit mensch­li­cher (erwei­tert um War­tungs­be­dürf­tig­keit Maschi­nel­ler) Pro­zess­be­tei­lig­ter so orga­ni­siert wird, dass in Pro­zes­sen jeder zu dem Zeit­punkt an dem Ort ist, an der er erwar­tet und benö­tigt wird, wäh­rend zugleich sicher gestellt ist, dass hin­rei­chend Pau­sen gewährt wer­den, die die maxi­ma­le Fri­sche des Mit­ar­bei­ters gewähr­leis­ten.

Hof­fen wir, dass das Niveau der Debat­te rund um Digi­ta­li­sie­rung und Ver­net­zung der Arbeits­welt sich vom jäm­mer­li­chen Niveau in Lobos Arti­kel im Jahr 2012 befreie und zu einer wirk­lich fun­dier­ten, hin­rei­chend kom­ple­xen Erör­te­rung kommt.

§ 2 Responses to Zu Lobos Spon-Artkel: Wem nützt die VW-Blackberryabschaltung?"

  • Es gibt nicht nur Prak­tisch-Dau­er-Erreich­bar­keit mit selbst gewähl­ten, will­kür­li­chen Pau­sen oder Erreich­bar­keit von 7 bis 19 Uhr. Das jemand am eigent­li­chen Arbeits­tag erreich­bar ist, ergibt sich bei­na­he von selbst. Man arbei­tet, also kann man auch erreicht wer­den. Das jemand nach sei­nem Arbeits­tag noch erreich­bar ist, kann nicht vor­aus­ge­setzt wer­den. Inso­fern hat Lobo eben doch recht: Wer am Fei­er­abend sei­ne Mails checkt, ist selbst schuld. Solan­ge klar ist, dass nur inner­halb der Gleit­zeit von einer Beant­wor­tung aus­ge­gan­gen wer­den kann. Wer danach ant­wor­ten will, soll dies tun kön­nen. Viel­leicht min­dert das den Stress am nächs­ten Tag? Viel­leicht ist dem­je­ni­gen sonst lang­wei­lig? Viel­leicht hat er sol­che Freu­de am Job, dass er ger­ne mal sei­ne Mails checkt? Ist doch alles egal.

  • Postdramatiker sagt:

    Der Sinn der Über­rei­chung eines Black­ber­ry ist aber der­je­ni­ge, dass er außer­halb des Arbeits­plat­zes erreich­bar ist. Das kann sich auf die blo­ße Loka­li­tät bezie­hen (auf Rei­sen etwa), ist aber nicht auto­ma­tisch aus­schließ­lich auf die Kern­ar­beits­zeit redu­zier­bar — es sei denn, es wer­de dem Mit­ar­bei­ter klar kom­mu­ni­ziert, etwa durch die besag­te Betriebs­ver­ein­ba­rung. Die­se sorgt dafür, dass alle Betei­lig­ten der Kom­mu­ni­ka­ti­on Erwar­tungs­hal­tun­gen for­mu­lie­ren kön­nen, die die Erreich­bar­keit der Kol­le­gen betref­fen. Bleibt es der Lust aller Betei­lig­ten über­las­sen, “ein­fach mal abzu­schal­ten” sorgt das para­do­xer­wei­se für all­seits zuneh­men­den Stress und orga­ni­sa­to­ri­sche Unsi­cher­heit, da der Absen­der nicht weiß, wann sei­ne (even­tu­ell tat­säch­lich zeit­kri­ti­sche) Nach­richt bear­bei­tet wird, wäh­rend der Emp­fän­ger sich der Gefahr aus­setzt, in Ver­zug zu sein. Eine Orga­ni­sa­ti­on kann die­se Belie­big­keit nicht wol­len.

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