Digitalökonomie versus Nationalökonomie — Erste Hypothese {Updated}

August 3rd, 2010 § 4 comments Autor: Ulf Schmidt

Um die Eta­blie­rung einer Digi­tal­öko­no­mie als Leh­re vom digi­ta­len Wirt­schaf­ten oder als Digi­tal­wirt­schafts­leh­re zu recht­fer­ti­gen, muss nach­ge­wie­sen wer­den, dass sie sich von vor­he­ri­gen Öko­no­mi­en und ihren Model­len fun­da­men­tal unter­schei­det. Nun bin ich — wie bereits bemerkt — kein Wirt­schats­ge­lehr­ter. Und stüt­ze mich des­we­gen für­der­hin auf ver­füg­ba­re und viel­leicht nicht immer den Ansprü­chen genü­gen­de, digi­tal vor­lie­gen­de Quel­len. Ins­be­son­de­re Wiki­pe­dia — deren größ­ter Nach­teil dar­in besteht, dass alle, denen danach ist, Ein­spruch gegen die inhalt­lich von mir auf­ge­grif­fe­nen oder zitier­ten Pas­sa­gen zu erhe­ben, dar­an mit­ar­bei­ten müss­ten, die Inhal­te so auf­zu­be­rei­ten, dass ich dar­aus legi­tim und ver­läss­lich ablei­ten kann. Der Vor­teil: Sie kön­nen es. Und sind damit schon mit­ten in der Digi­tal­öko­no­mie.

Ein ers­ter Abgren­zungs­ver­such gegen­über der Natio­nal­öko­no­mie und ihrer Grund­an­nah­men — basie­rend auf dem aller­ers­ten Satz des Ein­trags zur Nationalökonomie/Volkswirtschaftlehre bei Wiki­pe­dia:

Die Volks­wirt­schafts­leh­re (Abkür­zung: VWL, frü­her auch Natio­nal­öko­no­mie und Sozi­al­öko­no­mie) ist ein Teil­ge­biet der Wirt­schafts­wis­sen­schaft. Sie basiert auf Annah­me der Knapp­heit von Res­sour­cen (Güter und Pro­duk­ti­ons­fak­to­ren), die der Bedürf­nis­be­frie­di­gung der Wirt­schafts­sub­jek­te die­nen, und unter­sucht die Zusam­men­hän­ge und Pro­zes­se bei der Allo­ka­ti­on (Zuord­nung) die­ser Res­sour­cen. Die­ses Span­nungs­feld model­liert die VWL sowohl ein­zel­wirt­schaft­lich (Mikro­öko­no­mie) als auch gesamt­wirt­schaft­lich (Makro­öko­no­mie). Die VWL ver­sucht, Gesetz­mä­ßig­kei­ten zu fin­den und dar­aus Hand­lungs­emp­feh­lun­gen für die Wirt­schafts­po­li­tik abzu­lei­ten.

Die­se Knapp­heit gibt es in der Digi­tal­öko­no­mie nicht. In der Digi­tal­öko­no­mie las­sen sich sämt­li­che Güter pro­blem­los und ohne jeden Auf­wand in unend­li­chem Maße bereit­stel­len. Zum Auf­ruf die­ser Web­sei­te hier bedarf es kei­ner Pro­duk­ti­on aus­ser jener ers­ten des Schrei­bens. Dann ist der Inhalt jeder­zeit und über­all ver­füg­bar — es sei denn, ich zöge aus Ertrags­über­le­gun­gen eine Zugangs­er­schwe­rung ein. Dann wäre es aber die Auf­ga­be wirt­schaft­li­chen Han­delns in Digi­ta­li­en, nicht etwa Knapp­heit zu besei­ti­gen, um Bedürf­nis­se zu befrie­di­gen — son­dern viel­mehr Knapp­heit zu pro­du­zie­ren, um bestehen­de Wün­sche zu erfül­len.

