Die Metaphysik des komplexen Quality TV #MediaDivina

Juni 6th, 2013 § 2 comments Autor: Ulf Schmidt

Neben der Live-Ness des „elek­tri­schen Tele­skops“ und dem Pro­gramm-Flow gehört die Seria­li­tät der Inhal­te zu den wesent­li­chen Eigen­schaf­ten des Fern­se­hens. Über die abge­schlos­se­nen For­ma­te des Kri­mi­nal­films etwa hat­te ich hier vor eini­ger Zeit bereits geb­loggt. Das ist aber, mit Blick auf das, was sich gegen­wär­tig im Fern­se­hen tut, nur eine Vari­an­te der Seria­li­tät. Viel wirk­mäch­ti­ger und wuch­ti­ger, viel eigen­ar­ti­ger und erheb­lich erfolg­rei­cher (kom­mer­zi­ell und in der öffent­li­chen Wahr­neh­mung) sind die For­ma­te, die neu­er­dings als „Qua­li­ty TV“ oder „kom­ple­xe Serie“ sub­sum­miert wer­den, also Seri­en wie Sopra­nos, 24, Lost, Mad Men, Brea­king Bad, Home­land, Game of Thro­nes usw. Seri­en, die – nicht nur – mich begeis­tern und elek­tri­sie­ren und Fern­seh­in­hal­ten eine magne­ti­sche Kraft, ja eine gera­de­zu eupho­ri­sie­ren­de Aura ver­lei­hen, wie sie im Fern­se­hen wenn über­haupt, dann sicher lan­ge nicht mehr vor­ge­kom­men sind.

Anders als die klas­si­scher­wei­se als Serie bezeich­ne­ten For­ma­te, die aus in sich abge­schlos­se­nen Epi­so­den bestehen, sind die­se Seri­en in Abstam­mung der fort­lau­fen­den Fort­set­zung unter dem Namen „Seri­als“ Abstam­mun­gen der Soap Ope­ra, haben ihre ers­ten wirk­mäch­ti­gen Erschei­nungs­for­men bereits in Dal­las und Dynas­ty (Den­ver Clan), als Art­house-Pro­duk­ti­on bei David Lynchs Twin Peaks, im deut­schen Raum durch Gei­ßen­dör­fers Lin­den­stra­ße.

In einem sehr lesens­wer­ten klei­nen Buch schreibt Tina Gra­we poin­tiert über den Wan­del der Welt­sicht im Über­gang von Serie zu Seri­al: „Der Gleich­ge­wichts­zu­stand der Har­mo­nie, der bei den ‚Series’ am Ende jeder Fol­ge erreicht wur­de, weicht bei den ‚seri­als’ einem Grund­zu­stand des Cha­os. (…) Die Figu­ren stre­ben nach Zie­len, die nie oder nur für kur­ze Zeit erreicht wer­den.“ (Neue Erzähl­struk­tu­ren im ame­ri­ka­ni­schen Fern­se­hen, 10).

Zur Unter­schei­dung zwi­schen Serie und Seri­al heißt es bei Gra­we:

„Frü­her gehör­ten die Seri­en des Haupt­abend­pro­gram­mes zur Gat­tung der ‚Series’. Das bedeu­tet, die Fol­gen waren in sich abge­schlos­sen. Am Anfang der Fol­ge trat ein Pro­blem auf, am Ende war es gelöst und alles wie­der in bes­ter Ord­nung. Die Seri­en mit abge­schlos­se­ner Fol­gen­hand­lung konn­ten dabei ganz ver­schie­de­nen Gen­res ange­hö­ren, Bei­spie­le sind das A-Team als Action­se­rie, Raum­schiff Enter­pri­se als Sci­ence-Fic­tion oder Die Waltons als eine Fort­füh­rung des Wes­terns. Das ‚Seri­al’ ist dage­gen eine Serie mit fort­lau­fen­den Hand­lungs­strän­gen, die typi­scher Wei­se mit einem Cliff­ghan­ger endet. Für den Sen­der hat sie den Nach­teil, dass die Fol­gen nur in der ursprüng­li­chen Rei­hen­fol­ge gesen­det und vom Zuschau­er gese­hen wer­den kön­nen.“ (9)

