(As)soziologisches Theater: Die Arbeitslosen von Marienthal und die Verlierer von Wittenberge

März 12th, 2012 Kommentare deaktiviert für (As)soziologisches Theater: Die Arbeitslosen von Marienthal und die Verlierer von Wittenberge Autor: Ulf Schmidt

Vor etwa 80 Jah­ren bra­chen Sozio­lo­gen in den öster­rei­chi­schen Ort Mari­en­thal nahe Wien auf, um eine sozi­al­psy­cho­lo­gi­sche Stu­die über ein im Gan­zen arbeits­lo­ses Dorf zu ver­fas­sen. Es ent­stand eines der wich­tigs­ten lite­ra­ri­schen Wer­ke des 20. Jahr­hun­derts, die Stu­die „Die Arbeits­lo­sen von Mari­en­thal“ (Buch, Wiki­pe­dia, Mate­ria­li­en). Anders als der Name des Ortes, blei­ben die Bewoh­ner im Buch anonym. Kei­ne Namen, kei­ne Cha­rak­te­ri­sie­run­gen, die Frem­den die Iden­ti­fi­zie­rung Ein­zel­ner ermög­lich­ten.

Vor eini­gen Jah­ren brach nun erneut eine Grup­pe von Sozio­lo­gen, beglei­tet von Thea­ter­leu­ten, auf, um die­se Stu­die nach­zu­spie­len, zu wie­der­ho­len, zu erneu­ern. Unter Lei­tung von Heinz Bude besuch­ten sie Wit­ten­ber­ge in Bran­den­burg, um eine Stu­die über eine Ver­lie­rer­stadt anzu­stel­len, in der Aus­gangs­la­ge fast ähn­lich zu Mari­en­thal. Im direk­ten Ver­gleich der dar­aus ent­stan­de­nen Bücher ist das Wit­ten­ber­ge-Buch „Über­Le­ben im Umbruch“ (hier die Pro­jekt­web­sei­te)  zunächst eine her­be Ent­täu­schung.  Die beob­ach­te­ten Bewoh­ner woll­ten nicht so recht mit­spie­len.

In Mari­en­thal konn­ten die For­scher noch ver­schlei­ern, was ihre wah­re Absicht war. Mit Mit­teln nach­rich­ten­dienst­li­cher Agen­ten­tä­tig­keit konn­ten sie sich ein­schleu­sen, das Ver­trau­en der Bewoh­ner gewin­nen und Ein­sich­ten über das beob­ach­te­te Leben gene­rie­ren, bei dem die Beob­ach­te­ten sich nicht beob­ach­tet wähn­ten – und sich des­we­gen nicht für die Beob­ach­tung insze­nie­ren:

Es war unser durch­gän­gig ein­ge­hal­te­ner Stand­punkt, daß kein ein­zi­ger unse­rer Mit­ar­bei­ter in der Rol­le des Repor­ters und Beob­ach­ters in Mari­en­thal sein durf­te, son­dern daß sich jeder durch irgend­ei­ne, auch für die Bevöl­ke­rung nütz­li­che Funk­ti­on in das Gesamt­le­ben ein­zu­fü­gen hat­te. (28)

Viel­fäl­ti­ge Tricks kamen zur Anwen­dung, die die unver­stell­te Mei­nung oder die wah­re Situa­ti­on der Men­schen zum Vor­schein brin­gen soll­te: Insti­tu­tio­nen und Initia­ti­ven wur­den geschaf­fen. Selbst die ein­ge­rich­te­ten ärzt­li­chen Behand­lun­gen dien­ten zur Erhe­bung von Mate­ri­al. Man gewinnt „unauf­fäl­li­ge Ein­bli­cke“, „Ver­trau­en“, „Kon­trol­le“, ver­schafft sich Auf­zeich­nun­gen durch Schnitt­zei­chen­kur­se, lockt Mäd­chen durch einen Turn­kurs an und horcht Eltern in der Erzie­hungs­be­ra­tung aus. Im Ver­lauf des Tex­tes fin­den sich gele­gent­lich Erklä­run­gen, wel­cher krea­ti­ver Metho­den man sich bedien­te, um das Ver­trau­en der Bevöl­ke­rung zu gewin­nen und ver­deckt Infor­ma­tio­nen zu sam­meln. Ein Bei­spiel:

