Bankentribunaltribunaletribunal

April 15th, 2010 Kommentare deaktiviert für Bankentribunaltribunaletribunal Autor: Ulf Schmidt

Pos­ting, da sehr lang, hier als PDF

Vor­ab: Ich habe das Ban­ken­tri­bu­nal von attac am Sams­tag eini­ge Stun­den lang online ver­folgt sowie am Sonn­tag die letz­te hal­be Stun­de gese­hen. Frei­tag nicht.

Auch vor­ab: Ich hal­te das Ban­ken­tri­bu­nal für eine Stern­stun­de der Demo­kra­tie und (mir sehr wich­tig und zum ers­te­ren unmit­tel­bar gehö­rig) des Thea­ters. Obwohl es ver­mut­lich letzt­lich geschei­tert ist.

Noch­mal vor­ab: Ich hab mir Zeit gelas­sen mit die­sem Pos­ting – weil ich zunächst rest­los begeis­tert war, dann in ver­schie­de­nen Tri­bu­na­len, die in Online- und Off­line-Publi­ka­tio­nen über das Tri­bu­nal ver­an­stal­tet wur­den, doch eini­ges Beden­kens­wer­tes fand, das ich halb bewusst ver­drängt hat­te, nun aber wür­di­gen woll­te, weil viel von der Kri­tik zutraf.

Auf Nacht­kri­tik folg­te einer eher nega­ti­ven Kri­tik von Esther Sle­vogt (hier) eine zeit­wei­se hef­ti­ge Debat­te, ins­be­son­de­re über thea­tra­le For­men sowie For­men poli­ti­schen Wider­stan­des. Ein rich­ter­lo­ses Tri­bu­nal von Anklä­gern und Ver­tei­di­gern des Tri­bu­nals also. Taz, Spie­gel und ande­re Publi­ka­tio­nen zeig­ten sich eher ent­täuscht, Wolf­gang Lieb von den nach­denk­sei­ten – Eröff­nungs­red­ner und Mit­ver­an­stal­ter – zeigt sich wie­der­um ent­täuscht von Kri­ti­ken (hier inkl. Einer Pres­se­schau). Mein Para­dox: Ich kann fast alles unter­schrei­ben, was die Kri­ti­ker vor­brin­gen – und kom­me den­noch zu einer ande­ren Schluss­fol­ge­rung.

„Tri­bu­nal“ ist offen­bar zu hoch gegrif­fen, weder for­mal noch inhalt­lich wur­de die Ver­an­stal­tung dem (in selbst­zi­tier­ter Rus­sel­scher Tra­di­ti­on) gerecht. Anklä­gerwaren oft­mals schlecht, teil­wei­se gar nicht (wie Alt­va­ter beim Acker­man­n/Grie­chen­land-Abschnitt) vor­be­rei­tet. Das Publi­kum war (zeit­wei­se!) enorm ein­sei­tig. Gele­gent­lich kipp­ten die nicht exer­zier­ten Gerichts­for­men ins Kas­perl­thea­ter. Viel zu vie­le The­men in viel zu kur­zer Zeit. Ver­men­gung alt­lin­ker Selbst­be­spie­ge­lung mit Argu­men­taus­tausch.

Alles ein­ge­räumt.

„Tri­bu­nal“ – als thea­tra­le Form zuläs­sig.

Es war eine sehr gute (oder sehr glück­li­che) Ent­schei­dung, die Ver­an­stal­tung in einem Thea­ter abzu­hal­ten. Dort­hin gehör­te sie – jeden­falls in ein Thea­ter als gesell­schaft­li­chen Ort, wie er viel­leicht in der grie­chi­schen Polis gewe­sen sein mag. Beim Tri­bu­nal han­del­te es sich um mit dem saar­län­di­schen Minis­ter­prä­si­den­ten Peter Mül­ler zu reden um „Thea­ter, aber legi­ti­mes Thea­ter.“ Anklä­ger, Ver­tei­di­gern Rich­ter haben sich in Rol­len gefügt und sie umge­setzt. Ver­mut­lich hät­ten die Dar­stel­ler von Ankla­ge und Ver­tei­di­gung auch ihre Rol­len tau­schen kön­nen (wenn auch sicher nicht so ger­ne; aber das weiß jeder Bun­des­trai­ner, dass nicht jeder Spie­ler gern auf der zuge­wie­se­nen Posi­ti­on spielt). Das heißt nicht, dass die Ver­tei­di­gung falsch gespielt hät­te – im Gegen­teil. Ich hat­te den Ein­druck, dass die Ver­tei­di­gung als Ver­tei­di­gung enorm stark und kon­tro­vers auf­ge­tre­ten ist und den „Anklä­gern“ nichts geschenkt hat. Es han­del­te sich um eine ech­te Gegen­po­si­ti­on – dass sie „mit glü­hen­dem Her­zen“ und aus authen­ti­scher Über­zeu­gung vor­ge­tra­gen wird, ver­langt man aber an kei­nem Gericht der Welt von Ver­tei­di­gern.