Um das vor­ne Weg zu sagen: Das ist natür­lich kein Nach­teil, ermög­licht es doch die Kom­mer­zia­li­sie­rung in ganz neu­er Form. In Zei­ten von On demand Ange­bo­ten, Elek­tro­ni­schen Video­the­ken, iTu­nes usw. ermög­licht die­se stren­ge Form der Abfol­ge die Kom­mer­zia­li­sie­rung in viel höhe­rem Maße. War es bei der Series pro­blem­los mög­lich, eini­ge Fol­gen aus­zu­las­sen, weil man ande­res vor­hat­te, im Urlaub war oder ein­fach nicht fern­se­hen woll­te, so ist das bei Seri­als nicht der Fall. Nach eini­gen, im Extrem­fall schon nach einer ver­pass­ten Fol­ge ist der Wie­der­ein­stieg nicht ohne Wei­te­res mög­lich. Eben­so wenig ein­fach ist der Ein­stieg in der Mit­te einer Staf­fel oder erst mit einer spä­te­ren Staf­fel. Einen Tat­ort, MASH, Alf, Mar­ried with Child­ren konn­te man in belie­bi­ger Aus­wahl und Rei­hen­fol­ge sehen, eine ver­pass­te Fol­ge spiel­te kei­ne Rol­le. Bei Seri­als ist es nötig, sich ent­we­der eine Zusam­men­fas­sung des Ver­pass­ten zu besor­gen – oder die ver­pass­te Fol­ge zu kau­fen.

Es macht kei­nen Sinn, sich ein­zel­ne Epi­so­den zu kau­fen: Man braucht die gesam­te Staf­fel oder die gesam­te Serie. Des­we­gen habe ich gera­de für zusam­men fast 100 Euro alle Staf­feln von Brea­king Bad käuf­lich erstan­den. Weil es der Serie gelingt, nach dem Blick in die ers­ten Fol­gen eine sol­che Span­nung auf­zu­bau­en, dass es kaum mög­lich ist, nicht wei­ter sehen zu wol­len. Ähn­lich geht es mit Mad Men , mit 24, oder mit Game of Thro­nes.

Die Seri­als des Qua­li­ty TV sind Fern­se­hen in Zei­ten des nach-linea­ren, des elek­tro­ni­schen Fern­se­hens.  Die zudem Kom­mu­ni­ka­ti­on unter Zuschau­ern ermög­li­chen in Form der Spe­ku­la­ti­on über den Fort­gang der Din­ge – wie sich gera­de aktu­ell nach der “Red Wed­ding/The Rains of Cas­t­ame­re” Fol­ge von Game of Thro­nes in den USA zeigt, an deren Ende bis­he­ri­ge Sym­pa­thie­trä­ger bru­tal abge­schlach­tet wur­den.