Hypo­the­se 1:  Digi­tal­öko­no­mie ist im Gegen­satz zu bis­he­ri­gen Öko­no­mi­en mit der Her­stel­lung von Knapp­heit beschäf­tigt

Da Digi­tal­öko­no­mie sich in einem Infor­ma­ti­ons- und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­um­feldd auf­hält, wäre die Ver­knap­pung zugleich zumin­dest teil­wei­se die Geheim­hal­tung. Eine Vir­tua­lie anzu­bie­ten und zugleich nicht anzu­bie­ten heißt also: Sie sowohl geheim zu hal­ten als auch sie nicht geheim zu hal­ten. Es müs­sen alle wis­sen, dass es ein Geheim­nis gibt und wie unge­fähr das Geheim­ge­hal­te­ne beschaf­fen ist, um ver­mu­ten zu kön­nen, ob damit ein Bedürf­nis befrie­digt wer­den kann. Bereits hier deu­tet sich ein ers­ter Wider­spruch an. Die Fra­ge ist also: Wie kann die ver­knapp­te Vir­tua­lie, die bereits in einer “Vor­schau” allen zur Begutachtung/Test bereit gestellt wer­den muss,  pro­fi­ta­bel ver­knappt wer­den?

Dazu kommt das Para­dox, dass ein Gut, das von einem Kun­den erwor­ben wur­de, von die­sem Kun­den unend­lich repro­du­ziert wer­den kann. Eben­so wie die Ursprungs­squel­le kann er zahl­lo­se Kopi­en her­stel­len — muss dafür aller­dings kei­ne mate­ri­el­len Erlö­se erzie­len. Ein gekauf­tes Musik­stück, ein ebook, eine gefun­de­ne Web­sei­te, ein Video lässt sich unend­lich oft ver­viel­fäl­ti­gen. Dazu sind kei­ner­lei Pro­duk­ti­ons­mit­tel von­nö­ten, nicht ein­mal auf­wen­di­ge Dis­tri­bu­ti­on. Und die “Bezah­lung” fin­det sich ledig­lich in sozia­ler Aner­ken­nung (das Phä­no­men ist als “Viral­mar­ke­ting” bereits häu­fig beschrie­ben wor­den). War­um soll­te also nach einem ers­ten Kauf ein wei­te­rer Kauf durch wei­te­re Kun­den statt­fin­den — es sei denn, die­se hät­ten kei­ne Freun­de im Besitz einer Kopie. Auch hier müss­te die Digi­tal­öko­no­mie die Ver­knap­pung for­dern (und tut das auch). Damit aber wird eine wirt­schaft­li­che “Lei­bes­vis­si­ta­ti­on” ein­ge­führt, die jeden Ver­däch­ti­gen dar­auf unter­sucht, ob er “ille­ga­le” Vir­tua­li­en besitzt. Zudem kri­mi­na­li­siert der Anbie­ter sei­ne Inter­es­sen­ten (sie besit­zen ja sei­ne Ware — haben dafür nur nicht bezahlt). Ob eine sol­che Kri­mi­na­li­sie­rung von Besit­zern eige­ner Pro­duk­te wirk­lich öko­no­misch sinn­voll sein kann, wird zu unter­su­chen sein.

Ers­te Hypo­the­se der Digi­tal­öko­no­mie: Die Digi­tal­öko­no­mie basiert nicht auf der Annah­me von Knapp­heit. Digi­tal­öko­no­mie ist Öko­no­mie im Zei­chen des Über­an­ge­bots und der unend­li­chen Ver­viel­fäl­ti­gung.

Zum Lehr­stuhl

{Update 6.8.2010:) Die Debat­te um das Leis­tungs­schutz­recht greift die oben auf­ge­führ­ten Schwie­rig­kei­ten rela­tiv deut­lich auf, schaf­fet es aber noch nicht ganz, sie (was sinn­voll wäre) dar­auf zu redu­zie­ren, dass in der Digi­tal­öko­no­mie die Geset­ze der Knapp­heit nicht gel­ten, auf denen etwa Ver­la­ge ihr Geschäfts­mo­dell auf­bau­en. Wenn vor jedem Wohn­zim­mer Oran­gen­bäu­me blü­hen — wer­den Oran­gen­händ­ler über­flüs­sig. Sehr prä­gnant dazu Felix Schwen­zel auf wir­res (hier), sehr aus­führ­lich Arnd Hal­ler, Jus­ti­zi­ar von Gooog­le Nord, hier. Enorm lesens­wert ist auch das sehr lan­ge Pos­ting bei aggregat7 (hier) dazu. Digi­tal­öko­no­mie funk­tio­nier nicht wie die alten Öko­no­mi­en. Wei­te­res zur Knapp­heit habe ich hier gepos­tet.