Das Tri­bu­nal als Form zu wäh­len, hal­te ich für zuläs­sig. Wer „Die Ermitt­lung“ von Peter Weiß oder „In der Sache J. Rober Oppen­hei­mer“ von Kipp­hardt kennt, weiß dass sol­che Gerichts­for­men durch­aus Sinn machen. Sie schaf­fen Gele­gen­heit, Gegen­sät­ze als Gegen­sät­ze auf­ein­an­der­pral­len zu las­sen und her­aus zu arbei­ten. Und sie ermög­li­chen, am Ende zu einem begrün­de­ten und als Urteil erkenn­ba­ren (und nicht still­schwei­gend vor­aus­ge­set­zen) Gesamt­ur­teil zu kom­men. Gesetzt den Fall, attac hät­te zu einem Ban­ken­kri­sen-Kon­gress ein­ge­la­den – wir hät­ten nie­mals Gele­gen­heit gehabt, die Argu­men­ta­ti­on der „Gegen­sei­te“ (die es dann eben wäre und die als sol­che aus­ge­schlos­sen wäre) zur Kennt­nis zu neh­men. Haben wir sie so zur Kennt­nis neh­men kön­nen? Mir scheint kein ernst­haft neo­li­be­ra­ler Ver­tre­ter dabei gewe­sen zu sein. Aber der Ver­such wur­de gemacht – und das ist sicher demo­kra­ti­scher, als eine von vorn­her­ein zusam­men­ge­tre­te­ne glo­ba­li­sie­rungs­kri­ti­sche Mes­se.

Drit­tens hat die Form des Tri­bu­nals den Vor­teil, auf ein Ziel und Ende kom­men zu wol­len. Kon­gres­se und Sym­po­si­en nei­gen (eben­so wie Debat­ten auf nacht­kri­tik) dazu, alles um- und umzu­dre­hen, am Ende alles inter­es­sant zu fin­den, und ein­fach aus­ein­an­der­zu­lau­fen, um was ande­res zu tun. Die Form des Tri­bu­nals zwingt zu einer abschlie­ßen­den Stel­lung­nah­me. Sie folgt also durch­aus einer Art dra­ma­ti­scher Struk­tur. Wenn nicht gar einer Dra­ma­tur­gie. Das ist nicht der ein­zig mög­li­che Weg, mit der soge­nann­ten Ban­ken- und Finanz­kri­se umzu­ge­hen. Aber es ist ein Weg, der Sinn macht. Auch wenn das, was hier als Urtei­le ver­kün­det wur­de, kaum das Abhol­zen der Bäu­me, die das Papier lie­fer­ten, wert war. Das war Käse – hat mit dem Stich­punkt „Per­so­na­le Ver­ant­wor­tung – s.u.“ zu tun. Das Schei­tern aber kann nicht Anlass sein, das Bestre­ben grund­sätz­lich zu ver­ur­tei­len. Die­ses Bestre­ben, ein­mal nicht „ergeb­nis­sof­fen“ zu dis­ku­tie­ren, son­dern mit geziel­ter Kon­tro­ver­se am Ende doch zu einer Art Ergeb­nis zu kom­men, ist aus mei­ner Sicht zu begrü­ßen. Auch wenn es nicht letzt­in­stanz­lich ist – denn das letz­te Urteil fällt jeder Zuschau­er für sich. That‘s demo­cra­cy.