Qua­li­ty und Com­ple­xi­ty

Die­se neue­ren Soap-Seri­al-For­ma­te wer­den oft als „Qua­li­ty TV“ geführt, da sie mit höhe­ren Bud­gets und bekann­te­ren Dar­stel­lern pro­du­ziert wer­den, Sie sind zudem aber auch For­men von Kom­ple­xi­tät, genau dann, wenn sie es ver­ste­hen, die Sum­me der Fol­gen als eine Gesamt­dau­er eines Film­for­mats zu begrei­fen, die es erlaubt, ver­schie­dens­te Hand­lungs­strän­ge und kom­ple­xe Figu­ren über meh­re­re Stun­den zu ent­fal­ten. Jede ein­zel­ne Epi­so­de hat ihre genau defi­nier­te Bin­nen­struk­tur, die aus klas­si­schen Akten besteht, die übli­cher­wei­se durch Wer­be­in­seln von­ein­an­der getrennt wer­den, die jeweils mit einem klei­nen Cliff­han­ger auf die Fort­set­zung nach der Wer­bung, mit einem gro­ßen Cliff­han­ger auf die nächs­te Fol­ge gespannt machen. Sie sind also als ten­den­zi­ell unend­li­che Groß­for­ma­te schein­bar schwä­cher struk­tu­riert, zugleich stark in sich selbst struk­tu­riert – nicht unver­gleich­bar eine tra­di­tio­nel­len Struk­tu­rie­rung eines klas­si­schen Musik­stücks mit meh­re­ren musi­ka­li­schen The­men (=Hand­lungs­strän­gen) und der Durch­füh­rung die­ser The­men mit Haupt- und Neben­va­ria­tio­nen in den ver­schie­de­nen Sät­zen etwa einer Sym­pho­nie. Ein Seri­al ist eine hoch­ar­ti­fi­zi­el­le Kom­po­si­ti­on. Das weiß jeder Dreh­buch­au­tor, der für sol­che For­ma­te arbei­tet. Und in der Gesamt­fol­ge ent­steht ein unend­li­cher obses­si­ver Auf­schub der Span­nungs­be­frie­di­gung, wie Gla­we anläss­lich einer Fol­ge von Dynas­ty schreibt:

„Das natür­li­che nar­ra­ti­ve Bedürf­nis der Zuschau­er, wis­sen zu wol­len, wie es aus­geht, wird immer wie­der ver­trös­tet. Statt einer Ant­wort dar­auf, kommt eine neue Geschich­te dazu, unter­bro­chen von einem wei­te­ren Zwi­schen­fall, sodass Span­nung und Neu­gier kon­stant gehal­ten wer­den, ohne jedoch jemals befrie­digt zu wer­den.“ (19)

Wo die klas­si­sche Series also das reli­giö­se Heils­ver­spre­chen for­mal immer und immer wie­der per­p­etu­ier­te, dass am Ende alles gut wer­de, schal­tet das kom­ple­xe Qua­li­ty Seri­al auf Unend­lich­keit um. Es gibt kein End, son­dern höchs­tens ein zwi­schen­zeit­li­ches Auf­hö­ren am Ende einer Epi­so­de, deren Auf­hö­ren, kein „Hap­py End“ ist, son­dern das den Zuschau­er mit noch höhe­rer Unzu­frie­den­heit zurück­lässt, als er sie etwa bei Beginn des Kon­sums einer Epi­so­de hat­te. Anders als beim Tat­ort, des­sen lose Fäden am Ende alle­samt ver­knüpft sind, der den Zuschau­er mit einer beru­hi­gen­den Auf­lö­sung zurück­lässt und damit – als For­mat – ver­kün­det: Das Hap­py End ist mög­lich.

Figur » Hand­lung?

