Ihr seid doch alle Terroristen …!

Juli 6th, 2010 Kommentare deaktiviert für Ihr seid doch alle Terroristen …! Autor: Ulf Schmidt

Gera­de erst durch Hin­weis der bes­ten Ehe­frau von allen dar­auf gesto­ßen. Ein tol­les Video zum The­ma Über­wa­chung.

Du bist Ter­ro­rist (You are a Ter­ro­rist) english sub­tit­les from alex­an­der­leh­mann on Vimeo.

Gleich­zei­tig ist mir Heri­bert Prantls “Der Ter­ro­rist als Gesetz­ge­ber. Wie man mit Angst Poli­tik macht” (ama­zon) in die Hän­de gekom­men, das mit viel Ver­ve als Plä­doy­er geschrie­ben ist. Bin mir nicht ganz sicher, ob die Lek­tü­re wirk­lich emp­feh­lens­wert ist für die­je­ni­gen, die sich grund­sätz­lich zu die­sem The­ma schon infor­miert und/oder Gedan­ken gemacht haben. Als kri­ti­sche Stim­me im Jour­na­lis­mus aber fin­de ich Prantl groß­ar­tig.

Und schlie­ße gleich einen wei­te­ren Arti­kel von Prantl — dies­mal zum The­ma Blog­ger ver­sus Jour­na­lis­mus — an, den ich enorm beein­dru­ckend fin­de, weil es Prantl gelingt, die poli­ti­sche Dimen­si­on des Blog­gens selbst zurück­zu­bin­den an die Zeit der Ent­ste­hung von Tages­zei­tun­gen rund um die bür­ger­li­che Revo­lu­ti­on von 1848/49 (via netz­po­li­tik). Aus Prantls Text:

Die wirk­lich gro­ße Gefahr für den Jour­na­lis­mus hier­zu­lan­de geht vom Jour­na­lis­mus, von den Medi­en selbst aus – von einem Jour­na­lis­mus, der den Jour­na­lis­mus und sei­ne Kern­auf­ga­ben ver­ach­tet; der Lari­fa­ri an die Stel­le von Hal­tung setzt; die Gefahr geht von Ver­le­gern aus, die den Jour­na­lis­mus aus ech­ten und ver­meint­li­chen Spar­zwän­gen kaputt­ma­chen; sie geht von Medi­en­un­ter­neh­mern aus, die den Jour­na­lis­mus auf den Altar des Anzei­gen- und des Wer­be­mark­tes legen. […]

Das Inter­net ist kei­ne Gefahr, son­dern eine Chan­ce für den Jour­na­lis­mus. Es bie­tet viel kos­ten­güns­ti­ge­re Dis­tri­bu­ti­ons­mög­lich­kei­ten für den Jour­na­lis­mus als bis­her, der logis­ti­sche Auf­wand, Pres­se an den Mann und die Frau zu brin­gen, fällt weg. Natür­lich wird es den klas­si­schen Print-Jour­na­lis­mus wei­ter geben. Aber die­ser gute klas­si­sche Jour­na­lis­mus ist kein ande­rer Jour­na­lis­mus als der gute digi­ta­le Jour­na­lis­mus. Es gibt guten und schlech­ten Jour­na­lis­mus, in allen Medi­en – so ein­fach ist das. Guter Jour­na­lis­mus hat gro­ße Zei­ten vor sich: Noch nie hat­ten Jour­na­lis­ten ein grö­ße­res Publi­kum als nach der digi­ta­len Revo­lu­ti­on. Noch nie war Jour­na­lis­mus welt­weit zugäng­lich. Es gibt daher ein beson­de­res Bedürf­nis nach einem ori­en­tie­ren­den, auf­klä­ren­den, ein­ord­nen­den und ver­läss­li­chen Jour­na­lis­mus. Die Aus­wei­tung des wiss­ba­ren Wis­sens, sei­ne hori­zon­ta­le Erwei­te­rung, wird auf Kos­ten ihrer Ver­ti­ka­li­sie­rung, ihrer Ver­tie­fung, erwirt­schaf­tet. Die Daten­men­ge nimmt zu, aber die Daten­ver­ar­bei­tung bleibt bis­her aus. Gegen Daten­trash hel­fen nur Refle­xi­on und Hin­ter­grund­bil­dung. Das ist die gemein­sa­me Auf­ga­be von Publi­zis­tik und Wis­sen­schaft.

Und beson­de­re Beach­tung ver­dient imho der fol­gen­de Pas­sus:

Wir erle­ben wie­der eine Kom­mu­ni­ka­ti­ons­re­vo­lu­ti­on wie 1848/49. Mich erin­nern die Blog­ger von heu­te an die poli­ti­sier­ten Bür­ger von 1848/49 – Blogs sind mehr Demo­kra­tie. Soll da wirk­lich der pro­fes­sio­nel­le Jour­na­lis­mus die Nase hoch­zie­hen, so wie es vor 160 Jah­ren die eta­blier­ten fürst­li­chen Herr­schaf­ten und die mon­ar­chi­schen Poten­ta­ten getan haben? Aber: Die neue Kom­mu­ni­ka­ti­ons­re­vo­lu­ti­on braucht pro­fes­sio­nel­le Beglei­tung, sie braucht einen publi­zis­tisch-gelehr­ten Kern. Es gibt ein neu­es, ganz ande­res Pro­fes­so­ren-Par­la­ment: Es heißt Inter­net. Die­ses digi­ta­le Par­la­ment braucht, wie das damals in der Frank­fur­ter Pauls­kir­che, Füh­rung und Sach­ver­stand.

Mei­ner Mei­nung nach ist aller­dings die nächs­te Pauls­kir­che kei­ne Kir­che, son­dern ein — Thea­ter. Vie­le Thea­ter. Alle Thea­ter. Sei es in der Form des Tru­bi­nals (wie hier ange­dacht). Sei es in der Mischung aus Thea­ter und wis­sen­schaft­li­cher Theo­rie wie im Trie­rer Fes­ti­val Maxi­mie­rung Mensch (hier oder Fly­er)  oder im (von mir viel zu spät bemerk­ten — wofür ich mich ohr­fei­gen könn­te) Pro­jekt “Über Leben im Umbruch” vom Gor­kij-Thea­ter und einem Sozio­lo­gen­team rund um Heinz Bude (link). In jedem Fal­le aber als “Labor der prak­ti­schen Ver­nunft”.

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