Wie­wohl Ver­glei­che sowohl zum Volks­ge­richts­hof und Volx­ge­richt, zur RAF aber eben­so zu Rus­sel alle­samt unan­ge­bracht sind: Die Ver­an­stal­ter haben sich die Lat­te mit dem Begriff „Tri­bu­nal“ wohl zu hoch, viel­leicht grund­sätz­lich an die fal­sche Stel­le gelegt. Sie haben es nicht geschafft und schein­bar auch nicht ernst­haft unter­nom­men, die­se Lat­te zu über­sprin­gen. Kei­ne Gerichts­for­ma­lia, kein Erhe­ben des Publi­kums beim Auf­tritt des Gerichts, kei­ne Robe, kei­ne „Ein­spruch euer Ehren“ oder ähn­li­che Kin­ker­litz­chen. Und das war letzt­lich auch gut so. Aber die Pro­vo­ka­ti­on des Begriffs sorgt für Auf­merk­sam­keit. Ein Mar­ke­ting­gag? Oder der Ver­such, Auf­merk­sam­keit zu reak­ti­vie­ren, wäh­rend Deutsch­land sich eher über den ver­däch­ti­gen Wet­ter­mo­de­ra­tor und Ste­fan Raabs Beu­le aus­lässt. Hät­te das Tri­bu­nal in einer Stadt­hal­le oder einem Gast­hof statt­ge­fun­den, wäre es viel­leicht nicht recht­fer­tig­bar. Im Thea­ter, als thea­tra­le Form sehe ich die Sache anders: Vom Thea­ter und der Thea­ter­tra­di­ti­on her­aus betrach­tet deu­tet sich hier viel­leicht sogar eine neue evo­lu­tio­nä­re Form an. Wenn Rimi­ni Pro­to­koll post­dra­ma­tisch ist. Dann ist das Tri­bu­nal post­pro­to­kol­la­risch und schafft nach dem Dra­ma­ti­ker nun auch den Regis­seur ab … Der Exper­te ist sein eige­ner Autor und der for­ma­le Schau­platz über­nimmt die Regie. Form- und rol­len­ge­bun­de­nes Exper­ten-Impo­ro­vi­sa­ti­ons­thea­ter.

Neben­bei: Esther Sle­vogt fragt nach der demo­kra­ti­schen Legi­ti­ma­ti­on der Urtei­len­den – wer fragt die Kri­ti­ker der Nacht­kri­tik danach? Kri­ti­sche Mei­nungs­bil­dung bedarf so lan­ge kei­ner Legi­ti­ma­ti­on, wie eine offe­ne Gesell­schaft und eine frei­heit­li­che Ord­nung auch die Bil­dung von Gegen­mei­nun­gen zulässt. Und die Thea­ter-Urtei­le der nacht­kri­tik sind alle­mal fol­gen­rei­cher für die Kri­ti­sier­ten als das Urteil des Ban­ken­tri­bu­nals …!

„Zuge­spitz­te Per­so­na­le Ver­ant­wor­tung“ falsch

Das Tri­bu­nal läuft da schief, wo es unter­nimmt – wie es von Tri­bu­na­len zu ver­lan­gen ist – eine begrenz­te Anzahl ein­zel­ner Per­so­nen durch Urteil zur Ver­ant­wor­tung zu zie­hen. Vie­le Kri­ti­ker nah­men auf die eine oder ande­re Wei­se Bezug auf die­se Ange­klag­ten und lie­ßen mehr oder min­der die Unan­ge­mes­sen­heit die­ser Per­so­na­li­sie­rung erken­nen. Dabei mag auch ein eini­ger­ma­ßen tra­di­tio­nel­les deut­sches Zurück­schre­cken vor der Obrig­keit und ein „man kann doch nicht“ „was erlau­ben die sich“ mit­schwin­gen. Geschenkt.

Ich fin­de die Fra­ge wich­ti­ger, inwie­weit sich die Ver­ant­wor­tung juris­tisch wirk­lich so zuge­spitzt per­so­na­li­sie­ren lässt. Will hei­ßen: Müs­sen genau und nur die­se Ange­klag­ten sich ein vor­sätz­lich schuld­haf­tes Han­deln in ihrer Funk­ti­on zuschrei­ben las­sen? Und wenn ja: Ist die­ses vor­sätz­lich schuld­haf­te Han­deln die­ser Per­so­nen in wesent­li­chem Umfan­ge für die Gesamt­si­tua­ti­on ursäch­lich oder hat es die Situa­ti­on bedeu­tend ver­schlim­mert? Unfä­hig­keit oder „Cha­rak­ter­feh­ler“ (wie Zuge­hö­rig­keit zur “fal­schen” poli­ti­schen Par­tei) dabei bei­sei­te.