Die Erhe­bungs­ar­beit in Mari­en­thal begann damit, daß wir hun­dert Fami­li­en einen Haus­be­such abstat­te­ten, um sie nach ihren beson­de­ren Wün­schen bei einer von uns geplan­ten Klei­der­ak­ti­on zu fra­gen. Die­se Besu­che wur­den dazu benutzt, durch Beob­ach­tun­gen und Gesprä­che Mate­ri­al über die Grund­hal­tung die­ser Fami­li­en zu sam­meln. Als dann die Klei­der bei uns abge­holt wur­den, frag­ten wir die Betref­fen­den nach ihren Lebens­ge­schich­ten, die gewöhn­lich breit­wil­lig erzählt wur­den. Die­sel­ben Men­schen beob­ach­te­ten wir in den ver­schiedns­ten Situa­tio­nen: bi unse­ren Kur­sen, in poli­ti­schen Ver­samm­lun­gen, führ­ten über sie und mit ihnen Gesprä­che, und stets wur­de das gesam­te Mate­ri­al sofort pro­to­kol­liert. (64)

In Wit­ten­ber­ge war hin­ge­gen schon bei der Ankunft gele­akt, was die Frem­den in der Stadt woll­ten und unter wel­cher Per­spek­ti­ve sie die­se Stadt wähl­ten. Als Ver­lie­rer von Anfang an gebrand­markt, lehn­ten sich ört­li­che Pres­se und Poli­tik gegen den Impe­tus der Stu­die auf und bescher­ten den Besu­chern man­cher­lei Pro­ble­me, die bei genaue­rer Betrach­tung mehr über die Gegen­wart zu erzäh­len ver­mö­gen, als es die ursprüng­li­che Absicht der For­scher, wie sie im Buch dar­ge­stellt wird, ver­mu­ten lässt.

Wit­ten­ber­ge

In Wit­ten­ber­ge war der jour­na­lis­ti­sche Nach­rich­ten­dienst der Ein­woh­ner dem wis­sen­schaft­li­chen Nach­rich­ten­dienst vor­aus. Die­se kamen, um die „ande­ren“ zu beob­ach­ten und sie durch die Beob­ach­tung zu Ande­ren zu machen, zum Objekt der Beob­ach­tung und stell­ten fest, dass schon zuvor oder gleich­zei­tig die Ande­ren sie selbst zu ande­ren gemacht hat­ten, die die Beob­ach­ter bei der Beob­ach­tungs­ar­beit beob­ach­te­ten und nun­mehr – der Medio­kra­tie ange­mes­sen – sich selbst so zu insze­nie­ren oder zu ver­ber­gen unter­nah­men, dass die Beob­ach­tung sich nicht mehr neu­tral zu den Beob­ach­te­ten ver­hal­ten konn­te. Man hät­te zu den ver­fei­ner­ten Metho­den der Sta­si als Sta­wi grei­fen müs­sen, um durch inof­fi­zi­el­le Mit­ar­bei­ter Erkennt­nis­se über die Beob­ach­te­ten zu gewin­nen, die sich wäh­rend der Beob­ach­tung nicht beob­ach­tet wäh­nen.

Die nicht hin­rei­chend gehei­men Agen­ten der wis­sen­schaft­li­chen und künst­le­ri­schen Öffent­lich­keit wur­den so von den Objek­ten der For­schung sofort als Sozi­al­por­no­gra­phen ent­tarnt. Komisch genug, dass die Sozio­lo­gisch mit sol­chen sozia­len Pro­zes­sen offen­bar nicht hin­rei­chend gerech­net, sich jeden­falls nicht dar­auf vor­be­rei­tet hat­ten. Scha­de aber auch, dass die Wit­ten­ber­ger nicht begon­nen haben, Jour­na­le zu füh­ren, Fotos von Foto­gra­fen gemacht haben, ein Buch her­aus­ge­bracht haben über die befremd­li­chen Frem­den, die sie selbst zu Frem­den machen woll­ten, um sie der Öffent­lich­keit als Frem­de bekannt zu machen.