§ 4 Responses to Digitalökonomie versus Nationalökonomie — Erste Hypothese {Updated}"

  • adrian oesch sagt:

    die her­stel­lung von knapp­heit in digi­ta­li­en der digi­tal­öko­no­mie zuzu­ord­nen, impli­ziert eine defi­ni­ti­on von digi­tal­öko­no­mie, der ich nicht zuspre­chen möch­te. das wür­de ja heis­sen, die digi­tal­öko­no­mie ver­sucht die bis­he­ri­ge öko­no­mie zu simu­lie­ren. wor­in läge dann der sinn eines neu­en begriffs? digi­tal­öko­no­mie müss­te aus mei­ner sicht den von mir hier beschrei­benen para­dig­men­wech­sel mit­ein­be­ziehn. ich benutz­te damals die phra­se ver­kauf der pro­duk­ti­on. dass also aus dem grund, dass kei­ne knapp­heit mehr vor­han­den ist, das pro­dukt nicht mehr ver­kauft wer­den kann, und der fokus neu auf den ver­kauf der pro­duk­ti­on gelegt wer­den soll­te. man kann nicht mehr sagen, “hey leu­te, wenn ihr die­ses album haben wollt, dann müsst ihr mir zuerst 20dollar/euro/franken zah­len.” — dafür gibt es kei­ne legi­ti­ma­ti­on mehr.
    man kann jedoch sagen, “hey, wenn ihr mir kein geld gibt, werd ich auch kein album pro­du­zie­ren. bekom­me ich hin­ge­gen 20’000, kann ich das pro­du­zie­ren, und ihr alle kriegt mein pro­dukt kos­ten­frei.” — ein vager ansatz, aber wenn wir von digi­tal­öko­no­mie reden, fin­de ich, dür­fen wir nicht ein­fach die regeln der bis­he­ri­gen öko­no­mie auf digi­ta­li­en anwen­den. wenn ich mir die ent­wick­lun­gen in rich­tung crowd­fun­ding anse­he, oder wie­vie­le spen­de-but­tons mitt­ler­wei­le übers netzt ver­teilt wur­den, dann geht das doch in die rich­tung “ver­kauf der pro­duk­ti­on” oder viel­leicht all­ge­mei­ner for­mu­liert “ermög­li­chung von pro­duk­ti­on”.

  • Postdramatiker sagt:

    Dan­ke für den Kom­men­tar — in digi­ta­len Pro­duk­ti­ons­stät­ten ist genau die­se Fra­ge gera­de viel­leicht die lebens­wich­tigs­te, müs­sen doch die Con­trol­ler dar­über ent­schei­den, ob sie Arbeits­stun­den (von Desi­gnern, Tex­tern, Pro­gram­mie­rern) oder Pro­duk­te (Web­sei­ten, Vide­os, Musik usw.) ver­kau­fen wol­len. Bei­des ist kei­ne Ide­al­lö­sung. Zu dem Bei­spiel dei­nes Musi­kers: Wenn der mir kei­ne Musik macht, dann nehm ich sie halt woan­ders her. War­um soll­te ich die­sem Musi­ker das gefor­der­te Geld geben? Ver­mut­lich wird die Debat­te sehr schnell auf den Punkt kom­men, dass er beson­ders gute Musik bzw. Web­sei­ten macht. Damit sind wir wie­der beim Pro­dukt gelan­det. Ande­rer­seits las­sen sich die­se Pro­duk­te wie­der­um kos­ten­sei­tig nicht ein­fach ver­lei­chen, weil ein Desi­gner 20.000 €, der ande­re 2.000 für eine Web­sei­te haben will. Man könn­te nun fra­gen: war­um? Sagt der Teu­re­re, er brau­che län­ger, wird die Ant­wort sein, er müs­se halt schnel­ler arbei­ten. Sagt er aber, sei­ne Web­sei­te sei bes­ser — lan­det die Debat­te wie­der­um auf der Pro­dukt­ebe­ne.
    Auch Crowd­fun­ding usw. setzt immer vor­aus, dass der­je­ni­ge, der gefun­det wer­den will, nach­wei­sen kann, dass er bereits etwas gemacht hat (ein ver­gleichs­fä­hi­ges Pro­dukt), das erwar­ten lässt, dass das zu fun­den­de Pro­dukt eben­falls von … ja von was? von Wert? .… ist.
    Ich stim­me dir zu dar­in, dass sich die bestehen­den Regeln der Öko­no­mie nicht über­tra­gen las­sen. Das Pos­ting war auch eher als Ansatz gemeint, um zumin­dest einen Aspekt eines radi­ka­len Wan­dels von der alten zur neu­en Öko­no­mie in den Blick zu bekom­men, eben die Knapp­heits­the­ma­tik. Das Fun­ding-The­ma, die Fra­ge, wie etwa Digi­tal­krea­ti­ve (anders gesagt: Leu­te, die etwas pro­du­zie­ren, das ind er Ver­gan­gen­heit an phy­si­sche Trä­ger wie Bücher Plat­ten usw. gebun­den und damit waren­för­mig han­del­bar waren) leben kön­nen, hal­te ich für völ­lig offen. Grund­ein­kom­men? Krea­tiv­ein­kom­men? Kul­tur­flat­rate? Flattr? GEMA und VG Wort — ich bin da rat­los, fürch­te aber, dein Ansatz wird auch nicht zum Erfolg kom­men (falls doch, würds mich freu­en!).
    P.S. Der Link in dei­nem Kom­men­tar funk­tio­nier­te nicht. Schau doch mal, ob ich ihn mit dem rich­ti­gen Ver­weis “repa­riert” habe.