Ohne von ihnen die Ver­ant­wor­tung abspre­chen zu wol­len – war­um sitzt der Chef der Deut­schen Bank dort, nicht aber die Chefs von HRE, IKB, Com­merz­bank, WestLB? Und wenn die Chefs – war­um nicht auch die Invest­ment­ver­ant­wort­li­chen, die Invest­ment­ban­ker die­ser Häu­ser. War­um nicht die BaFin, war­um nicht ande­re Auf­sichts­be­hör­den? Und so wei­ter.

Der – mensch­li­che Ver­ständ­li­che – Ver­such der Kom­ple­xi­täts­re­duk­ti­on durch Kon­zen­tra­ti­on auf die zen­tra­len Akteu­re (“sehn­sucht nach Schul­di­gen” heißt das sehr tref­fend hier in der BZ ) ist der Sache unan­ge­mes­sen. Und die selt­sa­me Unpas­send­heit der abschlie­ßen­den Urtei­le, die über ein­zel­ne Per­so­nen ver­hängt wur­de, mach­te das impli­zit und unter­schwel­lig sehr klar. Denn nach 2 über­ra­schen­den und enorm facet­ten­rei­chen, viel­fäl­ti­gen und dif­fe­ren­zier­ten Tagen sind Schlus­sur­tei­le der Kate­go­rie „Wir ver­ur­tei­len A, B, und C“ lei­der wie­der auf das Niveau von Kin­der­kauf­manns­lä­den und Stamm­ti­schen zurück gefal­len. Man merk­te es den Urteils­ver­kün­dern an, die auch – zumin­dest Hengs­bach – dazu bemerk­ten, das sei ja nun über Nacht schnell zusam­men geschrie­ben und nicht alles und übri­gens wol­le man auch inhalt­li­che Schluss­fol­ge­run­gen nach­le­gen. Das ist edel. Und ange­mes­sen. Ob es die Mas­se des Gehör­ten tat­säch­lich auf­zu­grei­fen schafft – frag­lich. Aber die Ankla­ge-/Ver­tei­di­gung-/Zeu­gen­sys­te­ma­tik mach­te es mög­lich, unter­schied­li­che Stand­punk­te und eine gro­ße Men­ge an inhalt­li­chen Ein­zel­hei­ten und Zusam­men­hän­gen aus­zu­brei­ten. Die­se Aus­brei­tung ist das Ver­dienst des Tri­bu­nals. Nicht das Schlus­sur­teil.