Der Leser als Beob­ach­ter der Beob­ach­ter der Beob­ach­ter .…

Span­nend und lesens­wert ist das Wit­ten­ber­ge-Buch den­noch, liest man es als Beob­ach­ter des­sen, was die beob­ach­te­ten Beob­ach­ter beob­ach­te­ten und beob­ach­tet dabei die Beob­ach­tungs­kas­ka­de. Denn natür­lich sind Sozio­lo­gen in einem medio­kra­ti­schen Dorf, in dem sie beob­ach­tet wer­den, selbst Teil eines neu­en Sozio­tops, das sich nun­mehr kon­sti­tu­iert aus den Ande­ren, die sie als Ande­re beob­ach­ten woll­ten und den Ande­ren, zu denen sie dadurch wur­den, dass die­je­ni­gen, die sie beob­ach­ten woll­ten, sich beob­ach­tet wähn­ten und die Beob­ach­ter beim Beob­ach­ten beob­ach­te­ten. Das Buch als Beob­ach­tung die­ser ver­wi­ckel­ten Kas­ka­de nun­mehr lesend zu beob­ach­ten, ist auf­schluss­reich, weil es die Ver­wick­lung der sozio­lo­gi­schen Beob­ach­ter in die durch die Beob­ach­tung abge­trenn­te Gesell­schaft doku­men­tiert. Der Beob­ach­ter der Gesell­schaft ist in der Medio­kra­tie zugleich Teil der Gesell­schaft, etwa in der Form des Re-Ent­ry der Beob­ach­tung und der Beob­ach­ter­po­si­ti­on in das beob­ach­te­te Ande­re, das zugleich and­res ist und nicht mehr ist, weil es zugleich durch die Beob­ach­tung die beob­ach­ten­den Ande­ren abtren­nen will, sie aber als ande­ren Teil der beob­ach­te­ten Gesell­schaft selbst wie­der ein­tritt in das Beob­ach­te­te. Was zu beob­ach­ten wäre.

Wenn Beob­ach­ter bei der Beob­ach­tung auf beob­ach­te­te Beob­ach­ter tref­fen…

Man könn­te geneigt sein, dies in einer Hegel­per­si­fla­ge als „Sozio­phä­no­me­no­lo­gie des Geis­tes“ in buch­för­mi­ger Sequen­zie­rung auf­zu­lö­sen, müss­te sich dabei aber ein­ge­ste­hen, dass lei­der den hegel­schen Spi­ra­len eini­ge Win­dun­gen zu Beginn und zu Ende feh­len.

Es hät­te (hät­te wäre wenn – hat aber nicht) aller­dings durch­aus zu einem span­nen­den Thea­ter­abend gereicht – vor­aus­ge­setzt, man hät­te die Dia­lek­tik auf zwei Spiel­or­te ver­teilt, die dem Publi­kum nur die Anwe­sen­heit bei jeweils einem gestat­ten. Viel­leicht einen in Wit­ten­ber­ge, einen in Ber­lin? Und viel­leicht mit­hil­fe der gran­dio­sen Tele­p­re­sence Magic?

 

Hin­ter­her lässt sich leicht klug­schei­ßen. Geschenkt – oder wie Frei­herr von Knig­ge sag­te: Man soll Thea­ter nicht danach beur­tei­len, was es sein könn­te, son­dern danach, was es ist.

Die Thea­ter­per­spek­ti­ve

Dass Thea­ter­leu­te bei der Akti­on dabei sein soll­ten, ist inter­es­sant – und bedau­er­lich, dass selbst sie nicht durch­schaut haben, wie die Ver­wick­lung sich ver­wi­ckelt. Denn zu glau­ben, Thea­ter sei das, was auf der Büh­ne pas­siert, ist Nai­vi­tät. Nicht nur das Büh­nen­ge­sche­hen ver­dop­pelt sich im Zuge des­sen, was (hier, wei­ter hier  und hier) vor län­ge­rem als der Riss beschrie­ben wur­de, die Tren­nung zwi­schen Büh­ne und Audi­to­ri­um, die dafür sorgt, dass das, was auf der Büh­ne statt­fin­det, ein Dop­pel­tes ist, son­dern durch die Spal­tung voll­zieht sich eben auch die Ver­dop­pe­lung des Audi­to­ri­ums. Man muss sich im Zuschau­er­raum als Zuschau­er ver­hal­ten. Es gibt im Thea­ter kei­ne Posi­ti­on außer­halb des Thea­ters, nur außer­halb der Büh­ne, die aller­dings im Blick von der Büh­ne in den Zuschau­er­raum den Zuschau­er­raum büh­nen­haft zer­schlägt.