„Hand­lung“ war klas­si­scher­wei­se das Ele­ment von Anfang, Mit­te und Ende. Eine Hand­lung hat – aris­to­te­lisch – einen Beginn, dem nichts (Wich­ti­ges) vor­aus­geht, die Mit­te lei­tet sich aus dem Anfang her, das Ende ist das­je­ni­ge, dem nichts (Wich­ti­ges) mehr folgt. Das ist die klas­si­sche Struk­tur der Tra­gö­die, in der – so Aris­to­te­les – alles auf die Hand­lung ankommt, wäh­rend die Figu­ren nur als Trä­ger der Hand­lung und um ihrer wil­len da sind. Anders bei der Komö­die, bei der es sich anders her­um ver­hält, in der die Figu­ren im Mit­tel­punkt ste­hen, um derent­wil­len die Hand­lung da ist. Die wei­te­ren Aus­füh­run­gen des Aris­to­te­les dazu sind lei­der ver­lo­ren. Inter­es­sant aber ist, dass Gla­we mit ande­ren zusam­men (wie ich mei­ne: über­zei­gend) im Wan­del von der Series zum Seri­al auch den Über­gang von der Hand­lungs­zen­trie­rung zur Figu­ren­zen­trie­rung sieht. Die Hand­lung wird dann zu einer Art Schach­spiel, in der unter­schied­lich grun­dier­te Figu­ren in unter­schied­li­che Kon­stel­la­tio­nen gescho­ben wer­den und der Zuschau­er ver­fol­gen kann, wie sich die Figu­ren zuein­an­der ver­hal­ten. Dabei ist die Rede von Figu­ren dann irre­füh­rend, ver­steht man sie im klas­si­schen dra­ma­tur­gi­schen Sin­ne und eben nicht als Schach­fi­gu­ren. Akteu­re, Aktan­ten (Grei­mas), Funk­tio­nen (Sou­riau). Das kom­ple­xe Qua­li­ty TV schei­det – struk­tu­ra­lis­tisch gesagt – syn­chron und nicht dia­chron. Es baut Kon­stel­la­tio­nen, die durch Irri­ta­tio­nen aus dem Gleich­ge­wicht gebracht wer­den und ver­folgt, wie sich die Aktan­ten in der jewei­li­gen ver­än­der­ten Situa­ti­on gegen­sei­tig ver­hal­ten. Jede Figur dient ledig­lich zur Kon­tras­tie­rung aller ande­ren Figu­ren. Es gibt kei­ne „gefüll­te“, kei­ne iden­ti­sche Figur mehr, son­dern ledig­lich Abfol­gen von Reak­tio­nen auf Irri­ta­tio­nen.

Das ist die neue Zeit­lich­keit der Seri­als im Ver­gleich zur Series. Es sind die Figu­ren oder Aktan­ten, die sich mit der Zeit ver­än­dern. Und es ist genau das das Inter­es­san­te, wie sich Wal­ter und Sky­ler White, Don Dra­per und Peg­gy Ols­son, die Lanis­ters und die Starcks ver­än­dern. In den frü­hen Aus­ga­ben der Seri­als, also etwa in Dynas­ty lässt sich dies in die­ser Klar­heit noch nicht beob­ach­ten, hier blei­ben die Figu­ren, wie Gla­we schreibt, weit­ge­hend ein­di­men­sio­nal, sto­isch, unver­än­dert. Sie gehö­ren noch zu einem Fern­se­hen, dass Anschluss­fä­hig­keit auch für Zuschau­er her­stel­len will, die die eine oder ande­re Fol­ge ver­passt haben, ähn­lich der klas­si­schen TV Soap-Ope­ra, in der stra­te­gisch mit so fla­chen „Cha­rak­te­ren“ und so kli­schee­haf­ten „Hand­lun­gen“ ope­riert wur­de, dass ein Wie­der­ein­stieg mög­lich war. Die neue­ren kom­ple­xen For­ma­te sind hier radi­ka­ler – und ver­kaufs­för­dern­der.

Beru­hi­gung und Unru­he

Die klas­sisch abge­schlos­se­ne Series-Hand­lung war beru­hi­gend, reli­gi­ös erbau­lich, auf das glück­li­che Ende hin aus­ge­rich­tet. Sie folg­te zudem einer defi­nier­ten Gen­re-Struk­tur (Kri­mi, Sci­ence Fic­tion, Wes­tern, Fan­ta­sy, Fami­li­en­se­rie). Bei­des löst die kom­ple­xe Qua­li­ty Series auf. Sie ent­grenzt die Erzäh­lung über Epi­so­den­en­den und sie löst Gen­res auf, mischt sie, ver­schiebt sie. Sie macht Schluss mit Gen­re-Erwar­tun­gen, die eine wei­te­re reli­giö­se Sicher­heit ver­mit­tel­ten, indem Gen­res einen erwart­ba­ren Ablauf und ein erwart­ba­res Ende haben. Ein Kri­mi endet, wie ein Kri­mi zu enden hat, eine Fami­li­en­se­rie endet, wie eine Fami­li­en­se­rie endet. Brea­king Bad ist – Kri­mi? Fami­li­en­se­rie? Gra­we zeigt am Bei­spiel von Lost, „wie sich eine Serie über sämt­li­che Gen­re­gren­zen hin­weg­setzt zu Guns­ten der Figu­ren und des erzähl­ten The­mas“ (68). Das Cha­os nimmt für den Zuschau­er sei­nen Lauf. Das Cha­os ist die Bot­schaft der kom­ple­xes Qua­li­ty Seri­als – wo die erbau­lich-reli­giö­se Ord­nung die Bot­schaft der Series war.