Zudem steht die per­sön­li­che „Schuld“-Dimension für mich infra­ge: Hat die Anwe­sen­heit genau die­ser Per­son zu genau die­ser Zeit an genau die­sem Ort unter genau die­sen Umstän­den zu dem als straf­ba­rer Sach­ver­halt geführ­ten Ergeb­nis geführt und wäre es nicht gesche­hen, wenn eine ande­re Per­son unter den­sel­ben Umstän­den dage­stan­den hät­te. Heißt: Ist Acker­mann als Acker­mann schul­dig – oder ist es die Funk­ti­on des Vor­sit­zen­den der Deut­schen Bank. Ist Ange­la Mer­kel schul­dig oder ist es die Regie­rung? Die Fra­ge ist des­we­gen wich­tig, weil bei­de Funk­tio­nen nicht aus­schließ­lich von ihren Inha­bern bestimmt wer­den. Es geht auch nicht um das berühm­te „Sys­tem“ (las­sen wir alle Tier­at­tri­bu­te bei­sei­te). Es geht um die „Mikro­phy­sik“ dahin­ter. Ich glau­be, dass all die klei­nen Tra­der­lein, Kun­den­be­ra­ter­lein und nicht zuletzt auch die Rent­ner­lein, die jetzt laut­stark behaup­ten, man hät­te sie dazu über­re­det, Anlei­hen und Zer­ti­fi­ka­te mit 9% Ren­di­te (anstatt der spar­buch­no­to­ri­schen 1,9%) zu kau­fen, erheb­li­che indi­vi­du­el­le Schuld tra­gen. Viel­leicht ein wenig das Mau­er­schüt­zen­pro­blem – aber in nicht-tota­li­tä­rem Zusam­men­hang. Ich glau­be nicht, dass man sich als Bür­ger einer par­la­men­ta­ri­schen Demo­kra­tie guten Gewis­sens ein­fach in den Rei­gen der „Der war’s, der war’s“ Rufer ein­rei­hen und auf einen „Macht­ha­ber“ wei­sen kann. Die vom Tri­bu­nal „Ange­klag­ten“ zur Ver­ant­wor­tung zu zie­hen und zu befra­gen ist sicher nicht ver­kehrt – die Zuspit­zung auf sie und ihr per­sön­li­ches Ver­schul­den wäre ein­fach dumm. Und im Ver­lauf des Tri­bu­nals ist das auch nicht wirk­lich gesche­hen. Son­dern die Viel­zahl der Teil­neh­mer arbei­te­te erfreu­lich enga­giert dar­an, die Kom­ple­xi­tät des Gesche­hens auch jen­seits indi­vi­du­el­ler Dämo­ni­sie­rung auf­zu­ar­bei­ten. Damit unter­nah­men sie es, die Debat­te an die Stel­le zu tra­gen, wohin sie gehört: in die Gesell­schaft, die der ziel­los auf die Ver­meh­rung der Geld-Mit­tel fixier­ten Finanz­wirt­schaft mit­tels ihrer poli­tisch Ver­ant­wort­li­chen die Zie­le und Gren­zen vor­zu­ge­ben hat.

Gefähr­lich ist mei­nes Erach­tens auch des­we­gen die Kon­zen­tra­ti­on auf Ange­klag­te, weil sie in der Geschich­ten­er­zäh­le­rei der Moder­ne ein sehr bekann­tes Mus­ter erfüllt. Sie ver­sucht das Gesamt­ge­sche­hen in eine Kri­mi­nal­ge­schich­te zu drü­cken. Und gibt sich dabei zu schnell eben mit der Heils­spen­de durch eine gelern­te Dra­ma­tur­gie zufrie­den. Täter gefun­den – Welt wie­der in den Fugen – Abspann, Titel­me­lo­die. Wür­den zukünf­ti­ge Kri­sen ver­hin­dert, sperr­te man das han­deln­de Per­so­nal weg? Nein, dum­mes Zeug. Und jetzt ein dickes Aber: Die an ande­ren Stel­len ver­such­te Geschich­ten­er­zäh­le­rei ist auch nicht über­zeu­gen­der. Heißt: „Gier“ der Ban­ker. Heißt „man­geln­de Mora­li­tät der Wirt­schaft”. Lieb­ha­ber eher tech­ni­scher Fak­ten kon­zen­trie­ren sich auf „Credit Default Swaps“. Oder auf “die US-Immo­bi­li­en­bla­se“. Auch das alles nichts ande­res als sim­pli­fi­zie­ren­de Dra­ma­tur­gi­en. Kei­ne davon arbei­tet mit fal­schen Indi­zi­en. Aber kei­ne wird auch den Din­gen in gan­zem Aus­maß gerecht. Und noch schlim­mer: Kei­ne davon war bis­her in der Lage zu zei­gen, wie eine erneu­te Kri­se ver­gleich­ba­ren Aus­ma­ßes ver­meid­bar wäre. Durch Moral?

P.S.: Auf Nacht­kri­tik gibt ein Kom­men­ta­tor zu beden­ken, was wohl gewor­den wäre, wenn eini­ge oder alle Ange­klag­ten über­ra­schend erschie­nen wären und sich gut vor­be­rei­tet den Anklä­gern gestellt hät­ten. Das Tri­bu­nal und sei­ne Ver­tre­ter wäre in sich zusam­men­ge­bro­chen und hät­te sich schlecht vor­be­rei­tet gezeigt – geschenkt. Viel wich­ti­ger: Die Argu­men­ta­ti­on wäre mit gro­ßer Wahr­schein­lich­keit in sich schlüs­sig gewe­sen. Man hät­te sie nicht tei­len müs­sen – aber sie hät­te ver­mut­lich gezeigt, dass unter den gege­be­nen Umstän­den ein Han­deln wie es die Han­deln­den gezeigt haben, begründ­bar wäre. Und hät­te die Ange­klag­ten frei­spre­chen müs­sen – ver­ste­hend, dass die „Schuld“ sich nicht in die­ser her­kömm­li­chen Form per­so­na­li­sie­ren lässt. Wer weiß – viel­leicht hat Acker­mann ja den Stream ange­schaut …?