Der Preis der Beob­ach­tung einer Thea­ter­vor­stel­lung ist, dass sich der Zuschau­er als Zuschau­er beob­ach­tet. Näm­lich als Beob­ach­ter des zu Beob­ach­ten­den, dabei selbst sine Beob­ach­tung beob­ach­tet. Beru­hi­gend wirkt dabei natür­lich das Brech­ti­sche Ver­spre­chen: Man sieht nur die im Licht – und die im Dun­keln sieht man nicht“. Macht es doch den Thea­ter­zu­schau­ern das Ver­spre­chen, beim Beob­ach­ten nicht beob­ach­tet wer­den zu kön­nen. Dass Sozio­lo­gen sich die­ser Hoff­nung hin­ge­ge­ben haben könn­ten, als Dun­kel­män­ner durch Wit­ten­ber­ge strei­chen zu kön­nen, das Wit­ten­ber­ger Thea­ter also aus der dunk­len Posi­ti­on des Thea­ter­zu­schau­ers wahr­neh­men zu dür­fen, mag man kaum glau­ben.

Die asso­zi­ier­ten Sozio­lo­gen

Der Sozio­lo­ge kommt nicht umhin, sich dem Sozi­us, den er in und durch sei­ne Beob­ach­tung als Sozi­us kon­sti­tu­ie­ren will, zu asso­zi­ie­ren. Als ein sol­cher Asso­zio­lo­ge wird er asso­zi­al und sozia­li­siert sich mit dem ihm als Asso­zi­us gegen­über­ste­hen­den Sozi­us, der eben im Akt der Asso­zia­ti­on zum Asso­zi­us des Asso­zi­us wird. Es kann kei­ner einen ande­ren als beob­acht­ba­ren ande­ren set­zen, ohne sich selbst dabei als ande­ren (des ande­ren) gesetzt zu haben. Der Sozio­lo­ge woll­te sich aso­zi­al außer­halb des Sozi­us stel­len – und endet als Asso­zi­us und damit Teil der Asso­zia­ti­on.

Wenn also von Ver­lie­rern die Rede ist im Buch – wer sind dann die Ver­lie­rer wenn nicht die Sozio­lo­gen, die sich den Ver­lust ihrer Beob­ach­ter­po­si­ti­on ein­ge­ste­hen müs­sen und selbst zu Beob­ach­te­ten wer­den. In einer Gesell­schaft, die sich gegen­über Sozio­lo­gen beob­ach­tend ver­hält und ihr Ver­hal­ten auf die asso­zi­ier­ten Sozio­lo­gen zuschnei­det, lässt sich nicht viel Ande­res sagen, als dass das Sozia­le bereits sozio­lo­gisch ist, bevor die Sozio­lo­gen es beob­ach­ten. Es wäre viel­leicht der span­nen­de­re Ansatz gewe­sen zu unter­su­chen, wie eine durch Medi­en bereits beob­ach­te­te und damit zutiefst sozio­lo­gi­sche Gemein­schaft wie die Stadt Wit­ten­ber­ge, deren Pro­blem nicht nur ihre Lage, son­dern auch die sich in Beschrei­bun­gen aus­drü­cken­de Beob­ach­tung ist, auf sich asso­zi­ie­ren­de Sozio­lo­gen reagiert.

In Mari­en­thal konn­ten sich die Beob­ach­ter noch durch Ver­klei­dung als Publi­kum aus­ge­ben, konn­ten ihre Dop­pel­rol­le von Beob­ach­tern und Mit­spie­lern kaschie­ren, die sie dazu befä­hig­te, die anony­men Ein­woh­ner Mari­ent­hals in der Rol­le von „Arbeits­lo­sen“ zu beob­ach­ten. Noch konn­ten also Zuschau­spie­ler Dar­stel­ler beob­ach­ten, einer­seits in der Hel­le der Öffent­lich­keit, zugleich in einer Dop­pel­rol­le als Dun­kel­män­ner. Die Sozi­lo­gen in Wit­ten­ber­ge hin­ge­gen sahen sich in einer Posi­ti­on, in der sie nicht mehr sichern konn­ten, Zuschau­er zu sein. Viel­mehr wur­den sie selbst auf der Büh­ne, die sie betre­ten oder als Zuschau­er beob­ach­ten woll­ten, selbst zu Beschau­ten, wur­den selbst auf eine Büh­ne auf der Büh­ne geris­sen. Zugleich aber bra­chen bei­de Büh­nen zusam­men, denn wer für wen wel­che Rol­le spiel­te ließ sich nicht durch Gesamt­si­tua­tio­nen kon­sti­tu­ie­ren. Ein Magritte’scher Raum statt eines thea­tra­len.

 

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