Gla­we nimmt in der Schluss­be­trach­tung die von mir oben behaup­te­te Über­ge­wich­tung der Figur gegen­über der Hand­lung ein Stück weit zurück (dar­in mag man ihr fol­gen oder nicht) – und ergänzt es um ein enorm span­nen­des Ele­ment:

„Nach der Ana­ly­se könn­te man mei­nen, ich woll­te das Pri­mat der Figu­ren gegen­über der Hand­lung kon­sta­tie­ren, doch dem ist nicht so. Auch wenn die Hand­lung im Ver­gleich zu Dynas­ty in den Hin­ter­grund zu rücken scheint, han­delt es sich bei den aktu­el­len Seri­en auch nicht um rei­ne Cha­rak­ter­stu­di­en. Die Figu­ren sind nach wie vor Ele­men­te der Erzäh­lung, die eine Funk­ti­on erfül­len sol­len. Nach mei­ner Unter­su­chung liegt die­se Funk­ti­on in den neu­en Seri­en dar­in, ein uni­ver­sel­les und abs­trak­tes The­ma dar­zu­stel­len.“ (86)

So sehr man ihre Zurück­nah­me bestrei­ten könn­te (was ist die „Hand­lung“ in Mad Men  oder Brea­king Bad? Was heißt „Cha­rak­ter“ über­haupt?), so inter­es­sant ist ihre Fest­stel­lung, die­se Seri­en dien­ten der Dar­stel­lung eines abs­trak­ten The­mas. Man könn­te noch wei­ter gehen: Die­se Seri­en sind struk­tu­rell chao­tisch – und zugleich meta­phy­sisch. Die Schach-Figu­ren die­nen dazu, abs­trak­te oder eher noch: meta­phy­si­sche The­men „durch­zu­spie­len“. Was ist das The­ma von Brea­king Bad? Es sind drei Geset­ze, die gebro­chen wer­den: Wal­ter White erfährt von sei­nem dro­hen­den Krebs­tod, unter­liegt also dem Natur­ge­setz des Lebens und Ster­bens, erfährt es am eige­nen Lei­be – und beginnt, sich über das staat­lich-mensch­li­che Gesetz hin­weg­zu­set­zen. Um damit dem drit­ten  Gesetz zu fol­gen: dem Gesetz der Öko­no­mie. Ich ken­ne kein Kunst­werk, das die­se Erör­te­rung in die­ser Form in die­ser Wucht und der­ar­tig atem­be­rau­ben­der Span­nung dar­ge­stellt hät­te. Was ist das The­ma der Mad Men ? Die Welt von Schein und Sein? Wahr­heit und Lüge? Geld oder Lie­be? Für Lost behaup­tet Gla­we die Fra­ge „Gibt es Schick­sal?“ als Leit­the­ma. Man kann sicher mehr und wei­ter dar­über nach­den­ken. Was sich nicht über­se­hen lässt, ist, dass die­se neu­en For­men des Fern­se­hens nicht nur das alte, erbau­lich-reli­giö­se Fern­se­hen zu zer­trüm­mern begin­nen, es für die Öko­no­mie des Inter­net­zeit­al­ters fit machen, son­dern auch, dass sich ier die Refle­xi­on der „gro­ßen The­men“ wie­der in den Rah­mend er Mög­lich­kei­ten schiebt. Was unter­schie­det Game of Thro­nes von einem Shakespeare’schen Königs­dra­ma?  Abge­se­hen von sei­ner län­ge­ren Dau­er und höhe­ren Kom­ple­xi­tät. Das „kom­ple­xe Qua­li­ty TV“ ist die Kunst­form der Gegen­wart und der näh­ren Zukunft, der – so weit ich sehe – kei­ne ande­re Kunst­form auch nur annä­hernd das Was­ser rei­chen kann. Schon gar nicht das Thea­ter. Lei­der. Es ist die ein­zi­ge Kunst­form, die der kom­ple­xen Qua­li­ty Lite­ra­tur ein­nes Dan­te nahe­kommt. Es ist die Media Divina zur Com­me­dia Divina. Ich bin gespannt, wann ein US-Fern­seh­ka­nal auf die Idee kommt, eine Serie aus der Com­me­dia zu machen.