Und was war inhalt­lich mit­zu­neh­men?

Viel zu viel, um es hier wie­der­zu­ge­ben. Und dar­aus abge­lei­tet für mich: Viel zu viel, um über­haupt zu einem Urteil hin­sicht­lich der Ursa­chen zu kom­men, wenn man die Sim­pli­fi­zie­run­gen „Acker­mann“, „Mer­kel“, „die Ban­ken“, „die Bonus-gie­ri­gen Ban­ker“, „die Hedge­fonds“ ver­mei­den will – und man macht sich mit die­sen Glo­bal­ur­tei­len eher blind als schlau. Zugleich ist die­ser Kom­plex nicht mehr für die Poli­tik beherrsch­bar. Und das heißt: Er muss in einer Form reor­ga­ni­siert wer­den, dass er so weit wie mög­lich trans­pa­rent und ver­ständ­lich ist. Und dass es in jedem Fall kein Unter­neh­men auf der Welt geben darf, das „too big to fail“ ist, das wie die Deut­sche Bank mit einer Bilanz­sum­me von etwa 1 Bil­li­on Euro durch eine Insol­venz die Welt­wirt­schaft in den Abgrund stür­zen kann. Nach der Fusio­ni­tis käme damit eine Zeit der Auf­spal­tun­gen zu gro­ßer Unter­neh­men und Ban­ken. Einer der Punk­te, die mir ein­leuch­te­ten. Schließ­lich hat auch nie­mand Schwie­rig­kei­ten damit, Staa­ten die Ato­ma­re Bewaff­nung und die damit ver­bun­de­ne Fähig­keit, die Welt (zumin­dest in wei­ten Tei­len) ins Ver­der­ben zu stür­zen, zu unter­sa­gen (wenn auch noch zu vie­le in die­ser Form bewaff­net sind …). Macht­be­schrän­kung.

Der Ver­gleich mit Nukle­ar­an­la­gen ist ganz hilf­reich, um das Gesche­hen der letz­ten zwei Jah­re ein­zu­ord­nen. Kein Super-Gau in ein­zel­nen AKW, kei­ne schmut­zi­ge Bom­be, kein Atom­bom­ben­ab­wurf dürf­te Kon­se­quen­zen haben wie die ver­gan­ge­ne Finanz­kri­se. Und dabei geht es nicht nur um finan­zi­el­le Fol­gen (für die u.a. das Thea­ter Wup­per­tal die ers­te Rate zahlt…), son­dern auch um die Ver­nich­tung von Lebens­be­din­gun­gen und damit Men­schen­le­ben in den ärme­ren Tei­len der Welt. Die Macht ein­zel­ner Finanz­in­sti­tu­tio­nen ist grö­ßer als die­je­ni­ge einer Atom­bom­be. Eine ein­stür­zen­de AIG, ein­stür­zen­de Fan­ny Mae oder Fred­dy Mac, zusam­men­bre­chen­de HRE, Bank of Ame­ri­ca  oder Deut­sche Bank wür­de – was man so hört – die Welt­wirt­schaft implo­die­ren las­sen. Und dabei han­delt es sich um pri­vat­wirt­schaft­li­che Unter­neh­men, die – aus wel­chen Grün­den auch immer – insol­vent wer­den kön­nen. Das gehört zum Wirt­schafts­le­ben nun ein­mal dazu. Und das soll­te sich vor Augen füh­ren, wer lan­ge und brei­te Debat­ten um den etwas pro­vo­kan­ten Ver­an­stal­tungs­ti­tel „Tri­bu­nal“ auf­regt.

So, what?