  • adrian oesch sagt:

    dan­ke auch dir. — ich ver­ste­he dei­nen punkt nicht. heu­te läuft es doch nicht anders. kein künst­ler bekommt einen ver­trag oder vor­schuss ohne “port­fo­lio”. er muss erst etwas geleis­tet haben, dass ihm ver­trau­en ent­ge­gen­ge­bracht wird. natür­lich gibt gibt man geld, weil man eine gewis­se pro­dukt erwar­tet, aber wenn das pro­dukt dann unend­lich vor­han­den ist, muss es ja nicht mehr erschaf­fen wer­den. es gibt einen ein­ma­li­gen pro­zess, den es zu ent­schä­di­gen gilt, aber nicht das pro­dukt. mei­ne the­se umfor­mu­liert: die erschaf­fung des pro­dukts wird zum pro­dukt. ich sehe dar­in kein pro­blem.

    zu “Wenn der mir kei­ne Musik macht, dann nehm ich sie halt woan­ders her.” — wenn das der fall ist, wor­in liegt den die not­wen­dig­keit wei­ter musik zu pro­du­zie­ren? falls das bedürf­nis besteht, wovon ich eigent­lich über­zeugt bin, gera­de wenn wir die fan­kul­tur betrach­ten, dann wird auch in zukunft musik pro­du­ziert.
    ich bin gera­de dran, mei­ne argu­men­ta­ti­ons­struk­tur aus­zu­wei­ten. schluss­end­lich wer­den weni­ge durch das finan­zie­ren der pro­duk­ti­on, das pro­dukt für vie­le ermög­li­chen. und da kommt mir auto­ma­tisch eins der momen­tan erfolg­reichs­ten geschäfts­mo­del­le in den sinn, fre­e­mi­um. für sehr vie­le ist es gra­tis, und denen, den der ser­vice wich­tig ist, die “fans” bezah­len einen bei­trag. ich sehe dar­in ein mischung zwi­schen “ver­kauf der pro­duk­ti­on” und viel­leicht dei­ner “digi­tal­öko­no­mie”, denn bezahlt wird ja noch nur auf­grund der güter­ver­knap­pung, aber lang­fris­tig könn­te das viel­leicht auch anders aus­se­hen.
    auch wenn wir die spen­de-ent­wick­lung im web betrach­ten läuft es in die­se rich­tung. über­all wer­den spen­de­but­tons ange­bracht. schluss­end­lich bedeu­tet eine spen­de auch nur das ermög­li­chen von krea­ti­on.

    PS: jep, link ist kor­rekt. ich hof­fe, es dies­mal rich­tig gemacht zu haben.

  • adrian oesch sagt:

    hier eine erwei­ter­te argu­men­ta­ti­on. hof­fent­lich les­bar ;) — http://adrianoesch.wordpress.com/2011/10/26/uber-produktion-kreation-und-evolution/

    und hier — http://adrianoesch.wordpress.com/about/ — hab ich etwas aus die­sem text leicht abge­än­dert. hof­fe ist ok so.

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