 

 

 

§ 2 Responses to Die Metaphysik des komplexen Quality TV #MediaDivina"

  • adrian oesch sagt:

    ein sehr span­nen­der text, kom­pli­ment. ich bin mir der­zeit nur nicht ganz sicher inwie­fern die unter­schei­dung von cha­rakt­er­fo­kus und hand­lungs­fo­kus “sinn” macht oder “sinn” stif­ten kann. ohne cha­rak­te­re gibts kei­ne hand­lung oder zumin­dest kei­ne mensch­li­che wahr­neh­mung von irgend­et­was und ohne hand­lung… ja was sol­len die cha­rak­te­re tun? wie­so führt gra­we genau die­se unter­schei­dung ein?

  • Postdramatiker sagt:

    Die Unter­schei­dung ist durch­aus tra­di­tio­nell und älter, da schließt Gra­we im Wesent­li­chen an. Sie bezieht sich auf Man­fred Pfis­ter Das Dra­ma, der die von dir ange­spro­che­ne Inter­de­pen­dez Handlung/Charakter natür­lich auch fokus­siert. Die Unter­schei­dung bleibt selbst­ver­ständ­lich ein Beob­ach­tungs-Kon­strukt und ver­sucht, eine wahr­nehm­ba­re Dif­fe­renz begriff­lich zu fas­sen. Ob das mit der Hand­lun­g/­Fi­gur-Dif­fe­renz mach­bar ist, kann man gut bestrei­ten, da die Fra­ge, wie denn über­haupt “Cha­rak­ter” kon­stru­iert wird und in der Wahr­neh­mung ent­ste­hen kann, ver­mut­lich inter­es­san­ter ist, als die Unter­schei­dung selbst. Heißt: Cha­rak­ter ist ein (oder gar DER) Effekt des Illu­sio­nä­ren. Man müss­te den Mecha­nis­men, die dafür sor­gen, dass der illu­sio­nä­re Effekt ent­steht, weit­aus kri­ti­scher nach­ge­hen. Es ist eine “opti­sche Täu­schung” der Raum­tie­fen-Per­spek­ti­ve in der Male­rei nicht ganz unähn­lich.
    Trotz­dem hal­te ich es auch durch­aus für legi­tim, eine Zeit­lang an der illu­sio­nä­ren Ober­flä­che zu blei­ben und sich mit den illu­sio­nä­ren Effek­ten zu beschäf­ti­gen, da etwa Seri­en wie “Home­land” aber auch “Brea­king Bad” ganz eigen­tüm­li­che Cha­rak­ter-Effek­te her­vor­ru­fen, die auch die illu­sio­nä­ren Effek­te von “Hand­lung” beein­flus­sen. Viel­leicht wäre es sinn­voll anhand des kom­ple­xen Qua­li­ty TV über­haupt die Fra­ge nach den Illu­sio­nen von Cha­rak­ter und Hand­lung noch ein­mal nach­zu­ge­hen, viel­leicht wer­den auch die­se tra­di­tio­nel­len Erzähl­kon­zep­te von die­sen For­ma­ten fun­da­men­tal ver­än­dert. Könn­te sein. Viel­leicht wer­den — um im Male­rei-Bild zu blei­ben — die Figu­ren kubis­tisch? Mul­ti­per­spek­tiv? Jeden­falls ist Wal­ter White ein ande­res Kon­strukt als Inspek­tor Der­rick …

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