Ist das alles? Nein, sicher nicht. Und letzt­lich will ich mich auch wei­gern, zu einem wirt­schafts­wis­sen­schaft­li­chen Fern­seh­stu­di­um gezwun­gen zu wer­den, weil mein Leben ande­re Schwer­punk­te haben soll als die Dis­kus­si­on über die Macht der Ban­ken. Den­noch will ich sicher sein, dass ich nicht von einer dunk­len, unbe­herrsch­ten und unbe­herrsch­ba­ren Finanz­macht exis­ten­zi­ell ins Ver­der­ben geris­sen wer­de. Und die­se Gefahr bestand nicht nur – sie besteht wei­ter. Und wir zah­len alle dafür. Für mich ist die Dis­kus­si­on, ob ein „Tri­bu­nal“ ange­mes­sen ist des­we­gen letzt­lich unin­ter­es­sant (die Ver­knap­pung der Dis­kus­si­on auf den Begriff im Nach­gang zeigt, dass er eher unglück­lich gewählt war). Die Ver­an­stal­tung hat aber die Mög­lich­keit einer Mei­nungs­bil­dung im Thea­ter (und weit dar­über hin­aus durch Video­wän­de und Online-Live­streams) auf­ge­zeigt. Man hät­te es Talk­show, Sym­po­si­on, Laber­wo­chen­de oder mei­net­we­gen Kri­ti­schen Dis­kurs oder auch Wochen­end­kri­tik nen­nen kön­nen.

Damit mei­ne ich vor allem:

  • Die gegen­sätz­li­che Stand­punk­te wur­den (ansatz­wei­se) in ihrer Gegen­sätz­lich­keit vor­ge­tra­gen
  • Die Urteils­bil­dung fand abschlie­ßend expli­zit und begrün­det statt im Gegen­satz zum tele­vi­sio­när-/jour­na­lis­ti­schen Mei­nungs­bil­dungs­pro­zess, der weit­ge­hend unbe­merkt in den Redak­ti­ons­stu­ben oder Köp­fen der Jour­na­lis­ten vor sich geht. Hier tra­ten Jour­na­lis­ten gegen­ein­an­der an (Heu­sin­ger hie, Schu­ma­cher da). Ein Urteil wur­de ver­kün­det – und gab damit die Mög­lich­keit, sich selbst ein eige­nes Urteil zu bil­den.
  • „Rol­len“ hel­fen. Die gefor­der­te Zuspit­zung  unter­schied­li­cher Stand­punk­te, selbst wenn sich die Rol­len­spie­ler viel­leicht hin­ter­her beim Bier wie­der grün (oder rot oder blau­gelb oder was weiß ich) sein mögen, wird in die­ser Ankla­ge-/Ver­tei­di­gung-Form sehr ein­fach nach­voll­zieh­bar.
  • Die Exper­ti­se der Betei­lig­ten und die Brei­te und Tie­fe der kon­tro­ver­sen Dis­kus­si­on sorgt für ein Niveau der Debat­te, die ich rund um die Finanz­kri­se nir­gend­wo anders in die­ser Kon­zen­tra­ti­on erlebt habe. Nicht ein­mal in Wochen­zei­tun­gen oder andert­halb­stün­di­gen Talk­shows.

Ich wün­sche mir, dass die­se thea­tra­le Form des Tri­bu­nals (oder mei­net­we­gen nen­nen wirs nicht mehr Thea­ter son­dern Post­thea­ter und nicht Tri­bu­nal son­der Tru­bi­nal) Schu­le macht und von ande­ren Büh­nen über­nom­men wird. Exper­ten, die zu einer Rol­le ein­ge­la­den wer­den. Und ich bin umso siche­rer, dass es im Thea­ter (oder­Post­thea­ter ) gut auf­ge­ho­ben ist, als die Rol­le der Medi­en (nicht als „schul­di­ger“ Akteur, son­dern als Gesche­hens­be­tei­lig­ter) zu reflek­tie­ren nicht allein „den Medi­en“ über­las­sen wer­den kann. Aber das ist wie­der­um ein ande­res, wei­tes Feld.

Viel­leicht wäre in Wup­per­tal ein Tru­bi­nal zur Finanz­si­tua­ti­on der Stadt ange­bracht? Köln hat durch akti­ve Bür­ger bewerk­stel­ligt, dass das Schau­spiel­haus ste­hen bleibt (was aller­dings der Stadt­kas­se auch Geld spart …). Viel­leicht brau­chen wir in allen Post­thea­tern des Lan­des ab und an Tru­bi­na­le. Zum Aus­tausch gegen­sätz­li­cher Posi­tio­nen rund um ein The­ma mit der Mög­lich­keit der Mei­nungs­bil­dung der Anwe­sen­den.

Ganz zum Ende: Es ist sehr bequem, sich so – wie auch ich es hier tue – mit Meta­de­bat­ten über die Form der Ver­an­stal­tung auf­zu­hal­ten. Teil­wei­se liegt dafür die Ver­ant­wor­tung in Feh­lern der Orga­ni­sa­to­ren. Wolf­gang Lieb räumt das sel­ber ein:

Man muss zuge­ste­hen, dass das The­men­feld das sich das Tri­bu­nal vor­ge­nom­men hat, viel zu groß und kom­plex ist, als dass man es in ein­ein­halb Tagen trotz größ­ter Dis­zi­plin ver­nünf­tig durch­ackern könn­te. Da wäre eine Kon­zen­tra­ti­on auf weni­ger The­men sicher­lich hilf­rei­cher gewe­sen. Auch war der Anspruch viel­leicht ein wenig zu hoch, das attac-Ban­ken­tri­bu­nal in eine Rei­he mit den Rus­sel-Tri­bu­na­len zu stel­len und viel­leicht haben sich man­che Jour­na­lis­ten des­halb so her­ab­las­send geäu­ßert.

Den­noch kommt attac das Ver­dienst zu, dass wenigs­tens der Ver­such unter­nom­men wur­de, eine kri­ti­sche öffent­li­che Debat­te anzu­sto­ßen.

Und auch die State­ments der ande­ren Betei­lig­ten (hier) sind sehr abge­wo­gen und ich kann ihnen in vie­len Punk­ten zustim­men.

Ich den­ke aber, die offen­bar ver­sam­mel­te Mas­se von Ver­tre­tern der Eli­te­me­di­en unse­res Lan­des soll­te im Nach­gang der Ver­an­stal­tung mehr ablie­fern, als generv­te Form­de­bat­ten. Denn die­ses Tru­bi­nal war reich an Fak­ten, Ein­sich­ten, Zusam­men­hän­gen, Stand­punk­ten und zeig­te rei­hen­wei­se Men­schen, die mit Lei­den­schaft dafür arbei­ten, dass das demo­kra­ti­sche Gemein­we­sen in Deutsch­land nicht im Zuge die­ser Kri­se Scha­den nimmt. Die Zusam­men­hän­ge und die Urteils­fin­dung, die trotz aller Rich­ter dem Ein­zel­nen nicht abzu­neh­men ist, der im Publi­kum sitzt, ist kom­plex und anstren­gend. Durch die geball­te Dar­stel­lung der Dimen­sio­nen hat die­se Ver­an­stal­tung sich hohe Ver­diens­te dar­um erwor­ben, sie zu beför­dern. Denn am Ende zeigt sich in der in vie­len Kri­ti­ken bespro­che­nen Unan­ge­mes­sen­heit der „Ver­ur­tei­lun­gen“ vor allem: die­se Han­deln­den mögen durch „bes­se­re“ ersetz­bar sein. Auch die­se aber wer­den nur dann als Exe­cu­ti­ve des demo­kra­ti­schen Wil­lens auf­tre­ten kön­nen, wenn die Gesell­schaft sich eine Mei­nung gebil­det, ein Urteil gefällt und dar­aus Hand­lungs­ma­xi­men for­mu­liert hat. Über „die da oben“ zu jam­mern ist eben­so falsch, wie ein Tri­bu­nal über „die da oben“ zu ver­an­stal­ten. Als thea­tra­le Form aber, die das Publi­kum for­dert und in die­sem die Mei­nungs­bil­dung för­dert, ist für mich die Form des Tru­bi­nals ein Mei­len­stein. Und die kon­se­quen­te Fort­schrei­bung von For­men wie etwa Rimi­ni Pro­to­koll. Ich nomi­nie­re das Ban­ken­tri­bu­nal für das Mühl­hei­mer Dra­ma­ti­ker­tri­bu­nal 2010! Und für das Ber­li­ner Post­thea­ter­tref­fen 2011 sowie­so.

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